2.48.1 (vsc1p): [Anlage.]

Zum Text. Zur Fußnote (erste von 7). Zu den Funktionen. Zum Navigationsmenü. Zum Navigationsbaum

 

Bandbilder:

Kabinett von Schleicher Kurt von Schleicher Bild 102-14090Franz Bracht Bild 183-2007-1009-501Friedrich Syrup Bild 146-1986-031-11Bild 183-H27728

Extras:

 

Text

RTF

[Anlage.]

Zum ersten Male ist das seit Jahrzehnten von der Landwirtschaft verfolgte Ziel, die Ernährung des Deutschen Volkes aus der eigenen Scholle sicherzustellen, so gut wie erreicht. Angesichts der Tatsache, daß immer noch etwa 2 Millionen Tonnen Futtermittel eingeführt werden, kann von einer Überproduktion keine Rede sein2. Die Besorgnis, daß zum Schluß des Jahres große unverbrauchte Mengen übrig bleiben, hält die Landwirtschaftskammer für ebenfalls unzutreffend.

2

Randvermerk des RK: „r[ichtig]“.

Ganz erschütternd wirkt es aber, wenn in diesem Augenblick der Erreichung des Zieles von einzelnen Stellen der Gedanke auch nur erörtert wird, durch eine starke Einschränkung des Kunstdüngerverbrauchs die Produktion herabzudrücken und dadurch bessere Preise zu erzielen. Der Erfinder solcher Gedanken gehört ins Tollhaus3.

3

Über die Entstehung und Herkunft solcher Gerüchte ist nichts Genaues festzustellen. Es ist anzunehmen, daß sie aus Landwirtschaftskreisen selbst stammten. Vgl. hierzu den zu den Akten genommenen Ausschnitt aus der „Dt. Tageszeitung“, Nr. 7 vom 7.1.1933, betr. „Düngerversorgung der deutschen Landwirtschaft für die Ernte 1933“ (R 43 II/192, Bl. 15).

Die Produktion wird ohnehin dank einer verfehlten Agrarpolitik zurückgehen, da die Kosten für eine ordnungsmäßige Weiterführung der Betriebe vielfach nicht mehr greifbar sein werden. Trotz aller Warungen ist auch in diesem Jahre nicht verhindert worden, daß durch die zusammengedrängten Rückzahlungstermine für Düngermittel und jetzt der Ernteaufbaukredite fast die gesamte Getreideernte, wenigstens im Osten, im ersten halben Wirtschaftsjahre auf den Markt gebracht werden mußte. Wenn dies mit dazu beigetragen hat, daß die Preise auch gerade in den letzten Tagen weiter abgerutscht sind, so kann man als Begründung wahrlich nicht Überproduktion anführen.

Die pommersche Landwirtschaftskammer erwartet und bittet, daß der Herr Reichskanzler jedem Versuch, die landwirtschaftliche Produktion durch Einschränkung der Düngung einzuschränken, auf das energischste entgegentritt. Das deutsche Volk dürfte kein Interesse daran haben, die mühsam eingeschränkte Einfuhr von Lebensmitteln aus dem Auslande nur deswegen wieder zu erhöhen, weil man in Deutschland nicht versteht, die von den Landwirten geschaffene Ernte und die von ihnen auf den Markt gebrachten Veredlungsprodukte zu bewirtschaften.

[198] Ebenso wie aus Pommern sind aus allen Teilen Deutschlands Warnungen und dringende Vorstellungen an die Reichsregierung gerichtet worden mit dem Inhalt, daß das weitere Abgleiten der Preise fast aller landwirtschaftlicher Produkte einfach nicht mehr tragbar sei und daß man der mangelnden Initiative der Reichsregierung und des Reichsernährungsministers völlig verständnislos gegenüberstehe.

Auch heute muß wieder festgestellt werden, daß nicht auf einem einzigen Gebiete eine irgendwie durchgreifende Maßnahme getroffen ist oder auch nur geplant zu sein schein. Wie fehlerhaft die stückweise Behandlung von Agrarmaßnahmen ist, zeigen die Butterkontingentierung und der Beschluß zum Beimischungszwang4. Es ist kein Zeichen von Stärke, wenn die Reichsregierung die von ihr beschlossenen und vom Herrn Reichspräsidenten gebilligten Maßnahmen in einer Weise verunglimpfen läßt, wie dies in der antiagrarischen jüdischen Presse in Berlin geschieht.

