1.56.1 (wir2p): [Anleihekomitee der Reparationskommission]

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[Anleihekomitee der Reparationskommission2]

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Zur Bildung des Anleihekomitees siehe Dok. Nr. 243, P. 9; am 24.5.1922 war in Paris das Anleihekomitee unter Vorsitz von Delacroix und bestehend aus den Mitgliedern J. Pierpont Morgan, Sir Robert Kindersley, Sergent, D’Amelio, Delacroix, Vissering und Bergmann zu Beratungen über die Möglichkeiten einer internationalen Anleihe für Deutschland zusammengetreten (siehe Bergmann, Reparationen, S. 168 ff.). Diese Verhandlungen endeten mit dem Bericht des Anleihekomitees an die Repko vom 9.6.22 (siehe RT-Drucks. Nr. 4484, Bd. 374 ).

Staatssekretär Bergmann: Die Stimmung war zunächst sehr zurückhaltend. Ich merkte das besonders an Kindersley, mit dem ich von früher her bekannt bin, und an Morgan, der sich zunächst etwas kühl verhielt. In den ersten Besprechungen wurde die Stimmung etwas wärmer. Immer kam aber der Vorbehalt zutage, man könnte sich auf sachliche Erörterungen und Möglichkeiten erst dann einlassen, wenn eine Einigung mit der Reparationskommission vorläge. Es war keine Rede davon, daß etwa das Anleihekomitee unabhängig von der Entscheidung der Reparationskommission zum 31. Mai die Möglichkeit[856] einer Anleihe erörterte, sondern jede Erörterung wurde ausdrücklich davon abhängig gemacht, daß eine befriedigende Einigung der Deutschen Regierung mit der Reparationskommission zum 31. Mai vorläge3. Die einzelnen Sitzungen, in denen an mich Fragen über die Verhältnisse der deutschen Finanzen und des deutschen Wirtschaftslebens gerichtet wurden, wurden immer wieder vertagt, um zunächst einmal zu sehen, wie die Verhandlungen mit der Reparationskommission sich entwickelten4.

3

Siehe dazu die Verhandlungen des Ministers Hermes in Paris, die zu der dt. Note an die Repko vom 28.5.1922 geführt hatten (insbesondere Dok. Nr. 286 mit Anm. 4 und Bergmann, Reparationen, S. 169). Mit einer Antwortnote vom 31.5.1922 hatte die Repko eingelenkt und ein Moratorium bis zum 31.12.22 endgültig gewährt (RT-Drucks. Nr. 4484 , S. 27, Bd. 374).

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Die DAZ hatte am 27.5.22 gemeldet, daß der Anleiheausschuß sich bis zum 31.5.22 vertagt habe (DAZ Nr. 244).

Als dann die Entscheidung, das Schreiben der Deutschen Regierung vom 28. Mai, eintraf, änderte sich die ganze Stimmung mit einem Schlage, und die Herren nahmen mit großem Eifer die Anleihebesprechungen auf. In diesen Besprechungen, und mehr noch in Besprechungen, die außerhalb der Sitzungen sich abspielten, kam nun bald ein lebhafter und tiefgehender Zwiespalt zutage zwischen allen anderen Mitgliedern und den Franzosen. Morgan und Kindersley besonders – das waren die beiden führenden Geister des Anleihekomitees, abgesehen von Delacroix, der als Vorsitzender die Verhandlungen außerordentlich gut leitete –, wollten von Anfang an darauf hinaus, daß sie das Reparationsproblem selber in die Hand nehmen, daß sie auch die Frage erörterten, welchen Betrag kann Deutschland zahlen. Morgan selbst hat mir in einem späteren Moment gesagt, daß er demnächst an mich die Frage stellen würde, wieviel wir an Reparationen zahlen könnten, ohne unsere eigene Wirtschaft zu schädigen. Ich habe das hierher gemeldet5, die Frage war mir sehr peinlich, ich hätte sie nicht beantworten können, ohne erst hier Rücksprache genommen zu haben.

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In den Akten finden sich insgesamt 5 Telegramme Bergmanns, nämlich vom 31. 5., 2. 6., 7. 6., 8. 6. und 9.6.22 (R 43 I/28, Bl. 403, , 435, 488 f., 490 f., 492), und ein kurzes Schreiben vom 2.6.22 über die Verhandlungen des Anleihekomitees. In diesem Schreiben, das zugleich die Wendung in den Verhandlungen ankündigt, heißt es: „Nach der gestrigen Sitzung kam Morgan auf mich zu und sagte, er würde mir, sobald es klar sei, daß das Anleihekomitee über Änderungen der Reparationsbestimmungen sprechen dürfe, die private und vertrauliche Frage vorlegen, wieviel Deutschland denn eigentlich meiner Ansicht nach im Ganzen zu zahlen imstande sei, ohne sich selbst wirtschaftlich zu schädigen. Diese Frage wird also, vielleicht schon im Laufe der nächsten Woche, an mich gestellt werden. Ich werde ausweichen, bis ich Gelegenheit zur Rücksprache in Berlin gehabt habe, was hoffentlich am Ende der Pfingstwoche der Fall sein kann [4./5.6.22 Pfingsten].“ (R 43 I/28, Bl. 437).

Sobald die Entscheidung der Reparationskommission vom 31. Mai heraus war, entspann sich plötzlich in der Sitzung des Anleihekomitees eine sehr lebhafte Debatte darüber, ob man jetzt das Reparationsproblem an sich erörtern solle oder nicht. Schon unter der Hand war von Kindersley und Morgan eine Anfrage an die Reparationskommission vorbereitet worden, die dann in der Sitzung etwas überraschend verlesen wurde. Die Anfrage, die Morgan aufgesetzt hatte, war seinem ganzen Wesen entsprechend sehr kurz und sehr scharf. Der Reparationskommission wurde einfach gesagt: nach dem Mandat, das ihr uns gegeben habt, können wir die Reparationsfrage vielleicht nicht besprechen.[857] Wenn ihr wollt, daß wir sie nicht besprechen, können wir keine Anleihemöglichkeit in Aussicht stellen. Wenn ihr wollt, daß wir sie besprechen, dann werden wir die Verhandlungen fortsetzen6. – Es waren ungefähr 6 Zeilen, die sehr schroff waren.

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Diese Situation hatte Bergmann in seinem Telegramm vom 2.6.22 ausführlicher wie folgt geschildert: „Die Sitzung des Anleihekomitees am 1.6.22 drohte eine kritische Wendung zu nehmen. Der amerikanische und der englische Vertreter, welche von Anfang an enge persönliche Fühlung miteinander halten, waren sich darüber klar geworden, daß die Arbeiten des Komitees keinen praktischen Zweck haben würden, wenn die Frage der Anleihe nicht mit einer gründlichen Behandlung des Reparationsproblems verbunden würde. Die Erklärungen des französischen Vertreters innerhalb und außerhalb der Sitzungen ließen darauf schließen, daß er sich nicht für berechtigt hielt, an einer Besprechung der Reparation teilzunehmen. Um die Sachlage nunmehr klarzustellen, hatten sich die Engländer und Amerikaner dahin geeinigt, im Komitee eine schriftliche Rückfrage bei der Reparationskommission darüber zu beantragen, ob die Reparationskommission die Befugnisse des Anleihekomitees dahin interpretieren oder erweitern wolle, daß das Komitee berechtigt sei, auch über etwaige Veränderungen der Reparationsbedingungen zu beraten. Für den Fall, daß die Reparationskommission diese Frage verneinen würde, sollte das Anleihekomitee erklären, daß unter diesen Umständen eine Reparationsanleihe gegenwärtig nicht möglich sei. – Der Franzose stützt sich bei seiner engen Auslegung des Auftrages der Komiteemitglieder auf den Wortlaut des Beschlusses der Kommission vom 4. April, in welchem es heißt, daß bei dem Studium der Anleihebedingungen die Verpflichtungen der Deutschen Regierung unter den Vertrag von Versailles und insbesondere unter den Zahlungsplan vom 5. Mai zu beachten sind. Daraus folgert man auf französischer Seite – offenbar auf Anweisung von Poincaré –, daß an den festgesetzten deutschen Reparationsverpflichtungen nicht gerüttelt werden darf, und daß sich die Anleihepläne streng innerhalb der Grenzen jener Bestimmungen zu halten haben. Gerüchte hierüber wären schon in die französischen Zeitungen gedrungen. Allen diesen Zweifeln sollte nunmehr ein rasches Ende gesetzt werden. – In der Sitzung legte der Amerikaner den Entwurf eines kurzen und sehr deutlichen Schreibens an die Reparationskommission vor. Nach eingehender Beratung wurde beschlossen, keine schriftliche Anfrage an die Kommission zu richten, sondern den Vorsitzenden des Komitees zu beauftragen, auf Grund eines in der Form milderen Entwurfs des Engländers die nötige Aufklärung bei der Reparationskommission zu beantragen. Die Antwort der Kommission allerdings soll eine schriftliche sein. Gleichzeitig soll der Vorsitzende des Komitees die Erklärung abgeben, daß das Komitee seine fernere Arbeit als nutzlos ansieht, falls es ihm verweigert wird, seine Beratungen auf Abänderung der Reparationsbedingungen auszudehnen. Es scheint, daß Mitglieder des Komitees offiziös bereits die französische Regierung mit der Angelegenheit befaßt haben, und daß eine günstige Antwort der Reparationskommission zu erwarten ist, falls nicht auf gar zu eilige Stellungnahme gedrängt wird. Unter diesen Umständen wurde beschlossen, die Sitzungen sogleich bis Mittwoch nach Pfingsten [7. 6.] zu vertagen.“ (R 43 I/28, Bl. 438 f.).

In der Sitzung stellte sich heraus, daß diese Anfrage an die Reparationskommission deshalb gerichtet wurde, weil der Franzose Sergent sich mit einigen Bemerkungen innerhalb der Sitzung, hauptsächlich aber wohl in Zwiegesprächen außerhalb der Sitzung dagegen gewehrt hatte, seinerseits über das Reparationsproblem zu sprechen. Man einigte sich dahin, die bekannte öffentliche Anfrage an die Reparationskommission zu richten, auf die dann die Reparationskommission unter dem Einfluß der französischen Regierung nicht einstimmig antworten konnte. Das alles ist ja bekannt7.

