2.8.1 (x1956e): 2. Weltausstellung Brüssel 1958, BMWi, BMF

Zum Text. Zur Fußnote (erste von 13). Zu den Funktionen. Zum Navigationsmenü. Zum Navigationsbaum

 

Bandbilder:

Kabinettsausschuß für Wirtschaft. Band 3. 1956-1957Alfred Hartmann, Ludger Westrick, Hermann Wandersleb, Günther BergmannSchreiben des Bankiers Robert Pferdmenges an Konrad AdenauerGebäude des Bundesministeriums für WirtschaftGraphische Darstellung der landwirtschaftlichen Nutzflächen 1956

Extras:

 

Text

Tagesordnungspunkt als RTF Download

2. Weltausstellung Brüssel 1958, BMWi, BMF

Auf Bitte des Vizekanzlers gibt der deutsche Generalkommissar Senator a.D. Wenhold anhand eines Lageplanes einen Überblick über die örtliche Lage des Ausstellungsgeländes für die Weltausstellung 1958 in Brüssel. Zu der Weltausstellung, die unter der Generalidee „Der Fortschritt und der Mensch" stehen solle, seien 44 Länder und 7 Organisationen eingeladen worden. Die Belgische Regierung habe nur die Länder eingeladen, mit denen sie diplomatische Beziehungen unterhalte. Die Sowjetzone werde daher an der Brüsseler Weltausstellung nicht beteiligt sein 1.

1

Siehe 92. Kabinettssitzung am 20. Juli 1955 TOP G (Kabinettsprotokolle 1955, S. 449) und 35. Ausschußsitzung am 9. Sept. 1955 TOP 1 (Kabinettsausschuß für Wirtschaft 1954-1955, S. 431). - Vorlage des BMWi vom 7. April 1956 mit Wenholds Vermerk über die Gestaltung der deutschen Beteiligung an der Weltausstellung in Brüssel vom 17. März 1956 in B 102/37723 und B 136/7765. Lageplan in B 102/37722. Baupläne der Planungsgemeinschaft der Architekten Egon Eiermann und Sep Ruf vom 17. Jan. und 6./7. Mai 1957 in B 157/2632. Weitere Unterlagen in B 102/37724 bis 37728, B 157/2009 bis 2015, AA B 55, Bd. 68 bis 72 und AA B 95, Bd. 476. - Das Kabinett hatte am 20. Juli 1955 den Bremer Senator a.D. Hermann Wenhold als Generalkommissar der Bundesrepublik für die Vorbereitung der Weltausstellung bestätigt. Die Zuständigkeiten für die Planung und Durchführung des deutschen Beitrags waren zwischen BMWi als federführendem Ressort, der Bauabteilung des BMF, dem deutschen Generalkommissar Wenhold und der Durchführungsgesellschaft Nordwestdeutsche Ausstellungsgesellschaft m.b.H. (NOWEA), Düsseldorf, aufgeteilt worden (vgl. die Vorlage des BMWi vom 6. Sept. 1955 in B 102/37722, B 157/2009 und B 136/7765). Laut Beschluß des Kabinettsausschusses für Wirtschaft vom 9. Sept. 1955 hatte das Kabinett es sich vorbehalten, seine Zustimmung zur Gesamtplanung zu erteilen. - In seiner Vorlage vom 7. April 1956 hatte das BMWi beantragt, den von Wenhold vorgelegten und der Vorlage beigefügten schriftlichen Bericht mit Datum vom 17. März 1956 über die Entwicklung, den Stand der Vorarbeiten und die Thematik zur deutschen Beteiligung im Kabinettsausschuß für Wirtschaft erläutern zu lassen. Zuvor war in den Beiratssitzungen dieser Themenvorschlag des Rates für Formgebung, der Plan des Vorsitzenden des Deutschen Werkbundes Prof. Dr. Hans Schwippert befürwortet worden. Demzufolge sollte die deutsche Ausstellung unter den Leitgedanken „Leben und Fortschritt in Deutschland" gestellt werden (B 157/2009). - Vgl. dazu auch Oestereich, Umstrittene Selbstdarstellung und Sigel, Exponiert, S. 173-206.

Das deutsche Ausstellungsgelände umfasse 18 300 qm. Die Bundesrepublik stehe damit an 6. Stelle in der zugeteilten Fläche. Von dem deutschen Ausstellungsgelände sollten nach der Auflage der Belgischen Regierung 30% gartenarchitektonisch gestaltet werden.

