1.1 (k1951k): Quellenlage

Zum Text. Zur Fußnote (erste von 41). Zu den Funktionen. Zum Navigationsmenü. Zum Navigationsbaum

 

Bandbilder:

Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung Band 4. 1951Kabinettssitzung im Palais Schaumburg am 5. Juni 1951.Foto: Die Hochkomissare der drei Westmächte in Deutschland.Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland - Verdienstkreuz am BandeFoto: Otto Lenz

Extras:

 

Text

Quellenlage 1

1

Die folgende Beschreibung der Quellenlage variiert den im zweiten Band dieser Editionsreihe gedruckten Text nur an den Stellen, an denen für den Jahresband 1951 anderes zu sagen ist als für den Band 1950. - Vgl. Kabinettsprotokolle Bd. 2 Quellenlage S. 1-10.

Kurzprotokolle der Kabinettssitzungen

Die Sitzungsniederschriften der Bundesregierung sind in Form von „Kurzprotokollen" überliefert, die von Referenten des Bundeskanzleramtes verfaßt wurden. Die Serie der Kabinettsprotokolle, die dieser Edition zugrundeliegt, ist noch nicht - wie andere Aktengruppen - vom Bundeskanzleramt an das Bundesarchiv abgegeben worden, sie wurde für dieses Editionsvorhaben lediglich zur Verfügung gestellt und kann deshalb noch nicht mit einer Archivsignatur zitiert werden.

Vergleiche mit persönlichen Aufzeichnungen von Kabinettsmitgliedern zeigen, daß die Kurzprotokolle nicht den chronologischen Verlauf der Kabinettssitzungen widerspiegeln. Die Kurzprotokolle sind in der Reihenfolge der Tagesordnung angelegt, die in der Praxis vielfach nicht eingehalten wurde. Insbesondere die Mitschriften Seebohms zeigen, daß die außerordentlichen Tagesordnungspunkte häufig vor der Tagesordnung behandelt wurden; in den amtlichen Kurzprotokollen steht der dazu angefertigte Teil der Niederschrift zumeist am Ende. Angelegenheiten außerhalb der Tagesordnung werden gelegentlich intensiver protokolliert als die ordentlichen Tagesordnungspunkte, vermutlich aus dem Bedürfnis, die Fragen, für die in den meisten Fällen keine Kabinettvorlagen existierten, auch verständlich werden zu lassen.

Der Vergleich mit persönlichen Aufzeichnungen von Sitzungsteilnehmern, mit Verlautbarungen des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung über die Gegenstände von Kabinettssitzungen und mit Vermerken in den Akten der Ressorts ergibt allerdings auch, daß keineswegs alle außerhalb der Tagesordnung besprochenen Gegenstände im amtlichen Kurzprotokoll ihren Niederschlag fanden 2. Die Protokollanten, die von den Bearbeitern befragt werden konnten, äußerten dazu übereinstimmend, daß es einerseits ein Gebot der Arbeitsökonomie für sie war, von den Besprechungen im wesentlichen nur die Beschlüsse des Bundeskabinetts festzuhalten, daß andererseits auch die Gefahr von Indiskretionen 3 die Neigung verstärkten, die Protokolle möglichst knapp abzufassen. Wie sehr gleich von Anfang der Regierungsarbeit an offensichtlich nicht zu verhindernde Indiskretionen den Schutz des Beratungsgeheimnisses im Kabinett gefährdeten, unterstreicht allein schon die Tatsache, daß von 1949 bis 1951 jeweils ein Exemplar der Kurzprotokolle im Vorzimmer des damaligen SPD-Vorsitzenden abgegeben wurde und daß auch die französische Besatzungsmacht in den Besitz von Kabinettsprotokollen gelangte 4.

2

Siehe dazu 140. Sitzung am 10. April 1951 TOP F, 149. Sitzung am 29. Mai 1951 TOP I, 157. Sitzung am 3. Juli 1951 TOP J, 161. Sitzung am 13. Juli 1951 TOP F, 166. Sitzung am 10. Aug. 1951 TOP I und J, 185. Sitzung am 13. Nov. 1951 TOP G, 189. Sitzung am 4. Dez. 1951 TOP E und 192. Sitzung am 14. Dez. 1951 TOP D.

3

Vgl. dazu 136. Sitzung am 16. März 1951 TOP B c.

4

Vgl. dazu 177. Sitzung am 2. Okt. 1951 TOP 1 b, Unterlagen in B 136/1964.

