4.53 (k1950k): Dokument Nr. 53

Zum Text. Zur Fußnote (erste von 5). Zu den Funktionen. Zum Navigationsmenü. Zum Navigationsbaum

 

Bandbilder:

Titelblatt: Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung 1950Portrait Walter StraußPortrait Hans LukaschekSchreiben Adenauers zur Entlassung von Heinemann.Portrait: Robert Lehr

Extras:

 

Text

Dokument Nr. 53

28. September 1950

Der Bundeskanzler an den Bundesminister des Innern 1

Sehr geehrter Herr Heinemann!

Wie ich höre, finden noch fortgesetzt Besprechungen zwischen Ihnen und Ihnen nahestehenden evangelischen Persönlichkeiten über die zwischen uns bestehende Meinungsverschiedenheit statt 2. Es liegt mir deswegen daran, Ihnen ebenso, wie Sie das getan haben, meinen Standpunkt schriftlich niederzulegen. Dabei lasse ich alles das weg aus Ihrer Niederschrift 3, was sich schon als überholt erwiesen hat, z. B. daß wir uns nicht anbieten dürften usw. Sie werden ja aus meinem gestrigen Vortrag im Kabinett 4 entnommen haben, daß ein Anbieten auch von mir absolut abgelehnt wird und daß es sich lediglich um folgendes handelt: Es wird in absehbarer Zeit - es können bis dahin einige Wochen vergehen, es kann aber auch schon sehr bald kommen - an die Bundesregierung und Deutschland die offizielle Frage gestellt werden, ob es bereit sein wird, seine Menschenreserven und seine Materialreserven zum Schutze der westlichen Freiheit einer internationalen Armee zur Verfügung zu stellen, die allerdings unter Umständen die Aufgabe haben wird, einen sowjetrussischen Angriff abzuwehren.

Sie wollen den Frieden. Ich will den Frieden und will alles tun, damit der Frieden Deutschland und der Welt erhalten bleibt. Während Sie aber der Auffassung sind und für sich das Recht beanspruchen, diese Auffassung öffentlich zu vertreten, daß man, nachdem uns Gott das Schwert zweimal aus der Hand genommen hat, es nicht zum dritten Mal in die Hand nehmen dürfe, sondern geduldig abwarten müsse, was über uns verhängt werde, bin ich der Auffassung, daß der Frieden nur dadurch erhalten werden kann, daß man durch Aufbau und Bereitstellung einer entsprechenden Streitmacht dem allein als Angreifer in Betracht kommenden Staate, Sowjetrußland, vor Augen führt, daß ein Bruch des Friedens auch für ihn selbst ein sehr großes Risiko bedeutet.

Ich glaube, daß ich damit die Verschiedenheit unserer Standpunkte völlig klar wiedergegeben habe. Lassen Sie mich noch folgendes hinzusetzen. Ich hatte vorgehabt, Sie heute zu mir zu bitten, weil Sie ja auf eine Entscheidung über Ihr Rücktrittsgesuch drängen. Ich verstehe sehr, daß Sie aus dem jetzigen ungeklärten Zustand baldmöglichst herauskommen wollen. Nun bekomme ich heute früh die Nachricht von Herrn Kunze, daß er gestern mit Ihnen gesprochen hat, daß er jedoch heute zur Hochzeit seiner Tochter müsse und mir daher über die Besprechung mit Ihnen erst nächsten Montag berichten könne. Ich weiß nicht, ob es Ihnen recht ist, wenn wir bis dahin warten. Falls Sie schon früher eine entscheidende Aussprache haben wollen, stehe ich Ihnen natürlich zur Verfügung.

Noch eins lassen Sie mich anfügen: In dem pro memoria 5, das Sie mir übergeben haben, nehmen Sie es als Ihr Recht in Anspruch auch als Kabinettsmitglied Ihre oben wiedergegebene Ansicht, mit der Sie wie mir scheint im Kabinett allein stehen, öffentlich zu vertreten. Davon kann natürlich keine Rede sein. In einer so entscheidenden Frage kann das Kabinett nur eine einheitliche Haltung einnehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr ergebener

Adenauer

Fußnoten

1

Druckvorlage: Unterschriebene Ausfertigung, zwei Seiten, in NL Heinemann/32. Briefkopf: „Bundesrepublik Deutschland Der Bundeskanzler". Paraphierte Durchschrift in NL Adenauer/III 115. - Gedruckt in Rhöndorfer Ausgabe S. 283, auszugsweise bei Koch S. 173 und 513 sowie Frankfurter Hefte 1956 S. 464.

2

Siehe Dokument Nr. 43 Anmerkung 1.

3

Siehe Dokument Nr. 26.

4

Siehe Kabinettsprotokolle Bd. 2 S. 715 f. (99. Sitzung am 27. Sept. 1950 TOP 1 Anmerkung 2).

5

Siehe Dokument Nr. 26.

Extras (Fußzeile):