4.81 (k1950k): Dokument Nr. 81

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Titelblatt: Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung 1950Portrait Walter StraußPortrait Hans LukaschekSchreiben Adenauers zur Entlassung von Heinemann.Portrait: Robert Lehr

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Dokument Nr. 81

18. Oktober 1950

Der Bundesminister für den Marshallplan und Stellvertreter des Bundeskanzlers Franz Blücher an den Bundeskanzler 1

Hochverehrter Herr Bundeskanzler,

leider konnte ich an der gestrigen Kabinetts-Sitzung nicht teilnehmen. Nach dem, was ich hörte, muß ich aber jetzt schriftlich mit einer sehr ernsten Sorge zu Ihnen kommen. Es handelt sich um die Auswahl des Herrn 2, der vielleicht in einiger Zukunft mit den Fragen befaßt sein würde, die man so fälschlich Remilitarisierung nennt, die aber tatsächlich nichts anderes als einen Beitrag nicht zu einer deutschen Armee, sondern zur Verteidigung des freien Teiles Europas darstellt.

Nach unserer vor etwa 2 Wochen geführten Unterredung hatte ich weiter aufmerksam mir den von Ihnen genannten Namen hin und her überlegt. Wie Sie wissen, bin ich wegen heimatlicher Nachbarschaft und auch wegen unserer gemeinschaftlichen Arbeit in Frankfurt 3 wohl in der Lage, mir ein Urteil zu bilden. Und eben deswegen fällt es mir schwer, Ihnen sagen zu müssen, daß ich diesen so anständigen und so hochbegabten Herrn eben für diese Stellung nicht für geeignet halte. Es gehört hierhin in allererster Linie Jemand, der auch Generälen imponieren kann 4. Das beste Mittel, um dies zu erreichen, heißt: Stets die besten Formen wahren und nie die Ruhe verlieren. Und es kommt weiter darauf an, daß die Männer, die unsere wertvollste Jugend führen sollen, vor dem Zivilisten aus der Bundesregierung einen uneingeschränkten Respekt haben. Auch der wird zu allererst verloren, wenn man einmal die Ruhe verliert oder wenn gar - und auch das wäre zu befürchten - doch eine gewisse Animosität gegen Stände oder Schichten durchbrechen würde, die sich an diese Arbeit machen sollen.

So sehr ich um unseren Mangel an gutem Nachwuchs weiß und so stark ich deswegen daran interessiert wäre, den von Ihnen genannten Herrn in einer recht verantwortlichen Stellung herausgestellt zu sehen, so wenig scheint mir eben der Boden der richtige zu sein, an den Sie für ihn gedacht haben. Und, Sie kennen die Gemessenheit meines Ausdrucks, ich sage mit großem Ernst: Er wird sicher nicht so nützlich sein können, wie es notwendig ist. Etwas anderes wäre es, ob wir ihn in diesem Rahmen, oder bei der Frage der inneren Sicherheit, doch sehr betont als den Verteidiger staatsbürgerlichen Denkens gegenüber einem etwa aufkommenden Militarismus vorsehen und ihn auch entsprechend autorisieren könnten. Ich könnte mir z. B. vorstellen, daß eine Zwei- oder Drei-Männer-Kommission dauernd mit den Fragen der Vorbereitung für den zukünftigen Beruf und mit der Frage der bürgerlichen Erziehung des neuen deutschen Soldaten - diese im besten Sinne verstanden - zu beauftragen wäre. Ich würde hierin außenpolitisch vielleicht eine sehr bedeutsame und manche Schwierigkeiten lösende Geste sehen - ja, sie wäre für mich mehr als eine Geste! Nur als parlamentarisch verantwortlicher Chef, der den Männern der besten Schule vorgeordnet wäre, kann ich mir den Herrn nicht vorstellen und ich habe das Gefühl, daß ich dabei auch in seinem Interesse handele, wenn ich dies aus Verantwortung vor unserem Lande so offenherzig äußere.

Mit verbindlicher Empfehlung, wie stets

Ihr

F[ranz] B[lücher]

Fußnoten

1

Druckvorlage: Paraphierte Durchschrift in NL Blücher/78. Vermerk: „Persönlich! Streng Vertraulich!" Zwei Seiten.

2

Siehe Dokument B, S. 56-61.

3

Blank und Blücher waren von 1947-1949 Mitglieder des Wirtschaftsrates des Vereinigten Wirtschaftsgebietes.

4

Vgl. dazu die Haltung Wildermuths (Dokument B, S. 58).

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