Man rechne mit 30 Millionen Besuchern in 7 Monaten, was einem Tagesbesuch von etwa 150 000 Personen entspreche. Während der zehnstündigen täglichen Öffnungszeit würden sich etwa 5000 Menschen gleichzeitig in dem deutschen Ausstellungsgelände aufhalten. Im übrigen legt Senator Wenhold noch einmal eingehend die in der Vorlage des Bundesministers für Wirtschaft vom 7. April 1956 aufgezeigten Tatsachen und Gesichtspunkte dar.

Es sei folgender Zeitplan vorgesehen: Bis zum 30. Juni 1956 müsse der Plan für die architektonische Gestaltung des Geländes eingereicht sein; die Antwort der Belgischen Regierung solle bis zum 1. Oktober 1956 erteilt werden. Ende März 1958 solle das gesamte Ausstellungsgelände fertiggestellt sein. Am 5. April werde die Ausstellung eröffnet, sie solle von diesem Tage bis zum 15. Oktober 1958 andauern.

Der Vizekanzler geht davon aus, daß das der Bundesrepublik zugeteilte Ausstellungsgelände festliege und auch als befriedigend angesehen werden könne. Im Hinblick darauf, daß die Generalbebauungsidee bereits die Festlegung der stärksten Akzente bringe, stellt er die Frage, ob die Gestaltung der Generalidee der Ausstellung autonom von einer Behörde entworfen oder ob eine Reihe von Architekten auch dazu herangezogen werden solle.

Senator Wenhold erwidert hierzu, daß keine Ausschreibung eines beschränkten Ideen-Wettbewerbs für die bauliche Gestaltung der deutschen Ausstellung geplant sei. Man wolle vielmehr acht bis zehn Architekten zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenfassen, in der die Verständigung über die Aufteilung des Geländes erfolgen solle. Die Federführung für die baulichen Anlagen und für die Bereitstellung der finanziellen Mittel solle bei der Bauabteilung des Bundesfinanzministeriums liegen, während die thematische Gestaltung vom Generalkommissar im Zusammenwirken mit der Bauabteilung erfolgen solle.

Ministerialdirigent Rossig, Bundesfinanzministerium, bemerkt, daß ursprünglich ein Wettbewerb geplant worden sei; dies sei jedoch zeitlich nicht mehr durchzuführen 2. Man wolle eine Arbeitsgemeinschaft von zwei bis drei Architekten bilden, die unter Federführung des BMF zusammen mit dem Generalkommissar die Grundlagen der Ausgestaltung des Geländes erarbeiten und dann ihrerseits wieder an den einzelnen Teilaufgaben mehrere andere Architekten beteiligen solle.

2

Das BMF hatte im November 1955 einen beschränkten Ideen-Wettbewerb unter elf bis zwölf namentlich bezeichneten Architekten geplant, die ihre Entwürfe für die Gestaltung des deutschen Teils der Weltausstellung in den Monaten Februar und März 1956 erarbeiten und einer Jury vorlegen sollten (vgl. den Entwurf eines Schreibens des BMF an zwölf Architekten vom 5. Nov. 1955, der Wenhold zur Mitzeichnung vorgelegt worden war, und weitere Unterlagen dazu in B 102/37723 und B 157/2009). Prof. Dr. Schwippert vom Rat für Formgebung hatte angeregt, den Wettbewerb auszusetzen und eine Team-Arbeit von mehreren Architekten vorzuziehen. Rossig, Vertreter des BMF im Beirat, hatte diese Anregung in seinem Schreiben an den Architekten Prof. Dr. Egon Eiermann unterstützt (Schreiben vom 19. März 1956 in B 157/2009).

Staatssekretär Dr. Westrick regt an, den Entwurf eines Generalbebauungsplanes den beteiligten Ressorts vorzulegen, damit sie Stellung nehmen könnten 3. Man könne einige wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Akzente hineinbringen, was natürlich unauffällig zu geschehen habe.

3

Entwürfe eines Generalbebauungsplanes vom 9. bis 12. Dez. 1956 der Planungsgemeinschaft der Architekten Eiermann und Ruf in B 157/2013.

Der Vizekanzler ist unter Hinweis auf den Wiederaufbau von Hannover, Würzburg und Freudenstadt der Meinung, daß das städtebauliche Können der Deutschen zum Ausdruck kommen müsse. Abgesehen davon, daß der BdA, und zwar schon aus taktischen Gründen zugezogen werde müsse, sollten auch die städtebaulichen Experten beteiligt werden, deren Mitarbeit man sich rechtzeitig sichern müsse 4.

