2.53 (vsc1p): Nr. 53 Walther R. Darré an den Reichskanzler. München, 13. Januar 1933

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[218] Nr. 53
Walther R. Darré an den Reichskanzler. München, 13. Januar 1933

R 43 II/192, Bl. 76–791

[Öffentliche Unterstützung und Verteidigung der Forderungen des Reichslandbundes.]

Herr Reichskanzler!

Die Ereignisse, die sich während und nach dem Empfang des Präsidiums des Reichslandbundes beim Herrn Reichspräsidenten abgespielt haben, veranlassen mich, Ihnen einen offenen Brief zu schreiben. Denn das, was sich hierbei ereignet hat, ist kennzeichnend für die ganze Lage, in der wir uns in Deutschland befinden. Wir sind nämlich der Meinung, daß für den bedauerlichen Vorfall weder der Herr Reichspräsident noch das Präsidium des Reichslandbundes verantwortlich ist, sondern ausschließlich die Verantwortung für die Vorgänge bei Ihnen liegt, Herr Reichskanzler. Dies muß in aller Klarheit aber auch mit aller Schärfe, jetzt ausgesprochen werden. Denn es geht jetzt um Sein oder Nichtsein unseres ganzen Volkes, und Sie sind jetzt der in erster Linie verantwortliche Staatsmann.

Wie ist denn die Lage? Die durch die vorkriegszeitliche Entwicklung Deutschlands und des Weltmarktes aufgeblühte deutsche Industrie hat ihren Absatzmarkt verloren. Warum? Einmal, weil wir 1918 das Instrument vernichtet haben, womit wir uns von 1871 bis 1914 wirtschaftspolitisch in der Weltwirtschaft behaupten konnten, nämlich unser Heer; und zum andern, weil die nach dem Weltkriege in allen Ländern einsetzenden Bestrebungen, in sich selbst ruhende Wirtschaftsräume herzustellen und sich von ausländischen Industrien unabhängig zu machen, der deutschen Ware den Absatzmarkt genommen haben. Hierin wurzelt die eigentliche Ursache unseres Arbeitslosenheeres und hierin wurzelt auch letzten Endes die unheimlich umsichgreifende Bolschewisierung des Deutschen Volkes. Denn es ist schließlich eine Binsenwahrheit, daß eine wirtschaftliche Produktionsstätte nur so lange gedeihen kann, als man ihre Waren auch kauft. Die Welt kauft aber unsere Waren nicht mehr und will sie auch nicht mehr kaufen: dies ist der Grund unserer Wirtschaftskrise! Es ist lächerlich, wenn man heute mit Parlamentsbeschlüssen und Regierungserklärungen die Exportindustrie, welche ihren Absatzmarkt verloren hat, künstlich wieder lebendig machen will, durch Hineinpumpen von Geldmitteln, über die der Staat zwar die Verfügung hat, die aber aufgebracht wurden durch die Steuergroschen des gesamten Volkes. Es sollte sich doch schließlich selbst bis in die berliner Regierungskrise herumgesprochen haben, daß der bisherige weltwirtschaftliche[219] Absatzmarkt unserer Industrie verloren gegangen ist, nicht wegen einer Weltwirtschaftskrise, wie man erklärt, sondern weil man unsere Waren nicht mehr braucht oder nicht mehr will. Waren, die das Ausland kaufen will, verkaufen sich von alleine, auch ohne eine entsprechende Bemühung deutscher Regierungskreise.

Es gibt nur einen Ausweg aus dem wirtschaftlichen Wirrwarr, in dem sich Deutschland befindet: der ist, der deutschen Industrie neue Absatzmöglichkeiten zu suchen. Und hier bietet sich an und steht zunächst auch nur als einziger Ausweg zur Verfügung: einen neuen Absatzmarkt vom Binnenmarkt her aufzubauen. Die entschlossene Hinwendung zum Binnenmarkt ist heute der einzige Ausweg, unsere arbeitslos gewordene Industrie wieder in Arbeit zu versetzen2.

Einen Binnenmarkt baut man aber nur von der Landwirtschaft her auf. Auch dies ist eine Binsenwahrheit! Daher meistert keine einzige deutsche Regierung die heutige Lage in Deutschland anders als durch ein entschlossenes Herumwerfen des Staatsruders in Richtung des Binnenmarktes.

