2.3.1 (k1949k): 1. Neuer Wechselkurs der DM

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Kabinettsprotokolle 1949 - TitelblattDas Bundeskabinett am Tage der Vereidigung (20. Sept. 1949)Konrad Adenauer im Gespräch mit Theodor HeussFaksimile der Vorlage der Edition: die Kurzprotokolle der KabinettsitzungenAntrittsbesuch des Bundeskanzlers  bei den Hohen Kommissaren

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1. Neuer Wechselkurs der DM

Die Bundesregierung und die zur Sitzung zugezogenen Sachverständigen sind sich darüber einig, daß eine Neufestsetzung des Wechselkurses DM - Dollar nach der Abwertung des englischen Pfundes 6 unvermeidlich ist.

6

Das britische Pfund war am 18. Sept. 1949 im Verhältnis zum amerikanischen Dollar um 30% von 4,03 auf 2,80 Dollar abgewertet worden. - Berechnungen über die Auswirkung der Pfundabwertung auf die deutsche Wirtschaft und über die außenwirtschaftlichen Folgen nach der Neufestsetzung der DM gegenüber dem Dollar in B 102/12685.

Der Bundeskanzler stellt die Forderung, daß die zu treffenden Maßnahmen so angelegt werden müssen, daß eine sofort eintretende Preissteigerung unter allen Umständen vermieden wird, um den Beginn der Regierungspolitik nicht unerträglich zu belasten. Auf seine Frage nach der Höhe der Ernährungsvorräte teilt der Landwirtschaftsminister mit, daß unter Einbeziehung der deutschen Ernte ein Vorrat an Weizen für 2 Monate, ein Vorrat an Fett, bei einer Ration von 1100 g monatlich, für 6 Monate zur Verfügung steht. Diese Vorräte, die zu den bisherigen Preisen eingekauft sind, müssen unter allen Umständen zu den bisherigen Verbraucherpreisen abgesetzt werden, so daß auf den wichtigsten Gebieten der Ernährung für die nächsten Monate eine Teuerung vermieden wird.

Der Bundeswirtschaftsminister rechnet damit, daß auf die Dauer eine Teuerung von 6 bis höchstens 9% unvermeidlich sein wird.

Dr. Pferdmenges vertritt die Auffassung, daß die Teuerung für Lebensmittel nicht mehr als 2½% betragen wird, für Textilien höchstens ½% 7.

7

Gegensätzliche Zahlenangaben im Wortprotokoll der 3. Sitzung am 21. Sept. 1949. Siehe S. 288.

Die Preisentwicklung für eingeführte Lebensmittel wird davon abhängig sein, ob an die Stelle der bisherigen Kontraktpreise die Weltmarktpreise treten. Diese bedeutende Erleichterung war von den Alliierten mit der Bildung der Bundesregierung in Aussicht gestellt.

Bundesregierung und Finanzexperten sind der einmütigen Auffassung, daß eine Abwertung um 30% nicht angebracht ist, weil dadurch Deutschland ähnlich wie die nordischen Länder eine Bindung an den Sterling-Block eingehen würde und die deutsche Wirtschaft ihre bevorzugte Stellung als Exponent der amerikanischen Wirtschaft verlieren müßte.

Die mit einer geringeren Abwertung eintretende Belastung des deutschen Exportmarktes hält der Bundeswirtschaftsminister für tragbar, da den für den Export tätigen Produzenten und dem Außenhandel eine gewisse Belastung zugemutet werden kann. Diese Auffassung vertritt auch der Zentralbankrat.

Direktor Abs empfiehlt eine Abwertung um 25%, da eine 20%ige Abwertung für den Export eine zu starke Belastung bedeuten werde.

Die übrigen Finanzexperten halten 20% für tragbar.

Der Bundeswirtschaftsminister stellt fest, daß eine 25%ige Abwertung zu einer größeren Mehrbeschäftigung führen werde, er halte aber 20% auch noch für ausreichend. Da jedoch in der Presse Meldungen aufgetaucht seien, Sir Stafford Cripps 8 habe gefordert, Deutschland dürfe nicht über 20% abwerten, empfehle er, den deutschen Vorschlag an die Alliierten auf mehr als 20% abzustimmen, um feststellen zu können, wie weit diese Meldung zutreffe.

8

Sir Richard Stafford Cripps (1889-1952). Britischer Schatzkanzler 1947-1950.

Der Bundeskanzler spricht sich für eine Abwertung zwischen 20 und 25% aus, weil dabei das geringste Risiko eingegangen werde. Die Preise könnten zunächst annähernd festgehalten werden, der Export werde angeregt.

Geheimrat Vocke teilt mit, daß mit Wirkung vom 19. September 0.00 Uhr alle Umrechnungsvorhaben gestoppt seien und daher die Neufestsetzung des Kurses ab 19. September 0.00 Uhr Geltung haben müsse. Eine schnelle Entscheidung sei nötig, um die gegenwärtige Stagnation nicht zu lange auszudehnen 9.

9

Gemeinsam mit den übrigen Notenbanken der europäischen Länder hatte die Bank deutscher Länder zwar den Zahlungsverkehr mit dem Ausland suspendiert, sie konnte aber im Gegensatz zu den anderen Ländern noch keinen neuen Wechselkurs festsetzen, da dieser mit der AHK abgestimmt werden mußte (vgl. FRUS 1949 III S. 449). Bis zur Abwertung der DM gegenüber dem US-Dollar um 20,6% auf 23,8 Dollar-Cents bestand eine Währungsrelation von 30 Dollar-Cents zu einer DM. - Fortgang 4. Sitzung am 23. Sept. 1949 TOP 4.

Der Bundesminister für Landwirtschaft und Ernährung wird beauftragt, einen deutschen Antrag auf Zulassung zur Weltweizenkonferenz vorzubereiten 10.

10

Die im Weltweizenrat vertretenen Länder sicherten sich durch Abkommen, die auf internationalen Konferenzen ausgehandelt wurden, Ein- und Ausfuhrquoten an Weizen bei festgelegten Preisgrenzen. (Vgl. EA 1948 S. 1499-1506, dort auch Text des Abkommens vom 5. März 1948). - Der Verwaltung des Vereinigten Wirtschaftsgebietes waren bei Verhandlungen mit dem Zweimächtekontrollrat die im Weltweizenabkommen vom Januar 1949 vereinbarten Getreidepreise verwehrt worden, weil die Bizone völkerrechtlich kein Staat war und deshalb nicht in den Weltweizenrat aufgenommen werden konnte. Eine befürwortende Weiterleitung eines Antrages auf Aufnahme nach Konstituierung der Bundesrepublik wurde in Aussicht gestellt (Akten zur Vorgeschichte Bd. 5, Dok. Nr. 65 TOP 2, zum Aufnahmeantrag und Beitritt der Bundesrepublik insb. AA 022-05). - Fortgang 15. Sitzung am 25. Okt. 1949 TOP 5.

Der Bundeskanzler beraumt die nächste Kabinettssitzung für den 22. September an und behält sich den genauen Zeitpunkt noch vor.

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