2.36.11 (k1957k): B. Richtlinien für das künftige Verfahren im Sportverkehr der deutschen Sportverbände mit den Ostblockstaaten insbesondere mit Ungarn

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Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung. Band 10. 1957Das 3. Kabinett Adenauer bei Bundespräsident Theodor HeussTelegramm des FDP-Bundesvorsitzenden Reinhold Maier an  AdenauerEs ist schon wieder fünf Minuten vor Zwölf!CDU-Wahlplakat 1957

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[B.] Richtlinien für das künftige Verfahren im Sportverkehr der deutschen Sportverbände mit den Ostblockstaaten insbesondere mit Ungarn

Der Bundesminister des Innern weist auf die mit den Sportverbänden getroffene Regelung vom 20. Februar 1956 hin 22. Er glaube, daß auf die Dauer eine Überprüfung dieser Vereinbarung nicht zu umgehen sein werde 23. Am 1. September 1957 solle zwischen Deutschland und Ungarn ein Länderhandballspiel und ein Kanu-Länderkampf stattfinden. Er schlage vor, die Bedenken gegen die Einreise der ungarischen Sportler zurückzustellen. Der Bundeskanzler weist darauf hin, daß am 8. September die Verhandlungen über den einstimmigen Beschluß zum Ungarnbericht der UNO beginnen 24. Wenn man vorher die ungarischen Sportler an Wettkämpfen in Deutschland teilnehmen lasse, werde die Wirkung dieser Verhandlungen vor der UNO weitgehend abgewertet. Der Bundesminister des Auswärtigen unterstützt diese Auffassung. Die öffentliche Meinung werde von den Funktionären des Sports nicht richtig wiedergegeben. Wenn die Mehrzahl der NATO-Staaten die Sportveranstaltungen mit Ungarn als unerwünscht betrachte 25, so könnte die Bundesregierung keine andere Auffassung vertreten. Auch dürfe die Bundesregierung auf keinen Fall dazu beitragen, daß die Vorgänge in Ungarn in Vergessenheit geraten. Der Bundesminister des Innern ist der Ansicht, daß die Sportverbände verärgert würden. Man könnte als Kompromiß die Sportveranstaltung ohne viel Propagandaaufwand durchführen und auf der anderen Seite die politische Propaganda stark betonen. Der Bundeskanzler lehnt diese Lösung ab. Auch wenn dieselben Sportler aus Ungarn unter einer freiheitlichen Regierung nach Deutschland kommen würden, so kämen sie jetzt immerhin als Repräsentanten der jetzigen ungarischen Regierung. In jedem Fall seien aber die leitenden Funktionäre, die die Mannschaft begleiten, typische Vertreter des kommunistischen Regimes in Ungarn. Der Bundesminister des Innern betont erneut, daß eine Ablehnung in der deutschen Öffentlichkeit wenig Verständnis finden werde. Der Vizekanzler unterstützt diese Ansicht und weist darauf hin, daß die Abschlüsse für diese Veranstaltung bereits vor mehr als einem Jahr getroffen worden wären. Auch sei zu berücksichtigen, daß durch eine Ablehnung die Sowjetzone in immer stärkerem Maße der Partner für Veranstaltungen mit ungarischen Sportlern werde. Der Bundeskanzler weist erneut auf die am 8. September vor der UNO-Vollversammlung beginnende Verhandlung über den Ungarnbericht hin und betont nachdrücklich, daß die Bundesregierung nicht inkonsequent sein dürfe. Der Bundesminister des Innern hält entgegen, daß vor kurzem ein Schwimmwettkampf mit ungarischen Sportlern in Reutlingen stattgefunden hat 26. Auch Bundespressechef von Eckardt ist der Ansicht, daß die Sportler in der öffentlichen Meinung nicht als Repräsentanten des Landes empfunden würden. Der Bundeskanzler ist demgegenüber der Ansicht, daß das Auftreten der ungarischen Sportler in Länderkämpfen nur als Repräsentanz des betreffenden Landes verstanden werden könnte. Denn es werde die Landesflagge gehißt und die Nationalhymne gespielt. Die deutschen Zuschauer müßten sich von ihren Plätzen erheben. Es sei nur eine konsequente Haltung in dieser Frage möglich. Der Bundesminister für Familienfragen schließt sich dieser Auffassung an und betont, daß man so lange keine Sportler aus Ungarn hereinlassen könne, als in Ungarn täglich Todesurteile gegen freiheitliche Ungarn gefällt würden. Hier müsse das gleiche gelten wie für die Sowjetunion, deren Sportler die Bundesregierung auch nicht hereinlassen könne, solange mehr als 80 000 Repatriierungsfälle noch ungeklärt seien. Der Bundesminister für Wirtschaft empfiehlt, bei Ablehnung insbesondere auch auf das Hissen der Flagge und das Spielen der Nationalhymne hinzuweisen. Der Bundesminister des Auswärtigen unterstützt diese Auffassung mit dem Hinweis, daß die Bundesregierung keineswegs weniger tun könne als die Schweiz und Österreich. Der Bundeskanzler bittet nunmehr abzustimmen, ob die ungarischen Sportler zu den beiden Wettkämpfen zugelassen werden sollen.