Dazu gehört aber eine Tat, dazu gehört klares Wissen vom Notwendigen und willensstarke Zielstrebigkeit. Mit einem Wort: dazu gehört eine Regierung von Männern, aber niemals vollbringt dies eine Regierung, die vor lauter Zweifel nicht weiß, wohin sie sich drehen und wenden soll. Ihre Art, das Staatsruder zu führen, Herr Reichskanzler, kann nur verglichen werden mit einem Feldherrn, der statt die taktischen Erwägungen einem klaren großen strategischen Grundgedanken unterzuordnen, seine strategische Linie den jeweiligen taktischen Zweckmäßigkeiten anpaßt.

Es war Ihre Aufgabe, Herr Reichskanzler, den Herrn Reichspräsidenten über die wahre Lage in der Landwirtschaft zu unterrichten und diesen zu warnen. Dann wäre der Zusammenstoß des Reichslandbundpräsidiums mit dem Herrn Reichspräsidenten garnicht möglich gewesen. Beim ehrwürdigen Alter des Herrn Reichspräsidenten kann niemand von ihm verlangen, daß er von sich aus die ihm geläufigen Anschauungen des XIX. Jahrhunderts abstreift und die völlig neuen Grundlagen des XX. Jahrhunderts richtig sieht und einschätzt. Hierfür hat er eben Reichsminister, die ihm zu raten haben. Wenigstens ist dies die Auffassung des Deutschen Volkes von den Pflichten und Aufgaben der Reichsminister, insbesondere des Reichskanzlers.

[220] Es war klar, daß die immer drängender werdende Not der deutschen Bauern irgendwann einmal mit Ihrer in offensichtlicher Blindheit für Wirtschaftsfragen dahinwandelnden Regierung zu einem Zusammenprall kommen würde. An sich ist es nur natürlich, daß der erste Zusammenstoß zwischen der Spitze der berufsständischen Vertretung der deutschen Landwirtschaft und dem Herrn Reichspräsidenten erfolgte. Aber die Schuld, daß dies überhaupt möglich wurde, tragen Sie, ausschließlich Sie, Herr Reichskanzler.

Ich habe mir erlaubt, Ihnen dies alles sehr offen darzulegen, weil ich heute im Auftrage von Millionen deutscher Bauern so sprechen darf und auch sprechen muß.

Mit dem „General“ von Caprivi fing die Leidenszeit der deutschen Landwirtschaft an. Wolle Gott, daß der „General“ von Schleicher der letzte Vertreter dieser unglückseligen und landwirtschaftsfeindlichen Zeit- und Wirtschaftsepoche ist.

Ich verbleibe, Herr Reichskanzler, mit der Ihrem Amte als erster Staatsdiener des Deutschen Volkes schuldigen Ehrerbietung

Walther Darré

Leiter des Amtes für

Agrarpolitik

Fußnoten

1

Dieses auch im „Völkischen Beobachter“, Nr. 14 vom 14.1.1933 veröffentlichte Schreiben trägt auf Bl. 76 Sichtparaphen Plancks vom 16. 1. und Schleichers vom 18.1.1933. Soweit aus den Akten der Rkei ersichtlich erfolgt von Seiten der RReg. keine Reaktion auf diesen „offenen Brief“.

2

Diese Auffassung war in der NSDAP nicht unumstritten. Der in der zweiten Jahreshälfte 1932 recht einflußreiche „Keppler-Kreis“ lehnte die mit den Forderungen des Reichslandbundes (vgl. dazu Dok. Nr. 50) übereinstimmenden agrarpolitischen Ansichten Darrés scharf ab und vertrat demgegenüber den entgegengesetzten Standpunkt der Industrie und des Exporthandels. Diese Stellungnahme zu der anstehenden wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung zieht sich durch die Korrespondenz Kepplers seit dem Bekanntwerden der agrarischen Forderungen an die RReg. im August 1932 (vgl. dazu u. a. den Schriftwechsel Kepplers mit dem Hamburger Bgm. Krogmann; