2.52 (vsc1p): Nr. 52 Der Staatssekretär in der Reichskanzlei an den Präsidenten der Landwirtschaftskammer Pommern von Flemming-Paatzig. 12. Januar 1933

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[215] Nr. 52
Der Staatssekretär in der Reichskanzlei an den Präsidenten der Landwirtschaftskammer Pommern von Flemming-Paatzig. 12. Januar 1933

R 43 II/192, Bl. 12 f. Entwurf1

1

Das Konzept dieses Briefes war ursprünglich so abgefaßt, daß der RK selbst unterzeichnen sollte. Nachträglich wurde es auf StS Planck als Absender abgestellt. Außerdem hat StS Planck zahlreiche Streichungen und Abänderungen an dem Entw. vorgenommen, der allerdings auch Spuren der Lektüre durch den RK, darunter eine Sichtparaphe vom 11.1.1933, aufweist.

[Antwort auf das Schreiben vom 6. Januar 19332.]

2

Siehe Dok. Nr. 48.

Sehr verehrter Herr Präsident!

Der Herr R[eichs]k[anzler] hat mit großem Interesse Ihre freundlichen Zeilen vom 7. d.Mts. und die Entschließungen des Vorstandes der Landwirtschaftskammer Stettin gelesen, die ihnen beigefügt waren. In der Frage der Düngerversorgung der Landwirtschaft hält er die Auffassung der Landwirtschaftskammer für berechtigt, daß eine Verminderung der landwirtschaftlichen Erzeugung durch eine bewußte Einschränkung des Kunstdüngerverbrauchs äußerst bedenklich wäre. Es ist für die gesamte deutsche Volkswirtschaft ein großes Glück, daß die Ernten der letzten Jahre die Ernährung des Volkes aus der eigenen Scholle in früher kaum erhofftem Ausmaße ermöglicht haben. Hätte Deutschland in seiner äußerst schwierigen Finanzlage Milliarden für die Einfuhr ausländischen Getreides mehr aufwenden müssen, als geschehen, so wäre es, insbesondere auch in der Devisenbewirtschaftung, in schwerste Bedrängnis geraten. Es muß auch in Zukunft das bisher allgemein anerkannte Bestreben sein, soweit irgend möglich und mit gesunden Grundsätzen der Rentabilität vereinbar, die Ernährung des Volkes aus eigener Erzeugung sicherzustellen.

[216] Deswegen wird nach Auffassung des Herrn RK die bewährte Düngemittelkreditaktion erneut in Gang gesetzt werden müssen. Dem Herrn Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, dem Herrn Reichsminister der Finanzen und dem Herrn Reichswirtschaftsminister ist von dieser Auffassung des Herrn RK Kenntnis gegeben34.

3

Am gleichen Tag wendet sich StS Planck im Auftrag des RK an den REM, RFM und RWiM und bittet unter Beifügung einer Abschrift dieses Briefes darum, „die für die ausreichende Düngemittelversorgung der Landwirtschaft erforderlichen Maßnahmen mit tunlichster Beschleunigung“ zu treffen (R 43 II/192, Bl. 14). – Zum Fortgang s. Dok. Nr. 59, P. 4.

4

An dieser Stelle sind von StS Planck die nachfolgenden Ausführungen gestrichen worden: „Im übrigen darf ich zu Mengen- und Preisproblemen noch eins bemerken: Mir scheint die Landwirtschaft, soweit sie auf einen starken Rückgang der Produktion durch mangelhafte Düngung hinarbeiten möchte, nicht stets in vollem Umfange die Tatsache zu berücksichtigen, daß es für sie im Grunde genommen nicht so sehr auf die Höhe des Marktpreises ankommt, wie auf den Reinertrag für den Hektar. Es ist sehr wohl möglich, daß Berechnungen dieser Art ergeben, wie gute Ernten bei niedrigeren Preisen wegen der größeren, auf den Hektar entfallenden Menge keine oder nicht wesentlich geringere Reinerträge abwerfen als schlechte Ernten mit vermindertem Mengenertrag. Allerdings kann diese Erwägung dazu beitragen, daß unrentable Böden aus der Produktion herausgenommen werden, ein Vorgang, der nach meiner Überzeugung die Landwirtschaft weiter sehr wesentlich von unrentablen Ausgaben entlasten würde.

Die Selbsthilfe scheint mir in dieser Richtung noch nicht überall mit vollem Nachdruck durchgeführt zu sein. Ähnliches wird bei unvoreingenommener Betrachtung auch hinsichtlich der Aufnahme und Weiterleitung der Agrarprodukte und ihrer Einwirkung auf die Preise gelten.“

Es entspricht auch der Auffassung des Herrn RK, daß eine richtige Organisation zur Aufnahme und Weiterleitung der Agrarprodukte in der Preisfrage wesentliche Entlastung oder wesentliche Besserung bringen würde. Ich kann nur nicht mit der Landwirtschaftskammer übereinstimmen, daß solche organisatorischen Fragen vom Staate gelöst werden sollen, der seiner ganzen Struktur und Berufung nach hierzu weder geschaffen noch geeignet ist. Das ist Sache der Berufsstände selbst. Die Landwirtschaft hat in den Genossenschaften sich selbst Organe gebildet, die, gut geleitet und von den eigenen Berufsgenossenschaften unterstützt, in der Lage sein müßten, diese wichtige Aufgabe zu lösen.

