3.3 (x1958e): Dokument 3

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Kabinettsausschuß für Wirtschaft. Band 4. 1958-1961Erhard überreicht am 20. Dez. 1957 Karl Blessing und Dr. Heinrich Troeger die Ernennungsurkunden zum Präsidenten bzw. Vizepräsidenten der Deutschen Bundesbank.Die Bundesrepublik gewährt Finanzhilfe für den Bau eines Staudammes am Euphrat in Syrien. Bundesfinanzminister Franz Etzel zeigt sich Mitte 1961 besorgt angesichts der hohen Überschüsse in der Handelsbilanz.Im Rahmen des Regionalen Förderungsprogramms 1959 billigt der Kabinettsausschuss das vom Bundeswirtschaftsminister vorgeschlagene Schwerpunktprogramm für die Industrialisierung ländlicher Gebiete.

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Dokument 3

Schreiben der Deutschen Bundesbank vom 6. Aug. 1959 an den Bundesminister für Wirtschaft 1

1

Schreiben in B 102/45152 sowie als Anlage zur Einladung für die Ausschusssitzung in der Serie der Sitzungsprotokolle (B 136/36224). - Vgl. 17. Ausschusssitzung am 13. Aug. 1959 TOP 2 (Kapitalmarkt- und Konjunkturfragen).

Deutsche Bundesbank

Frankfurt am Main, d. 6. August 1959

Streng vertraulich!

An den

Herrn Vizekanzler und

Bundesminister für Wirtschaft

Bonn

Sehr geehrter Herr Vizekanzler!

Die Konjunktur hat sich in den letzten Monaten in einer Weise entwicklet, die dem Direktorium der Bundesbank nach eingehender Erörterung im Zentralbankrat Anlaß gibt, sich an die Bundesregierung zu wenden, um sie - gemäß der der Bundesbank laut § 13 des Bundesbankgesetzes obliegenden Beratungspflicht - auf einige währungspolitische Gefahren dieser Entwicklung hinzuweisen und mit ihr die Möglichkeiten der Abwehr zu beraten.

Die Wirtschaft ist zur Zeit von einer ausgesprochenen Hochkonjunktur beherrscht. Abgesehen vom Kohlenbergbau, hat sich auch in denjenigen Industriezweigen, die im vergangenen Winter unter Absatzmangel litten, die Geschäftstätigkeit durchweg stark belebt, so daß heute von einem allgemeinen kräftigen Aufschwung gesprochen werden kann. Zum Teil ist die Grenze erreicht, von der ab die Produktion nicht mehr oder nur noch sehr langsam ausgedehnt werden kann, ohne daß anderen Wirtschaftszweigen Produktionskräfte entzogen werden. Das gilt insbesondere im Hinblick auf die Lage des Arbeitsmarktes, die dadurch gekennzeichnet ist, daß die Zahl der registrierten Arbeitslosen Ende Juni d. J. zum ersten Mal, und zwar um fast ein Drittel niedriger war als die Zahl der angebotenen Stellen. Im Mittelpunkt dieser Entwicklung steht die Bauwirtschaft. Die Zahl der Aufträge ist seit dem vergangenen Jahr so gewachsen, daß sie mit den vorhandenen Arbeitskräften und Kapazitäten - trotz der großen Rationalisierungserfolge, die die Bauwirtschaft in den letzten Jahren erzielt hat - nicht mehr bewältigt werden können. Dabei steigen die Aufträge in einem Maße weiter, das lebhafte Bedenken hervorruft. Schon jetzt ist der Baumarkt sichtlich „überhitzt". Die Abwerbung von Arbeitskräften ist in diesem Bereich keine Seltenheit mehr, die Baukosten ziehen an. Je mehr sich der Bauboom intensiviert, um so mehr drohen auch die übrigen Bereiche in den Strudel dieser Entwicklung gezogen zu werden. Noch hat sich hier der Konjunkturaufschwung im wesentlichen im Rahmen einer Mengenkonjunktur gehalten; aber es sind Anzeichen dafür vorhanden, daß die Lohn- und Preisstabilität auch in den anderen Wirtschaftssektoren gefährdet sein dürfte, wenn die vom Baumarkt ausgehenden Tendenzen anhalten.

