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Von Wyhl bis Gorleben - Stationen der Antiatomkraftbewegung

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Aufruf der Kernkraftgegner zur Besetzung des Baugeländes von 1977

Quelle: BArch, Plak 006-031-018 / o. Ang.

Das Plakat zeigt Aufnahmen von der Besetzung des Baugeländes in Wyhl durch Atomkraftgegner. Der Slogan macht deutlich, dass der Kampfgeist auch nach langem Ringen ungebrochen ist.

Zu Beginn der 1970er Jahre hatte bereits die Projektierung eines Kernkraftwerks im nahegelegenen Breisach Widerstand in der Bevölkerung ausgelöst. 1973 fällt die Entscheidung das geplante Atomkraftwerk nach Wyhl, nahe der französischen Grenze, zu verlegen. Die Wahl Wyhls sorgt aber keinesfalls für eine Beruhigung der Bevölkerung und verursacht einen langjährigen Konflikt um die Genehmigung des Kernkraftwerks.

Weitere Dokumente der Galerie

  • Eingabe und Antwortschreiben des Bundesministers des Innern auf die Eingabe eines Pfarrers, September 1974, BArch B 106/52574
  • Vermerke des Referates UA II 5 im BMI zum Genehmigungsverfahren für das Kernkraftwerk Wyhl vom 20. und 21. Februar 1975
 
 
 , BArch B 106/ 87710
  • Vorläufiger Baustopp für das Kernkraftwerk Wyhl, Vermerk des Referates III/3 im Bundeskanzleramt vom 24. März 1975
 
 , BArch B 136/ 27668
  • Aufhebung der 1. Teilerrichtungsgenehmigung durch das VG Freiburg, Bericht des Bundesministeriums des Innern, 22. März 1977, BArch B 136/27668
  • Schreiben des Kultusministers von Baden-Württemberg Wilhelm Hahn an Bundeskanzler Helmut Schmidt, 5. April 1977, BArch B 136/16531
  • Einschätzung der Sicherheitslage durch das BMI für geplante Demonstrationen in Brokdorf und Itzehoe, 18. Februar 1977, BArch B 136/31628
  • Grohnde am 19. März 1977, Plakat über die Protestaktionen, BArch, Plak 006-031-016 / o.Ang.
  • Vermerk des Referates 131 im Bundeskanzleramt über Proteste vom 19. März 1977 am Kernkraftwerksbau Grohnde, 3. Mai 1977, BArch B 136/31628
  • Anti-AKW-Demonstration und Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstranten in Brokdorf, 28.Februar 1981, BArch, Bild 224-003-190-11 / Ulutuncok, Guenay
  • Brokdorf – Wasserwerfer im Einsatz gegen Demonstranten, 28. Februar 1981 
 , BArch, Bild 224-003-199-04A / Ulutuncok, Guenay
  • Alarm in Gorleben – Aufruf zu friedlichem Protest gegen das geplante Endlager für Atommüll, 1977
 , BArch, Plak 006-031-027 / o. Ang.
  • Vorlage des Abteilungsleiters 3 an Bundeskanzler Helmut Schmidt zum Entsorgungskonzept der Bundesregierung, April 1979, BArch B 136/10935

Hintergrundinformationen

„Atomkraft? Nein Danke!“- der Slogan ist wohl jedermann bekannt. Der Spruch und das zugehörige Logo, ursprünglich von einer dänischen Studentin stammend, sind in der Bundesrepublik Deutschland mit der Massenbewegung der Atomkraftgegner berühmt geworden.

Vor 40 Jahren markiert ein Ereignis im baden-württembergischen Wyhl den Anfangspunkt der Massenproteste gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie: Am 18. Februar 1975 wird nach einer Kundgebung das Baugelände des Kernkraftwerks Süd besetzt.

Im Vorfeld gab es bereits Widerstand gegen den Bau des Atomkraftwerkes Würgassen, jedoch auf juristischem Wege. 1972 legt das Bundesverwaltungsgericht mit dem sogenannten „Würgassen-Urteil“ stärkeres Gewicht auf die Gewährleistung der Sicherheit von kerntechnischen Anlagen im Verhältnis zur Förderung der Kerntechnik. Paragraph 1 des Atomgesetzes von 1959 hatte diese beiden Aspekte noch gleichwertig nebeneinander gestellt.

Die Besetzung des Baugeländes des geplanten Kernkraftwerkes in Wyhl am 18. Febraur 1975 überschreitet nun erstmals die Grenze zur illegalen Aktion. Parallel dazu haben einige Gemeinden und Bürger Klage gegen die Erteilung der ersten Teilerrichtungsgenehmigung eingereicht.