7

Die Repko hatte am 7.6.1922 mit drei gegen eine (die französische) Stimme die Entscheidung gefällt, der Auftrag des Anleihekomitees sei dahingehend zu erweitern, daß es alle Möglichkeiten überprüfen solle, die für das Zustandekommen einer internationalen Anleihe für Deutschland günstig sein würden, sogar die etwaige Verminderung der deutschen Reparationsschuld. Der französische Delegierte hatte nach Rücksprache mit Poincaré, de Lasteyrie und Sergent erklärt, das internationale Anleihekomitee habe nicht das Recht, sich mit der Frage der Verminderung der deutschen Schuldsumme zu befassen. Der Beschluß der Repko war ohne die Unterschrift des französischen Delegierten Dubois an das Anleihekomitee gegangen, wo nun die Frage auftauchte, ob die Beschlüsse der Repko nur mit Einstimmigkeit oder auch mit Stimmenmehrheit Gültigkeit haben. Die Repko selbst hielt den mit der Mehrzahl der Stimmen gefaßten Entschluß für gültig, das Anleihekomitee hielt sich jedoch nicht für berechtigt, die Frage der Herabsetzung der deutschen Reparationsschuld zu erörtern, wenn Frankreich als der Hauptgläubiger dies nicht wünsche (vgl. dazu DAZ Nr. 261 vom 8.6.22 und Bericht des Anleihekomitees an die Repko, RT-Drucks. Nr. 4484, Bd. 374 ).

[858] Nun entstand die Frage, was das Anleihekomitee tun sollte. Es wäre noch immer möglich gewesen, auch auf Grund des Majoritätsauftrages der Reparationskommission die Verhandlungen mit dem Anleihekomitee fortzusetzen, aber da kam nun die Rede von Poincaré in der Kammer, die einen ganz enormen, einen geradezu entscheidenden Einfluß auf die weitere Haltung des Anleihekomitees ausgeübt hat8. Besonders der englische Delegierte hat sich von dieser Rede Poincarés ganz außerordentlich beeinflussen lassen; der Ärger über diese Behandlung, die man den Bankiers auf diese Weise hat zuteil werden lassen, ist bis zum Schluß nicht verflogen, und er machte es auch unmöglich, wirklich mit Erfolg weitere Anleiheverhandlungen zu führen9. Kindersley ist sonst nicht unbedingt ein Anhänger der endgültigen Regelung der Reparationen in diesem Augenblick gewesen. Er nimmt da eine Stellung ein, die der bekannten Stellung der City und der Bank von England nicht ganz entspricht. Er hat sich in früheren Besprechungen mit mir auf die Idee einer provisorischen, aber lange dauernden Regelung der Reparationen wohl in der Erkenntnis eingelassen, daß unter den heutigen politischen Verhältnissen eine Regelung der Reparationen auf einmal nicht möglich ist. Unter dem Eindruck dieser Rede Poincarés ist er – ich möchte sagen – rabiat geworden und hat sich dem scharfen Morgan’schen Standpunkt durchaus angeschlossen. Morgan stellt sich auf den Standpunkt, daß, ehe nicht die Reparationsfrage ein für alle Mal geregelt ist, oder nicht die Hoffnung besteht, daß sie demnächst ein für alle Mal geregelt wird, der amerikanische Markt für eine Reparationsanleihe nicht offen ist.

8

Gemeint ist offenbar in erster Linie die Erklärung, die Poincaré einen Tag nach seiner Rede am 2. 6. bei einer Rede Herriots vor der Kammer abgegeben hat und in der es geheißen hatte: „Bei der Reparationskommission werden gefährliche Versuche unternommen, um eine internationale Anleihe einer weiteren Amputierung unserer Schuldenforderung unterzuordnen. Heute vormittag habe ich auf Grund meiner Verantwortung als Ministerpräsident dem Vertreter Frankreichs in der Reparationskommission die Mitteilung zukommen lassen, daß eine derartige Bedingung nicht angenommen werden darf.“ (DAZ vom 3.6.22, Nr. 255; siehe auch Bergmann, Reparationen, S. 171).

9

In dem Telegramm vom 8.6.22 an den RPräs., den RK, die Minister Rathenau und Hermes hatte Bergmann die Verärgerung des englischen und amerikanischen Delegierten noch stärker hervorgehoben: „Empörung englischen und amerikanischen Mitglieds über Haltung Poincarés ist so groß, daß sie unter Berufung auf die dadurch entstandenen politischen Schwierigkeiten und die Uneinigkeit der alliierten Mächte erklären, daß geplante Anleihe, für die sonst alle übrigen Bedingungen günstig wären, z. Zt. nicht möglich ist. Dieser Erklärung werden sich die anderen Mitglieder anschließen. Der Bericht an Reparationskommission wird ausführlich mit den genannten Gründen motiviert und veröffentlicht werden. Anleihekomitee wird sich demnächst einstweilen vertagen, aber bereit erklären, auf Wunsch der Repko jederzeit zusammenzutreten.“ (R 43 I/29, 28, Bl. 490 f.).

Delacroix hat alles versucht, um die Herren, da doch die französische Regierung jetzt eine Herabschneidung der Reparationssumme unmöglich mache, für[859] die Ideen einer provisorischen Anleihe zu gewinnen10. Wir haben natürlich auch daran gedacht, diese Idee einer 5 bis 6 bis 8jährigen Regelung nochmals aufs Tapet zu bringen, nachdem sich herausstellte, daß das Anleihekomitee über die Regelung des Reparationsproblems an sich jetzt nicht sprechen könnte und nicht sprechen wollte. Aber das war ganz unmöglich, denn auch diese provisorische Regelung wurde mit denselben Gründen abgetan, wie die definitive Regelung. Morgan und Kindersley haben es sehr scharf betont, daß, solange das Vertrauen der Investors nicht geschaffen werden könne durch eine endgültige Regelung der ganzen Sache, auch eine größere Anleihe, die die Sache provisorisch regelte, keinen Erfolg hätte, weil immer die Frage auftauchte, was tut Frankreich, wenn diese fünf bis acht Jahre verflossen sind? – Es war gar keine Möglichkeit, mit diesem Gedanken weiterzukommen.

10

In dem in Anm. 9 gekennzeichneten Telegramm fortfahrend, erläutert Bergmann den Delacroix’schen Plan wie folgt: „Als Brücke für Zwischenzeit hat Delacroix kleine Anleihe von 1 Mrd Goldmark angeregt, welche Zahlungen für Reparationen und Clearing auf ein Jahr decken sollte. Jedes Moratorium könne dann bis 30. Juni 1923 verlängert werden. Für kleine Anleihe würde Sicherheit durch Zölle und absolute Priorität vor Reparationsforderungen in Betracht kommen. Anleihe sollte aus dem Ertrag der späteren großen Reparationsanleihe zurückgezahlt werden. Ich habe diesen letzten Notbehelf unterstützt, Morgan sagte mir jedoch, daß für solche Anleihe in Amerika kein Markt sei. Auch Engländer hat Bedenken. Endgültige Entscheidung hierüber steht noch aus. Vorstehendes soll einstweilen streng geheim gehalten werden, bis vollständiger Bericht veröffentlicht wird. Presse erfährt nur, daß morgen nachmittag Fortsetzung der Sitzung.“ (R 43 I/29, 28, Bl. 490 f.). Am 9.7.22 muß Bergmann jedoch in einem Telegramm an den RPräs., den RK und die Minister Rathenau und Hermes berichten: „Anleihe-Komitee hat beschlossen, auch den Gedanken einer kleinen Anleihe für Übergangszeit augenblicklich nicht weiter zu verfolgen, weil die durch Frankreichs Haltung geschaffene politische Lage den Erfolg jeder Reparationsanleihe zurzeit verhindert.“ (R 43 I/29, 28, Bl. 492).

Dann kam endlich als letzter Notbehelf die Idee der Anleihe von 1 bis 1½ Milliarden. Die Idee ist von Delacroix aufgebracht worden, obwohl in den früheren Besprechungen des Anleihekomitees von allen Seiten darauf hingewiesen worden war, auch von meiner Seite, daß an einer kurzen Anleihe, die ein halbes Jahr oder ein Jahr oder anderthalb Jahre für die Reparationszahlungen vorsorgen sollte, kein Interesse bestehe. Das habe der Franzose für sich betont, weil Frankreich dann fast nichts von den Reparationssummen bekäme, und das habe ich für Deutschland betont, weil dann sehr bald dieselben Fragen wieder auftauchen würden. Delacroix ist doch auf die Sache zurückgekommen, hat sich zunächst mit mir intern besprochen, und ich habe mir gesagt, daß es taktisch richtig wäre, auch das letzte Mittel zu versuchen, um zu einer Beruhigung und Erleichterung zu kommen. Ich habe dann auch mit Kindersley über diese Idee gesprochen und ihm im Einvernehmen mit Delacroix klar gemacht, daß, wenn eine solche kleine Anleihe von 1 bis 1½ Milliarden zustande käme, die Idee wäre, daß was im Auslande aufgenommen würde, für Reparationen und Clearing für das eine Jahr, um das es sich handeln würde, flüssig zu machen, und daß etwaige Summen, die im Wege einer Anleihe in Deutschland selbst aufgenommen werden könnten, ausschließlich Deutschland zur Stützung seiner Valuta usw. zugute kommen würden, daß eine unbedingte Voraussetzung sei, daß das Moratorium mindestens bis zum 30. Juni 1923 verlängert würde, daß diese kleine Anleihe besondere Sicherheit durch die Zölle haben solle, daß weiter[860] diese kleine Anleihe auch unbedingt vor jeder Reparationsforderung das Vorrecht haben solle, und schließlich, daß die kleine Anleihe aus dem Ertrage der späteren großen Reparationsanleihe zurückgezahlt werden solle.

Das waren die Dinge, die Delacroix besprochen und zugegeben hatte. Ich habe natürlich bei den Herren in dem Anleihekomitee nachdrücklich darauf hingewiesen, daß das Scheitern der Anleiheverhandlungen für Deutschland einen sehr schweren Schlag bedeute und daß wir sehr unsicheren und schwierigen Zeiten entgegengingen. Ich habe das alles Kindersley in seinem Hotel mitgeteilt und auch einen gewissen Eindruck erzielt. Er wurde unsicher und bat mich, die Sache mit Morgan zu besprechen. Das war so kurz vor der Sitzung nachmittags, daß ich Morgan nicht mehr zu sprechen bekam und die ganze Argumentation in der Sitzung vortragen mußte.

