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Ein unbequemer Augenzeuge: DDR-Korrespondent Lothar Loewe

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Loewe ein halbes Jahr nach seiner Akkreditierung im Interview mit StäV-Leiter Günter Gaus, 20. Mai 1975.

Quelle: Bundesregierung B 145 Bild-00001069 / Fotograf: Lothar Schaack

Mit Journalisten wie Lothar Loewe beginnt vor 40 Jahren eine fundierte bundesdeutsche Berichterstattung über die DDR.

Als erster Leiter des ARD-Büros akkreditiert, interviewt er in Berlin (Ost) Akteure der kleinteiligen deutsch-deutschen Verhandlungen – wie auf dem Foto zu sehen: den bundesdeutschen Verhandlungsführer und Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland, Günter Gaus.
Daneben strahlt die ARD erstmals umfangreiche Dokumentationen über die DDR aus, die eine breite Öffentlichkeit in West und Ost erreichen.

Loewes Reportagen beeinflussen die Meinungsbildung in der DDR und konterkarieren die einseitige Darstellung der dortigen Medien.
Kein Wunder, dass sie als Provokation auf die DDR-Führung wirken, die alles Erdenkliche versucht, um ihn schnellstmöglich wieder los zu werden.
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Weitere Dokumente der Galerie

  • Westpresse in Berlin (Ost): Paraphierung des Transitabkommens durch Egon Bahr (sitzend links) Michael Kohl (sitzend rechts), am 11. Dezember 1971, BArch Bild 183-K1211-402 / Fotograf: Spremberg, Joachim
  • Bahr und Kohl tauschen die Ratifikationsurkunden zum Grundlagenvertrag im Haus des Ministerrats der DDR in Berlin (Ost) aus, 21. Dezember 1972, Bundesregierung B 145 Bild-00004707 / Fotograf: Lothar Schaack
  • Vermerk des Referats II/1 des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen, 30. April 1973, BArch B 137/16309
  • Vermerk des stellv. DDR-Außenministers Kurt Nier über ein Gespräch mit dem Leiter der StäV Gaus, 28. Oktober 1976, BArch DY 30/J IV 2/2J/7375
  • Vermerk des Abteilungsleiters im DDR-Außenministerium Karl Seidel über das Gespräch mit dem Leiter der StäV Gaus, 17. November 1976 , BArch DY 30/3045, Bl. 123–125
  • Vermerk des stellv. DDR-Außenministers Nier über das Gespräch mit dem Leiter der StäV Gaus, 25. November 1976 , BArch DY 30/3045, Bl. 135 f
  • Vermerk des stellvertretenden DDR-Außenministers Nier über ein Gespräch mit dem Leiter der StäV Gaus, 22. Dezember 1976, BArch DY 30/IV 2/2.033/117, Bl. 57–59
  • Innerdeutsche Grenze bei Eschwege, aufgenommen am 8. August 1973.
 
 , Bundesregierung B 145 Bild-00019453 / Fotograf: Lothar Schaack
  • DDR-Propagandafoto zum Tag der Grenztruppen, 29. November 1979 , BArch Bild 183-U1129-025 / Fotograf: Wolfgang Thieme
  • Pioniere einer Berliner Schule beschenken die Grenzsoldaten ihrer Patenkompanie zu Weihnachten, 20. Dezember 1974., BArch Bild 183-N1220-405 / Fotograf: Klaus Franke
  • Zeitlicher Ablauf der Vorgänge im Zusammenhang mit der Ausweisung Loewes durch die DDR, 5. Januar 1977, ausgearbeitet im Bundeskanzleramt., BArch B 136/20432
  • Entwicklung des Falls Loewe, 7. Januar 1977, ausgearbeitet vom Pressereferat der StäV, BArch B 136/20432
  • Note der DDR zum Fall Loewe, 11. Januar 1977 , BArch B 136/20432
  • Schreiben des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung an die Ordenskanzlei des Bundespräsidialamts, 22. März 1977 , BArch B 122/38524, Bl. 68

Hintergrundinformationen

Im Dezember 1974 wird Lothar Loewe (1929 – 2010) als Ständiger Korrespondent der ARD in der DDR akkreditiert; vom 12. Dezember 1974 an ist er der erste Leiter des ARD-Studios in Berlin (Ost). Er zählt zu den Journalisten aus der Bundesrepublik Deutschland, die sich nach Abschluss des Grundlagenvertrags am 21. Dezember 1972, zu dem auch ein Briefwechsel über die Arbeitsmöglichkeiten für Journalisten gehört, in der DDR dauerhaft akkreditieren ließen. Die Aussicht auf verbesserte Arbeitsbedingungen bringt die Fernsehanstalten ARD und ZDF, mehrere Rundfunksender sowie Zeitungen und Agenturen dazu, Mitarbeiter nach Berlin (Ost) zu entsenden. Allein bis April 1973 gibt es 25 Anträge. Allerdings ist der Andrang nicht ganz so groß, wie es die DDR-Führung erwartet hatte.