Die Protokollanten berichteten übereinstimmend, daß die Kabinettssitzungen am Dienstag jeweils mit wertenden Äußerungen des Bundeskanzlers über die „Sonntagsreden" der Bundesminister begannen. Diese Stellungnahmen des Bundeskanzlers waren nach allgemeiner Auffassung nicht für das Protokoll bestimmt. Die Anlage der Kabinettsprotokolle war nicht von vornherein festgelegt, sie entwickelte sich aus der Praxis: „Es gab weder Richtlinien noch Reglementierungen irgendwelcher Art über die Wiedergabe der Kabinettsberatungen im Protokoll, auch nicht in den Fällen, die in dem Fragenkatalog 5 besonders aufgeführt sind. Solcher Regelungen bedurfte es auch nicht. Es verstand sich von selbst, daß im Protokoll festzuhalten war, was bei der Behandlung der einzelnen Tagesordnungspunkte herausgekommen war. Es lag ferner nahe, Äußerungen von Kabinettsmitgliedern zu politisch brisanten und diffizilen Angelegenheiten nicht in aller Deutlichkeit und Offenheit wiederzugeben, vor allem im Hinblick auf den häufig wechselnden Personenkreis in den Ministerien, der dienstliche Gründe für die Einsichtnahme in die Kabinettsprotokolle geltend machen konnte. Dieselben Erwägungen haben in zahlreichen Fällen dazu geführt, keine Einzelheiten der Aussprachen und Beratungen ,außerhalb der Tagesordnung' im Protokoll zu vermerken. Es ist sogar nicht selten von einer Erwähnung dieses oder jenes Besprechungspunktes völlig abgesehen worden. Ein derartiger Verzicht ließ manchmal auch die Rücksichtnahme auf die Beteiligten angezeigt erscheinen 6."

5

Den noch erreichbaren Protokollführern der Sitzungen des ersten Kabinetts Adenauer hatte das Bundesarchiv eine Anzahl von quellenkritischen Fragen vorgelegt.

6

Staatssekretär a. D. Karl Gumbel in seiner schriftlichen Antwort vom 25. Nov. 1980 auf die quellenkritischen Fragen zu den Kabinettsprotokollen. Dazu auch Schreiben Gumbels vom 1. Mai 1981.

Dies sind ganz wesentliche quellenkritische Feststellungen zum Aussagewert und zur Vollständigkeit der Kurzprotokolle. Sie erklären, warum die Kurzprotokolle zu große Erwartungen enttäuschen müssen und weisen gleichzeitig den Parallelüberlieferungen eine besondere Bedeutung zu.

Abgesehen von den ersten Wochen waren es in den Jahren 1949 bis 1952 die vier Referenten im Bundeskanzleramt, die sich turnusmäßig oder nach Absprache bei der Protokollierung der Kabinettssitzungen abwechselten: Ministerialrat Dr. Wilhelm Grau 7, die beiden späteren Staatssekretäre Karl Gumbel 8 und Dr. Josef Rust 9 sowie Ministerialrat Dr. Rudolf Petz 10. Die Protokollanten machten sich während der Sitzung stichwortartige Notizen über die Beratungen. Zwei der Protokollführer konnten nicht stenographieren, die beiden anderen verfügten nicht über ausreichende stenographische Fähigkeiten, um die Ausführungen wörtlich festzuhalten. Anhand dieser Notizen diktierten die Protokollanten Entwürfe, die von Schreibkräften stenographisch aufgenommen und anschließend maschinenschriftlich ausgefertigt wurden. Neben den eigenen Notizen konnten die Protokollführer zur Formulierung der Niederschrift auch die Vorlagen heranziehen, die vom jeweils federführenden Ressort zu den einzelnen Tagesordnungspunkten zunächst über das Bundeskanzleramt und später direkt den übrigen Ministerien zugeleitet wurden. Gelegentlich kam es auch vor, daß ein Minister darum bat, seine Ausführungen zu einem bestimmten Punkt entsprechend seiner in die Sitzung mitgebrachten schriftlichen Unterlagen in das Protokoll aufzunehmen.

7

Biographische Angaben siehe Personen.

8

Biographische Angaben siehe Personen.

9

Biographische Angaben siehe Personen.

10

Biographische Angaben siehe Personen.