Das war am Donnerstag [8.6.22].

Ich hatte Delacroix gebeten, nachdem voraussichtlich die Herren dahin Stellung genommen haben würden, die Anleiheverhandlungen aus den bekannten politischen Gründen abzubrechen oder zu vertagen, diese Idee der kleinen Anleihe von sich aus vorzubringen; ich würde ihn dann unterstützen. Delacroix hat das sehr geschickt und eindringlich gemacht; ich habe dann nach ihm gesprochen, wie Delacroix mir sagte, mit großem Eindruck, so daß eine gewisse Unsicherheit in dem Entschluß der anderen entstand. Aber Morgan hat dann doch wieder betont: ich kann den amerikanischen Markt dafür nicht zur Verfügung stellen, der Amerikaner wird für eine solche kleine Anleihe kein Interesse zeigen, solange die politischen Schwierigkeiten weiter bestehen, nämlich die Uneinigkeit der Alliierten; er hat immer betont, das sei jetzt der Haupthinderungsgrund.

Nun wollte ich aber auch nach diesem Beschlusse die Sache nicht so hingehen lassen. Ich habe mich nach der Donnerstag-Sitzung noch mit Delacroix und Kindersley zusammengesetzt und gesagt, es dürfte nicht einfach erklärt werden, aus den und den Gründen könne nichts gemacht werden, die Sache müsse vertagt werden; es müsse etwas Positives herauskommen, ein Ausblick in die Zukunft kommen; es müßte die Bereitwilligkeit des Anleihekomitees zum Ausdruck kommen, bei Besserung der Lage, bei einer vernünftigeren Haltung der französischen Regierung sofort zusammenzutreten und die Frage der kleinen Anleihe zu behandeln. So sind die Schlußbetrachtungen entstanden, die auf die Unterhaltungen zwischen Delacroix, Kindersley und mir zurückzuführen sind11. Sie sind meiner Ansicht nach in sehr geschickter Weise von dem[861] Generalsekretär der Reparationskommission zusammengestellt worden. Die ganze Sache ist auf englisch entworfen worden, ohne Zutun des Franzosen, der dann am nächsten Morgen, als dieser Entwurf in der nächsten Sitzung beraten wurde, einfach erschlagen war. Er bat himmelhoch, die Sache nicht so hinausziehen zu lassen. Der erste Entwurf war noch schärfer. Auch die Rede von Poincaré war darin erwähnt. Merkwürdigerweise habe ich das gestern oder heute in einer deutschen Zeitung gelesen, als Wiedergabe aus dem Echo de Paris von Pertinax12. Es war die Rede von Poincaré darin, und an einer anderen Stelle wurde noch viel eindrücklicher von der Notwendigkeit gesprochen, daß die Sanktionen aufhören müßten. Die beiden Sachen sind herausgekommen, weil Delacroix und die anderen Herren erklärten, bei allem berechtigten Ärger über die Rede Poincarés könnte man doch nicht in einem offiziellen Dokument des Anleihekomitees eine Tatsache registrieren, die außerhalb der Tätigkeit des Anleihekomitees läge. Diese beiden Sachen sind herausgekommen, und es ist bezeichnend, daß Pertinax das weiß; er kann das nur von den Franzosen wissen.

11

Gemeint ist offenbar das Schlußergebnis aus dem Bericht des Anleihekomitees an die Reparationskommission vom 10. Juni 1922, in dem es versöhnlich u. a. heißt: „Es [das Anleihekomitee] ist sich im Innersten bewußt, welche weitgehende Hilfe für die wirtschaftliche Wiederherstellung der ganzen Welt durch die allmähliche Umwandlung der deutschen Verpflichtung aus einer Schuld an Regierungen in eine Schuld an private Kapitalisten geboten würde, welche sich wie andere öffentliche Schulden nicht auf äußere Zwangsmaßnahmen, sondern auf den allgemeinen Kredit des Schuldnerlandes gründen würde. Es ist allerdings der Meinung, daß Wiederaufnahme normaler Handelsbeziehungen zwischen den Ländern und die Stabilisierung der Währungen ohne endgültige Regelung der Reparationszahlungen und anderer auswärtiger öffentlicher Schulden unmöglich ist.“ (RT-Drucks. Nr. 4484 , S. 44, Bd. 374).

12

Pertinax war das Pseudonym des Publizisten André Géraud, der für den außenpolitischen Teil des „Echo de Paris“ verantwortlich war und allgemein den Ruf eines besonders gut unterrichteten Journalisten besaß.

Die Schlußbetrachtungen des Anleihekomitees enthalten für uns meiner Ansicht nach das Wertvollste, und ich kann hier sagen – natürlich ist das keineswegs für irgendwelches Protokoll bestimmt –, daß mir während der Sitzung Morgan einen Zettel herüberschob, mit der Anfrage, ob diese Schlußbetrachtungen meinen Wünschen entsprächen. Ich sagte: ja, wenn sie nicht noch etwa abgeschwächt würden. Sie wurden nicht mehr abgeschwächt. Der Protest von Sergent wurde in dieser und in der nächsten Sitzung formuliert, er hat aber immer noch versucht, trotz seines Protestes die Äußerungen der anderen Komiteemitglieder zu mäßigen, aber man ging einfach über ihn zur Tagesordnung über13.

13

Der Protest Sergents ist als Anlage zum Bericht des Anleihekomitees abgedruckt: „Herr Sergent ist nicht in der Lage, obigen Schlußfolgerungen und einigen der in diesem Bericht enthaltenen Feststellungen und Anregungen beizutreten. […] In Übereinstimmung mit dem französischen Delegierten der Reparationskommission ist er der Meinung, daß es nicht zur Zuständigkeit des Bankierkomitees gehörte, die Frage von Abänderungen der Verpflichtungen der Deutschen Regierung, so wie sie im Vertrage von Versailles und insbesondere in dem Zahlungsplan vom 5.5.1921 bestimmt sind, zu untersuchen.“ (RT-Drucks. Nr. 4484, Bd. 374 ).

Die Stimmung für Deutschland ist im Anleihekomitee mit der Zeit und besonders nach Ablehnung der kleinen Anleihe immer wärmer geworden, und auch das persönliche Verhältnis hat sich immer mehr gebessert. Insbesondere glaube ich, daß ich mit Morgan in sehr gute persönliche Beziehungen gekommen bin, nachdem das mit Kindersley vorher schon der Fall war. Die Herren haben mir beim Auseinandergehen versichert, daß sie die erste Gelegenheit benutzen würden, um wieder zusammenzutreten und daß sie hofften, daß die politischen Schwierigkeiten, die einzigen, die sie daran verhinderten, recht bald verschwinden.

Das Urteil darüber, wie die Sache außenpolitisch aufzufassen ist, muß ich[862] den Herren hier überlassen. Ich persönlich kann nur sagen, daß ich das Gefühl habe, man müsse sehr mit dem Ergebnis zufrieden sein, da unter den Umständen ein praktischer Erfolg, die sofortige Gewährung einer Anleihe, nicht zu erreichen war.

Nun kann man darüber zweifelhaft sein, was uns die Gewährung einer kleinen provisorischen Anleihe genützt hätte, und die Verhandlungen im Anleihekomitee sind nicht dadurch erleichtert worden, daß, sobald der Gedanke einer kleinen Anleihe näher rückte, die deutschen Zeitungen die Anleihe sabotierten14. Sie sagten, wenn jetzt die Anleihe kommt, wem bringe sie Nutzen? Die Idee einer provisorischen Anleihe wurde zurückgewiesen, mit der Begründung, daß sie eine große Gefahr sei, daß die Gefahr des Zustandekommens einer solchen Anleihe viel größer sei, als die Gefahr des weiteren Sinkens des Markkurses. Ich habe sogar in einer französischen Zeitung gelesen, daß der „Lokal Anzeiger“15 den lapidaren Satz gebracht habe: Gott sei Dank, jetzt nach der Vertagung der Anleiheverhandlungen, nachdem sie gescheitert sind, sei die schlimmste Gefahr vorüber, die Stabilisierung der Mark. Diese Äußerungen in der deutschen Presse haben die Verhandlungen sehr beeinträchtigt, ich wurde deswegen gefragt und zur Rede gestellt, wie denn die deutsche Meinung eigentlich sei, und es war mir nicht immer leicht, darauf zu antworten.

14

Hugo Stinnes z. B. hatte in einer Rede am 6.6.22 auf der Tagung des Zweckverbandes der nordwestdeutschen Wirtschaftsvertretungen zum Problem der kleinen Anleihe erklärt, die sog. ‚Atempause-Anleihe‘ werde vermutlich nur eine künstliche Überbewertung der Mark schaffen und die Mark auf einem Stand stabilisieren, der höher sei, als unsere Wirtschaft es ertragen könne (DAZ Nr. 263 vom 9.6.22).

15

Gemeint ist wohl der „Berliner Lokal-Anzeiger“, ein populäres, rechtsstehendes Blatt des Scherl-Verlages.

Ich glaube aber, der politische Eindruck der ganzen Entscheidung ist doch im allgemeinen höher zu werten, als das Zustandekommen einer ganz kleinen Anleihe. Ich habe ja taktisch die Sache verteidigen müssen, unter starkem Hinweis auf die Gefahren, die uns bedrohen, auf die Gefahr des weiteren Zusammenbruchs des Markkurses, aber ich habe doch das Gefühl, daß die Gewährung einer kleinen Anleihe unter Verlängerung des Moratoriums, ohne die Aussicht darauf, daß die ganze Reparationsfrage demnächst zusammenhängend behandelt werden kann, manche Bedenken hätte, die ja jetzt gegenstandslos geworden sind. Ich kann es eigentlich nicht mehr bedauern, daß das Zustandekommen der kleinen Anleihe jetzt im Augenblick nicht geglückt ist.

Wenn das Anleihekomitee demnächst wieder zusammentreten sollte, so kann es nur geschehen, wenn die politische Lage sich gebessert hat. Dann liegt eben die Regulierung der Reparationen und die Herabsetzung der Reparationszahlungen auf vernünftige Basis in größerer Nähe, und dann können wir eine solche provisorische Anleihe wirklich als provisorische Anleihe machen, dann ist sie nicht Stückwerk, das uns wieder 6 Monate oder ein Jahr weiter bringt und für das ganze wenig nützt.

