4.72 (k1950k): Dokument Nr. 72

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Titelblatt: Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung 1950Portrait Walter StraußPortrait Hans LukaschekSchreiben Adenauers zur Entlassung von Heinemann.Portrait: Robert Lehr

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Dokument Nr. 72

10. Oktober 1950

Aufzeichnung 1 von General a. D. Hans Speidel über ein Gespräch mit dem Vorsitzenden der SPD Kurt Schumacher

Das Gespräch fand 10.10.50 von 20.15 - 23.45 in der Wohnung von Herrn Dr. Kurt Schumacher, Kiefernweg 2, in Gegenwart von Prof. Dr. Carlo Schmid 2 und Gen. d. I. a. D. Hermann Foertsch 3 statt.

Das Hauptgesprächsthema war ein möglicher deutscher Beitrag zur Verteidigung Europas.

Als Voraussetzungen bezeichnete Dr. K. S. einen ausreichenden Schirm durch U.S.- und britische Panzerkräfte mit den entsprechenden Fliegerverbänden, aber keine französischen Divisionen, die nach Gliederung und innerer Haltung einem modernen Kampf nicht gewachsen sind.

Die Führung einer solchen Verteidigung könne niemals linear erfolgen, sondern in der Kampfart einer „offensiven Defensive".

Es drehe sich im übrigen nicht um Divisionszahlen, sondern um die Gesamtkonzeption. Die Alliierten sollten nicht etwa nur uns, sondern sich verteidigen, aber nicht bei uns, wie die Franzosen meinen, sondern mit uns.

Er habe die Sorge, daß die U.S.A. schnell einen accord mit Westdeutschland schließen wollten, um die Franzosen zu unterlaufen, und dabei Angebote an Deutschland machen, die nie gehalten werden können. Die Sorge vor einem Satellitentum, einem „Verkaufen" an die U.S.A. sei eben doch noch latent.

Sollten aber die Voraussetzungen, die er wiederholt auch in der Öffentlichkeit erklärt habe, sich verwirklichen, so sei er zu einer positiven Mitarbeit bereit. Er glaube dabei auch fest an die Gefolgschaft seiner Partei, wenn die Wehrmacht nicht nur von Leuten geführt wird, die restaurativ denken. Die S.P.D. müsse wissen, was sie verteidigt. Die Kumpels hätten volles Verständnis für die Notwendigkeit einer Verteidigung und würden ja sagen, wenn sie auch im sozialen Sinn wüßten, wofür.

Er werde die Sorge und den Zweifel nicht los, daß der Bundeskanzler die Trennung Polizei - Wehrmacht auch klar durchführe. Von Anfang an dürfte keinerlei Vermischung und damit Verwirrung eintreten. Wenn er höre, daß in Bonn ein Polizeibataillon mit 400 Offizieren und 100 Unteroffizieren und Mannschaften aufgestellt werden solle, so habe er seiner Ansicht nach berechtigte Bedenken, daß diese nur für die Polizei bestimmt sein sollten 4.

Nur eine saubere Trennung von den ersten Anfängen an schaffe die wünschenswerte Klarheit für den Aufbau von Verteidigungskräften.

Frage nach der Zweckmäßigkeit einer Aussprache mit Gen.Oberst Guderian 5, die ihm ehemaliger Hitlerjugendführer empfohlen hätte.

Der Sicherheitsminister der Ostzone Zaisser 6 habe ihm wohl aus Einschüchterungsgründen mitteilen lassen, daß die Volkspolizei wesentlich höhere Stärken und Bewaffnung habe, als öffentlich bekannt.

Dr. S. will sich in nächster Zeit mit Kirchenpräsident Martin Niemöller aussprechen wegen seiner Einstellung zur europäischen Verteidigung und dem West-Ostproblem. Besonders unklar sei die Stellung von Bischof Dibelius. Das Problem der evangelischen Kirche und in ihr der bekennenden Kirche und dabei auch die Einstellung der S.P.D. zur Kirche wurde eingehend besprochen.

Im Anschluß an eine Erläuterung des Gesamtniveaus der Bundestagsabgeordneten wurde auch das Problem der Universitas an den Hochschulen, die Technisierung und Nivellierung besprochen.

Dr. K[urt] S[chumacher] sprach zum Schluß den Wunsch aus, die Fühlung in derselben Offenheit zu erhalten, und das begonnene Gespräch zu vertiefen.

Fußnoten

1

Druckvorlage: Ungezeichnete und undatierte Ausfertigung, zwei Seiten, in AA Büro StS Bd. 26. Mit Stempel „Geheim" und handschriftlichem Vermerk: „Obige Aufzeichnung stammt von General a. D. Dr. Hans Speidel. A[lexander] B[öker] 27. 10." - Vgl. dazu Adenauer Bd. 1 S. 414.

2

Prof. Dr. Carlo Schmid (1896-1979). MdB 1949-1972, Vizepräsident und Vorsitzender des Ausschusses für das Besatzungsstatut und auswärtige Angelegenheiten des Bundestages; stellvertretender Vorsitzender der SPD; 1966-1969 Bundesminister für Angelegenheiten des Bundesrates und der Länder. - C. Schmid, Erinnerungen. Bern, München, Wien 1979.

3

Hermann Foertsch (1895-1961). Bei Kriegsende General der Infanterie; 1948 im Nürnberger Prozeß freigesprochen; danach publizistische Tätigkeit; - Foertsch hatte neben Speidel und Heusinger an der Denkschrift vom 7. Aug. 1950 („Gedanken zur äußeren Sicherheit der Bundesrepublik") mitgewirkt, die Wildermuth für den Bundeskanzler in Auftrag gegeben hatte (vgl. Dienstgruppen S. 50 und Anfänge Sicherheitspolitik S. 367 f.); zur Denkschrift vgl. Dokument Nr. 12 Anmerkung 7.

4

Vgl. dazu Dokument Nr. 79; zum Schutz- und Begleitkommando vgl. Dokument Nr. 61 Anmerkung 2.

5

Heinz Guderian (1888-1954). Generaloberst, zuletzt Chef des Generalstabes des Heeres, am 28. März 1945 des Amtes enthoben; seit 1950 publizistische Arbeiten zur Frage eines deutschen Verteidigungsbeitrages.

6

Im Protokolltext: „Zeisser". - Wilhelm Zaisser (1893-1958). ab 1945 verschiedene polizeiliche Funktionen in der sowjetischen Besatzungszone, 1948-1950 Innenminister von Sachsen, 1950-1953 Minister für Staatssicherheit der DDR, und Mitglied des Zentralkomitees und des Politbüros der SED.

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