Die Serie der Entwürfe zu den Kurzprotokollen der Kabinettssitzungen ist ebenfalls in den Akten des Bundeskanzleramtes überliefert 11. Handschriftliche Korrekturen in den Entwürfen stammen vom jeweiligen Protokollführer. Unterschiede zwischen den Entwürfen und den Ausfertigungen sind nur selten festzustellen. Sie entstehen in der Mehrzahl durch die Beseitigung stilistischer Unebenheiten und gelegentlicher Schreibfehler. Sachliche, den Inhalt verändernde Abweichungen finden sich nur in ganz geringer Zahl.

11

Die Serie der maschinenschriftlichen Entwürfe beginnt mit der 28. Kabinettssitzung; sie befindet sich ebenfalls noch im Bundeskanzleramt.

Die Entwürfe tragen in der Regel die Paraphe des damaligen Abteilungsleiters im Bundeskanzleramt, Dr. Hans Globke 12. Dies ist nach Aussage der Protokollanten nicht als Genehmigung des Protokolls, sondern als zustimmende Kenntnisnahme zu verstehen. Eine Kontrolle sei Globke schon deshalb nicht möglich gewesen, weil er in dieser Zeit an Kabinettssitzungen nicht teilgenommen habe 13. Globke habe nicht ein Wort an den Protokollen je geändert und nur ein einziges Mal, so erinnert sich einer der Protokollführer, habe Globke eine politische Auseinandersetzung als zu ausführlich im Protokoll wiedergegeben empfunden; er, der Protokollant, habe daraufhin die ganze Passage kurzerhand gestrichen.

12

Biographische Angaben Personen.

13

Globke nahm 1951 nur an der 177. Sitzung am 2. Okt. 1951 teil.

Der Protokollführer war offensichtlich verantwortlich für die Sitzungsniederschrift, und die Handlungsfreiheit der Protokollanten war sicher auch deshalb groß, weil der Bundeskanzler solche Kontrollaufgaben nach Aussage von Rust stets Globke überlassen hatte, der „mit der Präzision einer Schweizer Uhr funktionierte".

Nach Versendung der amtlichen Kabinettsprotokolle an die regulären Sitzungsteilnehmer wurden von einzelnen Ministern gelegentlich Einsprüche gegen bestimmte Protokollpassagen erhoben, denen nur zum Teil entsprochen wurde 14. Die Behandlung der Einsprüche, die offenbar in den Anfangsjahren in die ausschließliche Zuständigkeit des Bundeskanzleramtes fiel, dokumentiert in besonderem Maße die weitgehend alleinige Verantwortung des jeweiligen Protokollanten für die Sitzungsniederschrift. Die 1951 beschlossene Geschäftsordnung der Bundesregierung 15 regelte in § 27 die Behandlung von Einwendungen gegen den Inhalt oder die Fassung der Sitzungsniederschrift so, daß in Zweifelsfällen die Angelegenheit der Bundesregierung nochmals zu unterbreiten ist.

14

Vgl. z. B. 127. Sitzung 2. Okt. 1951 TOP E und 182. Sitzung am 26. Okt. 1951 TOP 1. - Überlieferung der geforderten, vollzogenen und abgelehnten Protokollkorrekturen in B 136/4799 und Bundeskanzleramt „Kabinettskorrespondenz 1949-1963".

15

GMBl. S. 137.

Wortprotokolle von Kabinettssitzungen

Der erste Band dieser Editionsreihe enthält vier stenographisch aufgenommene Wortprotokolle von Kabinettssitzungen 16. 1951 wurden nach übereinstimmender Aussage von Teilnehmern an Kabinettssitzungen Wortprotokolle nicht mehr angefertigt. Über die Gründe, die zur Aufgabe der stenographischen Protokollierung der Sitzungen der Bundesregierung führten, lassen sich gesicherte Feststellungen nicht treffen. Mit einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit spielten die oben erwähnten Indiskretionen dabei eine erhebliche Rolle. In einem für Globke bestimmten Vermerk vom 9. Oktober 1949 in den Akten des Bundeskanzleramtes heißt es dazu: „In der letzten Zeit hat sich das Verfahren herausgebildet, die Sitzungen des Kabinetts durch einen Stenographen wörtlich aufnehmen zu lassen und gleichzeitig ein Kurzprotokoll zu führen. Bei den Sitzungen der Reichsregierung war die Anfertigung einer stenographischen Niederschrift nicht üblich. Allenfalls wurde über Finanz- und Haushaltsbesprechungen ein wörtliches Protokoll geführt. Die Anfertigung von stenographischen Niederschriften von Kabinettssitzungen bildet eine gewisse Gefahr, da damit der Kreis der Personen, die Kenntnis von den im Kabinett gefallenen Äußerungen erhalten, notgedrungen größer wird und damit eine strikte Geheimhaltung eingeschränkt ist 17."

