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Nitrozellulosefilm

Nitrofilm auf einem Schrumpfungsmeßtisch

Nitrofilm auf einem Schrumpfungsmeßtisch

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"Nitrofilm" bezeichnet umgangssprachlich Filmmaterial, dessen Schichtträger auf Zellulosenitratbasis aufgebaut ist. Zellulosenitrat (auch Nitrozellulose oder Zellhorn genannt) ist aufgrund der chemischen Zusammensetzung bereits autokatalytisch, eine zersetzliche Substanz. Der Zersetzungsprozeß wird durch hohe Temperatur und Luftfeuchtigkeit beschleunigt, während er unter günstigen Lagerbedingungen über viele Jahre verzögert, aber nicht gänzlich aufgehalten werden kann.


Korrosion

Korrosion

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Bei der Zersetzung entwickeln sich nitrose Gase. Sie sind schwerer als Luft und sinken demzufolge zu Boden. Sie weisen außerdem beißenden, stechenden Geruch auf und sind außerordentlich giftig.

Nitrofilm ist schon im unzerstörten Zustand höchst feuergefährlich, da die Zellulosenitratbasis dem Grundstoff des rauchschwachen Schießpulvers, der Schießbaumwolle ähnelt. Einmal in Brand geratene Nitrofilme sind nicht löschbar, weil beim Verbrennungsvorgang Sauerstoff freigesetzt wird. Er läßt das Feuer selbst dann weiterbrennen, wenn ihm der Luftsauerstoff durch herkömmliche Löschmethoden wie Wasser, Schaum oder Sand entzogen wird.

Frischer Nitrofilm entzündet sich bei ca. 130°C und brennt sehr schnell ab. Da sich bei der Zersetzung fast ausschließlich gasförmige Stoffe bilden, besteht Explosionsgefahr. Im letzten Stadium der Zersetzung kann sich der Film schon unterhalb von 40°C entzünden.

In der DDR verwendete die Filmfabrik Wolfen Zellulosenitrat als Schichtträger für Kinefilme bis in die 1960er Jahre. In der Bundesrepublik Deutschland wurde die Verwendung 1957 gesetzlich verboten. Der nachfolgende sog. Sicherheits- oder Safetyfilm kategorisiert verschiedene, weniger feuergefährliche Schichtträger, die aber gleichwohl chemischen Zersetzungserscheinungen unterliegen können.


Weitere Informationen
R. Hofmann, Zur Lagerung, Bearbeitung und Umkopierung von Nitro-Bildnegativen im Bundesarchiv (2002)(pdf, ~87.53KB)
Deutsche Gesetze und Verordnungen zum Nitrofilm (Beschreibung der Bearbeitung von Fotoüberlieferung im Bundesarchiv teilweise nicht mehr aktuell)
Rolf W. Abresch, "Dienstag, 26.1.1988: Ein schwarzer Tag für das Bundesarchiv", in: Mitteilungen aus dem Bundesarchiv 1/2008(pdf, ~139.64KB)
Nitrobrand 1988 im Bundesarchiv
Umgang, Bearbeitung und Lagerung von Nitrofilmen (Dienstanweisung des Bundesarchivs, 2003)(pdf, ~844.66KB)
Klaus Kramer, Nitratfilme identifizieren und aussondern (2005)(pdf, ~250.98KB)
Nitrozellulose mit besonderer Berücksichtigung von Kleinbildfilmen. Aus einem Fachlabor für Fotorestaurierung.
Roger Smither (ed.), This Film is Dangerous. A Celebration of Nitrate Film (Brüssel 2002)(pdf, ~58.75KB)
Buchtipp (Inhalt und Bezugsnachweis)
Nitrofilmlager des Bundesarchivs

Nitrofilmlager des Bundesarchivs

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Nitrofilmlagerung im Bundesarchiv

Die 2005 bezogenen Magazine für Nitrozellulosefilm im Servicezentrum Hoppegarten des Bundesarchivs bieten Platz für 80.000 Büchsen und sind nahezu voll belegt. Zu sehen ist im Vordergrund ein Erdwall, der den Druck einer möglichen Explosion abfängt, dahinter die eigentlichen Lagergebäude mit computergesteuerter Gebäudeleittechnik.


Inneres einer Kammer mit Nitrofilmen

Inneres einer Kammer mit Nitrofilmen

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Das Lagerungsklima beträgt +6°C und 50% rel. Luftfeuchte mit einer Toleranz von +/- 2C° bzw. +/-5% RH.

Im Unterschied zu Magazinen, in denen Schriftgut aufbewahrt wird, muß Filmmaterial nicht nur klimastabil gehalten, sondern dauerhaft entlüftet werden, um entweichende Gase abzuführen.


Flur im Nitrofilmlager

Flur im Nitrofilmlager

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Zur Schadensbegrenzung bei Störungen der Klimaanlage sind die Kammern einzeln klimatisiert. Die gesamte Klimatechnik ist zudem im Flur außerhalb der Kammern untergebracht, um Feuergefahr durch technische Havarien zu vermindern.


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Zersetzung von Nitrofilm

Äußere Merkmale zeigen sich in folgenden Zwischenstufen:

  • Der Film gibt gasförmige Zersetzungsprodukte ab und fällt durch den Geruch nitroser Gase auf;
  • Verblassen des Silberbildes und bräunliche Verfärbung der Emulsion;

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  • die Emulsion beginnt zu kleben;
  • die Emulsion weicht teilweise auf, sie wird blasig, es entsteht ein strenger Geruch;

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  • der Film backt zu einer Masse zusammen;
  • der Schichtträger beginnt zu einem bräunlichen Pulver mit beißendem Geruch zu zerfallen.

Alle im Bundesarchiv gelagerten Nitrofilme werden daher in zweijährigem Abstand auf Zersetzungssymptone hin untersucht und sofort auf Schutzmedien kopiert, wenn Verluste drohen.


Brennverhalten von Nitrofilm (Videos)
Darstellung von Nitrobränden in Spielfilmen

Eigenschaften, Erkennung, Schadensbilder und Behandlung von Nitrofilm

Die nachfolgenden Publikationen verweisen für weitere Fragen an die nationalen Filmarchive. In Deutschland kann das Bundesarchiv die beschriebenen Auskünfte erteilen.


Health & Safety Executive, UK, The Dangers of Cellulose Nitrate Film (2003)(pdf, ~733.45KB)
Informationen zu Nitrofilm und entsprechenden Vorschriften in Großbritannien
Eastman-Kodak Company, USA, Safe Handling, Storage, and Destruction of Nitrate-Based Motion Picture Films(pdf, ~95.5KB)
Informationen über Nitrofilm und entsprechende Vorschriften in den USA
Screensound Australia, Decomposition of Nitrate Base Material(pdf, ~470.05KB)
Eine Information des Australischen Filmarchivs zum Zersetzungsprozeß von Nitrofilm (mit Fotos)