2.169.1 (wir1p): [Kreditverhandlungen in London]

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[Kreditverhandlungen in London]

Minister Rathenau berichtet über seine Verhandlungen in London1. Die englische Regierung habe ihn als Privatmann zu einer Besprechung eingeladen. Dieser Einladung hätte er sich nicht entziehen können. Die Auffassung, die er bei seiner Ankunft in London vorgefunden habe, sei uns schädlich gewesen; es sei ihm jedoch durch vielfache Besprechungen gelungen, diese Auffassung richtigzustellen. Die City habe erkennen lassen, daß die Gefahr der Ruhrbesetzung ernst sei, wenn wir auch nur einen Zahlungsaufschub verlangten. Man hatte dort ferner angenommen, daß wir die Inflation willkürlich steigerten, auf einen künstlichen Staatsbankrott hinarbeiteten und daß die Lage unserer Industrie glänzend sei. Weiter habe er die Ansicht vertreten gefunden, daß die deutschen Industriewerte den Alliierten nutzbar gemacht und das Reichsbankgold zur Reparation herangezogen werden müßte2. Diese Ansichten habe er mit einiger Wirksamkeit widerlegen können. Die Forderungen auf das Reichsbankgold und auf Industriebeteiligung seien nicht aufrecht erhalten worden. Um so stärker sei die Notwendigkeit des Abbaues der Subsidien betont worden. Er sei bei seinen Besprechungen stets von unseren Zahlungsbilanzen ausgegangen3 und habe nachgewiesen, daß bei einer so stark passiven Zahlungsbilanz eine Balancierung von Ausgaben und Einnahmen nicht möglich sei.

1

Zum Londonbesuch des RM a. D. Rathenau siehe auch Dok. Nr. 149, Anm. 2.

2

Das hatte Rathenau schon in einem Telegramm vom 6. 12. aus London an den RK persönlich betont (R 43 I/23, Bl. 65-67; vgl. Anm. 5).

3

Unter dem 5. 12. hatte Rathenau sich mit einem Telegramm an StS Hirsch Material für seine Verhandlungen erbeten: „Erbitte durch dringendes Telegramm Schätzungen des deutschen Exports für August bis einschließlich Oktober dieses Jahres soweit als möglich nach Hauptländern geordnet. Schätzungsweise Angaben genügen. Falls nicht erhältlich, Angabe, ob Export gegen Mai bis einschließlich Juli erheblich gestiegen, insbesondere nach Großbritannien.“ (R 43 I/23, Bl. 87). Am 6. 12. erteilte das RWiMin. die Antwort, indem es die Ausfuhrmengen in Gold- und Papiermark bezeichnete (R 43 I/23, Bl. 88 f.).

In der Kreditfrage habe die City den Standpunkt eingenommen, daß unter den geltenden Reparationsbestimmungen ein Kredit nicht gewährt werden könnte4. Man habe schließlich allgemein verstanden, daß die nächste Rate nicht gezahlt werden könnte. Allmählich habe der Moratoriumsgedanke Fuß gefaßt und habe auch nach Frankreich hinüber geschlagen. Der Gedanke, daß durch ein reines Moratorium nichts gewonnen wäre, sei immer deutlicher geworden, ebenso der weitere, daß England und Frankreich sich über diese Frage unterhalten[464] müßten5. Deshalb sei Loucheur gerufen worden, der ihm gesagt habe, er sei nicht abgeneigt, das Problem auf breiter Basis zu erörtern. Die Unterhaltung zwischen Loucheur und Lloyd George habe dann zu der Ansicht geführt, daß Briand herbeigerufen werden müßte.

4

Vergleiche dazu den Brief Normans an Havenstein (siehe Anm. 7).