16

Siehe dazu Kabinettsprotokolle Bd. 1 Quellenlage S. 9 f. und Wortprotokolle 285-348.

17

B 136/4646.

Kabinett-Ausschuß für Wirtschaft

Zur Kommentierung benutzt werden konnten auch die Sitzungsprotokolle des 1951 eingesetzten Kabinett-Ausschusses für Wirtschaft 18. Die Niederschriften in der Form von Kurzprotokollen befinden sich noch im Bundeskanzleramt und können deshalb nicht mit einer Archivsignatur zitiert werden.

18

Vgl. Sondersitzung am 20. März 1951 TOP 1.

Parallelüberlieferungen

Schriftliche Nachlässe von Bundesministern enthalten gelegentlich mehr oder weniger ausführliche Parallelüberlieferungen zu den amtlichen Sitzungsprotokollen.

Relativ umfangreiche Notizen von allen Kabinettssitzungen, bei denen er anwesend war, hat Bundesminister Seebohm hinterlassen 19. Sie umfassen durchschnittlich pro Sitzung zwei Seiten und sind mit Bleistift geschrieben. Zwar hat ein Protokollant Zweifel daran angemeldet, ob diese Aufzeichnungen „nur" im Verlauf der Kabinettssitzung entstanden sind; denn der Bundeskanzler hätte Mitschriften keinesfalls zugestanden. Inhaltliche und formale Kriterien stützten diese Zweifel nicht. Außerdem haben andere Sitzungsteilnehmer Seebohm als eifrigen „Mitschreiber" charakterisiert 20.

19

NL Seebohm/6 und 7.

20

So Bundesminister a. D. Heinrich Hellwege in einem Schreiben vom 27. Jan. 1981 an das Bundesarchiv. Hellwege hatte seinen Platz am Kabinettstisch neben Seebohm, der von der Sitzordnung her dem (gemeinsam mit dem Chef des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung und dem persönlichen Referenten des Bundeskanzlers) an einem Nebentisch plazierten Protokollanten den Rücken zuwandte. - Siehe dazu auch Müller-Armack in Adenauer und seine Zeit Bd. 1 S. 211.

Der Nachlaß des Bundesministers Schäffer enthält neben gelegentlichen stichwortartigen Aufzeichnungen aus Kabinettssitzungen zwei Bände 21 mit Durchschriften von Schreiben Schäffers an den Staatssekretär Hartmann, die jeweils im Anschluß an Kabinettssitzungen mit Weisungen zur Umsetzung von Kabinettsbeschlüssen diktiert wurden.

21

NL Schäffer/33 und 34.

Im Nachlaß von Staatssekretär Lenz befindet sich ein Tagebuch, in das er auch Aufzeichnungen über Kabinettssitzungen aufgenommen hat.

Andere Nachlässe wie die der Bundesminister Blücher, Dehler, Erhard, Kaiser, Wildermuth und des Staatssekretärs Wandersleb enthalten in Form von Vermerken und Aufzeichnungen zu einzelnen Tagesordnungspunkten nur in wenigen Ausnahmefällen Parallelüberlieferungen, in Form von Schriftwechsel und Kabinettvorlagen jedoch eine Fülle von ergänzenden Informationen, die für die Kommentierung der Kabinettsprotokolle von hohem Nutzen sind.

Als weitere Parallelüberlieferung, wenn auch mit besonderer Akzentuierung, sind die wörtlichen Mitschriften der Pressekonferenzen zu nennen, die jeweils nach einer Kabinettssitzung stattfanden 22. In der Regel tritt bei diesem Anlaß der Chef des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vor die Bundespressekonferenz, häufig erschienen zusätzlich Minister oder Beamte eines Ministeriums, um zu speziellen Fragen Stellung zu nehmen.

22

Überliefert im BPA und im Bundesarchiv, hier für 1951: B 145 I/11-19.

