4.35 (k1950k): Dokument Nr. 35

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Titelblatt: Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung 1950Portrait Walter StraußPortrait Hans LukaschekSchreiben Adenauers zur Entlassung von Heinemann.Portrait: Robert Lehr

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Dokument Nr. 35

18. September 1950

Der Präses der Evangelischen Landeskirche von Westfalen Ernst Wilm (Bethel) an das Mitglied des Bundestages Robert Lehr 1

Sehr geehrter Herr Oberpräsident!

Wenn ich Ihnen heute schreibe, so tue ich das in einer sehr ernsten Sorge um den Weg unseres Volkes. Es geht m. E. nicht an, daß entscheidendste Schritte von unerhörter Tragweite festgelegt oder doch angebahnt werden, ohne daß die Abgeordneten des Bundestages bis heute dazu klar und offen Stellung genommen haben. Ich denke dabei an das Problem der Re-Militarisierung und alles, was damit zusammenhängt. Unser Volk hat ein Recht darauf zu hören, wie seine Abgeordneten darüber denken und was sie darüber im Bundesparlament sagen. Die Entschließungen der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland von Berlin-Weißensee 2 und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland von Essen 3 sind vielen evangelischen Christen richtunggebend. Darum bitten wir Sie, die evangelischen Männer und Frauen des Bundesparlaments, sich diesen Entschließungen unserer Kirche offen zu halten.

Ich werde den Eindruck nicht los, daß das Schiff „Deutschland" in dieser entscheidungsträchtigen Zeit „ferngesteuert" wird, und keiner weiß recht, von wem, von den Westalliierten oder von einer anonymen öffentlichen Meinung, aber es sagt auch keiner mit klarem und deutlichem Ernst: „Achtung! Vorsicht!" Wo ist heute jener Mann aus dem Gedicht, der der Brigg zuschreit, wie sie steuern muß, auch auf die Gefahr hin, daß er selber mit seinem Boot umkommt. Es geht doch im Augenblick einfach um die Frage, ob wir einem neuen Kriege entgegentreiben oder nicht. Ich möchte Sie jetzt mit meiner politischen oder vielleicht auch sehr unpolitischen Meinung darüber nicht belästigen; aber ich möchte Sie sehr herzlich bitten: Nehmen Sie Ihre Verantwortung in dieser Stunde wahr! Lassen Sie die Dinge nicht einfach treiben, sondern bringen Sie Ihren ganzen Rat und Einfluß zur Geltung. Keiner von uns andern kann Ihnen jetzt die ungeheure Verantwortung abnehmen; aber wir können für Sie beten - und das wollen wir tun 4.

Mit ergebenem Gruß

Ihr

gez. Wilm 5

Fußnoten

1

Druckvorlage: Abschrift in NL Adenauer/III 115.

2

Das Thema der Synode war: „Was kann die Kirche für den Frieden tun?" - Vgl. dazu: Berlin-Weißensee 1950. Bericht über die zweite Tagung der ersten Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 23.-27. April 1950. Hrsg. im Auftrage des Rates von der Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche in Deutschland, Hannover 1951. - Dazu Vogel S. 83-116.

3

Vom 23. bis 27. Aug. 1950 hatte der Deutsche Evangelische Kirchentag stattgefunden (EA S. 3378). Dabei hatte sich auch der Rat der EKD am 27. Aug. 1950 in der Frage der Wiederaufrüstung an die Öffentlichkeit gewandt und sich - wie auf der Synode von Berlin-Weißensee - gegen eine Wiederaufrüstung, aber für die Verstärkung der Polizei ausgesprochen (vgl. Niederschrift über die 16. Sitzung des Rates der EKD am 25. und 26. Aug. 1950 und Erklärung vom 27. Aug. 1950: „Die evangelische Kirche zur Wiederaufrüstung" in NL Heinemann/284).

4

Lehr sandte diesen Brief am 5. Okt. 1950 an Adenauer (siehe Dokument Nr. 60).

5

D. Ernst Wilm (geb. 1901). 1926 Pfarrer; 1942-1944 Konzentrationslager Dachau; 1949-1968 Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen; 1958-1970 Mitglied des Rates der EKD; 1952-1956 Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche der Union.

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