1.124.1 (wir2p): Reparation.

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Reparation.

Der Reichskanzler las zunächst Teile des seinerzeit von dem Gouverneur der Bank von England an Exzellenz Havenstein gerichteten Briefes vor, betreffend die Möglichkeit einer Anleihe für Deutschland1. Er halte die damalige Äußerung der englischen kompetenten Stelle für wichtig, da heute wiederum die Frage der Verpfändung von Gold der Reichsbank in Frage komme bzw. eine Bürgschaft für vom Reich ausgegebene Schatzwechsel. Er halte, bevor man in irgendeiner Weise dieser von belgischer Seite kommenden Anregung nähertrete, eine Besprechung der Frage mit Exzellenz Havenstein für angezeigt.

1

Wortlaut siehe Dok. Nr. 166 Anm. 7.

Ministerialrat Dr. Kempner machte davon Mitteilung, daß Exzellenz Havenstein für heute eingeladen, aber durch anderweitige Sitzungen am Erscheinen verhindert sei.

Der Kanzler fuhr fort: Es entstehe nun die Frage, ob man Herrn Bergmann, der jetzt in Paris sei, über den mitgegebenen Vorschlag hinaus weitere Instruktionen erteile.

Minister Dr. Hermes erklärte, er halte eine weitere Instruktion für verfrüht. Man müsse erst sehen und hören, was die Unterhändler in Paris erreichten. Man könne dann heute abend spät oder morgen früh eine neue Kabinettssitzung anberaumen.

Der Reichskanzler machte darauf aufmerksam, daß Herr Bergmann ausdrücklich weitere Instruktionen verlangt habe.

[1066] Staatssekretär Dr. von Simson verlas dann ein Telegramm des Gesandten in Brüssel, das den Inhalt einer Unterredung mit dem Belgier Jaspar wiedergab2. Darin werde die Frage Überführung von 200 Millionen Goldmark nach der Bank von England als Sicherheit aufgeworfen. Dieses Telegramm Landsbergs habe er, von Simson, nach Paris telegraphiert und hinzugefügt, daß eine weitere Stellungnahme des Kabinetts zu diesem Vorschlag nach Paris weitergegeben würde.

2

Genaues Thema der Besprechung ist ein Telegramm des Botschafters Landsberg aus Brüssel vom 28.8.1922: „Jaspar bat mich soeben zu sich und mitteilt zugleich in Theunis Namen, das letzte deutsche Angebot werde nicht genügen, Frankreich werde es ablehnen und überhaupt keinesfalls Moratorium bewilligen. Belgien könne sich in der Reparationskommission von Frankreich nicht trennen. Frankreich habe alle Maßnahmen zur Besetzung der Ruhr getroffen und werde nach Ablehnung Moratoriums marschieren. Er sagt nicht, daß Belgien sich dabei beteiligt. In dieser Lage, deren Unstimmigkeit er anerkennt, da die Welt über die Frage eines Zahlungsaufschubs von vier Monaten in Gefahr gerate, scheine ihm der Vorschlag des Leitartikels des Temps die Rettung zu sein. Er habe keine Zweifel, daß er offiziös sei. Belgische Regierung würde ihn annehmen. Sei Deutschland zu Hinterlegung von 200 Millionen Gold bei der Bank von England zwecks Sicherung Reparationszahlungen für die nächsten vier Monate bereit, wie der Temps anregt, so könne Poincaré sagen, er habe kein Moratorium bewilligt, und Deutschland sei von dringender Gefahr befreit. Ohne Verpflichtung übernehmen zu können, sagt er, daß heute belgische Regierung Deutschland sicher, etwa gegen Tratte mit Bankbürgschaft, Frist bis nach November-Konferenz erteilen würde, die bestimmt stattfindet. Größte Eile sei geboten. Die deutschen Vertreter, die zur Mittwochsitzung der Reparationskommission [30. 8.] nach Paris führen, müßten seines Erachtens ermächtigt sein, den Vorschlag des Temps anzunehmen. Jaspar erbittet sofortige Äußerung.“ (R 43 I/30, Bl. 353).

Man einigte sich dahin, an Bergmann zu telegraphieren, daß dieser Vorschlag Jaspars unannehmbar sei. Das Auswärtige Amt soll in dieser Richtung das Weitere veranlassen.

Der Reichskanzler stellte fest, daß, falls seitens der Gegner die grundsätzliche Frage der Hergabe von Schatzwechseln angeschnitten werden solle, man darüber einig sei, daß die von den Gegnern verlangte Sicherheit – sei es durch die Reichsbank, sei es durch die D-Banken – nicht gegeben werden könne. Die Frage, ob das Reich Schatzwechsel überhaupt, also ohne Sicherheit, zu begeben gewillt sei, müsse offen bleiben. Die Vertreter seien angewiesen zu erklären, daß sie in diesem Falle erst sich nähere Anweisungen in Berlin holen müßten.

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