Das ist ungefähr alles, was ich über die Anleiheverhandlungen zu sagen habe.

Reichskanzler Würden Sie vielleicht noch die Freundlichkeit haben, sich zu[863] äußern – das ist sehr wertvoll, da Sie aus dem französisch-englisch-amerikanischen Milieu herkommen –: wie sehen Sie die Lage für die deutsche Regierung an, und welche Schritte empfehlen Sie im Hinblick auf das, was das Gutachten des Anleihekomitees gesagt hat? Ich wäre dankbar, wenn Sie das noch hinzufügen wollten.

Staatssekretär Bergmann: Das Anleihekomitee hat mit aller Schärfe hervorgehoben, daß nichts geschehen kann im Wege der Anleihe, ehe nicht das Reparationsproblem als solches behandelt und geregelt wird, ehe nicht zum mindesten die Aussicht vorliegt, daß es behandelt werden kann, ehe nicht die Alliierten einig sind, daß das Problem als solches von dem Anleihekomitee angefaßt werden kann. Das Komitee hat ferner mit aller Deutlichkeit gesagt, daß die Reparationszahlungen herabgedrückt werden müssen auf das Ausmaß dessen, was innerhalb der deutschen Leistungsfähigkeit liegt. Es hat ferner gesagt, mit Sanktionen kann eine Anleihe nicht gehen, die Sanktionsdrohung müsse abgeschafft werden. Schließlich hat es noch darauf hingewiesen, daß die Schulden der Alliierten im Zusammenhang mit der Reparation geregelt werden müssen; ja, ich glaube, das ist das Wesentliche.

Wenn überhaupt die politische Einsicht bei der französischen Regierung kommen wird, so ist also zu erwarten, daß das Reparationsproblem von der anderen Seite aufgerollt wird. Wie die deutsche Regierung selbst dazu mitwirken kann, das ist mir taktisch im Augenblick noch nicht ganz klar. Ich würde es persönlich für nicht angezeigt halten, jetzt auf Grund dieser Entscheidung des Anleihekomitees, zur Reparationskommission sofort hinzugehen und zu sagen, jetzt liegt diese Entscheidung des Anleihekomitees vor, bitte richte dich danach! Wir beantragen, daß jetzt die Frage der Reparationsleistungen auf Grund des Artikel 234 des Friedensvertrages16 nachgeprüft wird, damit wir zu einer vernünftigen Regelung gelangen. Ich glaube, in diesem Augenblick und in dieser Art und Weise würde das ein falscher Schritt sein, würde es verfrüht sein. In dieser Beziehung müssen wir abwarten, was die allernächste Zukunft bringt. Ich messe der Zusammenkunft von Poincaré und Lloyd George doch eine gewisse Bedeutung bei17. Ich glaube, die Sache wird sich von der anderen Seite aus so entwickeln, daß wir im geeigneten Moment eingreifen könnten, und dann nicht mit Noten, sondern durch Anknüpfen von persönlichen Besprechungen mit Mitgliedern der Reparationskommission, am besten mit Delacroix und Bradbury. Diese beiden Leute haben sich doch trotz aller Schwierigkeiten, die besonders von Bradbury gemacht werden, im allgemeinen als wohlwollend und zuverlässig erwiesen.

16

Wortlaut siehe Dok. Nr. 229 Anm. 8.

17

Am 16./17.6.22 wollte Poincaré zu einem inoffiziellen Besuch nach London zu Besprechungen mit Lloyd George kommen; über die Beratungen zwischen beiden wird nichts veröffentlicht, die Reden betonen nur die englisch-französische Freundschaft (Schultheß 1922, S. 187).

Eine wichtige Sache steht in dem Bericht des Anleihekomitees; das ist, daß die deutsche Regierung als Vorbedingung für das Zustandekommen einer Anleihe von sich aus alles tun müsse, um ihr Haus finanziell in Ordnung zu bringen18.[864] Das ist in dieser scharfen Weise auf Betreiben von Kindersley hineingekommen. Morgan hat davon keinen Ton gesagt, er hat nur ganz allgemein davon gesprochen, daß Deutschland wieder kreditfähig werden muß. Dieser Paragraph, in dem als Voraussetzung für das Zustandekommen einer Anleihe die Ordnung der deutschen Finanzen verlangt wird, ist von Kindersley entworfen und an die Stelle gestellt worden, wo er jetzt steht. Zunächst war eine etwas schwächere Fassung vorgesehen, die nicht in dieser allgemeinen Weise die Forderung aussprach. Dann ist Kindersley noch vor der letzten Sitzung zu mir gekomen und hat gesagt, er müsse das noch hineinbringen; einmal sei es ein unbedingtes Erfordernis, daß wir selbst die Finanzen regelten, und dann würden, wenn es fehlen würde, die Franzosen mit Recht sagen können: der ganze Bericht geht gegen Frankreich, und davon, daß Deutschland etwas dazu tun soll, steht nichts drin.

18

Dieser Passus erscheint im Bericht des Anleihekomitees unter der Überschrift „Allgemeine Bemerkungen hinsichtlich der zukünftigen Möglichkeiten von Anleihen“ und lautet: „Eine wesentliche Bedingung einer auswärtigen Anleihe zu jeder Zeit besteht darin, daß die Öffentlichkeit unter dem Eindruck stehen muß, daß Deutschland selbst eine tatsächliche wesentliche Anstrengung unternimmt, seine öffentlichen Finanzen auf eine stabilisierte Grundlage zu stellen. Es ist von größter Bedeutung, daß durch die von Deutschland zu gebende technische Sicherheit und die Wiederherstellung seiner finanziellen Lage Deutschland klar seinen Wunsch zum Ausdruck bringt, seinen Verpflichtungen zu entsprechen, in der Hoffnung, daß es durch die Erfüllung dieser Verpflichtungen seinen Kredit wiederherstellen wird.“ (RT-Drucks. Nr. 4484 , S. 47, Bd. 374).

Die Sache ist bedeutsam, weil das Anleihekomitee sich unabhängig von der Reparationskommission auf diesen Boden stellt. Ich möchte das gleich im Zusammenhang mit der Forderung der Reparationskommission auf Einschränkung unserer schwebenden Schuld darlegen. Es ist ganz klar, daß wir nach unserem Schreiben vom 28. Mai, das auf Grund der Besprechungen mit Bradbury entstanden ist, in dieser Beziehung nur eine Verpflichtung übernommen haben, die schwebende Schuld einzuschränken für den Fall, daß eine Anleihe zustande kommt. Deshalb, weil diese Zusage nur ganz bedingt ist, hat die Reparationskommission in der Entscheidung vom 31. Mai sich vorbehalten, auf das Moratorium zurückzukommen, d. h. es eventuell aufzuheben, falls wir beim Nichtzustandekommen einer solchen Anleihe erklären würden, daß wir zur Einschränkung unserer schwebenden Schuld nichts tun wollten, daß wir also auch dann der Reparationskommission keine anders gearteten Vorschläge, die für die Reparationskommission befriedigend sind, machen wollten, daß wir die Dinge laufen ließen, wie sie bisher gelaufen sind. Für diesen Fall hat sich die Reparationskommission vorbehalten, das Moratorium eventuell wieder aufzuheben. Die Entscheidung aber darüber liegt in unserer Hand, denn erstens haben wir eine reasonable time, eine angemessene Zeit, innerhalb deren wir gewisse Maßnahmen treffen können und sollen, um unsere schwebende Schuld einzuschränken. Dieser Zeitpunkt ist in unserem eigenen Schreiben vom 28. Mai auf den 30. September festgestellt. Innerhalb dieser Zeit können wir meines Erachtens zunächst einmal abwarten, wie die Dinge sich entwickeln. Wir können und sollen während dieser Zeit natürlich gewisse vorbereitende Maßnahmen treffen, um, wenn möglich, die schwebende Schuld einzuschränken. Wir können während[865] dieser Zeit natürlich auch an die Reparationskommission herantreten um ihr andere Vorschläge zur Einschränkung unserer schwebenden Schuld zu machen, als die Maßnahmen, die im Schreiben vom 28. Mai bezeichnet sind. Erst dann, wenn wir an allen diesen Dingen verzweifeln, wenn wir sagen, wir können gar nichts tun, wenn die Frist des 30. September verstrichen ist, erst dann wird die Reparationskommission in die Lage kommen zu sagen, daß sie sich an die Gewährung des Moratoriums nicht mehr gebunden hält. Ich halte diese Gefahr, nachdem durch die letzte Entscheidung der Reparationskommission die Franzosen in eine hoffnungslose Minderheit gedrückt sind, für recht gering. Ich muß darauf noch gleich zurückkommen.

Nun aber: Die Erklärung des Anleihekomitees zeigt uns, daß die Forderung an uns, die Finanzen in Ordnung zu bringen, soweit es irgend in unseren Kräften steht, nicht nur eine Forderung der Reparationskommission, sondern eine Forderung der Allgemeinheit ist. Es ist ja auch klar, daß alle diese Mittel, abgesehen natürlich von dem letzten Mittel der Ausschreibung neuer Steuern, die in dem Schreiben vom 28. Mai versprochen worden sind, natürlich Mittel sind, die wir von uns aus selber tun müssen. Meiner Ansicht nach geht es auch nicht an, daß man sich mit dem Verkauf dreimonatiger Schatzwechsel hilft. Das ist ein Notbehelf, mit dem gebrochen werden muß, oder wir gehen zugrunde. Wenn überhaupt saniert werden muß, so ist das der Punkt, wo zuerst saniert werden muß. Wir sehen aus der Entscheidung des Anleihekomitees, daß diese Forderung, unsere Finanzen in Ordnung zu bringen, unsere schwebende Schuld einzuschränken, nicht eine Forderung ist, in die wir gewilligt haben, weil die Reparationskommission uns gewissermaßen die Pistole auf die Brust gesetzt hat, sondern das ist eine selbstverständliche Forderung, der wir nur im Fall der höheren Gewalt nicht nachkommen können, der wir aber im übrigen durchaus nachkommen müssen.