Auch die Anregungen, die von der Landwirtschaftskammer hinsichtlich der Siedlung gegeben werden, erscheinen dem Herrn RK beachtenswert. Die Regierung ist schon in der vorgeschlagenen Richtung vorgegangen. Es ist natürlich, wie allgemein in den Fällen, in denen Staatshilfe gefordert wird, eine Frage der Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen und damit der Tragfähigkeit der gesamten Wirtschaft, wie weit diesen Wünschen entsprochen werden kann. <Man wird sich im übrigen aus finanziellen, wie besonders auch aus moralischen Gründen grundsätzlich dem Typ der Primitivsiedlung zuwenden müssen, bei dem Land und ein Teil des Baumaterials möglichst ganz kostenlos zugewiesen werden, im übrigen aber der Siedler sich durch eigene Arbeit den ihm angewiesenen Boden selbst zu erobern haben wird.>5

5

Dieser Satz ist von StS Planck nachträglich in das Konzept eingefügt worden, nachdem der RK vorher am Rand vermerkt hatte: „Primitiv-Siedlung!“

Daß die Fischerei in gleicher Weise wie die Landwirtschaft behandelt werden möchte, hat der Herr RK zur Kenntnis genommen. Ich habe diese Wünsche, wie auch die übrigen Ausführungen der Landwirtschaftskammer dem Herrn[217] Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft zur weiteren Verfolgung zugeleitet.6

6

An dieser Stelle ist der nachfolgende Absatz von StS Planck gestrichen worden: „Ich glaube, sehr verehrter Herr Präsident, daß Sie und die Landwirtschaftskammer Stettin, in der ja auch gerade hinsichtlich der Organisation des genossenschaftlichen Kleinverkaufswesens Vorbildliches geleistet worden ist, für meine Auffassungen Verständnis haben werden. Nur durch eine offene und ehrliche Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Regierung im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten des wirtschaftlich schwer ringenden Vaterlandes lassen sich die dringenden Tagesprobleme, soweit es in menschlicher Kraft und in der Macht der Staatsgewalt steht, einer Lösung zuführen. Ich glaube, daß sich dabei Übersteigerung der Wünsche eines jeden Berufsstandes und die sich daraus ergebende Unzufriedenheit und Unruhe der Massen schließlich im Berufsstande selber bitter rächt. Denn er kann ja nur dann sachlich und zielsicher arbeiten, wenn er die Grenzen staatlicher Einwirkungsmöglichkeiten auf sein Schicksal sieht und wennn er überzeugt ist, daß in erster Linie die Selbsthilfe stehen muß, weil ja der Staat Wünschen nicht gerecht werden kann, die über die gegebenen Möglichkeiten hinausgehen.“

Mit dem Ausdruck ausgezeichneter Hochachtung bin ich, sehr verehrter Herr Präsident

Ihr ergebener

Pl[anck]7

7

In einem Antwortschreiben vom 16.1.1933 an StS Planck präzisiert v. Flemming seine Gedanken zur Genossenschaftsfrage und Lage der Siedler. Wesentlichen Raum nimmt aber seine Stellungnahme „zu dem hoch bedauerlichen Konflikt zwischen Reichskabinett und Reichslandbund“ ein. „Ich verstehe das Vorgehen des Reichskabinetts durchaus. […] Eine Entschließung kann m. E. inhaltlich so scharf sein wie sie will. Der Vergleich aber mit den marxistischen Regierungen und die unerhörte Beleidigung der Industrie müssen von jedem sachlich Denkenden verurteilt werden. Ich weiß, daß in vielen Kreisen außerhalb Berlins die Entschließung keineswegs begrüßt worden ist, wenn auch Zustimmungstelegramme abgesandt sind. Diese Telegramme haben in erster Linie den Zweck, die Stellung des Reichslandbundes zu stützen, was gerade in diesem Moment recht notwendig sein mag. Andererseits bitte ich, warnen zu dürfen, Entschließungen, die aus der Provinz heraus kommen, zu wörtlich zu nehmen. Ich weiß nicht, ob es stimmt, daß geplant ist, gegen den Pommerschen Landbund vorzugehen wegen des Satzes, der pommersche Bauer solle sich mit allen Mitteln auf seiner Scholle halten [vgl. Telegramm des Pommerschen Landbundes an den RPräs. vom 12.1.1933; R 43 II/192, Bl. 54]. Die wenigsten Bauern werden dabei daran denken, daß hiermit etwa eine Verteidigung mit Sense und Dreschflegel gemeint ist. Und daß schließlich jeder um das Erhalten der ererbten oder erworbenen Scholle kämpft bis zum äußersten, ist doch wirklich sein gutes Recht. Die Frage ist nur, wo das Äußerste eben aufzuhören hat. Ich habe hier ein Material über die Stimmung in bäuerlichen Kreisen sammeln lassen, das ich pflichtgemäß in nächster Zeit dem Herrn Reichspräsidenten und dem Herrn Reichskanzler vortragen werde. Es sieht draußen auf dem Lande wirklich viel viel verzweifelter aus, als die Mehrheit der nicht in unmittelbarer Fühlung mit diesen Menschen Stehenden es annehmen kann. Ich wäre Ihnen dankbar, sehr verehrter Herr Staatssekretär, wenn Sie gerade meine letzten Ausführungen in vertraulicher Weise dem Herrn Reichskanzler mitteilen würden.“ (R 43 II/192, Bl. 85–87).

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