22

Nach dieser Regelung sollten Einreise- und Aufenthaltsgenehmigungen von Angehörigen der Ostblockstaaten zur Teilnahme an internationalen Sportveranstaltungen, insb. Länderkämpfen, Europa- und Weltmeisterschaften grundsätzlich erteilt werden, während die Teilnahme von Sportlern aus den Ostblockstaaten an Veranstaltungen privater Natur von den Sportverbänden nach Möglichkeit eingeschränkt werden sollte. - Richtlinien und Niederschrift der Besprechung vom 20. Febr. 1956 in B 106/5293, weitere Unterlagen auch in B 136/5551.

23

Der Beschluß vom 20. Febr. 1956 war in einer Besprechung zwischen Vertretern des BMI, des Bundeskanzleramtes und des AA mit den Repräsentanten der Sportverbände am 6. Aug. 1957 im wesentlichen bestätigt worden. Vgl. Niederschrift des BMI vom 6. Aug. 1957 in B 106/5293 und B 136/5551.

24

Am 10. Sept. 1957 trat die Generalversammlung der Vereinten Nationen zu ihrer Sondersitzung über die Ungarnfrage zusammen und erörterte einen von den USA eingebrachten und von 34 Mitgliedsstaaten der UNO unterschriebenen Entschließungsentwurf, in dem das Vorgehen der Sowjetunion und der ungarischen Regierung bei der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes 1956 verurteilt wurde. Diese Entschließung stützte sich auf einen Bericht des Ungarn-Ausschusses der UNO. Vgl. die Entschließung in Bulletin Nr. 169 vom 12. Sept. 1957, S. 1576.

25

Vgl. den Bericht der Vertretung der Bundesrepublik bei der NATO vom 7. Aug. 1957 in AA B 94, Bd. 542.

26

Am 20. und 21. Juli 1957 hatte in Reutlingen ein Schwimm-Länderkampf zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Ungarn stattgefunden.

Das Kabinett lehnt dies mit überwiegender Mehrheit ab 27.

27

Der Beschluß der Bundesregierung (vgl. Bulletin Nr. 154 vom 22. Aug. 1957, S. 1438) rief die Kritik der Oppositionsparteien, des Deutschen Sportbundes und der Presse hervor. Vgl. das Schreiben des Präsidenten des Deutschen Sportbundes Willi Daume an den BMI vom 26. Aug. 1957 und Presseausschnitte in B 136/5551. Nach einer Besprechung mit von Brentano am 27. Aug. 1957 (vgl. Presseverlautbarung in Bulletin Nr. 159 vom 29. Aug. 1957, S. 1492) erklärte Daume, daß die fraglichen Wettkämpfe zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden würden (vgl. „Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 28. Aug. 1957). Das geplante (Feld-) Handball-Länderspiel wurde bereits am 27. Okt. 1957 in Ludwigshafen nachgeholt, der Kanu-Länderkampf am 23./24. Aug. 1958 in Wuppertal (vgl. „Deutsche Handball-Woche" Nr. 37 vom 10. Sept. 1957 und Nr. 44 vom 29. Okt. 1957 sowie „Kanu-Sport" 1957, S. 416). Im Dezember 1957 fanden Fußball-Länderspiele zwischen den A- und B- sowie den Junioren-Nationalmannschaften Deutschlands und Ungarns statt. Im Frühjahr 1958 verständigten sich BMI und AA mit dem Deutschen Sportbund über einen im Regelfall uneingeschränkten Ost-West-Sportverkehr. Vgl. Unterlagen dazu in B 106/5293 und in AA B 94, Bd. 542, Kommuniqué vom 23. April 1958 auch in Bulletin Nr. 77 vom 25. April 1958, S. 747.

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