4

Der Bund Deutscher Architekten (BDA) war u.a. durch die Professoren Hans Schwippert und Otto Bartning vertreten. Zu weiteren beteiligten Architekten vgl. die Aktennotiz Wenholds vom 29. Aug. 1956 über eine Besprechung bei Erhard am 28. Aug. 1956 in B 102/37724 und B 157/2010.

Ministerialdirektor Dr. Fischer-Dieskau bittet, das Bundeswohnungsbauministerium ebenfalls zu beteiligen.

Auf die Frage des Vizekanzlers, ob die von Senator Wenhold genannten Termine eingehalten werden könnten, erwidert Ministerialdirigent Rossig, daß zur Ausschreibung eines Wettbewerbs keine Zeit mehr bleibe.

Der Vizekanzler äußert hiergegen Bedenken und sieht auch die Kritik der Öffentlichkeit daran voraus.

Ministerialdirigent Haenlein hält es für ratsam, den Bundeskanzler möglichst frühzeitig zu informieren, da dieser voraussichtlich an der Gestaltung des deutschen Ausstellungsgeländes interessiert sei. Er nehme an, daß auch der Bundeskanzler Bedenken haben werde, ohne Veranstaltung eines Wettbewerbs vorzugehen 5. Gegenüber dem Argument der Zeitnot werde man in der Öffentlichkeit den Vorwurf erheben, daß die Vorbereitungen dann früher hätten beginnen müssen.

5

Adenauer wurde mit Schreiben des Bundeskanzleramtes vom 8. Mai 1956 über den Stand der Vorarbeiten informiert (Schreiben in B 136/7765).

Der Vizekanzler weist darauf hin, daß die Vorarbeiten erst dann hätten aufgenommen werden können, wenn das Gelände für die Bundesrepublik zugeteilt und außerdem die Generalidee der Ausstellung festgelegt sei. Er bittet das BMF, so schnell wie möglich Besprechungen mit dem BdA aufzunehmen.

Ministerialdirigent Rossig gibt bekannt, daß diese Besprechung für den 4. Mai 1956 vorgesehen sei 6.

6

In der Besprechung des BMF mit dem BDA am 4. Mai 1956 wurde der Beschluß gefaßt, einen Ausschuß Sachberatung-Bau unter Leitung von Prof. Dr. Hans Schwippert zu schaffen, der für alle baulichen Fragen verantwortlich zeichnete. Die Federfühung lag beim BMF (Bauabteilung). Im Ausschuß arbeiteten die Architekten Prof. Dr. Sep Ruf (München) und Prof. Dr. Egon Eiermann (Karlsruhe) mit, denen die Rahmenplanung übertragen wurde (Vermerk des BMF vom 5. Mai 1956 in B 157/2010 und B 102/37723).

Senator Wenhold bemerkt noch ergänzend, daß ein offener Wettbewerb ohnehin nicht in Frage gekommen wäre, sondern nur die Ausschreibung eines beschränkten Wettbewerbs für die bauliche Gestaltung der deutschen Ausstellung zweckmäßig erschienen sei. Andere ausstellende Länder - z.B. Holland und England - hätten auch nur kleine Architekten-Gemeinschaften gebildet. Frankreich hätte sogar nur einem einzigen Architekten die Leitung übertragen. Dieser Mann sei aber ein derartiger Experte, daß dieses Verfahren in Frankreich ohne Widerspruch akzeptiert worden sei 7.

7

Der französische Chefarchitekt war Guillaume Gillet.

Der Vizekanzler ist der Meinung, daß sich unter keinen Umständen an dieser Frage eine Diskussion in der Öffentlichkeit entzünden dürfe und daß diese Frage noch nicht abschließend behandelt werden könne. Die Regierung müsse nach der Besprechung mit dem BDA am 4. Mai 1956 zu dieser Frage Stellung nehmen 8.

8

Stellungnahme der Bundesregierung nicht ermittelt.

Der Vizekanzler stellt die Frage, welcher Institutionen sich der Generalkommissar für die Festlegung des Programms der Ausstellung bedienen wolle. Seiner Meinung nach sei eine sofortige Besprechung mit der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder notwendig.