Deswegen – um das gleich vorwegzunehmen – würde ich es für gänzlich verkehrt halten, jetzt aufzutreten und der Reparationskommission zu erklären: Die Verpflichtung, die wir da übernommen haben in bezug auf die schwebende Schuld, fällt weg, jetzt tun wir gar nichts, wir sind an nichts gebunden. Das würde ich für einen Schritt halten, der sehr verderblich wäre, da er die günstigen politischen Wirkungen der letzten Entwicklung vollständig wieder beseitigen würde. Ich wiederhole, daß wir natürlich das Unmögliche nicht leisten können, daß wir die weitere Entwicklung abwarten können und sollen. Geht der Dollar sprungweise in die Höhe, wie er das gestern angefangen hat, und geht die Mark immer weiter hinunter, dann müssen wir einen andern Schritt tun. Ich sehe zu meiner Freude, daß Herr Helfferich in der „Deutschen Tageszeitung“ diesen Schritt schon angedeutet hat. Er macht einen Vorschlag, den ich für außerordentlich zweckmäßig halte, daß wir der Reparationskommission mitteilen sollen, daß wir über einen gewissen Dollarstand hinaus keine Devisen kaufen würden.

Reichskanzler Wir sprachen gestern schon darüber.

Minister Dr. Rathenau: Herr Helfferich hat das von uns.

Staatssekretär Bergmann: Das ist ja sehr erfreulich zu hören, daß die Vaterschaft wo anders ist. – Ich habe das auch schon in Besprechungen mit[866] Bradbury angedeutet, und niemand in der Reparationskommission verlangt von uns, daß wir uns durch den Verkauf von Devisen glatt ruinieren. Niemand wünscht, daß wir durch eigene Devisenkäufe den Dollar noch weiter hinauftreiben. Dieser Fall würde meines Erachtens schon vor dem 15. Juli eintreten können und müssen. Wenn der Dollar dauernd über 300 bleibt, so würde gar nichts darin zu finden sein, wenn man zunächst in Form einer mündlichen Mitteilung den Leuten sagte: Wir können keine Devisen kaufen, und wir wissen nicht, ob wir die Zahlungen noch leisten können.

Minister Giesberts: Es steht in den Zeitungen, daß für den 15. Juni und 15. Juli die Gelder schon bereitliegen.

Staatssekretär Bergmann: Das ist wohl nur eine französische Meldung.

Staatssekretär Dr. Hirsch: Stimmt aber leider!

Staatssekretär Bergmann: Davon ganz abgesehen, rein theoretisch gesprochen: Ich würde ganz bestimmt dafür sein, daß wir nicht eine einzige Goldmark kaufen, solange die Devisenentwicklung sich in dieser Richtung vollzieht. Das können wir der Reparationskommission mitteilen. Auch Bradbury ist sehr besorgt, ob wir die Zahlungen für dieses Jahr noch leisten können; er selbst ist der Meinung, daß wir es wahrscheinlich nicht können. Er sagte, daß sie uns zunächst einmal einen Betrag von 12 Millionen Goldmark, der aus dem Luxemburger Kohlenabkommen19 – woher er stammt, weiß ich nicht – kreditieren wollten auf die nächste Zahlung. Ich sagte ihm, das wäre nur ein Viertel dessen, was wir zu zahlen hätten; er meinte aber, das wäre gleichgültig, es wäre doch immerhin etwas. Woher das Geld gekommen ist, weiß ich nicht.

19

Im sog. Luxemburger Protokoll vom 25.12.1918 hatte sich die dt. Reg. schon während des Waffenstillstandes verpflichtet, die Eisenindustrie Lothringens mit Kohle und Koks zu beliefern (Bergmann, Reparationen, S. 46).

Bradbury meinte auch, wenn wir im nächsten Monat sagen würden, wir könnten nicht zahlen, dann würde die Reparationskommission bereit sein, uns einzelne Zahlungen zu stunden. Ich bin fest überzeugt, daß uns niemand pressen wird, die einzelnen Zahlungen zu leisten. Es handelt sich ja nur darum, die richtigen Formen in unseren Schritten zu finden. Die Stimmung haben wir für uns. Die Aera Poincaré, mit der wir uns herumzubalgen hatten, ist jetzt, glaube ich, zum größten Teil überwunden. Dies oder jenes mag noch kommen, der eigentliche Kampf ist aber ausgestanden, und zwar zu unseren Gunsten; denn während der Aera Poincaré, die leider die Verhandlungen von Cannes unterbrochen hat20, ist das eingetreten, was vorher niemals eingetreten war, daß sich Belgien ganz klar und scharf von Frankreich getrennt hat, auch Italien. Bei Italien ist das wahrscheinlich eine Frucht von Genua.

20

Während der Konferenz in Cannes vom 6. 1.–13.1.22 war Briand am 12. 1. zurückgetreten; am 15. 1. war dann das Kabinett Poincaré gebildet worden.

VizekanzlerBauer: Handelt Delacroix auch im Einvernehmen mit seiner Regierung?

Staatssekretär Bergmann: Durchaus. Daß er von seiner Regierung verleugnet wird, halte ich für vollkommen ausgeschlossen. Er handelt mit einer solchen[867] heiteren Seelenruhe, daß ich es für ganz unmöglich halte, daß er von seiner Regierung desavouiert wird. – Das ist also eingetreten, und ich kann mir nicht vorstellen, daß die Reparationskommission nun auf einmal, weil wir keine Anleihe bekommen haben und unsere Valuta sich ungünstig entwickelt, sagen wird: jetzt heben wir das Moratorium auf. Ich halte die Wahrscheinlichkeit einer Aufhebung des Moratoriums für gering. Das kann sich ändern, ich kann nicht prophezeien. Wie aber die Dinge liegen, glaube ich, daß wir die Entwicklung in dieser Beziehung ruhig abwarten können und uns vor allem nicht Sorge machen müssen, wie bringen wir die nächsten Zahlungen auf. Ich wiederhole aber, der Vorschlag, der sich auch bei Helfferich findet, wir kaufen bei einem bestimmten Kurse keine Devisen, darf nicht ausposaunt werden, darf nicht als Standpunkt der deutschen Regierung in die Presse kommen. Wenn wir das in die Presse bringen, wenn wir das der französischen Presse zu fressen geben, kann die Sache schlimm werden.

Reichskanzler Ich darf Ihnen danken, Herr Staatssekretär Bergmann. Ich darf jetzt die Sitzung auf ein oder zwei Minuten unterbrechen, da ich draußen eine wichtige politische Mitteilung entgegenzunehmen habe. Ich bitte die Herren, inzwischen ergänzende Fragen zu stellen. (Der Reichskanzler verläßt auf kurze Zeit die Sitzung und erscheint beim Schluß der Ausführungen des Ministers Rathenau wieder).

Staatssekretär Müller: Wir haben das Bemelmans- und das Gillet-Abkommen21. Aus Ihren letzten Erklärungen entnehme ich, daß unsere Lage sehr erschwert werden würde, wenn Reichsrat und Reichstag diese beiden Abkommen nicht annehmen würden.

21

Siehe Dok. Nr. 269, P. 1.

Staatssekretär Bergmann: Ich halte das für ganz selbstverständlich. Das Moratorium ist uns bis zum 31. Dezember gewährt. Da aber in dem Moratorium einige Resolutivbedingungen enthalten sind, besteht die Möglichkeit, es früher aufzuheben. Wenn das Bemelmans- und Gillet-Abkommen nicht angenommen wird, würde das Moratorium sicher hinfällig werden.

Minister Dr. Rathenau: Ich habe gestern schon in der Kabinettssitzung ausgesprochen, daß ich die Antwort des Anleihekomitees als den größten Fortschritt ansehe, der überhaupt seit dem Londoner Ultimatum in der Regierungspolitik entstanden ist22. Sie ist allerdings ein Fortschritt à longue vue, er wird sich nicht sofort auswirken und nicht in der Öffentlichkeit so anerkannt werden, wie er es verdient. Ich sehe tatsächlich in dieser Antwort den Bruch des Londoner Ultimatums und die tatsächliche Beurteilung der Zahlungsprinzipien als unmöglich. Ich nehme an, daß auch Sie der Auffassung sind, Herr Bergmann (Staatssekretär Bergmann stimmt zu). Nun bin ich der Meinung, was Herr Bergmann uns dargestellt hat, ist besonders wichtig in einem Punkt: Herr Bergmann sagt, und das ist auch meine Empfindung, daß in der gegenwärtigen Situation die Neigung, gegen uns schroff vorzugehen, wenn sich nicht[868] ein dringender Anlaß findet, sehr geringfügig ist. Habe ich Sie da richtig verstanden, Herr Bergmann?

22

Gemeint ist wohl die Chefbesprechung vom 12.6.22, in der sich Rathenau, Hermes und StS Hirsch als Hauptsprecher zum Bericht des Anleihekomitees an die Repko geäußert hatten (R 43 I/28, Bl. 533-535).

Staatssekretär Bergmann: Ja.

Minister Dr. Rathenau: Auf der anderen Seite dürfen wir nicht verkennen, und das hat Herr Bergmann auch schon hervorgehoben, daß durch das Scheitern der Anleiheverhandlungen im Augenblick für Deutschland eine sehr schwierige finanzielle Situation geschaffen ist, einerseits durch die Gefahr der Dollarsteigerung und andererseits durch die sehr schwierige Durchführung der Finanzreform in derjenigen Form, wie sie bisher von uns verlangt worden ist. Nun verstehe ich Herrn Bergmann dahin: wegen der Dollarsteigerung ist die Sache nicht so sehr schlimm, denn wenn der Moment herankommt, wo Devisen gekauft werden müssen, werden wir den Leuten sagen, unter diesen Umständen könnten wir keine Devisen kaufen; das machten wir ohne große Gefahr. Ich habe da gewisse Bedenken. Erstens hat Herr Hirsch schon darauf hingewiesen, was zutrifft, daß wir die Devisen haben, daß wir in den nächsten drei Monaten nicht zu kaufen haben.

Staatssekretär Hirsch: Nur für zwei Monate!

