Memorial Book

Victims of the Persecution of Jews under the National Socialist Tyranny in Germany 1933 - 1945

Memorial Book

Startpage » Preliminary remarks on the printed version » Revised Edition of the Memorial Book (German)

Einführung in die Neubearbeitung

Neubearbeitung des Gedenkbuches

Die Neubearbeitung des Gedenkbuches erfolgte in einer völlig veränderten Situation. Mit Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Jahre 1990 und damit auch der Zusammenführung der Bestände des Bundesarchivs und der des Zentralen Staatsarchivs der DDR ergab sich die Chance, auf einer erweiterten Quellenbasis die eingegangene Verpflichtung für eine Neuauflage des Gedenkbuches einzulösen. Am 28. Februar 1991 erhielt das Bundesarchiv durch Erlass des Bundesministers des Innern den Auftrag, die Möglichkeiten zur Neubearbeitung des Gedenkbuches zu prüfen. Die erweiterte Auflage sollte die seit dem Erscheinen des Gedenkbuches eingegangenen Ergänzungen und Korrekturen berücksichtigen sowie den Opfern aus dem Gebiet der neuen Bundesländer und der ehemaligen deutschen Ostgebiete ein ehrendes Gedenken geben.

Mit der Übernahme der Bestände des Zentralen Staatsarchivs der DDR gelangte auch der Bestand R 1509 (Reichssippenamt), und mit diesem die „Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung“ aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939, in das Bundesarchiv. Dieser Bestand lagerte bis zur Übernahme durch die Staatliche Archivverwaltung der DDR im Jahre 1981 in Berlin in der Oranienburger Straße 28. Dieses Gebäude der Jüdischen Gemeinde Berlin war nach dem Novemberpogrom 1938 beschlagnahmt und später als Dienstgebäude des Reichssippenamtes genutzt worden. Nach Kriegsende im Mai 1945 blieben die Ergänzungskarten in diesen Räumlichkeiten, und bis Anfang der achtziger Jahre im Besitz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Am 22. Oktober 1981 wurde ein Übergabeprotokoll zwischen der Jüdischen Gemeinde und der Staatlichen Archivverwaltung der DDR unterzeichnet.

Im Jahre 1992 begann das Bundesarchiv mit der computergestützten Erfassung der „Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung“ aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939. Zu den Fragebögen der Volkszählung gehörte neben den Haushaltungslisten mit den persönlichen Angaben, den Land- und Forstwirtschaftsbögen sowie den Fragebögen für nichtlandwirtschaftliche Arbeitsstätten auch die „Ergänzungskarte für Angaben über Abstammung und Vorbildung“.

Diese „Ergänzungskarten“ besitzen einen besonderen Stellenwert. In der Terminologie der „Nürnberger Gesetze“ wurde mit den Mitteln der staatlichen Verwaltungsbürokratie eine bis dahin beispiellose umfassende statistische Basis für die Entrechtung der deutschen Juden zusammengestellt. So heißt es dort z. B.: „Maßgebend ist allein die rassenmäßige, nicht die konfessionelle Zugehörigkeit. Auch Glaubensjuden haben ihre der Rasse nach volljüdischen Großeltern anzugeben.“ [19] Dem Vordruck entsprechend waren folgende Angaben zwingend notwendig:

Vorname, Familienname, Geburtsname, Geburtsdatum, Geburtsort und -kreis, Angaben zur Abstammung, Angaben zu einem Hoch- oder Fachschulstudium, vollständige Adresse. Die Richtigkeit der Angaben war durch Unterschrift des Haushaltungsvorstandes zu bestätigen.

Während der Bearbeitung erhielten die Karten zahlreiche Vermerke, die eindeutig den statistischen und polizeilichen Ämtern zuzuordnen sind. Vermutungen, das Material sei dazu verwendet worden, Deportationslisten zu erstellen, konnten durch die historische Forschung bislang nicht bestätigt werden.

Ungefähr 80 Prozent der ursprünglich vorhandenen Karten sind überliefert. Sie fehlen für große geographische Bereiche, z. B. für das Land Thüringen, die Rheinprovinz, die Regierungsbezirke Erfurt und Minden sowie einige bayerische Kreise. Ob diese Verluste bereits kriegsbedingt waren, ließ sich bisher nicht zweifelsfrei feststellen.

Die Auswertung der Ergänzungskarten erfolgte mit der Zielstellung der Bestandssicherung und der Schaffung einer Datenbasis für die Neubearbeitung des Gedenkbuches. Die Erfassung, zunächst in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt, wurde Mitte 1999 abgeschlossen. [20]

Im Unterschied zur Erarbeitung der ersten Auflage war mit der Datensammlung zur Volkszählung von 1939 die Basis für eine neue Namenliste gegeben. Ausgehend vom Opferkreis der ersten Auflage wurden die 1939 nach Polen abgeschobenen Juden ebenso in die Überarbeitung einbezogen wie die 1940 über die französische Grenze deportierten badischen, pfälzischen und saarländischen Juden. Vorrangig blieb jedoch die Ermittlung von Schicksalsangaben für die jüdische Bevölkerung aus dem Gebiet der neuen Bundesländer und der ehemaligen deutschen Ostgebiete.