Kabinettvorlagen

Die Kabinettsprotokolle werden verständlich in der Hauptsache durch die Kabinettvorlagen. In der Überlieferung des Bundeskanzleramtes und in den Akten der Bundesministerien - mit einer Ausnahme - wurden geschlossene Serien von Kabinettvorlagen nicht angelegt. Dem sogenannten Sachaktenprinzip folgend - der Gliederung der Registraturen vorgangsweise nach Sachbetreffen - wurden Vorlagen für Kabinettssitzungen nicht in einer geschäftstechnischen Serie zusammengefaßt, sondern im sachlichen Zusammenhang den Akten zugeordnet 23. Lediglich in den Akten des Bundesministeriums für Wohnungsbau konnte eine, wenn auch lückenhafte, Serie von Kabinettvorlagen 24 ermittelt werden. Diese Serie gibt den Bearbeitern der Edition ebenso wie allen künftigen Benutzern Hilfestellung in zweierlei Hinsicht:

23

Im Verlauf der Diskussion um das Editionsprojekt Kabinettsprotokolle der Bundesregierung hat sich das Bundeskanzleramt 1980 entschlossen, von nun an eine Serie aller Kabinettvorlagen zu bilden.

24

B 134/3145-3351.

- durch die Überlieferung des Aktenzeichens beim jeweils federführenden Ressort bietet sie Ansatzpunkte für gezielte Recherchen nach den einschlägigen Sachakten. Die Tatsache späterer Umstellungen von Aktenplänen und der damit verbundenen Änderung von Aktenzeichen relativiert diesen Nutzen zwar, stellt ihn aber nicht grundsätzlich in Frage;

- sie ermöglicht den Rückgriff auf die Kabinettvorlage in den Fällen, in denen die Vorlage weder in der Überlieferung des federführenden Ressorts noch in den Akten des Bundeskanzleramtes zu ermitteln ist.

Akten der Bundesministerien

Vielleicht ist es dem nicht erfahrenen Archivbenutzer schwer verständlich zu machen, daß den Bearbeitern der Edition gerade aus der Fülle der für die Kommentierung der Protokolle heranzuziehenden Überlieferungen Schwierigkeiten erwachsen. Die Akten der Bundesministerien sind vom Umfang her überwältigend und schier unüberschaubar. Das 1965 eingerichtete Zwischenarchiv des Bundesarchivs in St. Augustin bei Bonn verwahrt zur Zeit über 992 000 Aktenbände der obersten Bundesbehörden seit 1949, von denen allerdings ein erheblicher Teil nach Ablauf der von den Ministerien festgelegten Aufbewahrungsfristen vernichtet werden wird. Der schon jetzt gut geordnete und überschaubare Aktenbestand des Bundeskanzleramtes reicht für die Kommentierung der Kabinettsprotokolle deshalb nicht aus, weil die materielle Vorbereitung der Kabinettsberatungen in den jeweils zuständigen Bundesministerien getroffen wurde. Deshalb ist zu jedem Tagesordnungspunkt prinzipiell auf die Überlieferung des jeweils federführenden Ministeriums zurückzugreifen.

Die Bundesministerien und auch die einzelnen Abteilungen innerhalb eines Ressorts haben bei den Aktenablieferungen an das Zwischenarchiv eine unterschiedliche Praxis entwickelt. Keineswegs läßt sich generell die Feststellung treffen, Akten aus den Anfangsjahren der Bundesrepublik müßten bei den ersten Ablieferungen zu finden sein 25. Für das seit 1949 entstandene und bisher an das Zwischenarchiv abgelieferte Registraturgut der obersten Bundesbehörden sind über 77 000 Blatt „Abgabeverzeichnisse" vorhanden, die als „Findmittel" vor allen für die Akten derjenigen Ressorts viele Wünsche offen lassen, die häufig organisatorische Veränderungen erfahren haben oder die mit Aktenplänen arbeiteten, die der Aufgabenvielfalt nicht angemessen und unzureichend gegliedert sind. Aus den „Abgabeverzeichnissen" werden im Bundesarchiv mit Hilfe maschineller Datenverarbeitung nach Aktenzeichen geordnete Findbehelfe erstellt, die den raschen Zugriff dort ermöglichen, wo Aktenplanumstellungen nicht vorgenommen wurden.

25

Zur Funktion des Zwischenarchivs siehe Irmtraud Eder-Stein und Gerhard Johann, Das Bundesarchiv-Zwischenarchiv. In: Der Archivar 1979, Sp. 291-300.

