2.50 (vsc1p): Nr. 50 Empfang des Präsidiums des Reichs-Landbundes durch den Reichspräsidenten. 11. Januar 1933, 13 Uhr

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Nr. 50
Empfang des Präsidiums des Reichs-Landbundes durch den Reichspräsidenten. 11. Januar 1933, 13 Uhr

R 43 II/192, Bl. 34–36 Durchschrift1

[Krisenlage der Landwirtschaft; Exportpolitik und Handelsverträge.]

Der Herr Reichspräsident empfing heute um 1 Uhr mittags auf dringendes Ansuchen den Vorstand des Reichs-Landbundes. Es waren erschienen die Herren Kalckreuth, Bethge, Lind, Willikens sowie Strüwy aus Königsberg.

[207] Graf Kalckreuth trug dem Herrn Reichspräsidenten folgendes vor:

Heute hat die Bundesvorstandssitzung des Reichs-Landbundes stattgefunden. Es ist dabei zutage getreten, daß die Lage der Landwirtschaft viel katastrophaler ist als bisher angenommen. Die psychologische Wirkung der Schwierigkeiten ist so groß, daß mit der dringenden Gefahr baldiger Unruhen zu rechnen ist. Dies gilt besonders für Schleswig-Holstein2, da die dort betriebene Veredlungswirtschaft keinerlei Erfolg gezeigt hat.

Seitens des Reichs-Landbundes ist es nicht mehr möglich, die Landwirtschaft zu beruhigen, wenn nicht durch die Reichsregierung sofortige Maßnahmen zu einer Hebung der Wirtschaftsverhältnisse in der Landwirtschaft getroffen werden.

Die große Frage, um die es sich handelt, ist folgende: Treiben wir, wie bisher, weiter Exportpolitik, so ist die Landwirtschaft nicht zu retten. Wir müssen zur Kontingentierungspolitik, die Reichskanzler von Papen eingeleitet hat, zurückkehren3. Nur dadurch können wir die Rentabilität der Landwirtschaft herstellen. Diese ist aber unbedingte Vorbedingung für den Weiterbestand unserer Landwirtschaft, da wir weitere Schulden nicht aufnehmen können.

In nächster Zeit laufen mehrere Handelsverträge ab: am 1. Januar der holländische, am 15. Februar der schwedische, dann der jugoslawische und der französische4. Wir müssen darauf bestehen, daß bei den Verhandlungen über die neuen Handelsverträge die Grundlage der autonomen Zölle für die Landwirtschaft in keiner Weise verlassen wird. Der Herr Reichskanzler hat uns das versprochen; inzwischen sind aber 14 Tage verstrichen, und ein Entschluß über unsere Wünsche scheint noch nicht gefaßt zu sein. Wir bitten, diesen Entschluß herbeizuführen, damit wir in der Lage sind, das Vertrauen der landwirtschaftlichen Kreise wieder herzustellen.

Der Herr Reichspräsident erklärte, daß auch ihm die schwere Lage der Landwirtschaft bekannt sei und daß auch er auf dem Standpunkt stände, daß alles getan werden müsse, um ihr abzuhelfen. Er erklärte sich bereit, noch im Laufe des heutigen Tages eine Besprechung mit dem Herrn Reichskanzler, dem[208] Herrn Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft und dem Herrn Reichswirtschaftsminister herbeizuführen, in der Klarheit über die von der Reichsregierung beabsichtigten Maßnahmen geschaffen werden könne. Die Herren vom Reichs-Landbund erklärten, daß sie diese Besprechung begrüßen würden und ihrerseits bäten, sie herbeizuführen. Der Herr Reichspräsident sagte das zu und schlug als Zeit 5.30 Uhr vor5. Die Herren waren damit einverstanden.

Fußnoten

1

Die von MinDirig. Doehle gefertigte Aufzeichnung war vom Büro des RPräs. mit Anschreiben vom 12.1.1933 an StS Planck übersandt worden; Sichtparaphe Plancks vom gleichen Tag auf dem Anschreiben (R 43 II/192, Bl. 33).

2

Mit Schleswig-Holstein hatte der Reichslandbund ein besonders eindrucksvolles Beispiel herangezogen. Die Provinz war agrarwirtschaftlich und agrarstrukturell eines der schwierigsten und gegensatzreichsten agrarischen Gebiete Deutschlands. Der östliche Teil der Provinz war durch Großgrundbesitz und Gutswirtschaft gekennzeichnet, die zur Nordsee hin gelegenen Marschgebiete waren von großbäuerlicher Vieh- und Weidewirtschaft mit starken händlerischen Interessen bestimmt. Zwischen diesen beiden Regionen lag der wenig ergiebige Landrücken der Geest, so daß in dieser einen Provinz nahezu alle landwirtschaftlichen Probleme dieser Jahre auf einem verhältnismäßig begrenzten Raum zusammentrafen. Auf diese Besonderheiten sind das Ausmaß und die Heftigkeit der mit dem Ausgang des Ersten Weltkriegs einsetzenden landwirtschaftlichen Organisationskämpfe in der Provinz zurückzuführen (vgl. dazu die zusammenfassende Charakteristik bei Gerhard Stoltenberg: Politische Strömungen im schleswig-holsteinischen Landvolk 1918–1933. S. 9 ff.). Entsprechend der Agrarstruktur der Provinz waren die Ertragsverhältnisse in Schleswig-Holstein sehr unterschiedlich. Nach Berechnungen der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein schwankten die Reinerträge je ha Anbaufläche in den Jahren 1927/28 bis 1930/31 zwischen 0,24 RM auf dem Geestrücken und 42,57 RM im ostholsteinischen Hügelland (Einzelheiten s. bei Rudolf Heberle: Landbevölkerung und Nationalsozialismus. S. 128).

3

Zum Gesamtzusammenhang vgl. Dok. Nr. 20, insbesondere Anm. 4.

4

Einzelheiten ebd., insbesondere Anmm. 5–8.

5

Zum Fortgang s. Dok. Nr. 51.

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