2.178 (cun1p): Nr. 178 Reichskanzler Cuno an Reichsfinanzminister Hermes. 2. Juni 1923

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Das Kabinett Cuno Wilhelm Cuno Bild 183-1982-0092-007Französischer Posten Bild 183-R43432Posten an der Grenze des besetzten Gebietes Bild 102-09903Käuferschlange vor Lebensmittelgeschäft Bild 146-1971-109-42

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Text

RTF

[540] Nr. 178
Reichskanzler Cuno an Reichsfinanzminister Hermes. 2. Juni 1923

R 43 I/933, Bl. 163-164 Entwurf1

[Betrifft: Gerüchte über Regierungssturz]

Sehr geehrter Herr Kollege!

In Ihrem Briefe vom 31. Mai2 weisen Sie mit begreiflicher Schärfe das Gerücht zurück, daß Sie im Verein mit der Sozialdemokratie einen Vorstoß gegen das Kabinett planten und mit deren Hilfe eine Erhöhung der deutschen Jahreszahlungen durchsetzen wollten. Ich brauche Sie nicht zu versichern, daß es nach unserer telefonischen Aussprache dieser Erklärung für mich nicht bedurfte. Ich habe auch nicht etwa deshalb dieses Gerücht sofort zu Ihrer Kenntnis gebracht, als ob mir persönlich eine sachliche Erklärung Ihrerseits hierzu notwendig gewesen wäre, sondern ausschließlich deshalb, weil ich es für ein Gebot der Loyalität hielt, Sie von derartigem Gerede in Kenntnis zu setzen, sobald es an mich herangetreten war3. Wie ich Ihnen sagte, kam es aus Kreisen der Presse, und zwar von einem zuverlässigen Gewährsmann unter Berufung auf Mitteilungen aus Bankkreisen. Ich habe bei diesem Gewährsmann den Versuch machen lassen, seine Quelle zu ermitteln; leider war dieser Versuch vergeblich,[541] da der Gewährsmann auf diese Frage nach allgemeiner Standessitte schweigen zu müssen erklärte4.

Was die Sache selbst anlangt, so stand auch mir es von Anfang an fest, daß die Markstützung nicht auf die Dauer aus sich heraus aufrechterhalten werden könne. Ihren seit Ostern wiederholt an mich gekommenen Darlegungen, daß die Markstützung zeitlich nicht mehr sehr lange unverändert zu halten sei, habe ich mich deshalb auch nie verschlossen, zumal nachdem der Mißerfolg der Dollaranleihe eingetreten war, den Exzellenz Havenstein als Wendepunkt bezeichnete5. Tatsächlich ist nach meiner genauen Kenntnis der außenpolitischen Zusammenhänge und Vorgänge in der ganzen Zeit nichts versäumt worden, um so rasch als möglich in eine nicht aussichtslose Fühlung mit der Gegenseite zu kommen und damit auch die Währungslage zu erleichtern. Ich kann nur auf das dringendste bitten, nun, da wir unmittelbar vor dem neuen Schritte stehen, alles daran zu setzen, um für diese Zeit den vollen Zusammenbruch unserer Mark abzuwehren, der gerade in diesen Tagen ein schweres außen- und innenpolitisches Unglück sein würde6.

Mit vorzüglicher Hochachtung bin ich Ihr ergebener

C[uno]

Fußnoten

1

Der Entwurf ist an einer Stelle von StS Hamm handschriftlich verbessert worden, abgesandt am 4. 6.

2

Abgedruckt als Dok. Nr. 175.

3

Hermes erklärt dazu dem RK in seinem Antwortschreiben vom 6. 6., „daß die Form Ihres damaligen telefonischen Anrufs und Ihr Verlangen nach Aufklärung in mir den Eindruck hervorrufen mußten, als ob Sie dem Gerücht Glauben schenkten. Ich darf nunmehr aus Ihrem Schreiben feststellen, daß auch Sie dieses Gerücht von Anfang an für ein Gerede gehalten haben.“ (R 43 I/933, Bl. 165-166).

4

Darauf erwidert Hermes am 6. 6.: „Im übrigen kann ich mich nicht damit abfinden, daß Ihr Gewährsmann sich hinter eine allgemeine Standessitte zurückzieht, um das Verschweigen seiner Quelle zu begründen. Ich kann dies um so weniger, als Sie den Gewährsmann als zuverlässig bezeichnen und seine Mitteilungen aus Bankkreisen stammen sollen. Ich stehe seit Übernahme des Amtes des RFM in enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der Bankwelt und kann mir nicht vorstellen, daß dort von irgendeiner ernsten Seite eine derartige ebenso ungeheuerliche wie törichte Verdächtigung ausgesprochen worden ist. Ich muß daher meine Bitte erneut wiederholen, Ihren Gewährsmann um die Nennung seiner Quelle zu ersuchen.“ (R 43 I/933, Bl. 165-166). Der RK hält in seinem Antwortschreiben vom 14. 6. daran fest, daß es „nach den allgemeinen Gepflogenheiten der Presse“ unmöglich sein dürfte, den Gewährsmann zu einer näheren Aufklärung zu bestimmen. Im übrigen betrachte er die Angelegenheit als zwischen ihnen voll aufgeklärt und erledigt (R 43 I/933, Bl. 168).

5

Zum Mißerfolg der Dollarschatzanleihe s. Anm. 2 zu Dok. Nr. 128.

6

Dazu schreibt Hermes am 6. 6.: „Unsere gesamte Lage ist so ungeheuer ernst geworden, daß ich nicht umhin kann, als meine Überzeugung auszusprechen, daß der volle Zusammenbruch unserer Mark bereits erfolgt ist, nachdem in den letzten Tagen selbst die polnische Mark und sogar die österreichische Krone auf den internationalen Geldmärkten höher bewertet wurden als unsere Mark. Ich erblicke gerade hierin das schwerste außen- und innenpolitische Unglück, das uns treffen konnte. Soweit unsere schwachen Kräfte noch reichen, werde ich selbstverständlich vom Standpunkte meines Ressorts alles daran setzen, um eine noch weitere Zuspitzung unserer Währungslage hintanzuhalten. Ich darf aber hierbei nochmals erwähnen, daß unsere hierfür verfügbaren Mittel sehr gering sind. Ein wirklicher währungspolitischer Erfolg ist nur auf der Grundlage einer nachhaltigen Besserung unserer außenpolitischen Lage zu erwarten.“ (R 43 I/933, Bl. 165-166). Cuno stimmt dem RFM in seinem Schreiben vom 14. 6. darin zu, „daß ein wirklicher währungspolitischer Erfolg nur auf der Grundlage einer Besserung unserer außenpolitischen Lage zu erwarten ist, daß aber nichtsdestoweniger, soweit unsere schwachen Kräfte reichen, alles daran zu setzen ist, um noch eine weitere Zuspitzung unserer Währungslage hintanzuhalten. Ich möchte nicht schließen, ohne der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß im geeigneten psychologischen Augenblick doch auch noch – sei es auch vor einer grundlegenden und bleibenden Bereinigung unserer außenpolitischen Nöte – eine Besserung der Mark gegenüber dem jetzigen Stande vereinten Bemühungen gelingen möge, dies um so mehr, als der augenblickliche Stand des Dollars von 100 000 in der Beurteilung, die unser letzter Schritt bei den hauptsächlichsten Mächten gefunden hat, wohl keine Grundlage findet.“ (R 43 I/933, Bl. 168).

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