Minister Dr. Rathenau: Ich nehme an, für drei Monate; aber lassen wir es gut sein, jedenfalls für zwei Monate. Infolgedessen können wir den Dollar nicht stützen und kaufen, sondern wir müssen sogar umgekehrt verkaufen. Darüber muß hier gesprochen werden. Es ist unbedingt notwendig, hierüber zu sprechen, denn es muß etwas getan werden, um die wütende Phantasie im Dollar zu drücken. Wir können nicht nur sagen, der Dollar ist zu hoch. Wenn wir nichts tun, wird der Dollar nicht nur 320 stehen, sondern 460 und 540. Das können wir nicht ertragen. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist, daß wir auch in Verhandlungen eintreten müssen, weil durch die Tatsache der Dollarbewegung wir unsere Verpflichtungen, wie wir sie übernommen haben, sehr schwer durchführen können. Wir werden mit der Reparationskommission – die Garantiekommission kommt ja ohnedies hierher – eine andere Regelung vornehmen müssen. Ich habe gestern schon in der Kabinettssitzung es ausgesprochen, daß wir die Finanzreform unter allen Umständen machen müssen, nicht nur, weil sie gefordert wird, sondern auch, weil wir sie sowieso machen müssen23. Wir können nicht in der schroffsten Form sagen: das haben wir versprochen für den Fall des Zustandekommens der Anleihe; das haben wir nicht ernst gemeint, nun ist sie nicht zustande gekommen,[869] nun machen wir es trotzdem in derselben Form. Das ist unmöglich, denn dann würde es heißen, wir hätten nur geblufft. Wir kommen nicht darum herum, obgleich die Anleihe nicht zustande gekommen ist, denjenigen Gebrauch von unseren Vorschlägen zu machen, der es uns ermöglicht, unsere Finanzlage in Ordnung zu bringen. Ich spreche hier nicht von der öffentlichen Meinung. Wir müssen uns in irgend einer geeigneten Form, am besten mündlich, mit der Reparationskommission in Verbindung setzen und ihr sagen, nun wollen wir beraten, was geschehen muß. Selbstverständlich sind wir der Meinung, daß die Finanzreform nicht eine Sache ist, von der wir uns ohne weiteres losmachen und drücken, wenn auch der Wortlaut für uns spricht. Aber ihr werdet einsehen, das ist eine Bedingung, die ihr selbst gestellt habt; ihr habt selbst gesagt, daß, falls die Anleihe nicht zustande kommt, wenn andere Vereinbarungen zustande kommen, gebt ihr uns das Moratorium. Also ihr selbst habt den Fall ins Auge gefaßt, daß die Anleihe nicht zustande kommt. Ist es nicht so? (Zustimmung). Es wäre nicht richtig, wenn wir sagten: Anleihe oder nicht, das ist nebensächlich, wir erfüllen ebenso. Oder aber, wir sagen das nicht, sondern lassen nur die Veränderungen wirken in dem Augenblick, wo die Zahlungsverpflichtungen entstehen. Ich meine, es muß die Situation hergestellt werden, daß wir sagen können: Das ist alles im Vertrage vorgesehen. Ihr habt in eurer Antwort vom 31. Mai gesagt, entweder kommt die Anleihe oder, wenn die Anleihe nicht kommt, wären andere Vereinbarungen zu treffen. Wenn beides nicht geschieht, haben wir das Recht, das Moratorium aufzuheben. Die Anleihe ist nicht gekommen, nun beschreiten wir den andern Weg, nicht in dem Geist, alles umzustürzen, sondern in dem andern Geist, wir wollen die Finanzreform, aber sie muß auch möglich sein; wir wollen die Monatszahlungen möglichst in festgesetzter Höhe, aber wir können diesen Dollarstand nicht ertragen. Das ist meines Erachtens auch in geeigneter Form bekannt zu geben, denn unsere Öffentlichkeit würde es nicht verstehen, wenn das nicht geschieht. Die Öffentlichkeit fürchte ich gar nicht, aber ich fürchte die Reflexe auf dem Dollarmarkt, und diese Reflexe sind für uns sehr schlimm: Ein Dollarstand von 320 ist für uns nicht ertragbar. Der Dollar muß zurück auf 270 oder auf irgend einen Stand, den er vor fünf, sechs Wochen gehabt hat. Wenn er darüber hinweggeht, müssen wir Schritte tun. Dem Dollar wird aber die Phantasie in dem Augenblick genommen sein, wo man sieht, neue Verhandlungen sind im Gange.

23

Rathenau hatte in der in Anm. 22 gekennzeichneten Chefbesprechung vom 12. 6. laut Protokoll u. a. ausgeführt: „Das Wesentliche der Note des Anleihekomitees sei, daß wir als überbürdet hingestellt würden. Auch er sei der Ansicht, daß das Steigen des Dollars gestoppt werden müßte. Man könne Verhandlungen in der Richtung erwägen, daß in Zukunft statt der 50 Millionen monatlich geringere Zahlungen geleistet würden und daß das Stoppen der Inflation nicht sofort einzutreten habe. Dieses letztere halte Minister Hermes für automatisch eingetreten. Er, Rathenau, sei aber doch dafür, über diese Dinge mit der Reparationskommission offen zu sprechen. Man müsse damit rechnen, daß Bergmann hierüber anders denken werde, nämlich in der Richtung, daß wir uns an die Bedingungen halten müßten, obwohl die Anleihe vorläufig gescheitert sei. Er hoffe aber doch, daß Bergmann bereit sein werde, in dem von ihm gekennzeichneten Sinne mit der Reparationskommission zu sprechen.“ (R 43 I/28, Bl. 533-535, hier: Bl. 534f).

Ich möchte Herrn Bergmann fragen, ob er auch dieser Meinung ist, ob er dem zustimmt, was ich soeben skizziert habe, und ob er glaubt, daß es durchzuführen ist.

Staatssekretär Bergmann: Ja, das ist natürlich durchaus das Richtige, so habe ich mir die Sache auch gedacht. Es fragt sich nur, wann der Moment dazu gekommen ist. Dazu muß man auf die voraussichtliche Devisenentwicklung eingehen. Ohne prophezeien zu wollen, habe ich mir die Frage vorgelegt, wie sich der Dollarkurs entwickeln wird. Ich habe – um das vorwegzunehmen –, in der letzten Sitzung des Anleihekomitees in den allerschwärzesten Farben gemalt, von fabelhaften Kursen des Dollars gesprochen; das war, ehe die Entscheidung der Anleihekommission formuliert war. Wenn es einfach eine Vertagung gewesen wäre unter Berufung auf die politischen Schwierigkeiten und[870] auf die Unmöglichkeit, die Anleihe unterzubringen, hätte eine kolossale Bewegung entstehen müssen. Ich habe absichtlich schwarz aufgetragen. Das schadet nichts, das hat seinen Erfolg gehabt.

Nachdem nun die Entscheidung vorliegt, die doch wohl einen politischen Erfolg für uns darstellt, habe ich mich gefragt, wie sie auf unsere Devisenentwicklung wohl einwirken wird. Ich habe mir vor Augen gehalten, daß wir für die allernächste Zeit für Reparationen keine Devisen zu kaufen haben. Was Herr Hirsch gesagt hat, läßt annehmen, daß auch für die allernächsten Monate keine Schwierigkeiten entstehen werden. Ich habe mir ferner gesagt, daß doch gewisse Devisenvorräte im Auslande sind. Ich habe mir ferner vor Augen gehalten, daß das Zustandekommen des Moratoriums oder der Beginn der Anleiheverhandlungen einen irgendwie nachhaltigen Einfluß auf den Dollarkurs nicht gehabt haben. Ob nun der Dollarkurs 280 oder 290 oder 270 gewesen ist – er ist wohl nur einen Tag etwas unter 270 gewesen –, an sich hätte bei vernünftiger Einschätzung des Wertes des Moratoriums und der beginnenden Anleiheverhandlungen der Dollar meines Erachtens weiter zurückgehen müssen.

Ich meine, wir können hier offen reden, es gibt bei uns sehr viele Leute, die durchaus keinen Wert darauf legen, daß der Dollarkurs zurückgeht. Im Gegenteil, es gibt sehr viele Leute, die sich davor fürchten. Ich weiß nicht, inwieweit der Dollar während dieser Zeit gestützt worden ist. Ich weiß es nicht, aber ich kann mir vorstellen, daß die Spekulation, die ein Interesse daran hat, durchaus am Dollar festgehalten hat. Ich will es nicht anders kritisieren. Das natürlich – das muß ich als Bankier beurteilen können – stützt die Lage des Markkurses ganz ungemein. Wenn dieses System fortgesetzt wird, daß der Dollar beim Sinken gestützt wird, kommen wir zu einer Lage, die man in Amerika als „oversold“ bezeichnet, daß die Mark überverkauft ist. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß ein sehr großer legitimer Bedarf für Devisen besteht. Es mag sein, daß ein gewisser Bedarf an Devisen einstweilen zurückgehalten worden ist, daß die Devisen den jetzigen Sprung gemacht haben, weil man sich etwas plötzlich wieder eingedeckt hat, aber das muß vorübergehen.

Nun habe ich von Herrn Rathenau zu meiner großen Freude gehört, daß wir eine Stützungsaktion für die Mark vornehmen müssen. Ich würde gar nichts dagegen haben, den gesamten Monatsbetrag für die Zahlungen an die Reparationskommission unter vorheriger Mitteilung – man muß mit den Leuten vorher sprechen – oder aber einen Teil der Monatszahlungen, etwa 20 Millionen, ohne der Reparationskommission etwas zu sagen, zur Stützung der Mark zu verwenden. Es ist unser gutes Recht, den Dollar nicht zu weit hinaufgehen zu lassen. Das, meine ich, könnten wir ruhig ins Auge fassen. Im allgemeinen bin ich der Ansicht, daß die natürliche Marklage nicht so sein kann, daß der Dollar von sich aus katastrophal in die Höhe gehen muß.

Minister Dr. Rathenau: Doch!

Staatssekretär Bergmann: Ich sehe den Bedarf nicht.

Minister Dr. Rathenau: Der Markt ist zu klein.

Staatssekretär Bergmann: Das mag sein, aber der Bedarf ist auch nicht so groß.

[871] Minister Dr. Rathenau: Es ist ein kleiner Markt, bei dem jedes Anziehen der Strippe ihn sofort in die Höhe gehen läßt, weil keine Käufer für Mark da sind, wohl aber für Dollar. Wir müssen immer damit rechnen, daß der Markt so eng ist, daß er katastrophal werden kann.

