2.46.2 (vpa1p): 2. Bericht über die Verhandlungen in Lausanne.

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Das Kabinett von Papen Band 1Das Kabinett von Papen Bild 183-R1230-505Wahllokal in Berlin Bild 102-03497AGöring, Esser und Rauch B 145 Bild-P046294Ausnahmezustand in Berlin während des „Preußenschlages“.Bild 102-13679

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2. Bericht über die Verhandlungen in Lausanne.

Ministerialdirektor Köpke verlas die Telegramme über den Verlauf und das Ergebnis der Sitzungen am 28. Juni26 und über die Wirtschaftsverhandlungen27. Die Großmächte wollten die Vereinbarungen von Amerika abhängig machen. Gegenüber dem Telegramm, das Herriot dem Reichskanzler gezeigt habe, und nach dem Amerika eine Streichung der Kriegsschulden nicht wünsche28, habe der Deutsche Botschafter in Washington festgestellt, daß Amerika seine bisherige Haltung nicht geändert habe29. In Amerika herrsche Mißtrauen gegen die französische Politik, insbesondere auch gegen Frankreichs Haltung auf der Abrüstungskonferenz.

26

Zu den Reparationsverhandlungen des 28. und 29. 6., in denen sich die dt. Delegation schließlich bereit erklärt hatte, die Leistung einer Abschlußzahlung in Erwägung zu ziehen, vgl. Anm. 19 zu Dok. Nr. 40.

27

Vgl. Anm. 6 zu Dok. Nr. 43.

28

Telegramm des frz. Botschafters in Washington, von Herriot dem RK vorgelegt bei einer Besprechung am Vormittag des 29. 6. Zum näheren Inhalt s. ADAP, Serie B, Bd. XX, Dok. Nr. 174.

29

Vgl. Anm. 11 zu Dok. Nr. 39. – Am 30. 6. hatte Botschafter v. Prittwitz aus Washington telegrafisch nach Berlin berichtet: „In heutiger vertraulicher Unterredung mit Unterstaatssekretär Castle habe auf französische – ja auch aus der Presse ersichtliche – Versuche hingewiesen, angebliche amerikanische offizielle Stellungnahme zur Erhärtung französischen Standpunkts in Reparationsfrage anzuführen. Dabei gewann ich bestimmten Eindruck, daß von Herriot behauptete ausdrückliche ‚offizielle Verständigung‘ Frankreichs durch Amerika in Schuldenfrage nicht erfolgt ist. Es erschien mir wichtig, in State Department noch einmal unsern Standpunkt darzulegen und gleichzeitig auf französische Taktik hinzuweisen für den Fall französischer Versuche, sich bei Scheitern der Lausanner Konferenz auf angebliche amerikanische Schritte zu berufen.“ (R 43 I/523, Bl. 60).

[173] In Frage komme jetzt die Entscheidung wegen der sogenannten amerikanischen Bedingung und der Summenfrage. Deutschland habe nach wie vor erklärt, daß es auf die amerikanische Bedingung nicht eingehen könne und eine endgültige Lösung fordern müsse. Es habe daher auch keinen Zweck, sich zu der Summenfrage zu äußern.

Zur Zeit finde eine Bürositzung30 statt, an der Deutschland nicht beteiligt sei31. Der Reichskanzler wolle MacDonald auf die Bedenken aufmerksam machen, die einem Vorschlage an Deutschland und einem Zahlungsplan entgegenständen32. Eine Zahlung von 4 Milliarden habe Deutschland abgelehnt33.

30

Nachdem die dt. Vertreter am 28. und 29. 6. ihre Bereitschaft zu Verhandlungen über eine Abschlußzahlung angedeutet hatten (vgl. oben Anm. 26), waren die Delegationen der sechs eingeladenen Mächte am Nachmittag des 29. 6. zu einer Sondersitzung zusammengetreten, in der sie die Bildung eines Komitees („Büros“ – bestehend aus MacDonald und je einem Mitglied der sechs Delegationen) beschlossen – mit der Aufgabe, Vorschläge zur endgültigen Lösung der Reparationsfrage zu erarbeiten. Über Verlauf und Ergebnis der bis zum obigen Zeitpunkt abgehaltenen sieben Sitzungen dieses „Reparationskomitees“ (4 Sitzungen mit, drei ohne dt. Beteiligung), in denen vorwiegend über Höhe und Modalitäten der dt. Abschlußzahlung beraten wurde, vgl. Documents on British Foreign Policy, Second Series, Vol. III, Dok. Nr. 154–160; in ADAP Serie B, Bd. XX nur Niederschriften über drei Sitzungen des Komitees: Dok. Nr. 177, 182.