In der Öffentlichkeit, besonders in der Wirtschaftspresse, greift bereits eine gewisse Nervosität Platz. Man erwartet, daß von verantwortlicher Seite etwas geschieht, wobei begreiflicherweise in erster Linie an ein Anziehen der Kreditschraube gedacht wird. Auch die Verkrampfung, die am Kapitalmarkt seit April dieses Jahres zu beobachten ist und die sich in den letzten Wochen nur gelockert, aber noch nicht gelöst hat, steht - von dem Alpdruck, den die Ankündigung großer Bundesanleihen ausgelöst hat, und von der offensichtlichen Überforderung des Marktes für die Wohnungsbaufinanzierung abgesehen - deutlich unter dem Eindruck einer wohl unvermeidlichen Wende der Kreditpolitik.

Die Bundesbank ist sich darüber im klaren, daß sie nicht mehr lange wird Gewehr bei Fuß stehen können, wenn sich die - zunächst noch partiellen - Überhitzungserscheinungen in der Wirtschaft verstärken und verbreitern, und wenn keine Aussicht besteht, daß die währungspolitischen Gefahren dieser Entwicklung auf andere Weise gesteuert wird. Zweifellos würde ein Anziehen der Kreditbremse - und nur ein wirksames Anziehen würde Abhilfe zu schaffen vermögen - auch für die gesamte übrige, bisher nicht im Zeichen einer Überhitzung stehenden Wirtschaft eine schwere Beeinträchtigung mit sich bringen. Auch die Ergiebigkeit des Kapitalmarktes würde erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden mit der Wirkung, daß die Unterbringung von Bundesanleihen in Frage gestellt würde. Selbst die Möglichkeit der Aufnahme von Krediten am Geldmarkt könnte dann wesentlich problematischer werden, auf jeden Fall würden auch hier die Kosten steigen.

Die Bank ist der Meinung, daß die gegenwärtige Lage noch die Möglichkeit in sich birgt, die Anwendung der - notwendigerweise allgemein wirkenden - Kreditwaffe zu vermeiden, wenn unverzüglich mit spezifischen Mitteln gegen die Herde der Konjunkturüberhitzung vorgegangen wird.

Der Herd der Konjunkturüberhitzung ist, wie oben dargelegt, unserer Meinung nach der bereits über die Kapazitätsgrenzen der Bauwirtschaft hinausgegangene Bauboom. Wir haben den Eindruck, und wir finden uns hierin durch das Urteil zahlreicher Sachverständiger bestätigt, daß die Baupolitik der öffentlichen Hand dazu wesentlich beigetragen hat. Die Bautätigkeit der öffentlichen Hand sollte nach der übereinstimmenden Ansicht aller Konjunkturexperten „antizyklisch" sein, d. h. sich zurückhalten, wenn die private Bautätigkeit wächst und umgekehrt ausgedehnt werden, wenn die private Bautätigkeit zurückgeht. In Wirklichkeit jedoch hat sich in diesem Jahr eine starke Zunahme der privaten Bautätigkeit mit der der öffentlichen Hand kumuliert; neben den erhöhten Hochbau-Aufträgen öffentlicher Stellen ist dabei vor allem die beträchliche Ausdehnung des Straßenbaus zu erwähnen. Insbesondere hat die öffentliche Baupolitik über den sozialen Wohnungsbau wesentlich dazu beigetragen, daß mit dem diesjährigen Volumen der Bauaufträge die Kapazität der Bauwirtschaft in vielen Gebieten überfordert ist und daß sie noch mehr überfordert zu werden droht. Die von den öffentlichen Stellen für die Förderung des Wohnungsbaus zur Verfügung gestellten Mittel sind in diesem Jahr höher als im letzten und vorletzten; sie werden voraussichtlich auch im nächsten Jahr noch zunehmen, weil der Bauüberhang und die nicht verbrauchten Mittel ständig wachsen. Zu dem durch die reichlichere und billigere Kapitalversorgung ermöglichten Aufschwung des frei finanzierten Wohnungsbaus gesellt sich also eine erhebliche Expansion des sozialen Wohnungsbaus. Hält der öffentliche Mittelzustrom an, so wären weite Teile des Wohnungsbaus der Bremswirkung einer allgemeinen Kreditrestriktion entzogen, zumal öffentliche Zinszuschüsse den sozialen Wohnungsbau gegen Zinsversteuerungen weitgehend immun machen.

