4.83 (k1950k): Dokument Nr. 83

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Titelblatt: Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung 1950Portrait Walter StraußPortrait Hans LukaschekSchreiben Adenauers zur Entlassung von Heinemann.Portrait: Robert Lehr

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Dokument Nr. 83

31. Oktober 1950

Der Bundespräsident Theodor Heuss über ein Gespräch mit Landesbischof Hans Lilje 1

Aufzeichnung

Auf meine Einladung besuchte mich heute Landesbischof Dr. Hans Lilje, Hannover, dessen Vortrag über „Reformation als Gegenwartsaufgabe" ich am Abend vorher angehört hatte. Dr. Lilje selber war die Möglichkeit einer Aussprache spürbar erwünscht. Den Ausgangspunkt der Unterredung boten die beiden Nachrichten der Morgenpresse, Konferenz 2 Niemöller/Schumacher und die Bemerkung Dr. Heinemanns in Arnheim 3, er unterscheide sich von Niemöller darin, daß dieser die Bundesrepublik Deutschland als solche gar nicht anerkenne.

Ich trug Dr. Lilje meine Auffassung über das Vorgehen des Niemöller-Kreises vor. Niemöllers erster Brief 4 an Dr. Adenauer sei in bewußt verletzender Weise gehalten, besonders die Bemerkung über das Grundgesetz - das so „geschickt" gemacht sei, um das Volk seines eigentlichen Rechts zu berauben - sei irritierend und hämisch wie mittlerer polemischer Journalismus.

Die ganze These von Volksbefragung oder notwendiger Neuwahl sei im Augenblick wesentlich Parteitaktik. Ich hatte selber im Parlamentarischen Rat den Antrag auf unmittelbare Volksgesetzgebung zur Ablehnung gebracht, da in ihr bei dem amorphen Zustand des Volkes eine Prämie für Demagogen enthalten sei. Der Versuch, eine Neuwahl als notwendig zu schildern, sei wesentlich parteitaktisch zu sehen. Im Elementaren sei der Sinn der Repräsentativ-Verfassung, dem Bundestag eine Chance zu geben, das Volksbewußtsein darzustellen. Als etwa England und Amerika zur allgemeinen Dienstpflicht übergegangen wären, sei dort niemand auf die Idee gekommen zu sagen, dazu bedürfe es eines Spezialauftrages durch das Volk.

Dr. Lilje stimmte der These von dem zeitlich befristeten, aber damit gesicherten Dauerauftrag des Bundestages zu. Er sagte, daß er über das Vorgehen von Niemöller „tief traurig" sei, da ja nun Niemöller wohl eine kirchengeschichtliche Figur geworden, aber sein[en] Subjektivismus nicht im Rahmen seines Amtes halte. Schon bei früheren Gelegenheiten habe dieses Unbedachte für die Kirche selber Schaden angerichtet. Er stimmte meiner Darlegung von der Unangemessenheit der Tonlage durchaus zu und er nimmt an, daß die von Dr. Dibelius einberufene Sitzung am 17. November 5 das Gesamtproblem in den obersten evangelischen kirchlichen Gremien zur Klärung bringen wird. Wie mir scheint, glaubt Dr. Lilje, daß die überwiegende Anzahl der Landeskirchen das Vorgehen von Niemöller, zumindesten seine Form, in der es geschah, ablehnen wird 6. Ich machte Dr. Lilje noch darauf aufmerksam, daß es für die Kirche selber höchst unerwünscht sein muß, vor den bevorstehenden Landtagswahlen in den Ländern der amerikanischen Zone, durch einen hervorragenden Repräsentanten in die Argumentation der Wahlpropaganda hineingezogen zu werden.

Bad Godesberg, 31. Oktober 1950

Theodor Heuss

Fußnoten

1

Druckvorlage: Unterschriebene Ausfertigung, zwei Seiten, in NL Adenauer/12.07.

2

Am 30. Okt. 1950 hatten sich in Darmstadt Vertreter der Bekennenden Kirche und der SPD, darunter Niemöller und Schumacher, zu einer Aussprache über den deutschen Verteidigungsbeitrag getroffen. Beide Seiten hatten den Standpunkt vertreten, daß nur ein neu gewählter Bundestag über diese Frage entscheiden könne (Kommuniqué und weitere Äußerungen über dieses Treffen in EA 1950 S. 3591 f.).

3

Vgl. dazu Martin Lotz (Bearb.), Gustav W. Heinemann - Bibliographie, Bonn 1976 S. 36 Nr. 248.

4

Siehe Dokument Nr. 58.

5

Auf der Kirchenkonferenz am 17. Nov. 1950 in Berlin-Spandau erörterte die Evangelische Kirche Deutschlands Fragen des deutschen Verteidigungsbeitrages (vgl. EA 1950 S. 3609) und theologische und politische Fragen im Zusammenhang mit dem Vorgehen Niemöllers (vgl. dazu Vogel S. 145-149).

6

Am 15. Okt. 1950 hatte Lilje zu dem Brief Niemöllers vom 4. Okt. 1950 an Adenauer erklärt, „Kirchenpräsident Niemöller sei in diesem Fall nicht Sprecher der Christenheit in Deutschland gewesen und habe nicht die amtliche Meinung der Evangelischen Kirche, sondern nur seine private Meinung wiedergegeben" (EA 1950 S. 3587 f.).

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