Die Datengrundlage für den Aufbau der neuen Gedenkbuch- Datenbank bildeten die Angaben in den Volkszählungsunterlagen (berücksichtigt wurden Personen, welche die Frage nach den jüdischen Großeltern drei- oder viermal mit „ja“ beantwortet hatten), die Erstauflage des Gedenkbuches und die im Bestand ZSg 138 zusammengefassten Hauptquellen für das Gedenkbuch von 1986.

In einem ersten Arbeitsgang erfolgte ein Abgleich der Namen auf der Basis Familienname – Vorname – Geburtsdatum – Geburtsort. Da die Volkszählungsdatensätze vollständigere Angaben in Bezug zu Wohnort, Geburtsdatum, Geburtsort und gegebenenfalls Geburtsnamen enthalten, wurde dieser Datensatz nach Vervollständigung durch die Angaben zum Schicksal als Gedenkbuchdatensatz bestimmt. Ziel war es, alle Daten zu einer Person in einem Datensatz zusammenzufassen. Auf diese Weise konnten ca. 70 000 Namen als gleich erkannt und automatisch zunächst mit den Schicksalsangaben nach dem Wissensstand der Erstausgabe zusammengeführt und ergänzt werden.

Auch die Überarbeitung des Gedenkbuches erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes in Arolsen. Ihm wurden ca. 40 000 Namen aus dem Gebiet der preußischen Provinzen Ostpreußen, Pommern, Brandenburg, Sachsen (Provinz) und Schlesien sowie den Ländern Sachsen, Anhalt und Mecklenburg zur Ermittlung der Schicksalsangaben übersandt. Im Ergebnis wurden Auskünfte zu ca. 20 000 Namen an das Bundesarchiv zurückgegeben und anschließend einzeln geprüft Diese enthielten Angaben zu Opfern, aber auch zu Emigranten und zu Personen, die eines natürlichen Todes gestorben waren. Außerdem überließ der ISD dem Bundesarchiv Kopien von Quellen zur Auswertung, u. a. Karteikarten der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (bezogen auf das Gebiet der neuen Bundesländer und die ehemaligen Ostgebiete), Deportationslisten aus den Gestapobereichen Dresden, Chemnitz und Breslau sowie vom Sonderstandesamt Arolsen ausgestellte Sterbeurkunden.

Im Jahre 2002 bat die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ das Bundesarchiv um die Erstellung einer Liste der jüdischen Einwohner (Residenten) des Deutschen Reiches. Innerhalb eines Jahres wurden mit Unterstützung der Staats-, Landes- und Kommunalarchive, der Städte und Gemeinden, zahlreicher Forschungsinstitutionen und Dokumentationszentren, der KZ-Gedenkstätten und jüdischer Regionalforscher eine Namenliste geschaffen, die auf mehr als 300 Quellen basiert. Der Abgleich mit der Policenliste des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft bot nun die Möglichkeit, Versicherungspolicen zu finden, die seit dem Kriegsende 1945 nicht abgerufen worden waren. [21] Das Ergebnis dieses Abgleichs führte dazu, dass sowohl jüdische Emigranten als auch Überlebende und Nachfahren ermordeter Juden entschädigt werden konnten. Die im Zusammenhang mit dieser Aufgabenerfüllung zusammengetragenen Quellen bedeuteten für die Gedenkbucharbeit einen immensen Synergieeffekt. Von Vorteil war hierbei vor allem, dass viele Gedenkbücher gleichzeitig als elektronische Medien vorlagen. So bot sich den Bearbeitern die Möglichkeit, der einzelnen Person verschiedene Quellen mit unterschiedlichen Informationen zuzuweisen und auszuwerten. Demzufolge setzen sich die persönlichen und Schicksalsangaben aus Informationen unterschiedlichster Herkunft zusammen. War der ISD bei der ersten Auflage des Gedenkbuches Hauptauskunftsquelle zum Verfolgungsschicksal, so konnten die Bearbeiter nunmehr auf eine wesentlich erweiterte Quellenbasis zugreifen. Damit wurden auch die territorialen Lücken aus der Überlieferung der Ergänzungskarten ausgeglichen.

Ein moralisch und inhaltlich wesentliches Anliegen der Neubearbeitung war auch die Einarbeitung von Korrekturen und Ergänzungen, die nicht zuletzt von Hinterbliebenen der Opfer nach dem Erscheinen der ersten Auflage beim Bundesarchiv eingegangen waren. [22] Während der gesamten Bearbeitungszeit konnten auch durch neue Erkenntnisse aus dem Schriftverkehr des Bundesarchivs mit seinen Benutzern, mit den Überlebenden, Familienforschern und Wissenschaftlern Korrekturen und Ergänzungen vorgenommen werden.

Auch mit der zweiten Auflage des Gedenkbuches kann es nicht in allen Fällen gelingen, die Namen und Verfolgungswege aller Opfer vollständig und zutreffend zu ermitteln. Nach wie vor fehlen für bestimmte Gebiete Angaben zum Schicksal. Dies ist insbesondere für Ostpreußen und Schlesien der Fall. Auch bleiben Lücken hinsichtlich der Nennung aller Emigranten, die aus den besetzten Gebieten deportiert wurden. Dennoch hat sich das Bundesarchiv entschlossen, die Neuauflage des Gedenkbuches zum jetzigen Zeitpunkt zu veröffentlichen, weil nun ein Stand der Vollständigkeit und Zuverlässigkeit erreicht ist, der wesentlich über die erste Auflage hinausgeht. Das Bundesarchiv ist für jeden ergänzenden oder korrigierenden Hinweis dankbar.