Die Erfahrungen der Bearbeiter der Edition lassen vermuten, daß die Forschung mit dem Verlust einzelner Dokumente und Unterlagen rechnen muß. In einer Reihe von Fällen läßt sich aus Mitwirkungsakten anderer Ministerien belegen, daß im federführenden Ministerium Akten existierten, die heute nicht mehr vorhanden sind, zumindest bisher nicht an das Bundesarchiv abgegeben wurden. Die Hoffnung, daß sich solche Akten noch im jeweiligen Ministerium befinden, dürfte, so steht zu befürchten, nur bei einem Teil der Fälle noch gerechtfertigt sein.

Allerdings finden sich in den laufenden Aktenabgaben der Ministerien bis jetzt immer wieder zum Teil wichtige Unterlagen aus den frühen fünfziger Jahren. Sie werden unmittelbar einbezogen in das Schwerpunktprogramm archivischer Sichtung, Bewertung und Verzeichnung, das seit 1982 läuft und dessen erste Teilergebnisse den Bearbeitern zugute kamen. Den vollen Nutzen dieses Programms werden erst spätere Benutzer haben. Er besteht in einer auf die wirklich informationsträchtigen Akten (primär aus den federführenden Referaten) zurückgeschnittenen und damit übersichtlicheren Überlieferung und in Findmitteln, die den gezielten Zugriff entsprechend den (meist ursprünglichen) Sachzusammenhängen erlauben.

Solange Aktenbenutzungen (wie für diese Edition) und archivische Bearbeitung der Aktenbestände parallel laufen, läßt sich freilich nicht ganz ausschließen, daß gelegentlich Aktenbände zitiert werden, die im Zuge der Bewertung durch den Archivar als „nicht archivwürdig" klassifiziert und vernichtet werden. Das Bundesarchiv hat Vorsorge getroffen, dies nach Möglichkeit zu vermeiden.

Die Akten der 1949 im Bundeskanzleramt errichteten Verbindungsstelle zur Alliierten Hohen Kommission wurden 1951 als Vorakten vom Auswärtigen Amt übernommen und befinden sich heute im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes. Ihre Benutzung erweist sich anhand des Aktenplanes als relativ unproblematisch.

Die im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes verwahrte deutsche Überlieferung der Verhandlungen des Bundeskanzlers mit der Alliierten Hohen Kommission 26 unterliegt noch der Behandlung nach den Verschlußsachen-Vorschriften. Die Niederschriften konnten jedoch für die Bearbeitung dieses Bandes herangezogen werden. Ohne Benutzungsbeschränkungen ist dagegen die britische Überlieferung dieser Verhandlungen in Form englischer Wortprotokolle zugänglich 27.

26

Auswärtiges Amt, Büro StS Bd. 86-92.

27

Public Record Office, Foreign Office 1005/1124.

Nachlässe

Schriftliche Nachlässe der an den Kabinettssitzungen Beteiligten enthalten, wie oben dargelegt, nur in Ausnahmefällen Parallelüberlieferungen zu den Kabinettsprotokollen, in vielen Fällen jedoch ergänzende und für die Kommentierung wertvolle Informationen. Zu diesem Zweck standen der Bearbeiterin des Bandes 1951 neben den im Bundesarchiv verwahrten Nachlässen der Bundesminister Blücher, Lehr, Kaiser, Schäffer, Seebohm und Wildermuth, sowie Hallsteins und Blankenhorns und des Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, von Brentano, auch die Nachlässe Adenauer (Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus), Dehler (Friedrich-Naumann-Stiftung), Erhard (Ludwig-Erhard-Stiftung), Lenz und von Merkatz (Konrad-Adenauer-Stiftung) sowie das Büro Schumacher (Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung) zur Verfügung. Nicht in Archive gelangt sind bisher die schriftlichen Nachlässe der Bundesminister Lukaschek, Niklas, Schuberth und Storch 28. Für einige der zuletzt Genannten ist bisher unklar, ob sie überhaupt Papiere von Bedeutung hinterlassen haben. Bundesminister a. D. Hellwege hat dem Bundesarchiv mitgeteilt, er besitze „über Kabinettssitzungen aus der Zeit Adenauers keine wesentlichen Aufzeichnungen und Protokolle" 29.

28

Nach Hans Günther Hockerts (Zeitgeschichte in Lebensbildern Bd. 4 S. 280) existiert von Storch kein historisch bedeutsamer schriftlicher Nachlaß. - Vgl. dazu die zu „Lebenserinnerungen" zusammengefaßten Interviews in Abgeordnete des Deutschen Bundestages Bd. 2 S. 313-344.