Wie die Technik dem Menschen dienstbar gemacht worden sei, lasse sich sehr gut darstellen an der Entwicklung der Schulen (einschließlich der Schulgebäude und der Gestaltung des Unterrichts), an der Entwicklung der Psychologie und der Freizeitgestaltung.

Senator Wenhold erwidert hierzu, daß ein Vertreter der Ständigen Konferenz der Kultusminister schon im Beirat mitgewirkt habe. Darüber hinaus seien z.B. im Beirat das Auswärtige Amt, die Bundesminister des Innern, der Finanzen, für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, für Wirtschaft, der Deutsche Industrie- und Handelstag, der Bundesverband der Deutschen Industrie, der Zentralverband des Deutschen Handwerks, der Rat für Formgebung 9 und der DGB beteiligt 10. Es sei vorgesehen, für jedes Teilgebiet eine Jury zu bilden, der jeweils die Entscheidung über die Gestaltung dieses Teilgebietes zufalle. Jedenfalls müsse der Gedanke von Wettbewerb und Konkurrenz zurücktreten, da es sich nicht um eine Verkaufsmesse handele.

9

Der Rat für Formgebung war im Oktober 1952 beim BMWi eingerichtet worden und wurde von der „Stiftung zur Förderung der Formgestaltung" getragen. Er befaßte sich mit Problemen der Produktgestaltung, leistete bei der Ausbildung von Architekten und Designern konzeptionell richtungsweisende Arbeit, organisierte und unterstützte national wie international Schauveranstaltungen zur „Guten Form". Im Rat arbeiteten Formgestalter, Vertreter der Industrie, aus Handel, Handwerk, Gewerkschaften, Verbraucherschaft, Publizistik und Verwaltung zusammen. Unterlagen hierzu in B 102/21239 bis 21241, 34493 und 34496.

10

Die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder wurde im Beirat von Ministerialdirigent Mäurer vertreten. Vgl. die personelle Aufstellung der 16 Mitglieder des Beirats für die Weltausstellung Brüssel 1958 vom 10. Febr. 1956 bzw. 16. April 1956 und Sitzungsprotokolle in B 102/37724 und B 157/2009. Die erste Sitzung des Beirats hatte am 1. Febr. 1956 stattgefunden. - Dr. Herbert Engst (NOWEA) legte am 25. Juni 1956 einen ersten Entwurf für die Durchführung der deutschen Beteiligung vor, wonach neun Bearbeitungsgremien, bestehend aus je einem Architekten, einem Themenfachmann und einem Branchenfachmann, alle thematischen und ausstellungstechnischen Grundsatzfragen für die jeweilige Ausstellungsgruppe (Erziehung, Ausbildung, Arbeit, Wohnung, Bekleidung, Ernährung, Erholung, Heilung und Hilfe sowie Altersversorgung) erörtern und festlegen sollten (B 157/2010).

Staatssekretär Dr. Sauerborn legt Wert darauf, daß in den Wechselbeziehungen zwischen Technik und Mensch auch auf Fragen der Berufsvermittlung, des Arbeitsschutzes, der Invalidität, des Unfallschutzes usw. eingegangen wird. Er bittet daher, das Bundesarbeitsministerium bei der Gestaltung dieser Ausstellungsprobleme zu beteiligen.

Senator Wenhold begrüßt den Vorschlag von Staatssekretär Dr. Sauerborn und bittet um Benennung eines Herrn, der an den Arbeiten teilnehmen soll, was von Staatssekretär Dr. Sauerborn zugesagt wird.

Ministerialdirektor Dr. Fischer-Dieskau bittet, auch das Bundesministerium für Wohnungsbau an diesen Arbeiten zu beteiligen, was Senator Wenhold zusagt.

Auf eine Frage von Staatssekretär Dr. Bergemann erwidert Senator Wenhold, daß noch nicht entschieden sei, ob der Verkehr intereuropäisch dargestellt werde. Die europäischen Eisenbahnen hätten sich geeinigt, den Fortschritt auf dem Eisenbahngebiet gemeinsam darzustellen.

Auf eine Frage von Staatssekretär Dr. Westrick bestätigt Senator Wenhold, daß die Montan-Union im Rahmen der Ausstellung selbständig auftreten will.

Der Vizekanzler stellt fest, daß es notwendig sein wird, die beteiligten Ressorts intensiv bei der Gestaltung des Ausstellungsgedankens einzuschalten. Der Industrie müsse nahegebracht werden, daß es sich bei der Weltausstellung in Brüssel um keine Veranstaltung mit Messecharakter handele, sondern eine Objektdarstellung vorgesehen sei.

