1.18 (k1959k): Gedenk- und Feiertage

Zum Text. Zur Fußnote (erste von 7). Zu den Funktionen. Zum Navigationsmenü. Zum Navigationsbaum

 

Bandbilder:

Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung. Band 12. 1959»Westliche Gipfelkonferenz« in ParisKarikaturenband »Wer hätte das von uns gedacht«Schreiben Eisenhowers an Heuss vom 28. August 1959Portrait Ludger Westrick

Extras:

 

Text

Gedenk- und Feiertage

Neben der eingangs geschilderten grundsätzlichen Frage, ob das zehnjährige Bestehen der Bundesrepublik Deutschland überhaupt ein Anlass zu feierlichen Jubiläumsveranstaltungen sein könne, hatte das Kabinett auch andere Aspekte der angemessenen Feiergestaltung zu beraten. So war darüber zu befinden, ob auch die Mitglieder des Parlamentarischen Rats, die der nunmehr verbotenen KPD angehört hatten, zur Grundgesetz-Feier am 23. Mai im Plenarsaal des Bundesrates eingeladen werden sollten. Hierzu konnten sich die Minister erwartungsgemäß nicht durchringen. Bezeichnenderweise hatte Adenauer gewünscht, zumindest seinen Gegenspieler von damals, Heinz Renner, in die Einladungsliste aufzunehmen 182. Das Treffen der ehemaligen Mitglieder des Wirtschaftsrates des Vereinigten Wirtschaftsgebietes im Frankfurter „Römer" fand ohne Beteiligung eines Vertreters der Bundesregierung statt. Man erwog im Kabinett sogar, den Veranstaltern eine Absage der Feier zu empfehlen 183. Diese Missachtung mochte damit zu tun haben, dass Adenauer von jeher eine Abneigung gegen die Frankfurter Organisationen vor Gründung der Bundesrepublik empfand.

182

Vgl. 66. Sitzung am 21. Mai 1959 TOP A.

183

Vgl. 77. Sitzung am 9. Sept. 1959 TOP A.

Unsicherheit prägte weitgehend auch die Kabinettsberatungen zur Gestaltung der feststehenden jährlichen „nationalen" Gedenk- und Feiertage. Im Hinblick auf den „Tag der Deutschen Einheit", dessen Feier in diesem Jahr ursprünglich mit der Gedenkveranstaltung zur Verabschiedung des Grundgesetzes vor zehn Jahren zusammengelegt werden sollte 184, setzte sich dabei eine seit Jahren bestehende Übung fort. Anlässlich der letztlich unbefriedigenden Gestaltung dieses Tages besann man sich im Kabinett alljährlich auf die Notwendigkeit einer sowohl dem Anlass des Volksaufstandes in der DDR im Jahre 1953 als auch der ideellen Identität der Bundesrepublik angemessenen gesetzlichen Regelung und bundeseinheitlichen Gestaltung dieses „schwierigen" Feiertages 185. Bis zum Ausgang der „alten" Bundesrepublik 1990 blieb dieses Problem allerdings virulent und ungelöst.

184

Vgl. 60. Sitzung am 25. März 1959 TOP 1 b und c sowie 66. Sitzung am 21. Mai 1959 TOP A.

185

Vgl. 60. Sitzung am 25. März 1959 TOP 2 c und 61. Sitzung am 3. April 1959 TOP D.

Neue Wege versuchte das Bundesministerium des Innern bei der bislang im äußeren Ablauf und in der inhaltlichen Aussage im Wesentlichen gleich gebliebenen Hauptfeier zum Volkstrauertag. Diese vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. getragene Veranstaltung im Bundeshaus war dem Gedächtnis an die Toten der beiden Weltkriege gewidmet. 1959 sollte diese Feier durch die Uraufführung einer im Auftrag des Volksbundes entstandenen modernen Ballade „einen besonderen geistigen Gehalt" bekommen 186. Die seit einigen Jahren unter wesentlicher Beteiligung der Kulturabteilung des Bundesinnenministeriums von Bevollmächtigten der beiden Kirchen und namhafter Schriftsteller und Komponisten angestellten Überlegungen zur künstlerischen Neugestaltung der Veranstaltung zeigten damit ein erstes sichtbares Ergebnis. Allerdings fand Adenauer in diesen neuen Gedenkformen keine Übereinstimmung mit seinen christlichen Anschauungen und sagte seine Teilnahme an der Feier ab.

186

Vgl. 84. Sitzung am 3. Nov. 1959 TOP C und Sondersitzung am 4. Nov. 1959 TOP A.

Vor dem Hintergrund der Vielzahl an Feierveranstaltungen einerseits und den Abwehrmaßnahmen der Bundesregierung gegen die Versuche der DDR, durch eine eigene Hymne und eine neue Staatsflagge Eigenständigkeit zu bekunden, sorgte Ende des Jahres eine kommentierte Ausgabe des Grundgesetzes, in der ein Unterabteilungsleiter des Bundesinnenministeriums alle drei Strophen des „Deutschlandliedes" als Nationalhymne vorangestellt hatte, für Irritationen 187. Am 12. November gab es im Bundestag seitens der SPD hierzu eine mündliche Anfrage 188. Auch Altbundespräsident Heuss wandte sich besorgt an Adenauer, weil er befürchtete, der Bundesinnenminister wolle künftig bei öffentlichen Veranstaltungen das Singen aller drei Strophen anordnen. Adenauer, der Schröder im Kabinett außerhalb der Tagesordnung zur Stellungnahme und Klärung der Angelegenheit aufgefordert hatte, versicherte Heuss umgehend, dass die seit 1952 in einem veröffentlichten Briefwechsel zwischen ihnen vereinbarte Praxis - das Deutschlandlied ist als Nationalhymne anzusehen, bei öffentlichen Veranstaltungen wird aber nur die dritte Strophe gesungen - auch weiter Bestand habe.

187

Vgl. 88. Sitzung am 9. Dez. 1959 TOP A.

188

Stenographische Berichte Bd. 44, S. 4877 f.

Extras (Fußzeile):