5

Ein chiffriertes Telegramm Rathenaus aus London vom 6.12.21, ganz geheim und für den Reichskanzler persönlich, gibt Details über die Verhandlungen Rathenaus: „Heute vormittag eingehende Besprechungen mit Horne und Blakett. Gegenstand streng geheim halten. Horne bittet mich, noch einige Tage hierzublieben, da Premier beabsichtigt, französische Persönlichkeiten zu gemeinsamer Besprechung mit Horne und mir einzuladen. Plan ist folgender: Deutschland soll, sobald weitere Klärung erfolgt ist, ein Gesuch um Stundung an die Reparationskommission einreichen. Bradbury wird heute nach London gerufen, um Informationen zu empfangen. Grundzüge des deutschen Antrages sind, wie folgt gedacht: 1. Begründung, warum wir Januar- und Februarrate nicht zahlen können, und warum wirtschaftliche Verhältnisse längeren Aufschub, etwa 2 Jahre, erforderlich machen. 2. Bitte um Stundung, zunächst der beiden fälligen Raten, sodann aber weitere Raten möglichst nicht kürzer als zwei Jahre. 3. Aufzählung der Quellen, die während der Aufschubzeit der Reparationskommission zur Verfügung stehen. Ich denke dabei hauptsächlich an die Devisenlieferung im Betrage von schätzungsweise 80 Millionen Goldmark monatlich, ferner an Zolleingänge, die, wenn möglich in Gold erhoben werden sollten, desgleichen Ausfuhrabgabe. Falls weitere Goldeingänge verfügbar gemacht werden können, wäre dies wertvoll. Daneben bezugnehmen auf fortlaufende und durch Wiesbaden erhöhte Sachleistungen. Es wäre von größtem Wert, wenn ich telegrafisch grundlegende Züge dieses Entwurfs umgehend erhalten könnte, da Horne wünscht, ihn zum Gegenstand nächster Besprechung zu machen. Falls Verständigung mit Alliierten persönlich möglich, denkt Horne, daß Antwort auf unser Gesuch in folgendem Sinne gegeben werden sollte: Aufschubzustimmung unter der Bedingung, daß 1. Preissenkung-subsidies an Getreide, Fracht und Kohlen so rasch wie möglich abgebaut werden. 2. Budget ins Gleichgewicht gebracht, 3. tunlichst bald Notendruck gestoppt wird. Mein Einwand, daß letztere beiden Punkte die Ausgleichung der Zahlungsbilanz (Gruppe verstümmelt) wurde entgegengenommen unter dem Hinweis, daß dies in Formulierung ausgedrückt werden könnte. – Ich empfehle, an diesen Sachverhalt zunächst keine übertriebene Hoffnung zu knüpfen, da alles weitere von Besprechungen zwischen Alliierten abhängt. Gestrige Rede Hornes in Manchester [siehe DAZ Nr. 562 vom 6.12.21] war zur Beruhigung von Paris bestimmt. Habe große Mühe in der City, bekannte französische Vorschläge zu bekämpfen, nämlich 1. Ablieferung des Goldes, 2. Zwangsbeteiligung an der deutschen Industrie.“ (R 43 I/23, Bl. 65-67).

Es sei ihm schließlich gesagt worden, daß wir ein Gesuch um ein Moratorium stellen sollten, damit auf diese Weise die Unterlage für die französischenglischen Verhandlungen geschaffen würde. Das Gesuch solle an die Reparationskommission gerichtet werden, um teilweise Stundung einkommen und bis spätestens 16. Dezember in Paris vorliegen.

Zusammenfassend wolle er sagen, die Stimmung in England sei für uns günstiger als jemals seit Abschluß des Waffenstillstandes. Hierzu habe die Konferenz in Washington und die Lösung der irischen Frage erheblich beigetragen6.

6

Zur Konferenz in Washington siehe Dok. Nr. 126, Anm. 2, irische Frage siehe Schultheß 1921 II, S. 54 f.

Der Reichskanzler dankt dem Minister Rathenau für seine Arbeit in London und seine heutigen Ausführungen. Die anwesenden Herren sollten nunmehr zu diesen Ausführungen Stellung nehmen, insbesondere zur Frage der Zahlungsmöglichkeit.

Exzellenz Havenstein: Es sei nicht daran zu denken, daß die Januar-Rate geleistet werden könnte.

[465] Staatssekretär Schroeder: Die Summe der Januar- und Februar-Rate berechne er auf etwa 700 Millionen Goldmark, von denen im ganzen wohl etwa 270 Millionen gezahlt werden könnten.

Exzellenz Havenstein. Hierzu käme noch, was bis zur Zahlungsfrist in Devisen eingehe.

Minister Rathenau: England hege keine übertriebenen Hoffnungen über das, was wir zahlen könnten. In dem Stundungsgesuch solle man sagen, wir könnten am 15. Januar, am 15. Februar und am 15. März so und soviel zahlen. Die Devisenankäufe würde er nicht utrieren.

Staatssekretär Schroeder hält es für bedenklich, eine Zahlung im März zuzusagen.

Staatssekretär Fischer: Es sei unzweckmäßig, bei der Barzahlung unter 150–160 Millionen zu bleiben. Von späteren Raten und Absichten würde er in dem Schreiben nicht sprechen.

Staatssekretär v. Simson empfiehlt, bei dem Moratoriumsersuchen an den Briefwechsel Havenstein–Bank von England anzuknüpfen7. Er wolle im übrigen nicht verhehlen, daß das Inland doch wohl etwas enttäuscht sein werde.