4

Einzelheiten s. Dok. Nr. 33, P. 2.

Den Preissturz mit Überproduktion zu entschuldigen, bedeutet bedauerliche Unkenntnis. Von einer Überproduktion kann auch in diesem Jahre nicht die Rede sein. Woran es auf allen Gebieten fehlt, ist eine richtige Organisation zur Aufnahme und Weiterleitung der Agrarprodukte5.

5

Randvermerk des RK: „Genossenschaften!“

Der Vorstand der Landwirtschaftskammer bedauert, feststellen zu müssen, daß die sachlichen Vorschläge und Forderungen der landwirtschaftlichen Organisationen in keiner Weise Gehör gefunden haben. Daß angesichts des völligen Versagens aller bisher getroffenen Maßnahmen das Vertrauen der Landwirtschaft auf eine wirkliche Hilfe – leider – nun endgültig schwinden muß, wird die selbstverständliche Folge der Untätigkeit sein und kann niemanden wundernehmen.

Die bisherigen Maßnahmen der Reichsregierung für die Siedler, insbesondere die Senkung der Renten auf 3½%6, entsprechen in völlig ungenügender Weise den Forderungen der Landwirtschaftskammer und der Siedler selbst. Bei der eingetretenen Not ist eine individuelle Nachprüfung der Einzelfälle sinn- und zwecklos. Der Gedanke, daß Siedler bei Preisen der Veredlungsprodukte, wie sie in den letzten Jahren um ¼ und mehr gefallen sind, Rente zahlen können wie vorher, wenn sie nur wollen, ist ein Zeichen unbegreiflicher Verständnislosigkeit. Es gibt nur zwei Maßnahmen, die immer wieder gefordert sind und nur Wirkung haben können. Die rückständigen Renten der Siedler sind an die Kapitalforderung anzuhängen, und es sind neue Renten festzusetzen, die den derzeitigen wirtschaftlichen Möglichkeiten entsprechen. Die Landwirtschaftskammer glaubt, mit allem Nachdruck vor Experimenten mit den Siedlern warnen zu sollen, gerade angesichts des Wunsches der Reichsregierung, in nächster Zeit eine verstärkte Neusiedlung durchzuführen. Vor Ansetzung neuer Siedlung ist unbedingt die Sanierung der schon angesetzten Siedler zu fordern.

6

Einzelheiten s. Dok. Nr. 25, Anm. 8.

[199] Der Vorstand der Landwirtschaftskammer stellt fest, daß auch bei den neuen Plänen wiederum die landwirtschaftliche Berufsvertretung – und dieser liegt auch die Sorge für die Siedler ob – nicht gehört worden ist7. Solange die Siedlung als eine Arbeit für Architekten und Landmesser betrachtet wird, werden die Resultate dieselben bleiben wie bisher.

7

Zum Gesamtzusammenhang vgl. Dok. Nr. 40.

Der Vorstand der Landwirtschaftskammer hat von der bedrohlichen Lage der Fischerei Kenntnis genommen, die durch das ständige Absinken der Fischpreise verursacht ist. Für eine Reihe von Fischarten sind die Preise, die der Fischer erhält, auf ein Drittel und weniger der Vorkriegspreise zurückgegangen. So erhält der Fischer heute für Bleie 12 Pf., für Plötzen 3–5 Pf., für Barsche 10 Pf., für Zander 25–30 Pf. und für Hechte 30 Pf. Der Vorstand der Landwirtschaftskammer ist der Ansicht, daß durchgreifende Maßnahmen zur Erhaltung der Fischerei notwendig sind. Neben einer Beschränkung der ausländischen Einfuhr müssen Maßnahmen zur Senkung der Unkosten der Fischerei durchgeführt werden, wie eine allgemeine Senkung der Fischereitarife in den Küstengewässern und der Pachtpreise für die Binnengewässer, Senkung der Frachttarife – insbesondere für die Süßwasserfische – und Verminderung der Grundsteuern, die die Betriebe der Binnenfischerei außerordentlich stark belasten. Der Vorstand der Landwirtschaftskammer erwartet ferner, daß bei den Maßnahmen, die zum Schutze der Landwirtschaft getroffen werden, die Fischerei in gleicher Weise wie die Landwirtschaft behandelt wird.8

8

Der StSRkei beantwortet das vorliegende Schreiben am 12.1.1933 (s. Dok. Nr. 52).

Extras (Fußzeile):