Senator Wenhold bemerkt, daß die reine Ausstellungsfläche der Bundesrepublik nur 12 000 qm betrage und man deshalb eine gewisse Auslese der Vorschläge in Erwägung ziehen müsse.

Auf die Frage von Ministerialdirektor Dr. van Scherpenberg, ob in Brüssel auch Filme gezeigt werden könnten, erwidert Senator Wenhold, daß die Belgier die Einrichtung eines Filmtheaters mit 800 Plätzen planen. Auch könne ein Teil der Restaurationsräume des deutschen Ausstellungsgeländes mit etwa 400 Plätzen für Filmvorführungen abgeteilt werden. Der Besuch von Filmen sei jedoch nach den Erfahrungen der bisherigen Ausstellungen nur gering. Im übrigen stehe auch das von den Belgiern geplante Filmtheater zur Vorführung deutscher Filme zur Verfügung.

Staatssekretär Dr. Sauerborn glaubt, daß jedenfalls mit filmischen Darstellungen den Messebesuchern ein besserer Eindruck vermittelt werden kann, als etwa mit der Darstellung von statistischen Entwicklungsreihen in der Form von Diagrammen. Deshalb begrüßt er ebenso wie auch der Vizekanzler, daß die Möglichkeit zur Vorführung von Kurzfilmen auch auf dem deutschen Ausstellungsgelände bestehe.

Der Vizekanzler regt an zu prüfen, ob nicht auch die Möglichkeit gegeben sei, die Grünfläche nicht nur zu gärtnerischen Anlagen zu nutzen, sondern auch im Einvernehmen mit dem Bundeswohnungsbauministerium und dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in die thematische Gestaltung mit einzubeziehen.

Senator Wenhold hält das für möglich.

Anschließend bittet er den Kabinettsausschuß, dem thematischen Leitgedanken der deutschen Ausstellung „Leben und Fortschritt in Deutschland" entsprechend der Vorlage des Bundesministers für Wirtschaft zuzustimmen, weil die Festlegung der thematischen Gestaltung die Voraussetzung für die weitere Ausgestaltung der Ausstellung bilde.

Ministerialdirigent Rossig erklärt für das Bundesfinanzministerium die Zustimmung und auch Staatssekretär Dr. Sonnemann billigt den Leitgedanken der Ausstellung. Staatssekretär Dr. Westrick ist ebenfalls mit dem Leitgedanken einverstanden. Er gibt noch die Anregung, dem sozialen Teil der Ausstellung besondere Beachtung zu schenken. Man solle hier auch die Eingliederung der Flüchtlinge als eine besondere deutsche Leistung darstellen, gleichzeitig aber deutlich werden lassen, daß noch große Aufgaben auf sozialpolitischem Gebiet von der Bundesrepublik zu lösen sind. Man solle vermeiden, unsere Lage zu günstig darzulegen, da sich sonst Angriffsmöglichkeiten für die öffentliche Meinung der Welt ergeben könnten. Über dieses Problem müsse zwischen dem Generalkommissar, dem Arbeitsministerium, dem Wohnungsbauministerium und dem Wirtschaftsministerium noch einmal eingehend gesprochen werden 11.

11

Unterlagen zur Frage der Darstellung der Eingliederung der Flüchtlinge in B 102/37727 und 37728.

Der Vizekanzler ist der Meinung, daß die jetzt noch zu blasse Färbung des Begriffs „Leben und Fortschritt in Deutschland" konkretisiert werden muß. In der Tat müsse man vermeiden, die deutschen Zustände zu rosig erscheinen zu lassen und vielmehr auf die großen Aufgaben hinweisen, die noch für die Bundesrepublik beständen.

Diese Meinung wird auch von Ministerialdirektor Dr. Fischer-Dieskau geteilt.

Ministerialdirigent Haenlein, BKA, macht darauf aufmerksam, daß die Sowjets die Ausstellung mit Sicherheit zu einer Propagandaangelegenheit machen werden, indem sie darauf hinweisen, daß ihr kollektivistisches System Fortschritte bringt. Demgegenüber müßten wir darlegen, daß die soziale Marktwirtschaft ihrerseits - so wie sie in Deutschland verwirklicht sei - dem Menschen noch größere Vorteile eintrage als das kollektivistische System der Russen.