31

Achte Sitzung des „Reparationskomitees“ (Beginn: 10 Uhr), Aufzeichnung in Documents on British Foreign Policy, Second Series, Vol. III, Dok. Nr. 161.

32

Geschehen bei einer Besprechung MacDonalds mit Papen und Schwerin v. Krosigk am Vormittag des 1. 7. (Aufzeichnung Bülows in ADAP, Serie B, Bd. XX, Dok. Nr. 186).

33

Vgl. Anm. 1 zu Dok. Nr. 47.

Bei den Verhandlungen sei über einen Konsultativ-Pakt gesprochen worden, nach dem alle Fragen politischen Charakters vor ihrer Lösung mit den beteiligten Regierungen besprochen werden sollen. Hierzu seien Zusammenkünfte der Außenminister vorzusehen. Die Franzosen hätten einen Gegenplan vorgelegt, in dessen Einleitung alle Friedensbotschaften aufgezählt waren, die bisher ergangen seien. Dann habe der Vorschlag den deutschen Konsultativpaktvorschlag enthalten, aber nicht nur hinsichtlich der 4 Großmächte Europas34, sondern sämtlicher europäischer Staaten. Darin sei auch die Verpflichtung enthalten gewesen, gegen innere Bewegungen vorzugehen, durch welche die Gesamtpolitik gefährdet würde. Der Herr Reichskanzler habe sich sofort dagegen ausgesprochen35.

34

Vgl. Anm. 9 zu Dok. Nr. 38.

35

Bei einer Unterredung mit de Laboulaye am Vormittag des 1. 7. (Aufzeichnung des RK in ADAP, Serie B, Bd. XX, Dok. Nr. 187).

Herriot fahre nach Paris, besonders auch weil es in einer Versammlung seiner Partei zu einem Zwischenfall gekommen sei. Gegner Herriots seien wegen seiner Haltung in der Abrüstungsfrage vorgestoßen. Auch wegen der Forderung großer Jahreszahlungen bestehe gegen Herriot Mißstimmung.

Ein Mißtrauensvotum sei nur unterblieben, um ihm nicht in den Rücken zu fallen. Vertrauenskundgebungen seien abgelehnt worden. Die Mißstimmung wachse. Herriot werde sich verletzt fühlen, würde sich aber gleichwohl nicht umstellen, sondern gegebenenfalls die Fraktion oder die Kammer zu einer Stellungnahme zwingen. Dann bestände allerdings die Gefahr einer Ministerkrise36.[174] Deutschland könne auf diese Entwicklungsmöglichkeiten keine besonderen Hoffnungen bauen.

36

Über die gegen Herriot vor allem in der sozialradikalen Fraktion der frz. Abgeordnetenkammer entstandene Mißstimmung vgl. Botschafter v. Hoeschs Telegramm vom 29. 6. (ebd., Dok. Nr. 178). Allerdings konnte der Botschafter schon am 30. 6. nach Lausanne berichten: Die „gestern gemeldete kleine Palastrevolution bei den Sozialradikalen ist aber, wie zu erwarten stand, insbesondere auch unter der Einwirkung der besseren Nachrichten aus Lausanne, inzwischen abgeflaut. […] Die hiesigen Vorbedingungen für eine Einigung bleiben also trotz zweitägiger Presseagitation nach wie vor günstig.“ (Tel. Nr. 16 in R 43 I/523, Bl. 62).

Staatssekretär Planck berichtete, daß der Reichskanzler voraussichtlich bis zum 4. oder 5. Juli in Lausanne bleiben werde. Würde sich die Notwendigkeit ergeben, dort länger zu verweilen, so werde er, falls es sich rechtzeitig voraussehen ließe, wohl über Sonntag herkommen.

Staatssekretär Dr. Meissner teilte mit, daß der Herr Reichspräsident seine Abreise bis zum 6. Juli verschieben werde36a.

36a

Vgl. Dok. Nr. 50, P. 2.

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