2.24.2 (k1969k): A. Explosionsunglück in Hannover am 22. Juni 1969

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Palais SchaumburgBandrücken der EditionÜberreichung des ersten Bandes an Bundeskanzler Helmut SchmidtDas Bundesarchiv, KoblenzKabinettssitzung 1956

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[A.] Explosionsunglück in Hannover am 22. Juni 1969

Bundesminister Leber weist darauf hin, daß der Güterbahnhof Hannover-Linden der erste Platz war, auf dem eine mögliche Schadensbekämpfung durchgeführt werden konnte, und daß bei Ankunft des Zuges die denkbaren Maßnahmen bereits eingeleitet waren. Auch nach der Explosion hätten alle Hilfsmaßnahmen der Bundesbahn, der Gemeinde und sonstiger Einrichtungen - wie technisches Hilfswerk - aufgrund des ausgelösten Katastrophenalarms präzise funktioniert. Der bei der Bundesbahn entstandene Sachschaden dürfte etwa 700 000 DM betragen. Noch nicht übersehbar sei jedoch der Schaden, der bei Dritten entstanden ist. Es gelte den Betroffenen großzügig und schnell zu helfen. Bundesminister Leber bittet das Kabinett, seinem mit der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbahn vorbesprochenen Vorschlag zuzustimmen, daß vorbehaltlich des abschließenden Ergebnisses der Untersuchungen und der sich daraus ergebenden Feststellung über Haftungsverpflichtungen die Deutsche Bundesbahn mit einem Betrag von etwa 5 Mio. DM in Vorlage tritt. 2

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Bei der Einfahrt eines Bundeswehr-Munitionszugs auf den Güterbahnhof Hannover-Linden war ein in Brand geratener Waggon explodiert. Dabei starben ein Rangieraufseher, der den Waggon noch vom Zug hatte abkoppeln können, drei weitere Bahnbeamte und acht Insassen eines alarmierten Feuerwehrwagens, weitere Bahnbeamte und Feuerwehrleute wurden z. T. schwer verletzt. Vgl. den Sachstandsbericht des Bereitschaftszentrums der Bundeswehr vom 22. Juni 1969 in B 136/5048 und den Bericht des BMV vor dem Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestags am 25. Juni 1969 in B 108/28569, weitere Unterlagen in B 108/28694, B 136/5058 sowie BW 1/25308 und 25309.

Ursachen des Unglücks könnten sein:

a)

Mängel bei der Sprengstoffherstellung oder der Füllung der Granaten,

b)

willkürliche Handlungen (z. B. Sabotage),

c)

Beförderungsmängel.

Die Bundesbahn sei dringend an einer möglichst umfassenden Untersuchung des Unglücks interessiert, damit gegebenenfalls Sicherheitsvorschriften ergänzt oder verschärft werden. Bis jetzt habe sich keinerlei Hinweis darauf ergeben, daß die bestehenden Sicherheitsvorschriften etwa unbeachtet geblieben wären. 3

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Die Beförderung von militärischer Munition mit der Eisenbahn erfolgte nach den Vorschriften der Anlage C der Eisenbahn-Verkehrsordnung vom 8. Sept. 1938 (RGBl. II 663), zuletzt geändert durch die 78. Verordnung vom 17. Okt. 1968 (BGBl. II 891). - Infolge des Unglücks verbesserte die Deutsche Bundesbahn ihre Vorschriften zur Kennzeichnung von Gefahrguttransporten sowie den Funkenschutz an den Waggons und änderte die Transportvorschriften für Explosivstoffe und Munition. Unterlagen in B 108/28694 und 33080. - 79. Verordnung zur Änderung der Eisenbahn-Verkehrsordnung vom 17. April 1970 (BGBl. I 358).

Staatssekretär Grund erklärt sich im Grundsatz mit einer sofortigen und unbürokratischen Hilfe für die Betroffenen einverstanden, bittet jedoch, die nötigen haushaltsmäßigen Grundsätze dafür mit seinem Hause abzusprechen. 4

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Das BMF stellte außerplanmäßig 500 000 DM für den Ausgleich besonderer Härten in Kapitel 1202 Titel 68130 zur Verfügung. Vgl. das Schreiben des BMF an den BMV vom 25. Juni 1969 in B 108/28569. - Die Bundesbahn bezifferte den Gesamtschaden des Explosionsunglücks mit 19,1 Millionen DM. Vgl. den Vermerk des BMV vom 16. April 1973 in B 108/33080.

Bundesminister Dr. Schröder berichtet von den Eindrücken, die er an Ort und Stelle gewonnen hatte, betont das dringende Interesse an einer gründlichen, objektiven Untersuchung des Unglücksfalls und regt an, die Öffentlichkeit nicht über den für Maßnahmen der Soforthilfe vorgesehenen Betrag zu unterrichten.

Bundesminister Benda begründet die von ihm angeordnete Einschaltung des Bundeskriminalamtes mit der - auch heute noch nicht auszuschließenden - Möglichkeit der Sabotage als Unfallursache. Bundesminister Prof. Dr. Ehmke erklärt, daß er die Bundesanwaltschaft angewiesen habe, die Untersuchungen zu beobachten, die unmittelbare Ermittlungstätigkeit jedoch der Staatsanwaltschaft Hannover zu überlassen.

Das Kabinett stimmt dem Vorschlag des Bundesministers für Verkehr über eine Soforthilfe zugunsten der Geschädigten zu mit der Maßgabe, daß Einzelheiten mit dem Bundesminister der Finanzen zu vereinbaren sind und eine Unterrichtung der Öffentlichkeit über den Betrag unterbleibt. 5

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Das Bundeskriminalamt und die Staatsanwaltschaft Hannover konnten bei ihren Untersuchungen den Verdacht auf Sabotage ausschließen. Die Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) ermittelte eine Entzündung des Waggonbodens durch Bremsfunken als wahrscheinlichste Unglücksursache. Vgl. den Schlussbericht des Bundeskriminalamts vom 29. April 1970 und die gutachtliche Stellungnahme der BAM vom 6. Mai 1970 in B 108/33080.

Der Bundeskanzler erklärt, daß er im Hinblick auf das Unglück dem für den heutigen Tag vorgesehenen großen Empfang im Bundeskanzleramt einen strengeren Charakter geben werde; einige Unterhaltungseinlagen würden ausfallen; auch werde nicht getanzt werden. 6

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Am 25. Juni 1969 fand auf Einladung des Bundeskanzlers und seiner Frau im Park des Palais Schaumburg ein Gartenfest für das Diplomatische Korps statt, zu dem auch Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Sport geladen waren. Vgl. „Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 27. Juni 1969, S. 2, Unterlagen zur Finanzierung in B 136/4119.

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