Mit der Zulassung der Fernsehberichterstattung von Korrespondenten, die in der DDR arbeiten, geht die DDR ein erhebliches Risiko ein, zumal das Verbot, Westfernsehen zu schauen, schon 1972 von Honecker aufgehoben wurde. Abgesehen von einigen Regionen im Osten der DDR (dem „Tal der Ahnungslosen“) können die Bewohner der DDR nun angeblich ungestraft sehen, was Korrespondenten bundesdeutscher Medien aus der DDR berichten, nicht mehr nur von außen über die DDR.

Loewe ist ein erfahrener Korrespondent, der für die ARD bisher auf prestigeträchtigen Posten gearbeitet hatte, unter anderem in Washington und Moskau, wo er allerdings aus nicht ganz geklärten Gründen seine Koffer packen musste. Angeblich hatte er ein Gespräch zwischen den Außenministern Walter Scheel und Andrej Gromyko zu belauschen versucht. Mit Loewe und seinen Kollegen beginnt die vor Ort recherchierte Berichterstattung über die DDR in der Bundesrepublik Deutschland. Zwei Ziele stehen dabei nebeneinander: Den westdeutschen Fernsehzuschauern zeigen, wie die Deutschen im anderen Teil Deutschlands leben, und den DDR-Bürgern eine Alternative zur staatlich gelenkten Berichterstattung zugänglich zu machen, mit weitreichenden Konsequenzen: Durch Loewes Berichterstattung wird im Sommer 1976 die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz in Zeitz aus Protest gegen die Schul- und Jugendpolitik der SED überhaupt erst in der DDR bekannt. Spätestens von diesem Zeitpunkt ist Loewe für die Führung in Berlin (Ost) persona non grata. Vor einer Ausweisung schreckt man aber offenbar noch zurück. Die Verantwortung dafür will die DDR-Führung lieber anderen in die Schuhe schieben. Bemühungen, die ARD dazu zu bewegen, Loewe unauffällig aus Berlin (Ost) abzuziehen, bleiben aber erfolglos, ebenso Versuche, dies auf politischem Wege zu erreichen. Loewes Berichterstattung über die Ausbürgerung Biermanns und den Hausarrest Havemanns im Herbst 1976 tragen nicht zu einer Entspannung der Lage bei.

Mit der Zurückhaltung der DDR-Führung ist es vorbei, als Loewe am 21. Dezember 1976 in einem Kommentar den Satz sagt: "Hier in der DDR weiß jedes Kind, dass die Grenztruppen den strikten Befehl haben, auf Menschen wie auf Hasen zu schießen." Am nächsten Tag wird ihm mitgeteilt, dass ihm die Akkreditierung entzogen sei und er innerhalb von 48 Stunden die DDR zu verlassen habe. Pflichtschuldige Bemühungen der Bundesregierung, die DDR zur Rücknahme zu bewegen, bleiben ergebnislos. Am 24. Dezember 1976 verlässt Loewe die DDR. Ebenso wie das Jahr 1975, als der Spiegel-Korrespondent Jörg Mettke wegen der Berichte des Nachrichtenmagazins über Zwangsadoptionen in der DDR ausgewiesen wurde, endet auch das Jahr 1976 mit einem journalistischen Zwischenfall, der die Beziehungen zwischen Bonn und Berlin (Ost) vorübergehend erheblich belastete. Weitere sollten fast im Jahrestakt folgen: Anfang 1978 wird das Büro des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" in Berlin (Ost) geschlossen, im Frühjahr 1979 ZDF-Korrespondent Peter van Loyen ausgewiesen.

Die Galerie führt erstmals z.T. bislang unveröffentlichte Dokumente verschiedener Bestände des Bundesarchivs aus den Abteilungen Bundesrepublik Deutschland und Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO) zusammen.

Prof. Dr. Hans Heinrich Jansen, Anke Straßenburg
18. Dezember 2014