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Zulassungskarten deutscher Filmprüfstellen 1908-1945

Zensurkarte zu

Zensurkarte zu "M" - Vorderseite

Quelle: Bundesarchiv

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Die heute im Bundesarchiv-Filmarchiv überlieferten mehr als 40.000 Zulassungskarten sind ein einmaliger historischer Bestand.

Er setzt sich zusammen aus:

  • ca. 2.250 Erlaubniskarten des Polizeipräsidenten von Berlin (1908-1920), die durch einen Nachlassankauf von Unterlagen der Filmverleihfirma Ariel Schimmel 1978 ins Staatliche Filmarchiv der DDR gekommen sind.
  • ca. 12.000 Zulassungskarten der Filmprüfstellen Berlin und München, welche in den 50er Jahren an das Staatliche Filmarchiv der DDR übergeben wurden und aus den Beständen des Reichsfilmarchivs stammen.
  • ca. 25.000 Zulassungskarten, die das Staatliche Filmarchiv der DDR 1990 vom Staatlichen Filmarchiv der UdSSR (Gosfilmofond) in Restituierung beschlagnahmter Kriegsbeute erhielt.
  • einem kleineren Zulassungskartenbestand aus dem Bundesarchiv in Koblenz. Diese Sammlung entstand im Laufe der Jahre aus dem Erwerb von Unterlagen von Produktionsfirmen und Privatpersonen. Der größte Anteil fand sich bei Filmübernahmen in den Filmbüchsen.
  • einigen Zulassungskarten, die in den letzten Jahren durch Erwerb, Tausch, Schenkung und aus anderen Übernahmen ins Archiv kamen.

Erschließung und Benutzung  

Der Bestand ist auf Mikrofiche in der Bibliothek des Bundesarchiv-Filmarchivs zugänglich.
Die Zulassungskarten sind mittels einer Access-Anwendung inventarisiert und recherchierbar, die auf dem PC im Lesesaal der Bibliothek des Filmarchivs eingesehen werden kann. Sie beschränkt sich darauf, die Existenz einer Zulassungskarte nachzuweisen. Verzeichnet wurden daher nur der Filmtitel, die Prüfnummer der Zulassungskarte, der Zulassungsort, das Datum der Filmprüfung (erstes Zulassungsdatum auf der Karte), die Herkunft der Zulassungskarte (Moskau, Berlin/Potsdam, Koblenz), die Filmart (Spielfilm, Dokumentarfilm, Werbefilm, Zeichentrickfilm) und die Nummer des Microfiche.
Weitere kleinere Bestände befinden sich im Filmmuseum Berlin - Stiftung Deutsche Kinemathek, im Deutschen Filminstitut (DIF) Frankfurt/Main, in der Universität zu Köln, Institut für Theater, Film- und Fernsehwissenschaft und im Filmmuseum München. Sie sind inzwischen ebenfalls in der Datenbank mit ihrem Standortnachweis erfaßt.

Bedeutung für Filmwissenschaft und Filmarchive  

Oft sind Zensurkarten die einzigen Quellen zu unvollständig erhaltenen oder gar verschollenen Filmen.
Wer heute im Rahmen der Erschließung und Restaurierung von Filmen feststellen möchte, wie weit eine vorliegende Kopie öffentlich zugelassenen Fassungen entspricht, wird in jedem Fall auf Zensurkarten zurückgreifen müssen. Für die Überlieferungsgeschichte sind sie daher ein unersetzliches Dokument. Hilfreich ist zunächst die aus der Zulassungskarte ersichtliche Länge des Films. Sie ist Maßstab dafür, wie signifikant die Abweichungen bei der jeweils vorliegenden Fassung im Archiv sind. Zensurkarten enthalten als einzige Quelle auch die Zwischentitel eines Stummfilmes. Für die inhaltliche Rekonstruktion in der Überlieferung gestörter Stummfilme oder die Restitution deutscher Zwischentitel in ausländischen Fassungen sind sie daher eine einzigartige Grundlage. Darüber hinaus ist die Zulassungskarte mit ihren Entscheidungen über Zulassung oder Nichtzulassung eines Films, über Schnitte beim Bild oder Text, auch ein Zeitdokument politischer und moralisch-ästhetischer Positionen.

Erst mit der Rückgabe der von der sowjetischen Armee 1945 beschlagnahmten und der Zusammenführung der in den beiden deutschen Filmarchiven überlieferten Zensurkarten in der Wendezeit stand eine ausreichend große Menge für archivische und zeithistorische Auswertung bereit. Bei der Rekonstruktion und Analyse vieler Filme, die vor diesem Zeitpunkt bearbeitet wurden, konnten Zensurkarten daher oft nicht als quellenkritisches Hilfsmittel einbezogen werden.

