4.30 (k1950k): Dokument Nr. 30

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Titelblatt: Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung 1950Portrait Walter StraußPortrait Hans LukaschekSchreiben Adenauers zur Entlassung von Heinemann.Portrait: Robert Lehr

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Dokument Nr. 30

17. September 1950

Das Mitglied des Landtages von Nordrhein-Westfalen Ernst Molis (Köln) an den Bundeskanzler 1

Sehr verehrter Herr Bundeskanzler!

In der letzten Sitzung unserer Landtagsfraktion in Düsseldorf, an der Sie zu meiner großen Freude teilnahmen 2, brachten Sie u. a. zum Ausdruck, daß es weder den Kirchen, noch den Gewerkschaften, noch irgendwelchen anderen Gruppen erlaubt sein dürfe, bestimmend in die Politik hineinzureden, sondern daß die Politik in allererster Linie zu vertreten sei von den Männern und Frauen, die das Volk zu seinen Sprechern und Willensvollstreckern gewählt hat.

Ich habe mich über diese klare Feststellung sehr gefreut, war allerdings ein wenig überrascht davon, daß Sie so betont gerade auch die Kirchen in diese Reihe stellten. Nicht von ungefähr drängte sich dabei bei mir das Empfinden auf, daß Ihnen in diesem Augenblick in besonderer Weise die Spannungen vor Augen gestanden haben dürften, die in Ihrem Verhältnis zu Dr. Dr. Heinemann leider zu Tage getreten sind. Ich hatte das Gefühl, daß Sie im Hintergrunde der Haltung von Herrn Dr. Dr. Heinemann eine Einflußnahme der evangelischen Kirche zu erblicken vermeinen. Dieses Gefühl ließ während Ihrer Rede den Wunsch in mir aufkommen, daß Sie mit gleicher Prägnanz doch immer auch den Bestrebungen der katholischen Kirche, im politischen Raum mitzuentscheiden, begegnen möchten. Es ist doch niemandem zweifelhaft, daß gerade die katholische Kirche über alle möglichen Stellen, nicht zuletzt aber über die CDU, in den vergangenen Jahren einen sehr beträchtlichen Einfluß auf unsere Politik zu nehmen versucht hat.

Wenn wir auch gerade als CDU die Meinung beider Kirchen zu bestimmten Problemen immer wieder hören wollen und ernst zu nehmen haben, so muß es doch mit gleicher Entschiedenheit unser Grundsatz bleiben, weder der evangelischen, noch aber auch der katholischen Kirche einen bestimmenden Einfluß einzuräumen 3. Dies spreche ich als evangelischer Abgeordneter Ihnen gegenüber in aller Verbundenheit, aber auch in allem Freimut offen aus.

Im übrigen habe ich mich sehr darüber gefreut, daß Sie bei der gleichen Gelegenheit verkündeten, der bevorstehende gesamtdeutsche Parteitag in Goslar 4 habe die besondere Zielsetzung, daß wir uns in unserer politischen Arbeit einmal sehr stark auf die Leitsätze besinnen, nach denen wir die CDU im Jahre 1945 aufgebaut haben. Es ist unbestritten, daß in dem Maße, wie unsere christliche Substanz bei uns allen zunimmt, unsere Politik klar und ausgeglichen wird und zu Erfolgen führt.

In aufrichtiger Verbundenheit und mit den herzlichsten Wünschen für Ihr persönliches Wohlergehen und für Ihre bedeutungsvolle Mission, bin ich

Ihr Ihnen sehr ergebener

Molis 5

Fußnoten

1

Druckvorlage: Unterschriebene Ausfertigung in NL Adenauer/10.04. Briefkopf: „Ernst Molis Mitglied des Landtages Nordrhein-Westfalen". Mit Eingangsstempel des Bundeskanzleramtes „21. Sep. 1950" und Stempel: „Dem Herrn Bundeskanzler vorzulegen". Paraphierte Durchschrift in NL Heinemann/32. - Vgl. dazu Dokument Nr. 36.

2

Der Bundeskanzler (der bis zu den Wahlen im Juni 1950 Mitglied des Landtages in Düsseldorf geblieben war), hatte am 12. Sept. 1950 an einer Sitzung der CDU-Landtagsfraktion teilgenommen, um Einfluß auf die Koalitionsverhandlungen und die Regierungsbildung auszuüben. Siehe dazu das Schreiben Adenauers vom 22. Sept. 1950 an den Geschäftsführenden Vorstand des CDU-Landesverbandes Rheinland in Rhöndorfer Ausgabe S. 274 und Detlev Hüwel, Karl Arnold, Eine politische Biographie, Wuppertal 1980, S. 233.

3

Zur Antwort Adenauers siehe Dokument Nr. 55.

4

Zum ersten Bundesparteitag der CDU vgl. Anmerkung 41 zur Einleitung.

5

Ernst Molis (1905-1977). Kirchmeister und Mitglied des Kreissynodalvorstandes im Kirchenkreis Köln, Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU Köln-Stadt; 1947-1962 Mitglied des Landtages Nordrhein-Westfalen.

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