4.24 (k1950k): Dokument Nr. 24

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Titelblatt: Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung 1950Portrait Walter StraußPortrait Hans LukaschekSchreiben Adenauers zur Entlassung von Heinemann.Portrait: Robert Lehr

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Dokument Nr. 24

8. September 1950

Gefälschte Nachrichten des Nauheimer Kreises 1

Nachrichten des Nauheimer Kreises

Der Ministerpräsident der Deutschen Demokratischen Republik, Grotewohl 2, hat Herrn Prof. Noack gebeten, einen wichtigen Schritt zur Verbesserung der Ost-West-Beziehungen zu unternehmen: Trotz der vorübergehenden Mißverständnisse zwischen Prof. Noack und der SED-Führung erhielt Prof. Noack vor einigen Tagen ein sehr freundschaftlich gehaltenes Schreiben des Ministerpräsidenten Grotewohl, in dem er gebeten wurde, seine Beziehungen zum Bundeskanzleramt dazu zu benutzen, die Aufhebung des Verbots der kommunistischen Presse zu erwirken.

Ein weiteres bedeutsames Zeichen für das wachsende Vertrauen, das die Deutsche Demokratische Republik unserem Kreise und seiner Verständigungsarbeit schenkt, ist in der Tatsache zu erblicken, daß der bisherige Stellvertretende Ministerpräsident der DDR und Zonenvorsitzende der LDP, Prof. Kastner 3, der infolge Meinungsverschiedenheiten über seine Lebensführung und andere Privatangelegenheiten von seiner Partei desavouiert worden war, nunmehr mit der ständigen persönlichen Verbindung zwischen der Regierung der DDR und unserem Nauheimer Kreis beauftragt wurde. Er hat seinen ersten Besuch in Würzburg bereits für die nächsten Tage angekündigt.

Auch mit Ernst Niekisch 4 stehen wir nunmehr in enger persönlicher Zusammenarbeit. Niekisch war bekanntlich schon vor 1933 Führer der linken nationalen Opposition gegen die internationalistische SPD-Leitung gewesen und im „Dritten Reich" zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Jetzt ist er einer der maßgebenden Männer der nationalen Front in Berlin, und wir sind gewiß, daß er sich für seine jetzige Aufgabe durch seine früheren Beziehungen zu nationalrussischen Führern in der Sowjetunion, wie z. B. zum Marschall Tuchatschewsky 5, wie kein zweiter eignet. Ernst Niekisch besuchte uns erst kürzlich zu einer langen, äußerst wichtigen Konferenz in Würzburg.

Als Ergebnis können wir erwarten, daß die kommunistische Presse in Zukunft gegenüber unseren Bestrebungen eine weniger engstirnige Haltung einnehmen wird und daß sich unsere direkte Zusammenarbeit mit der Nationalen Front in Westdeutschland, die durch den unangenehmen Zwischenfall mit Rechtsanwalt Puhl 6 vorübergehend gelitten hatte, wieder verbessern wird.

Schwierigkeiten haben sich dagegen bezüglich des von Prof. Noack beabsichtigten - und vom Botschafter Semjonow dringend gewünschten - Besuch beim Heiligen Vater ergeben. Durch eine unbegreifliche Indiskretion sind kirchliche Kreise wegen der mit dem vorgesehenen Besuch verbundenen besonderen Absichten - und auch wegen der Geldgeber der Romreise - gewarnt worden. Weihbischof Neuhäusler 7 hat daher an Prof. Noack einen Brief gerichtet, in dem er ausdrücklich um größere Diskretion bittet.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß es Prof. Noacks unbeirrbaren Anstrengungen allmählich gelingt, das Werk des Nauheimer Kreises aus den Niederungen der Tagespolitik in die Bereiche der höheren Politik emporzuführen und damit unserer Bewegung schrittweise die Stellung zu verschaffen, die ihr gebührt. Prof. Noacks jüngste Verhandlungen - einerseits in Bonn mit Innenminister Heinemann, mit Theo Kordt 8 im Bundeskanzleramt und mit anderen wichtigen Persönlichkeiten, andererseits mit Botschafter Semjonow in Karlshorst und mit Herrn Albert Norden 9 vom Informationsamt der DDR in Bad Kissingen - lassen wichtige Fortschritte erhoffen. Insbesondere Botschafter Semjonow ist zu der Einsicht gelangt, daß - falls die KPD im Sinne der Berliner SED-Beschlüsse in Westdeutschland in die Illegalität geht, dann vermutlich auch die Nationale Front im Westen nicht länger zu halten sein wird: in diesem Falle rechnet er auf unsere Mithilfe zur Aufrechterhaltung der Ost-West-Verbindungen!