Staatssekretär Bergmann: Ich glaube, daß, wenn man sich mit geeigneten Kreisen in New York in Verbindung setzen würde, man wohl eine recht nette Bewegung, auch von Dauer, unter den jetzigen günstigen außenpolitischen Umständen hervorbringen könnte. Die Käufer von Mark sind natürlich etwas schüchtern und zaghaft geworden, sie sind aber da. Sie kommen an dem zweiten Tage, wo wir günstige Devisen haben, heraus. Die Leute wollen etwas von ihrem Geld wiedersehen. Sie kaufen, vielleicht törichterweise – im vorigen Herbst in New York habe ich das selbst erlebt24. Wir haben die Leute enttäuscht, indem wir den Dollar nicht weiter haben heruntergehen lassen. Man kann über die taktischen Fragen verschiedener Meinung sein. Ich glaube, daß eine Stützung der Mark in Verbindung mit New York nicht unmöglich ist. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, daß ich an sich keinen natürlichen Grund sehe, warum wir unsere Devisenlage als verzweifelt ansehen müßten.

24

Bergmann hatte sich, nachdem er am 31.8.21 aus seiner offiziellen Tätigkeit als Vertreter der dt. Reg. bei der Repko ausgeschieden war, als Geschäftsmann in den Vereinigten Staaten aufgehalten (siehe Bergmann, Reparationen, S. 135 ff.).

Nun die Frage der Verhandlungen mit der Reparationskommission. Das eine, wir kaufen kein Gold mehr, wenn der Dollar über, sagen wir, 300 steht, das können wir der Reparationskommission mitteilen. Ich würde aber nicht gerade deswegen eine besondere Expedition nach Paris schicken, sondern das bei Gelegenheit mitteilen, am besten vielleicht bei Anwesenheit der Garantiekommission. Ich würde auch die Sache nicht gerade mit den Franzosen besprechen, sondern mit Bemelmans, mit Cook oder mit einem der anderen Herren.

Was die Frage betrifft, wie wir die Reform unserer Finanzen durchführen, so weiß ich nicht, ob wir es schon jetzt in diesem Augenblick, in dieser Woche, oder in der nächsten Woche, der Reparationskommission sagen sollen; so, wie ihr es euch gedacht habt, geht es nicht; die Bedingung der Anleihe ist weggefallen. Ich möchte da raten, etwas Geduld zu haben und zuzusehen, wie sich die Dinge in den nächsten Tagen entwickeln. Auch diese Sache könnte man mit der Garantiekommission hier besprechen. Das ist vollkommen klar. Da hat Herr Rathenau vollkommen Recht – wir haben nur bedingt zugesagt, wir brauchen das in der Form natürlich nicht zu halten. Aber ich frage mich, was für andere Vorschläge wir machen sollen. Das ist klar, daß wir meines Erachtens die Steuern nicht bringen können, aber wir müssen die anderen Mittel, die vorgesehen sind, ausschöpfen. Das ist natürlich besonders die etwaige Anleihemöglichkeit in irgend einer Form; etwas anderes steht auch nicht in der Antwort vom 31. Mai. Dann kommen die anderen Kreditmöglichkeiten, die Zwangsanleihe usw., und das letzte Mittel sind die Steuern. Die Steuern werden wir nicht bringen können, aber welches andere Programm sollen wir der Reparationskommission bringen? Wir haben nur noch die Möglichkeit, diesen oder jenen Anleiheweg zu versuchen. Da können wir eine ganze Anzahl von Möglichkeiten[872] noch ausschöpfen. Das müßte besprochen werden. Wenn wir ein gewisses Anleiheprogramm ausgearbeitet haben, und das können wir in aller Beschleunigung machen, hat es einen Zweck zur Reparationskommission zu gehen, aber nicht jetzt sogleich. Ich würde nicht sogleich hingehen und sagen, die Zeiten haben sich geändert, wir wollen dies und jenes machen. Niemand kann von uns verlangen, daß wir, nachdem am 31. Mai die Zusage gemacht worden ist, am 15. Juni wieder kommen. Das erwartet kein Mensch von uns.

In welcher Weise wir die ganze Sache der Öffentlichkeit gegenüber darstellen, um den Pessimismus, der bei uns besteht, herunterzudrücken, das kann ich im Augenblick nicht sagen. Ich kann da keinen guten Rat geben. Aber ich muß gestehen, ich finde mich in Deutschland nicht mehr zurecht. Solange die Anleiheverhandlungen bestehen, solange sagen wir: jetzt kommt die furchtbare Gefahr der Entwertung des Dollars, jetzt kommen schlechte Zeiten. Ist die Anleihe – Gott sei Dank! – beseitigt, dann heißt es: jetzt gehen wir schrecklichen Zeiten entgegen, weil keine Anleihe zustande gekommen ist. Ich glaube, der Pessimismus scheint so eingewurzelt zu sein.

VizekanzlerBauer: Gewisse Kreise wollen erst recht tüchtig verdienen!

Reichskanzler Wir brauchen uns von diesem Pessimismus nicht leiten zu lassen. Nur tapfer weiter gemacht!

Staatssekretär Bergmann: Ich bin fertig. Im Augenblick würde ich nicht zur Reparationskommission gehen. Wir sollten uns das überlegen. Wir sollten bei Anwesenheit der Garantiekommission, die in der nächsten oder übernächsten Woche erscheinen wird – die Leute haben keine große Eile –, vorsichtig beim Frühstück oder beim Abendbrot, die Frage anschneiden. Die Stimmung ist wirklich anders geworden. Manches, was wir vor kurzer Zeit noch nicht vorschlagen konnten, können wir heute vorschlagen. Wir haben wirklich eine andere Stimmung, die Stimmung ist gänzlich verschieden gegen früher.

Staatssekretär Hirsch: Ich glaube, es wird sehr nützlich sein, sich über die Frage des Dollarkurses ganz besonders im kleinsten Kreise zu unterhalten, weil über die Einschätzung der Markgrößen sehr verschiedene Meinungen bestehen, auch hinsichtlich der Möglichkeit der Steigerung des Kurses. Wenn ich auch jeden darauf hinzielenden Schritt unterstütze, so glaube ich doch, es wird nützlich sein, daß man sich, ehe man Schritte unternimmt, klar wird über das, was die andere Seite will. Wir sind in der unglücklichen Lage, daß die andere Seite über unsere Bestände, wie über unsere Beschaffungsmöglichkeiten ganz genau Bescheid weiß. Ich darf über die Bestände einige Mitteilungen machen, wenn der Herr Reichskanzler es gestattet; ich habe mir gestern die Zahlen zusammengestellt.

Ich bitte die Zahlen in das Stenogramm aufzunehmen. Ich habe sie mir von der Devisenbeschaffungsstelle besorgt. Vielleicht sehen Sie (zu Staatssekretär Schroeder) sie zu Hause einmal nach; ich gebe nur an, was mir die Devisenbeschaffungsstelle mitgeteilt hat. Danach hat das Finanzministerium augenblicklich für die nächsten Zahlungen 107 Millionen. Die Devisenbeschaffungsstelle hat zur Zeit nicht viel, aber immerhin 6 Millionen und 38 Millionen Termindevisen. Die Reichsbank hat zwischen 100 und 150 Millionen Gold über ihre abgedeckten Verpflichtungen hinaus, auch über ihre Verpflichtungen der Lombardierung[873] hinaus. Hiervon sind wahrscheinlich sofort disponibel 70 bis 75 Millionen. Insgesamt sind also verfügbar zwischen 150 und 200 Millionen Goldmark, je nachdem man die Verfügbarkeit der Devisen einschätzt. Weggegangen sind in der vorigen Woche drei bis vier Millionen, und in den letzten Tagen sind 5 bis 6 Millionen von der Reichsbank herausgegeben. (Geheimrat Kempner: Gestern 500 Millionen Papier.) – Das wären also sechseinhalb Millionen Gold. Ferner ist damit zu rechnen, daß ständig weitere Beträge eingehen. Wir haben die Zwangsbeschlagnahme der Devisen, und diese Eingänge kommen stetig in die Reichsbank herein.

Vielleicht ist es richtiger, zunächst einmal den Bedarf anzugeben. Für den Juni haben wir folgenden Bedarf. Für Reparationen 50 Millionen, für Clearing 37 Millionen, für Getreide 25 Millionen und für den sonstigen Bedarf 15 bis 16 Millionen. Das macht eine Gesamtsumme zwischen 117 und 118[?] Millionen für den Juni. Für den Juli sind die Zahlungen: Reparationen 50 Millionen, Clearing 37 Millionen, Getreide 75 Millionen, was reichlich gerechnet ist, Sonstiges 12 Millionen, zusammen 174 Millionen. August im Ganzen 168 Millionen reichlich gerechnet, für den September 165 Millionen ohne amtliche Käufe, für den Oktober, wenn die Umlage und die amtlichen Käufe beibehalten bleiben, 125 Millionen; würde alles auf Privatkäufe gestellt, so werden es etwa 30 Millionen weniger. Im November sind es 138 Millionen und im Dezember etwa 150 Millionen. Das ist alles, war wir zu leisten haben.

Demgegenüber stehen die tatsächlichen Eingänge, die ich vielleicht etwas genauer angeben darf

Januar

Devisen-Besch.

111,

Reichsbank

93,

zusammen

204 Mill.

Februar

Devisen-Besch.

62,9,

Reichsbank

67,

zusammen

130 Mill.

März

Devisen-Besch.

88,6,

Reichsbank

80,

zusammen

169 Mill.

April

Devisen-Besch.

100,

Reichsbank

85,

zusammen

185 Mill.

Mai

Devisen-Besch.

81,

Reichsbank

107,

zusammen

188 Mill.

Die Käufe der letzten Monate haben etwa den Bedarf gedeckt, so, wie sie gekommen sind. Ich glaube, daß das mit Ihren (zu Staatssekretär Schroeder) Beobachtungen übereinstimmt; Beschlagnahme wie freier Kauf haben den Bedarf gedeckt. Natürlich hat die Wirtschaft für die beschlagnahmten Beträge, die wir ihr wegnehmen, freie Mark verkauft und auf diese Weise die Veränderung des Kurses herbeigeführt.

Immerhin sind wir in der ungünstigen Lage, daß die eine Hälfte der Zahlungen, die wir hier nennen, zwangsmäßig eingeht. Hier können wir nicht sagen, wir nehmen sie nicht mehr an, wenn sie über 300 für den Dollar stehen. Wir haben die Vorschrift gemacht, daß sie abgegeben werden müssen.

Reichskanzler Man kann sie wieder abstoßen!

