4.78 (k1950k): Dokument Nr. 78

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Titelblatt: Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung 1950Portrait Walter StraußPortrait Hans LukaschekSchreiben Adenauers zur Entlassung von Heinemann.Portrait: Robert Lehr

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Dokument Nr. 78

15. Oktober 1950

Der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen Ernst Wilm (Bethel) an den Bundeskanzler 1

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!

Heute mittag habe ich dem Herrn Bundespräsidenten, der bei der Weihe der Wiesenkirche in Soest anwesend war, in einer Tischrede gesagt, es sei für uns, die wir in unserem kirchlichen Dienst so lange und so erheblich in der Distanz zur Obrigkeit gelebt haben, einfach eine große Freude, daß der Herr Bundespräsident mit seiner Gattin unter uns im Gottesdienst gesessen und ihn mitgefeiert hat. Denn es sei uns, gerade auch im Blick auf die Vergangenheit und in der Blickrichtung dieses 15. Oktober 2 nach unseren Brüdern und Schwestern im Osten, ein sehr ernstes und wichtiges Anliegen, daß wir in gutem Vertrauen zu unserer Obrigkeit stehen dürfen, und es sei uns bewußt, was die Fürbitte der Christen um ein „gutes Regiment" sowohl für den Staat als auch für die Kirche bedeutet.

Aber meine Worte wären nur eine halbe Wahrheit, wenn ich nicht jetzt am gleichen Tage ausspräche, wie groß unsere Sorge ist, daß das Vertrauen zu unserer Obrigkeit einen schweren Riß bekommt.

Es geht nicht an, Herr Bundeskanzler, daß Sie die Anliegen, die Ihnen in den offenen Briefen von Martin Niemöller 3 und von Pfarrern der Bekennenden Kirche 4 vorgetragen worden sind, damit abtun, daß Sie „von den offenen Briefen einiger deutscher Stellen" reden, zu denen Sie etwas sagen wollen, „nicht, weil sie etwa das Wichtigste für das deutsche Volk wären" 5. Wenn Sie sich wegen einiger Schärfen in diesen Briefen zu einer solchen Nichtachtung für berechtigt halten - ich gebe zu, daß ich über diese Schärfen selbst erschrocken war - so steht doch hinter den Briefen ein so todernstes Anliegen weiter Kreise unseres Volkes, daß eine verantwortungsbewußte Obrigkeit darüber nicht so einfach hinweggehen kann. Diese Briefe sind ja nach einem wochenlangen Warten geschrieben worden. Nicht nur Martin Niemöller und nicht nur die Unterzeichner des anderen Briefes haben gewartet, sondern wir alle - und das sind sehr viele Männer und Frauen in Westdeutschland, auch sehr viele junge Menschen. Wir haben uns gefragt, ob denn die ungeheuren Entscheidungen über die Wiederaufrüstung gefällt werden, ohne daß die vom Volk gewählten Männer und Frauen im Bundestag dazu mit Klarheit und letzter Verantwortung ihre Stellungnahme gesagt haben, ja, sogar ohne daß die Männer Ihres Kabinetts sich darüber wirklich und gründlich aussprechen konnten. Wir haben uns gefragt, ob es denn nicht möglich ist, daß die Verfechter der einen und der anderen Meinung - sie stehen sich ja beide gegenüber in dem heißen Bemühen um den Frieden und um die Freiheit des deutschen Menschen - voreinander aushalten und miteinander um diese Fragen ringen müßten. Wir haben uns gefragt, ob wir dazu schweigen dürfen, wenn wir den Eindruck nicht loswerden, daß in dieser Frage der Wiederaufrüstung voreilig und nicht mit der uns gebotenen letzten Zurückhaltung entschieden oder doch zum mindesten vorentschieden wird.

Wir haben gewartet, Herr Bundeskanzler, wann endlich die außenpolitische Debatte im Bundestag käme. Wir haben gewartet, wann Sie die ernsten Bedenken Ihres Mitarbeiters Dr. Heinemann hören und prüfen und so ernst nehmen würden, wie sie einfach genommen werden müssen, weil es um Leben oder Tod unseres Volkes geht. Und dann lesen wir in der Zeitung, daß Sie auf die Frage, was Sie zu dem Interview von Dr. Heinemann sagen, in dem er kurz diese Bedenken vorgetragen hat, geantwortet haben sollen: „Ich werde das nicht einmal lesen!" Mit dieser Haltung, Herr Bundeskanzler, stellen Sie unser Vertrauen auf eine sehr ernste Probe. Es geht uns ja nicht um die Person von Dr. Heinemann - und wenn Sie meinten - mit ihm nicht ersprießlich zusammenarbeiten zu können, so haben Sie nach der Verfassung gewiß die Möglichkeit, einen anderen Mitarbeiter in Ihr Kabinett zu rufen -; es geht uns auch nicht um den konfessionell-evangelischen Mann auf dem Platz des Bundesinnenministers, sondern es geht darum, daß hier ein Mann diese entscheidenden Fragen für den Weg unseres Volkes in letzter Verantwortung vor Gott geprüft und Ihnen vorgetragen hat, und daß Sie ihm das nicht abgenommen haben, jedenfalls nicht so, wie es nach unserer Meinung hätte geschehen müssen. Dr. Heinemann ist nicht nur der Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland, er hat auch die Entscheidung der Synode und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland 6 in seinem Amt als Minister vertreten, und hinter diesen Entschließungen stehen sehr viele evangelische Christen.

Nun sagen Sie, alle Behauptungen, es seien in der Frage der Wiederaufrüstung schon Entscheidungen oder Vorentscheidungen getroffen, seien frei erfunden. Es stehen aber Ihrer Aussage andere Aussagen entgegen, und für diese anderen Aussagen sind Belege erbracht worden. Es ist unmöglich, daß diese Widersprüche so stehen bleiben, sonst zerbricht das Vertrauen. Hier liegt einfach unsere Not, und ich bitte Sie, Herr Bundeskanzler, nehmen Sie diese Not ganz ernst. Lesen Sie, was Dr. Heinemann in dem Interview 7 gesagt hat und setzen Sie sich damit auseinander. Lassen Sie sehr bald im Bundestag die Aussprache über die Frage der Wiederaufrüstung in Offenheit geschehen! Ich sehe, wie viele Menschen in unserem Volk diese Sache mit bangem Herzen verfolgen und wie unser Volk bis hin zur Jugend in dieser Frage eine sehr reife und sehr nüchterne Haltung einnimmt 8!

Ihr ergebener

Wilm

Fußnoten

1

Druckvorlage: Unterschriebene Ausfertigung, drei Seiten, in NL Adenauer/10.21. Briefkopf: „Präses Wilm". Mit Eingangsstempel des Bundeskanzleramtes: „18. Okt. 1950" und Stempel: „Dem Herrn Bundeskanzler vorzulegen". - Gedruckt in Kirchliches Jahrbuch 1950 S. 177 f.

2

Zu den Wahlen in der DDR am 15. Okt. 1950 vgl. Dokument Nr. 12 Anmerkung 17.

3

Siehe Dokument Nr. 58.

4

Siehe Dokument Nr. 59.

5

Die Zitate stammen aus der Rundfunkansprache Adenauers vom 11. Okt. 1950; vgl. dazu Anmerkung 38 zu Dokument A.

6

Vgl. dazu Dokument Nr. 35 Anmerkungen 2 und 3.

7

Vgl. dazu Dokument B Anmerkung 51.

8

Zur Antwort Adenauers siehe Dokument Nr. 82.

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