7

Am 7.12.1921 hatte Havenstein dem RK und dem RFM abschriftlich das folgende an ihn gerichtete Schreiben des Gouverneurs der Bank von England vom 3.12.1921 zugesandt: „I have received your letter of the 25th ultimo [in R 43 I nicht ermittelt], submitting on behalf of the German Chancellor a request which for convenience I may summarise as follows: In order to effect payment of the instalments due to the Reparation Commission in January and February of next Year, the German Government wishes to obtain advances of one kind another aggregating not less than mks. 500 000 000 gold and believes that such advances cannot be obtained except in this Country. – You suggest that security might be found in the hypothecation of the Customs revenue or of such foreign currencies as might be acquired as the result of German exports; but in both cases the sanction of the Reparation Commission would be required. You further suggest that some kind of private security might be provided if the form could be agreed with the German Government. – You say, and I am not prepared to contest your view, that neither the guarantee of the Reichsbank nor the gold at present held by the Reichsbank would be willingly pledged as security. – Lastly, you ask whether, in the event of the German Government being able to obtain such advances in this Country, they would take the form of long Loans (to be subscribed by the Public) or of short credits (to be supplied by Bankers). – I have consulted with those best competent to form an opinion and I have to say, in reply to your request, that under the conditions which at the present time govern the payments due during the next years by the German Government to the Reparation Commission, such advances cannot be obtained in this Country. I beg you so to inform your Chancellor. – I hold myself at your disposal for any further information or assistance you may desire, and meanwhile, in view of the importance of your letter, I am sending a copy of it together with a copy of my reply to the Chancellor of the Exchequer.“ (R 43 I/23, Bl. 39 f.). Siehe auch Dok. Nr. 142.

Staatssekretär Fischer hält es nicht für wünschenswert, an den Briefwechsel anzuknüpfen.

Staatssekretär Hirsch: Man müsse doch wohl von der Kreditaktion8 sprechen, da wir zugesagt hätten, die Aufnahme eines Kredits zu versuchen. Mit der Angabe von Zahlen müsse man sehr vorsichtig sein. Zu beachten sei, daß jetzt sozusagen eine Mindestforderung vorliege, auf die Frankreich noch etwas draufschlagen werde.

8

Siehe Dok. Nr. 133 Anm. 1 und Dok. Nr. 135 Anm. 2.

Exzellenz Havenstein empfiehlt, an seinen Schriftwechsel anzuknüpfen, sowie, nur das zu versprechen, was wir auch bestimmt halten könnten.

[466] Reichskanzler Die Ressorts müßten den Briefentwurf bis 13. Dezember 1921 früh fertigstellen, er würde dann zunächst in einer Chefbesprechung und sodann im Kabinett erörtert werden9.

9

Siehe Dok. Nr. 167 und Dok. Nr. 168, P. 1.

Staatssekretär Schroeder hält die Erwähnung der Kreditaktion für notwendig, da der Kanzler mit der Reparationskommission darüber gesprochen habe.

Minister Rathenau empfiehlt, das Schriftstück so kurz wie möglich zu fassen, um keine unnötigen Angriffsflächen zu bieten. Daß Lloyd George mit Briand über die Revision von Versailles spricht, sei eine riesenhafte Tatsache, aber hierüber dürfen wir unter keinen Umständen etwas sagen.

Reichskanzler Zur innerpolitischen Situation bemerke er, daß, wenn wir jetzt gewaltsam an die Devisen der Industrie herangingen, diese ohne allgemeinen Nutzen der Entente anheimfallen würden. Schwierig sei, wie jetzt die Beratung des Entwurfs Hachenburg10 im Reichswirtschaftsrat angefaßt werden solle.

10

Plan Hachenburg (siehe Dok. Nr. 115 Anm. 3) als Entwurf eines Gesetzes über die Errichtung einer Kreditvereinigung der deutschen Gewerbe (Nr. 286 der Drucksachen des VRWiR) nach intensiven Beratungen in Ausschüssen und Vollversammlung am 10.12.21 vom VRWiR gebilligt und der RReg. zur Aufstellung eines endgültigen Gesetzentwurfs übergeben (siehe Hauschild, Reichswirtschaftsrat, S. 614 ff.).

Staatssekretär Hirsch ist aus innerpolitischen Gründen für die Verabschiedung des Entwurfs. Außenpolitisch halte er sie für unbedenklich, evtl. müsse man den Entwurf auf eine Verzinsung für eine innere Anleihe umarbeiten.

Reichsmin. Dr. Hermes spricht sich gleichfalls für die Verabschiedung des Entwurfs aus; allerdings würde er wohl ohne weitere Folgen im Kasten liegen bleiben.

Eine gewaltsame Herausholung von Devisen halte er für falsch.

Exzellenz Havenstein schließt sich dieser Ansicht an. An das Privateigentum dürfe man nicht ohne Not gehen. Praktisch würde das Gesetz auch undurchführbar bleiben.

Minister Rathenau spricht sich gleichfalls dafür aus, daß man die Verabschiedung des Entwurfs weiterlaufen lassen solle11.

11

Der Entwurf Hachenburg blieb unerledigt.

Hierauf wurde die Besprechung geschlossen.

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