Ministerialdirektor Dr. van Scherpenberg ist der Ansicht, daß die Landwirtschaft auch auf die Entlastung der Landfrau und des Landarbeiters durch den Einsatz entsprechender landwirtschaftlicher Maschinen hinweisen sollte.

Der Vizekanzler stellt anschließend unter Zustimmung des Kabinettsausschusses fest, daß die Thematik der deutschen Ausstellung von allen Anwesenden gebilligt werde. Freilich müßten die von verschiedenen Seiten vorgetragenen Gedanken noch bei der Gestaltung der Ausstellung berücksichtigt werden.

Ministerialdirektor Dr. Schillinger macht darauf aufmerksam, daß vom Bundesfinanzministerium ein Betrag von 10 bis 12 Mio. DM als äußerste Grenze für die Durchführung der Weltausstellung in Brüssel betrachtet werde. Dem Haushaltsausschuß des Bundestages gegenüber habe man erklärt, daß man mit 10 bis 15 Mio. DM Aufwendungen rechne, was dieser als reichlich bemessen betrachtet habe. Man werde im Herbst dieses Jahres die Angelegenheit noch einmal im Haushaltsausschuß erörtern müssen 12.

12

Vgl. das Kurzprotokoll der 180. Sitzung des Haushaltsausschusses am 24. Okt. 1956 im Parlamentsarchiv des Deutschen Bundestages.

Der Vizekanzler ist der Meinung, daß auch auf Grund der dann vorhandenen Unterlagen die Bewilligung der Mittel in der erforderlichen Höhe durch den Haushaltsausschuß leichter zu erreichen sein werde.

Senator Wenhold macht darauf aufmerksam, daß es jetzt noch nicht möglich sei, eine genaue Aufstellung der benötigten finanziellen Mittel zu geben. Die finanziellen Aufwendungen seien einmal abhängig von der baulichen Gestaltung des Ausstellungsgeländes und von der Klärung der Frage, welche Kosten von Organisationen und welche aus öffentlichen Mitteln getragen werden müßten. Im übrigen sei die Kostengestaltung auch weitgehend abhängig von der Preisentwicklung in Belgien. Auch müsse man bei dem deutschen Aufwand die Ausgestaltung der Ausstellung durch die übrigen Länder mit berücksichtigen.

Senator Wenhold weist darauf hin, daß ursprünglich alle Sekretariatsarbeiten durch die Nordwestdeutschen Ausstellungsgesellschaften übernommen werden sollten. Dieses habe sich jedoch als unpraktisch und verteuernd erwiesen. Er habe daher im Einvernehmen mit dem Bundeswirtschaftsministerium ein eigenes kleines Büro in Bremen eingerichtet.

Der Vizekanzler stellt fest, daß sich hiergegen kein Widerspruch erhebt.

Der Vizekanzler ist der Ansicht, daß es Aufgabe der Bundesministerien für Wirtschaft, des Innern und für Verkehr sei, die Nichteuropäer, die die Brüsseler Ausstellung besuchen, auch zu einem Besuch in der Bundesrepublik zu veranlassen. Hier komme es darauf an, die entsprechenden Kongresse und Veranstaltungen zeitlich und dem Inhalt nach richtig anzuberaumen. Auch sei es dringend notwendig, einen entsprechenden Besucherstrom nach Berlin zu lenken.

Staatssekretär Dr. Sauerborn bemerkt hierzu ergänzend, daß seines Wissens die Belgier planen, Hubschrauberverbindungen nach Westdeutschland einzurichten, um dort die Messebesucher, für die sie keine Wohnmöglichkeit haben, unterzubringen.

Staatssekretär Dr. Bergemann weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß die Mittel, die für die deutsche Fremdenverkehrswerbung im Ausland zur Verfügung stehen, zu gering dotiert seien. Es sei unbedingt nötig, diese Frage wieder aufzugreifen; nur durch eine stärkere Aktivierung der Fremdenverkehrswerbung könnten die vom Vizekanzler gewünschten Effekte erzielt werden.

Abschließend bittet der Vizekanzler Senator Wenhold, allen Beteiligten möglichst bald die für die Weltausstellung in Brüssel wichtigen Unterlagen zuzuleiten. Die Bundesregierung werde bestrebt sein, der Weltausstellung in Brüssel wirklich ein einheitliches und der deutschen Bedeutung entsprechendes Gepräge zu geben 13.

13

Fortgang 56. Ausschußsitzung am 6. Aug. 1956 TOP 1.

Extras (Fußzeile):