2.9.4 (k1954k): B. Botschafter Beim Vatikan

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Palais SchaumburgBandrücken der EditionÜberreichung des ersten Bandes an Bundeskanzler Helmut SchmidtDas Bundesarchiv, KoblenzKabinettssitzung 1956

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[B.] Botschafter Beim Vatikan

Der Bundeskanzler weist darauf hin, daß der Vatikan die erste Macht war, die eine diplomatische Vertretung bei der Bundesrepublik eingerichtet hat 25. Es sei deshalb sehr bedauerlich, daß die Besetzung des deutschen Botschafterpostens beim Vatikan 26 durch die öffentliche Diskussion konfessioneller Gesichtspunkte 27 so sehr verzögert worden sei. Nach einer Schilderung der rein politischen Aufgaben des Botschafters schlägt der Bundeskanzler mit Rücksicht darauf, daß der deutsche Botschafter bei der Republik Italien, Herr von Brentano 28, katholisch ist, vor, zum Botschafter beim Vatikan den evangelischen derzeitigen Botschafter in Karachi, Herrn Jaenicke 29, zu ernennen. Botschaftsrat soll der Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes, Herr Salat 30, werden. Die Besetzung 31 der Botschaft mit einem evangelischen Diplomaten bedeute nicht, daß auch in Zukunft immer ein evangelischer Botschafter ernannt werde; bei einer Änderung der derzeitigen Besetzung der Stellen in Rom könne vielmehr die Vatikanbotschaft auch in anderer, beiden Teilen genehmer Weise besetzt werden 32.

25

Aloysius Joseph Muench (geboren 1889 in Milwaukee, dem Zentrum der US-Amerikaner deutscher Abstammung, verstorben 1962 in Rom) wurde als Generalvikar der amerikanischen Besatzungsarmee in Deutschland und Österreich Mitte Juli 1946 von Papst Pius XII. zum Apostolischen Visitator für Deutschland ernannt, in welcher Stellung Muench eine Funktion versah, die sonst einem päpstlichen Nuntius zukam. Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Sept. 1949 ernannte Papst Pius XII. Muench zum Regens der Apostolischen Nuntiatur in Deutschland, was besonders im Ausland Aufmerksamkeit erregte, da diese Ernennung als einer der ersten Schritte auf dem Wege zur Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen der Welt zur Bundesrepublik galt. Die offiziellen diplomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Bundesrepublik wurden am 4. April 1951 aufgenommen, als Bundespräsident Heuss Nuntius Muench zur Überreichung seines Beglaubigungsschreibens empfing.

26

Vgl. 268. Sitzung am 9. Jan. 1953 TOP F und Bulletin vom 3. Febr. 1954 S. 175.

27

Hierzu findet sich in Nachlaß Seebohm/8c folgende Eintragung: „Streit über Botschafter beim Vatikan: Erster Anspruch Bischof Dibelius. Geschichtlich: Botschaft hervorgegangen aus preußischer Gesandtschaft, dort natürlich Protestant. Papst wünscht Katholiken, ist aber bereit, sich Vorschlag Adenauers anzupassen. Da Brentano als Botschafter in Rom Katholik, schlägt er Jaenicke vor, der aus Gesundheitsgründen aus Karatschi weg muß. War 5 Jahre bei Kiangkaischeck. Beide Herren sind betagt; Brentano fast 70, Jaenicke über 70. Bei Wechsel kann gesorgt werden, daß einer der beiden römischen Botschafter Deutschlands evangelisch ist. Agreement erteilt. Botschaftsrat wird Salat (Leiter Kulturabt[eilung])". - Zu den Pressionen des Politischen Arbeitskreises der katholischen Verbände, daß nur ein Katholik als erster deutscher Botschafter nach 1945 zum Vatikan entsandt werden dürfte, siehe Teegespräche S. 286, Parlamentarischer Bericht des BPA vom 11. Febr. 1954 in B 145/1902, Nachlaß Blücher/299; vgl. dazu auch Protokolle CDU-Bundesvorstand S. 145-147, 156-158, 179 f.

28

Dr. iur. Clemens von Brentano (1886-1965, Bruder von Heinrich von Brentano). 1919-1929 im Auswärtigen Dienst tätig; 1946-1950 Leiter der Badischen Staatskanzlei, 1950 Generalkonsul und 1951-1957 Botschafter in Rom.

29

Dr. iur. Wolfgang Jaenicke (1881-1968). 1910-1913 Stadtrat in Potsdam, 1913-1914 Bürgermeister von Elbing, 1919-1928 Regierungspräsident von Breslau und 1930-1933 von Potsdam, 1930-1932 Mitglied des Reichstages (Deutsche Staatspartei), 1933-1936 Berater Tschiang Kai-scheks für die Verwaltungsreform Chinas; 1945-1947 Staatskommissar und 1947-1950 StS für das Flüchtlingswesen in Bayern, 1952-1954 Botschafter in Pakistan, 1954-1957 Botschafter beim Heiligen Stuhl.

30

Rudolf Salat (geb. 1906). 1930-1949 Mitarbeiter und Geschäftsführer des internationalen Generalsekretariats der Pax Romana in Freiburg/Schweiz; 1950-1954 Kulturreferent und kommissarischer Leiter der Kulturabteilung des AA, 1954-1957 Botschaftsrat bei der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl, 1957-1961 Leiter der Kulturabteilung der UNESCO in Paris, 1962-1967 Generalkonsulat Mailand, 1967-1970 Botschafter in Chile; vgl. 193. Sitzung am 18. Dez. 1951 TOP 9.

31

Im Entwurf fehlt dieser letzte Satz ab „Die Besetzung" (Kabinettsprotokolle Bd. 21 E).

32

Die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl wurde am 1. Juni 1954 errichtet, am 10. März 1954 hatte der Vatikan dem Protestanten Dr. iur. Wolfgang Jaenicke das Agrément als Botschafter erteilt (Keesing 1954 S. 4417 E). Jaenicke trat am 15. Mai 1957 in den Ruhestand; sein Nachfolger wurde Dr. rer. pol. Rudolf Graf Strachwitz (1896-1969), ein katholischer Berufsdiplomat, der offiziell am 23. Mai 1957 seine Tätigkeit beim Heiligen Stuhl aufnahm (Bulletin vom 12. Juni 1957 S. 966) und dort bis 1961 Botschafter war.

Das Kabinett stimmt diesen Ernennungen zu.

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