29

Schreiben vom 6. Febr. 1980.

Gedruckte Quellen

Unter den publizierten Quellen erwiesen sich die vom amerikanischen State Department herausgegebene Serie „Foreign Relations of the United States" 30 und die vom britischen Foreign Office edierten „Documents on British Policy Overseas" 31 als wertvolle Kommentierungshilfen. Daneben sind Informationen den Mitteilungen des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung 32 und dem seit Oktober 1951 erscheinenden Bulletin des BPA sowie den Drucksachenserien des Deutschen Bundestages und des Bundesrates zu entnehmen; letzteren die vom Kabinett verabschiedete Fassung von Gesetzentwürfen und ihre Begründung.

30

Foreign Relations of the United States, 1951, Volume I - National Security Affairs, Foreign Economic Policy, Washington 1979, und Volume III - European Security and the German Question, Washington 1981.

31

Documents on British Policy Overseas, Series II Volume I - The Schuman Plan, The Council of Europe and Western European Integration May 1950-December 1952, London 1986.

32

Überliefert im BPA und in der Sammlung der Amtsdrucksachen des Bundesarchivs.

In der Memoirenliteratur zeichnen sich Adenauers Erinnerungen dadurch aus, daß sie nicht „aus dem Gedächtnis" sondern unter Heranziehung schriftlicher Quellen geschrieben wurden 33. Blankenhorns „Blätter eines politischen Tagebuchs" 34 sind eine vorsichtige und überarbeitete Auswahl aus seinen Aufzeichnungen. Reichhaltige memoirenhafte Skizzen von Mitstreitern und politischen Gegnern Adenauers sind in Sammelbänden enthalten, die zum 100. Geburtstag des Bundeskanzlers 35 und zur Würdigung seines ersten Mitarbeiters Hans Globke 36 erschienen sind.

33

Adenauer benutzte zur Niederschrift seiner Erinnerungen neben Korrespondenzen insbesondere Protokolle von Kabinettssitzungen und Aufzeichnungen über wichtige Gespräche und Verhandlungen, so auch die oben in Anm. 26 genannten Niederschriften seiner Verhandlungen mit den alliierten Hohen Kommissaren.

34

Herbert Blankenhorn, Verständnis und Verständigung. Blätter eines politischen Tagebuchs 1949-1979. Frankfurt, Berlin, Wien 1980.

35

Konrad Adenauer und seine Zeit. Bd. 1: Beiträge von Weg- und Zeitgenossen. Herausgegeben von Dieter Blumenwitz, Klaus Gotto, Hans Maier, Konrad Repgen und Hans-Peter Schwarz. Stuttgart 1976.

36

Der Staatssekretär Adenauers, Persönlichkeit und politisches Wirken Hans Globkes. Herausgegeben von Klaus Gotto. Stuttgart 1980.

Die in den Kabinettssitzungen erwähnten Broschüren 37 konnten in der Amtsdrucksachensammlung des Bundesarchivs, in der Bibliothek des Deutschen Bundestages oder im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung eingesehen werden.

37

Vgl. 136. Sitzung am 16. März 1951 TOP B a und 141. Sitzung am 13. April 1951 TOP E.

Einen genauen Überblick über die benutzten Quellenpublikationen über die zur Kommentierung herangezogenen Zeitungen und über die verarbeitete Memoirenliteratur gibt das diesem Band beigefügte Quellen- und Literaturverzeichnis.

Audiovisuelle Quellen

Bei der Kommentierung wurde gelegentlich auch auf Wochenschauen hingewiesen, die im Bundesarchiv verwahrt werden 38. Dafür wurden, von einer Ausnahme abgesehen 39, die im Bundesarchiv verfertigten Verzeichnungen 40 oder der vervielfältigt vorliegende Text der Wochenschau 41 herangezogen und auf eine Autopsie der Filme verzichtet.

38

Neue Deutsche Wochenschau Nr. 49/51-100/51, Welt im Film Nr. 292-343 und Blick in die Welt Nr. 1/51-51/51.

39

Vgl. 169. Sitzung am 28. Aug. 1951 TOP L.

40

Blick in die Welt und Welt im Film.

41

Neue Deutsche Wochenschau.

Extras (Fußzeile):