Die Bank ist der Meinung, daß in dieser starken Ingerenz der öffentlichen Hand auf die Bautätigkeit der Punkt liegt, an dem zunächst - und zwar sofort und mit allem Nachdruck - der Hebel der Konjunkturpolitik angesetzt werden sollte. Man würde damit Überhitzungserscheinungen der Konjunktur und den in ihnen liegenden währungspolitischen Gefahren unmittelbar begegnen.

1.) Es sollte mit allen zu Gebote stehenden Mitteln versucht werden, die eigenen Bauinvestitionen der öffentlichen Stellen zu beschränken und möglichst auf die Wintersaison zu verlagern, in der die private Nachfrage nach Bauleistungen weniger dringlich ist.

2.) Der Einsatz der von den öffentlichen Haushalten zur Verfügung gestellten Förderungsmittel für den Wohnungsbau sollte retardiert werden mit dem Ziele, die Verausgabung dieser Beträge über einen längeren Zeitraum zu erstrecken. Wir glauben, daß schon eine dahingehende Ankündigung zu einer merklichen Entlastung des Baumarktes und vielleicht auch zu einer verringerten Inanspruchnahme der Realkreditinstitute führen könnte.

Wir sind uns über die haushaltswirtschaftlichen Schwierigkeiten einer Streckung der öffentlichen Bauaufträge natürlich im klaren. Jedes Ressort, das die ihm bewilligten Baumittel verfügbar hat, möchte eine entsprechende Bauleistung vorweisen. In der gegenwärtigen Lage kann es sich aber nicht darum handeln, um jeden Preis Rekordergebnisse anzustreben. Es ist viel wichtiger, daß die Bauwirtschaft kontinuierlich auf einem hohen Stand verläuft, und daß Auftragsmassierungen mit ihren unerfreulichen Wirkungen auf die übrige Wirtschaft vermieden werden. Etatmittel, die für die Bauwirtschaft bewilligt werden, stellen u. E. keinen Zwang zur Ausgabe, sondern nur Ausgabeermächtigungen dar. Bei gutem Willen auf allen Seiten müßte es daher möglich sein, die Auftragsvergabe zu verzögern bzw. zu strecken.

Wir bitten Sie, diesen Fragenkomplex mit dem Ernst und der Eile in Angriff zu nehmen, die durch die gegenwärtige Konjunkturlage geboten sind. Noch besteht die Chance, die allgemeine Konjunkturentwicklung in das Bett einer Mengenkonjunktur zu leiten, wenn es gelingt, den Boom in der Bauwirtschaft zu dämpfen. Gelingt dies nicht, so werden wir mit Sicherheit auf der ganzen Linie Preis- und Lohnsteigerungen erleben, denen die Notenbank nicht tatenlos zusehen könnte.

Wir wären dankbar, wenn der Fragenkomplex mit den beteiligten Ressorts baldmöglichst aufgenommen und im Wirtschaftskabinett zur Diskussion gestellt werden könnte.

Das Bundeskanzleramt und der Herr Bundesminister der Finanzen haben Abschrift erhalten.

Deutsche Bundesbank

Blessing

Troeger

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