Geschichtlicher Hintergrund  

Anfang des vorigen Jahrhunderts oblag die Zulassung von öffentlich aufgeführten Filmen zunächst der örtlichen Polizeibehörde. Sie wurde durch Polizeiverordnungen, Ministerial-erlasse und Landesgesetze (Braunschweig 1911, Württemberg 1914) geregelt. Bereits seit März 1907 erstellte der Polizeipräsident von Berlin für freigegebene Filme eine Erlaubniskarte. Ähnlich arbeiteten die Behörden in Braunschweig, Stuttgart und München. Die Länder Braunschweig und Württemberg regelten die Filmprüfung per Gesetz vom 05.12.1911 (Gesetz über die öffentlichen kinematographischen Schaustel-lungen) bzw. vom 31.03.1914 (Gesetz betreffend Lichtspiele). Während des Ersten Weltkrieges bestanden die Zensurbefugnisse der Ortspolizeibehörden fort, gelegentlich wurden auch militärische Berater hinzugezogen.
Mit dem Reichslichtspielgesetz vom 12. Mai 1920 wurde die Zulassung von Filmen neu geregelt. Sie wurde nun den Filmprüfstellen in Berlin und München und einer Oberprüfstelle in Berlin übertragen, die dem Reichsministerium des Innern als oberster Reichsbehörde unterstanden. Zensurpflichtig waren alle Filme in- und ausländischer Herkunft. Eine Prüfpflicht bestand, wenn Bildstreifen öffentlich vorgeführt oder zum Zweck der öffentlichen Vorführung in Verkehr gebracht wurden. Die Filmoberprüfstelle war die Berufungsinstanz, an die sich der Antragsteller, der sich durch die Entscheidung der Filmprüfstelle benachteiligt fühlte, wenden konnte. Über die Zulassung eines Bildstreifens wurde dem Antragsteller eine Erlaubnis-Zulassungskarte ausgestellt. Diese Karten waren versehen mit dem Genehmigungsvermerk der Filmprüfstelle. Im gesamten deutschen Reich durfte kein Bildstreifen öffentlich vorgeführt werden, ohne dass der Veranstalter der Vorführung diese amtliche Urkunde den örtlichen Polizeibehörden vorweisen konnte.
Das von der Zulassungsstelle ausgestellte Zertifikat nannte Antragssteller, Ursprungsfirma, Fabriknummer des Films, Länge und Titel des Films. Es enthielt auch filmografische Angaben, einen Kurzinhalt und Zwischentitel. Bestandteil der Karte waren auch die Prüfnummer, der Ort und Tag der Ausstellung, die Bezeichnung der genehmigenden Behörde und die Entscheidungen der Prüfstelle über Art und Umfang geforderter Schnitte.
Es gibt für die Karten keine einheitliche und generelle Bezeichnung. In der Literatur tauchen verschiedene Begriffe auf. Die Polizeiverordnung des Polizeipräsidenten zu Berlin vom 20. Mai 1908 enthält dafür den Begriff 'Erlaubniskarte'. Im Reichslicht-spielgesetz vom 12. Mai 1920 gibt es ausschließlich die Bezeichnung 'Zulassungskarte'. Da das von staatlicher Seite durchgeführte Verfahren ein Zensurverfahren war, wurden die ausgestellten Karten auch als Zensurkarten bezeichnet. Nach Einführung des Reichslichtspielgesetzes wird außerdem auch noch der Begriff 'Reichszensurkarte' angewandt. Dieses begründet sich aus der Gültigkeit der Zulassung von Filmstreifen für das gesamte deutsche Reich.

Weitere Quellen zu Zensurentscheidungen bis 1945  

Insgesamt wurden zwischen 1920 und 1945 rund 70.000 Zulassungsbescheide für in- und ausländische Produktionen erteilt, wovon nur gut 40.000 in Gestalt von Zensurkarten überliefert sind. Vollständig dokumentiert sind die Zensurereignisse in amtlichen Listen des Reichsministeriums des Innern, in denen jedoch erweiterte Produktionsangaben und jegliche Hinweise auf den Inhalt der Filme fehlen. Ein Nachdruck der Zensurentscheidungen erfolgte in der Zeitschrift “Lichtbildbühne”, doch sind die Zensurlisten des RMdI als Primärquelle die verläßlichere Informationsbasis (beides in der Bibliothek des Filmarchivs einsehbar). Zensurentscheidungen bis 1933 sind zudem in den sog. “Wolfssohn-Jahrbüchern” (Wolffsohn, Karl (ed.), Jahrbuch der Filmindustrie (Berlin: Verlag der Lichtbildbühne, 1922-1933) veröffentlicht.

Die publizierten Zensurentscheidungen sind entweder jahres- oder monatsweise chronologisch geordnet und ermöglichen nur zeitaufwendig alphabetische Recherchen nach Filmtiteln. Die Wolfssohn-Jahrbücher wurden deshalb vom Bundesarchiv in der Filmdatenbank vollständig datenerfaßt und können auf dem PC im Lesesaal der Bibliothek durchsucht werden. Weitere Informationsmöglichkeiten, insbesondere für abendfüllende Spielfilme bestehen in www.filmportal.de.
Eine für die amtliche politisch-pädagogische Rezeption ebenfalls unverzichtbare Quelle, die zudem Inhaltsbeschreibungen der Filme enthält, sind die "Mitteilungen der Bildstelle des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht" des Reichserziehungsministeriums, die von 1926 bis 1933 die Eignung eines Filmes für Lehrzwecke begutachtete. Sie stellte die nach ihrem Vorsitzenden benannten, begehrten "Lampe-Scheine" aus, mit denen Steuererleichterungen verbunden waren. Ein archivischer Titelindex zu den Jahresbänden liegt in der Bibliothek vor.
Für die kommunale Zensur vor 1920 existiert für die großen deutschen Städte eine Übersicht von Herbert Birett  (Verzeichnis in Deutschland gelaufener Filme. Entscheidungen der Filmzensur 1911-1920: Berlin, Hamburg, München, Stuttgart. München et al. 1980). Für alle anderen Städte sind Quellen in den jeweiligen Stadtarchiven zu erwarten.