In diesem Sinne appellieren wir an alle Freunde und Mitarbeiter, ihr Bestes zur weiteren Unterstützung des Nauheimer Kreises zu tun. Unser nächstes Ziel ist es: 5000 Mitglieder und 200 Ortsgruppen zu gewinnen.

In jeder Ortsgruppe gilt es: örtliche Verbindungen zu politisch unbelasteten Persönlichkeiten der Nationalen Front herzustellen!

Mit den besten Grüßen!

Die Leitung des

Nauheimer Kreises

Fußnoten

1

Druckvorlage: Umdruck in NL Adenauer/III 115, zwei Seiten. - Vgl. dazu Dokument Nr. 45. - Urheber der Fälschung waren nicht zu ermitteln. Niekisch schrieb dazu am 21. Sept. 1950 an Noack: „... In den Ausführungen über mich finde ich einige Indizien, durch welche ich mich berechtigt glaube anzunehmen, daß die Fälschung durch Sozialdemokraten vorgenommen worden ist ..." (Abschrift in NL Heinemann/33). - Vgl. dazu auch Mitteilung des BPA Nr. 809/50 vom 14. Sept. 1950 und Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. Sept. 1950 („Gefälschte Nachrichten").

2

Otto Grotewohl (1894-1964). Buchdrucker. 1922-1925 Innen- und Justizminister in Braunschweig (SPD), 1925-1933 MdR; 1945 Vorsitzender des Zentralausschusses der SPD in der sowjetischen Besatzungszone, 1946 Mitvorsitzender der SED, 1949-1964 Ministerpräsident der DDR.

3

Dr. Hermann Kastner (1886-1957). Vor 1933 MdL in Sachsen (Deutsche Demokratische Partei), 1946-1948 Justizminister in Sachsen (Liberal Demokratische Partei), 1949-1950 Stellvertretender Ministerpräsident der DDR, lebte seit 1956 in der Bundesrepublik

4

Ernst Niekisch (1889-1967). Lehrer. 1917 Eintritt in die SPD, 1918 Vorsitzender des Zentralen Arbeiter- und Soldatenrates in München, 1921 Entlassung aus dem Schuldienst; 1919-1922 MdL in Bayern (USPD), 1923-1927 Sekretär des Hauptvorstandes des Deutschen Textilarbeiterverbandes, ab 1926 Mitglied der Alten Sozialistischen Partei und Vertreter der Idee des Nationalbolschewismus; 1937 wegen „Hochverrats" zu lebenslanger Haft verurteilt; 1945 Mitglied der KPD, 1948-1954 Professor an der Humboldt-Universität (Berlin-Ost) und Leiter des „Instituts für die Erforschung des Imperialismus"; 1954 Austritt aus der SED.

5

Michail Tuchačevskij (1893-1937). 1935 Marschall der Sowjetunion, 1937 hingerichtet.

6

Nicht ermittelt.

7

Johannes Neuhäusler (1888-1973). 1932 Domkapitular in München; 1941-1945 in verschiedenen Haftanstalten, u. a. in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau (gemeinsam mit Niemöller); 1947-1973 Weihbischof der Erzdiözese München-Freising.

8

Dr. Theodor Kordt (1893-1962). 1922-1945 im diplomatischen Dienst, nach 1933 in London für deutsche Widerstandskreise tätig; 1948-1950 Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen, 1950-1958 Bundeskanzleramt und Auswärtiges Amt u. a. als Botschafter in Athen.

9

Albert Norden (1904-1982). Journalist, seit 1920 Mitglied der KPD; 1933-1946 Emigration; 1949-1952 Leiter der Hauptabteilung Presse im Informationsamt der DDR, 1958-1981 Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der SED.

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