Am 20. Februar wird der von Demonstranten besetzte Bauplatz von Polizeikräften geräumt. Doch die Aktivisten lassen sich nicht lange aufhalten. Das Gelände wird am 23. Februar von etwa 28.000 Gegnern nochmals besetzt. Einen ersten Erfolg können sie mit dem vorläufigen Baustopp erzielen, der am 21. März 1975 durch das Verwaltungsgericht Freiburg angeordnet wird.

Knapp zwei Jahre später, am 14. März 1977, versieht das Gericht die Errichtungsgenehmigung mit der Auflage, dass der Bau nur mit einem Berstschutz erfolgen darf, der bei Störfällen das Ausweichen radioaktiver Strahlung verhindert. Damit ist das Projekt für das Atomunternehmen wegen zu hoher Kosten nicht mehr lukrativ. Trotzdem erklärt der Mannheimer Verwaltungsgerichtshof den Bau 1982 für rechtens.

Die Berstschutzauflage resultiert ursprünglich aus der Konkurrenz zwischen dem Chemiekonzern BASF und den Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerken (RWE). Da sich deren Pläne zur Errichtung von Kernkraftwerken überkreuzten, machte Heinrich Mandel, Vorstandsmitglied der RWE darauf aufmerksam, dass in den USA aus Sicherheitsgründen keine Atomkraftwerke in Stadtnähe errichtet werden dürften und versuchte damit das Projekt der BASF zu verhindern. Dem Kernkraftwerk der BASF wurde daraufhin ein Berstschutz vorgeschrieben.

Infolgedessen orientiert sich auch das Freiburger Gericht daran, denn nach den Richtern steht der Bevölkerung in und um Wyhl der gleiche Schutz zu. Damit wird, entsprechend dem Würgassen-Urteil, der Gewährleistung der Sicherheit Vorrang eingeräumt.

Nach den Ereignissen von Wyhl kommt es an anderen geplanten Kraftwerksstandorten zu zahlreichen weiteren Massenprotesten, die eine neue Phase des Widerstandes einleiten.

Bei Großdemonstrationen in Brokdorf und Grohnde gibt es Ausschreitungen durch militante Umweltschützer. Massive Polizeieinsätze unter Verwendung von Hubschraubern, Wasserwerfern und Reizgas sind die Folge. In beiden Fällen sind die Proteste erfolglos und die Kernkraftwerke gehen in Betrieb.

Die Endlagerung des Atommülls bleibt bei diesen Kontroversen ungeklärt. Insbesondere aufgrund des Entsorgungsjunktims der Bundesregierung gilt es, für hochradioaktiven Abfall zeitnah ein Endlager zu finden. Fortan soll der Bau neuer Atomkraftwerke nur noch bei Nachweis einer gesicherten Entsorgungsmöglichkeit genehmigt werden.

Der bei Gorleben im Landkreis Lüchow-Dannenberg geplante Entsorgungspark für radioaktive Abfälle gerät somit zunehmend in den Fokus der sensibilisierten Öffentlichkeit und provoziert Widerstand. In Abkehr zu Protesten in Brokdorf und Grohnde verlaufen diese friedlich, wie beispielsweise der Gorleben-Treck zum Hearing der niedersächsischen Landesregierung in Hannover Ende März 1979.

Die Einrichtung der Enquête-Kommission des Bundestages „Zukünftige Kernenergiepolitik“ am 29. März 1979 markiert einen Wendepunkt in der Kernenergiepolitik. Auf der parlamentarischen Ebene werden nun Alternativen zur Kernkraft diskutiert, von der die Energieversorgung der Bundesrepublik nicht mehr allein abhängig sein soll.

Für die Bundesregierung stellt dies eine enorme Herausforderung dar, die es immer noch zu bewältigen gilt. Die Diskussion schlägt sich in den Akten verschiedener Ministerien und des Bundeskanzleramtes nieder.

Im Bestand B 136 Bundeskanzleramt sind nun über 400 Akten der Thematik Friedliche Verwendung der Kernenergie und Strahlenschutz erschlossen. Da für diese die dreißigjährige Schutzfrist bereits abgelaufen ist, sind die Akten grundsätzlich für die Benutzung zugänglich.

Die Galerie zeigt daraus bislang unveröffentlichte Dokumente, ebenso aus den Beständen B 106 Bundesministerium des Innern und B 122 Bundespräsidialamt.

Michelle Bleidt
11. Februar 2015

Radkau, Joachim: Eine kurze Geschichte der Antiatomkraftbewegung, In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 61. Jahrgang, Heft 46–47, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2011.