2.123 (wir1p): Nr. 120 Der Reichskanzler an den Reichspräsidenten. 22. Oktober 1921

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[340] Nr. 120
Der Reichskanzler an den Reichspräsidenten. 22. Oktober 1921

R 43 I/1304, Bl. 262 Abschrift1

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Ein Konzept mit einigen redaktionellen Abweichungen ist ebenfalls in R 43 I/1304, Bl. 263 f. vorhanden. Die Reinschrift des Demissionsschreibens ist am 23.10.1921 in der Presse veröffentlicht worden (etwa DAZ Nr. 489 vom 23.10.21) und folglich bereits in anderen Quellenpublikationen veröffentlicht.

[Betrifft: Demission]

Herr Reichspräsident!

In schwerer Stunde hatte sich das gegenwärtige Kabinett entschlossen, die Verantwortung für die Durchführung des Ultimatums zu übernehmen. Fünf Monate lang hat es eine Politik geführt, welche getragen war von dem Gedanken, die Stellung des deutschen Reiches zu den Alliierten zu regeln und durch den ernstlichen Willen der Erfüllung vertraglicher Verpflichtungen bis an die Grenze der Leistungsmöglichkeit zur Wiedererstarkung Europas beizutragen. Es hat die dem deutschen Volke auferlegten überaus schweren Leistungen erfüllt, insbesondere den ungeheuren Betrag von 1 Milliarde Goldmark zum 31. August abgetragen. Die allliierten Staaten haben die Erfüllung der deutschen Verpflichtungen, vor allem die Durchführung der Entwaffnung, die unter großen Schwierigkeiten sich vollzog, anerkannt. Es durfte erwartet werden, daß im Hinblick auf Deutschlands Anstrengungen und auf sein ernsthaftes Bestreben, den vertraglichen Verpflichtungen treu zu bleiben, die Besetzung der Ruhrhäfen restlos aufgehoben und hinsichtlich Oberschlesiens eine Lösung gefunden würde, welche dem Rechtsempfinden des deutschen Volkes und der Oberschlesier sowie den künftigen friedlichen Beziehungen zwischen den europäischen Nationen entspräche.

Statt dessen ist ein Diktat erfolgt, durch welches nicht nur weite Flächen des oberschlesischen Landes, sondern auch blühende deutsche Städte, der weitaus überwiegende Teil aller Bodenschätze, 4/5 der Verarbeitungsstätten der deutschen Heimat entrissen werden sollen. Ein großer Teil der an Polen fallenden Bevölkerung ist deutschen Stammes und deutscher Sprache und soll, entgegen dem Selbstbestimmungsrecht der Völker und entgegen dem klaren Ergebnis der Abstimmung unter Fremdherrschaft fallen. Niemals wird das deutsche Volk diesen Verlust, den es wehrlos hinnehmen muß, verschmerzen.

Obwohl das Kabinett nach wie vor überzeugt ist, daß nur das aufrichtige Bestreben aller Teile, die vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen, die politische und wirtschaftliche Wiederherstellung Europas ermöglicht, ist es sich vollkommen klar darüber, daß die Grenzen der deutschen Leistungsmöglichkeit und Erfüllungsmöglichkeit durch das schlesische Diktat sich erheblich verengert haben und daß somit für die Politik des Reiches eine neue Lage geschaffen ist. In Würdigung dieser Tatsachen hat das Kabinett beschlossen, den Auftrag zur Führung der Regierungsgeschäfte in Ihre Hände, Herr Reichspräsident, zurückzugeben.

[341] In Ausführung dieses Beschlusses habe ich die Ehre, Herr Reichspräsident, Ihnen die Demission des Kabinetts mitzuteilen.

gez. Dr. Wirth2

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An den Abdruck dieses Demissionsschreibens schließt in der DAZ folgende Information an: „An die Überreichung der Demission schloß sich eine längere Aussprache über die politische Lage an, in deren Verlauf der Reichspräsident den Reichskanzler ersuchte, mit den übrigen Reichsministern die Geschäfte zunächst weiterzuführen. Damit erklärte sich der Reichskanzler einverstanden. – Der Reichspräsident wird heute vormittag den Präsidenten des Reichstages und die Vorsitzenden der Reichstagsfraktionen der bisherigen Koalitionsparteien zu Einzelbesprechungen empfangen.“ (DAZ Nr. 489 vom 23.10.21).

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