4.76 (k1950k): Dokument Nr. 76

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Titelblatt: Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung 1950Portrait Walter StraußPortrait Hans LukaschekSchreiben Adenauers zur Entlassung von Heinemann.Portrait: Robert Lehr

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Dokument Nr. 76

13. Oktober 1950

Aufzeichnung 1 des Leiters der Verbindungsstelle zur Alliierten Hohen Kommission Herbert Blankenhorn über ein Telefongespräch mit dem amerikanischen Hohen Kommissar John J. McCloy

Notiz für den Herrn Bundeskanzler

Herr McCloy rief soeben bei mir an und führte folgende Punkte aus:

1)

In der Frage der Entflechtung 2 müsse die Verantwortung bei der Hohen Kommission verbleiben. Dies sei auch in New York noch einmal ausdrücklich bestätigt worden. Dagegen sei er zusammen mit den anderen Hohen Kommissaren bereit, jede Art von deutschen Vorschlägen, mögen sie von Regierungsstellen oder von der Industrie selbst kommen, in gemeinsamen Verhandlungen zu studieren und gründlich zu erörtern. Es sei nur erforderlich, daß von deutscher Seite so rasch wie möglich die notwendigen Vorschläge eingereicht würden.

2)

Besondere Sorge mache ihm die deutsche Zahlungsbilanz 3, die sich monatlich um 5 Millionen Dollar verschlechtere. Die Frage habe die amerikanische Marshallplanverwaltung in Paris und die zuständigen Stellen in Washington bereits beschäftigt. Er wäre dankbar, wenn der Herr Bundeskanzler diese Frage sofort mit dem Herrn Bundeswirtschaftsminister und Bundesfinanzminister eingehend erörtere und mit dem Vertreter der Marshallplanverwaltung in Deutschland raschestens Fühlung aufnehmen lasse.

3)

Er habe von Herrn Niemöller einen Brief 4 erhalten, dem die Abschrift des an den Herrn Bundeskanzler gerichteten Schreibens 5 beigelegen habe. In diesem Schreiben werde er gefragt, ob irgendwelche bindenden Abmachungen zwischen ihm und dem Herrn Bundeskanzler hinsichtlich der deutschen Beteiligung an einer internationalen europäischen Streitmacht getroffen worden seien. Er werde in sehr eindeutigen Worten noch heute an Herrn Niemöller antworten und den Brief veröffentlichen 6.

4)

Von evangelischer Seite sei an ihn der Wunsch herangetragen worden, Herrn Heinemann zu empfangen und die ganze Heinemannkrise zu erörtern. Er bitte um eine Mitteilung, ob der Herr Bundeskanzler hiermit einverstanden sei oder ob er eine solche Aussprache für zwecklos ansehe. Es genüge, wenn die Antwort hierzu im Laufe der kommenden Woche nach Frankfurt zugehen würde.

Herr Monnet 7 habe ihn heute nachmittag angerufen und ihm mitgeteilt, daß er die Aussichten für die Schumanplan-Verhandlungen 8 sehr pessimistisch beurteile. Gleichzeitig habe er ihn gebeten, sofort nach Paris zu kommen, um mit ihm den Stand der Verhandlungen zu besprechen. Er, McCloy, habe fest vor, seine Italienreise nicht aufzugeben, sondern den Besuch bei Monnet um etwa 14 Tage zu verschieben. Er wolle aber nicht verfehlen, den Herrn Bundeskanzler auf diesen Anruf Monnets aufmerksam zu machen.

13. Okt. 1950

Blankenhorn

Fußnoten

1

Druckvorlage: Unterschriebene Ausfertigung, zwei Seiten, in AA Büro StS Bd. 90.

2

Vgl. Dokument Nr. 75.

3

Vgl. dazu Kabinettsprotokolle Bd. 2 S. 745 f. (103. Sitzung am 10. Okt. 1950 TOP B).

4

Siehe Dokument Nr. 68.

5

Siehe Dokument Nr. 58.

6

Am 18. Okt. 1950 erklärte Generalmajor Hays, daß keine Abmachungen oder Vereinbarungen über einen deutschen Beitrag zur europäischen Verteidigung getroffen worden seien. Es seien auch keine Gespräche zwischen amerikanischen und deutschen Generalen hierüber geführt worden (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Okt. 1950 und EA 1950 S. 3589). - Eine Aussprache zwischen Niemöller und McCloy ist nicht zustandegekommen (Vermerk des Sekretariats Niemöllers vom 13. Dez. 1950, Zentralarchiv der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Bestand 62/3617, dort auch weitere Unterlagen über die Versuche einer Kontaktaufnahme).

7

Jean Monnet (1888-1979). Seit 1915 in verschiedenen Regierungsämtern tätig. 1946 Leiter des neu errichteten Planungsamtes für die Modernisierung der Eisen- und Stahlindustrie Frankreichs. 1950-1951 Leiter der französischen Verhandlungsdelegation für die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Schuman-Plan); 1952-1955 Vorsitzender der Hohen Behörde der Montanunion. - Jean Monnet, Erinnerungen eines Europäers, München, Wien 1978.

8

Zum Verhandlungsstand vgl. Kabinettsprotokolle Bd. 2 S. 728 (101. Sitzung am 4. Okt. 1950 TOP 1).

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