Staatssekretär Hirsch: Ich gebe nur das an, wovon die Reparationskommission weiß, daß es hereinkommt. Ich bin mir völlig klar darüber, daß wir im Falle eines Sturzes der Mark weder im freien Verkehr, noch auf dem Zwangswege diese Beträge hereinbekommen; sie werden weniger, einmal, weil sich die Summe vermindert, sodann, weil die Ablieferungen geringer werden. Es[874] wird auf jede Weise gehamstert, die Wirtschaft nimmt in sich auf, was sie kann.

Es ist eine große Unsicherheit, was man braucht oder nicht. Gewiß ist es ganz richtig, die Entente weiß die ganzen Zahlen, sie weiß alles. Die Meldung aus Paris ist richtig. Für die nächsten zwei Monate ist die Deckung da – ich bitte mich zu berichtigen, wenn das nicht stimmen sollte – vorausgesetzt, daß keine Mittel für die Kurssicherung verwandt werden. Ich bin der Meinung, daß die Kurssicherung sehr ungünstig laufen wird und laufen muß, weil das Neigungsmoment eine große Rolle spielt; die Wirtschaft deckt sich ein, der Bedarf ist nicht groß, das Angebot ist aber auch nicht groß. Man muß bedenken, daß ein Teil in den Firmen selbst verbraucht wird, in sich. Der Markt ist klein und wird durch die Wegnahme der 25% auf die Hälfte verkleinert. Wenn das so bleibt, ist der Rest sehr stark beansprucht, und das Zerren an diesem Rest ist außerordentlich. Das ist gestern schon ausgeführt, daß die innere Preisentwicklung ein Tempo angenommen hat, das geradezu unerträglich ist. Während früher die äußere Entwertung der inneren Entwertung vorauszueilen pflegte, ist es jetzt umgekehrt.

Reichskanzler Genau wie in Österreich!

Staatssekretär Hirsch: Im Rheinland ist schon ein österreichischer Zustand eingetreten. Sobald eine Besserung in der Mark eintritt, übersteigt die innere Entwertung die äußere Entwertung. Dadurch entsteht bei uns eine innere Spannung, deren Gefahr man nicht hoch genug einschätzen kann. Die Teuerungsgefahr ist besonderes in Rheinland-Westfalen unerträglich.

Die Frage, ob wir nicht kaufen wollen: Die 25% müssen wir abnehmen. Es kann nur die Frage sein, ob man an den Markt wieder etwas zur Beruhigung des Marktes abgibt. Das ist dadurch erschwert, daß die Reichsbank jetzt völlig autonom ist in dem, was sie tun will.

Reichskanzler Wir haben im Anschluß an diese Besprechung eine Besprechung mit Herrn Havenstein25, und ich nehme an, die Herren werden sehen, daß die Verhandlungen genau so geführt werden, wie vor der Verabschiedung des Autonomiegesetzes.

25

Siehe Dok. Nr. 292.

Staatssekretär Hirsch: Der Vorschlag, den Dollarkauf auf einen besonderen Kurs zu beschränken, ist schon verschiedentlich gemacht worden. Der Herr Reichskanzler hat persönlich drüben den Vorschlag gemacht. Herr Rathenau wird sich erinnern, daß Lasteyrie darüber gesprochen hat. Er sagte zunächst, das entspreche mehr unseren Interessen, als ihren, ist dann aber etwas unsicher geworden. Die Frage, wie weit man damit kommt, ist deshalb schwierig, weil die Gegenseite sagt: ihr verderbt den Kurs selber; wenn irgend ein Kurs festgesetzt wird, habt ihr es in der Hand, gar nichts zu zahlen. Ich möchte aber darauf hinweisen, daß die früheren Verhandlungen von der Entente zunächst abgelehnt, dann aber wieder aufgegriffen worden sind.

Dann die Frage einer etwaigen inneren Valutaanleihe. Ich halte die innerpolitische Situation für sehr gefährlich, namentlich wenn dazu, wie mit[875] Sicherheit zu erwarten ist, eine Verschlechterung des Arbeitsmarktes eintritt. Die innere Verschlechterung hat eine Erschwerung der Konkurrenzfähigkeit zur Folge. Es handelt sich um eine Entwicklung, die zum Herbst und Winter außerordentlich gefährlich werden kann, wenn man sich nicht zu Gegenmaßnahmen entschließt.

Staatssekretär Schroeder: Ich stimme Herrn Hirsch im allgemeinen zu. Nur kann ich nicht so optimistisch sein anzunehmen, daß für Juni und Juli alles schon vorhanden ist. Es wird wohl alles hereinkommen, aber das Vorhandene beträgt 150 bis 200 Millionen und der Bedarf fast 300 Millionen. Es muß also ziemlich stark hereinkommen. Dann ist es mir sehr zweifelhaft, ob man mit den Beständen der Reichsbank für alle diese Bedürfnisse wird als disponibel rechnen können. Da stecken noch offene Fragen. Ich habe mich sofort mit der Reichsbank in Verbindung gesetzt. Gestern hat die Reichsbank schon zu Zahlungen 6 Millionen Gold aufgewendet, um in den Markt zu gehen. Heute wird die Frage in dem Devisenbeirat besprochen. Ich stimme durchaus Herrn Hirsch zu, daß wir zunächst im kleinen Kreise besprechen sollen, was zu tun ist, und ich möchte das ausdehnen auf die Frage, was an Kabinettsbeschlüssen zur Unterstützung dieser Angelegenheit und zur Stellungnahme zu der Entscheidung vom 31. Mai noch getan werden muß. Ich möchte mir den Vorschlag erlauben, Herr Reichskanzler, daß der Herr Reichsfinanzminister beauftragt wird, mit besonderen Vorschlägen zu kommen. Ich glaube nicht, daß wir in die Einzelerörterung eintreten sollten, wir sollten das zunächst vorberaten.

Staatssekretär Hirsch: Ich lege großen Wert darauf zu unterstreichen, daß zwischen den Ausführungen des Herrn Schroeder und den meinigen kein sachlicher Unterschied besteht. Die Zahlen, die ich hier angebe, habe ich von der Reichsbank bekommen, und ich habe gesagt, daß wahrscheinlich nur die Hälfte dessen, was die Reichsbank besitzt, disponibel sein wird. Richtig ist, daß der Gesamtmonatsbedarf noch nicht gedeckt ist, wohl aber der Gesamtbedarf der Reparationszahlungen. Es ist aber sicher, daß in den nächsten zwei Monaten noch einiges hereinkommt, was den Bedarf decken wird. Ich möchte keine Meinung aufkommen lassen, daß ich in der Schätzung etwas zu weit gegangen bin. Ich bitte das nachzuprüfen, ich glaube, daß die Zahlen an sich richtig sind.

Im übrigen möchte ich noch einmal unterstreichen, daß die Dinge sehr kompliziert sind. Man muß sich auch die politische Seite der Sache vor Augen halten. Weite Kreise sind der Meinung, die von Stinnes vertreten wird, daß eine fixierte Mark ein nationales Unglück sei; Bücher auch. Das ist nicht eine Einzelmeinung. Diese Meinung ist merkwürdigerweise in der Industrie und auch in einigen Kreisen der Landwirtschaft, selbst bei so besonnenen Beurteilern wie Batocki, verbreitet; sie geht von der irrigen Auffassung aus, daß eine fallende Valuta eine Erleichterung des Exports sein muß.

Reichskanzler Die Besprechungen der Ressorts in allen Ehren; gewiß können die Herren die Sache vorbereiten. Aber diese Sonderbesprechung kann nicht allzu lange andauern. Wir müssen zu bestimmten politischen Entschlüssen kommen. Das ist notwendig auch der deutschen Öffentlichkeit gegenüber. Die ganze Presse wird unruhig. Sie sehen, wie Helfferich in das große Horn bläst. In den Mittelparteien, im Zentrum und der Demokratie, besteht äußerste Unruhe, und[876] auf der linken Seite kommen zunächst die großen Hilferufe aus dem Lande zum Ausdruck. Herr Hirsch hat mir gesagt, daß in Rheinland-Westfalen unter der arbeitenden Bevölkerung und dem Mittelstande wegen des ungeheuren Anwachsens der Preise, die tatsächlich den Weltmarktpreis übersteigen, geradezu Panik herrscht; was im Lande produziert wird, eilt weit voraus, weil niemand da hineingehen will. Wir müssen in verhältnismäßig wenigen Stunden in der Lage sein, eine gewisse Regierungserklärung, wenn auch nur intra muros, abzugeben, damit eine Richtung unserer Politik erkennbar ist.

Grundsätzlich stimme ich Herrn Bergmann hinsichtlich unserer politischen Haltung zu. Wir werden uns hüten zu sagen, wir tun nichts nach innen, und ebenso werden wir uns hüten zu sagen, wir tun nichts nach außen. Ebenso notwendig ist aber auch die alsbaldige Einleitung von Verhandlungen mit der Reparationskommission. Auf ein paar Tage kommt es nicht an. Soeben finden in England die Besprechungen mit Poincaré statt, und ich glaube, dann wird der Zeitpunkt nicht fern sein, wo Herr Staatssekretär Bergmann in Paris gewisse Besprechungen aufnehmen muß. Ob wir wegen der Devisen Besprechungen mit der Reichsbank eintreten lassen, ob wir insbesondere sagen können, es wird nicht mehr gekauft, kann mit der Reichsbank vorbereitet werden, kann auch unter den Ressorts besprochen werden; ich möchte nur bitten: ehe etwas hinausgeht, bevor die Sache politischen Charakter annimmt, muß sie hier besprochen werden. Ehe Entschlüsse in die Praxis umgesetzt werden, müssen sie hier, sei es in einer Chefbesprechung, sei es in einer Kabinettssitzung, besprochen werden. Jetzt sind alle Gruppen auf das äußerste interessiert, die Richtung des Kabinetts kennenzulernen. Sonst sind wir glatt verloren.

Ich meine, wir müßten heute noch den Reichsbankpräsidenten Havenstein hören.

Staatssekretär Schroeder: Könnte nicht zwischen 5 und 6 Uhr eine Kabinettssitzung einberufen werden? Ich glaube, bis dahin könnten wir unsere Vorschläge vorlegen.

Reichskanzler Um 5 Uhr ist Kabinettssitzung über die Notlage der Presse. Im Anschluß daran könnte die Beratung fortgesetzt werden. Ich würde glauben, um 6 Uhr kann man Herrn Havenstein dazu bestellen.

Dann würden wir jetzt abbrechen.

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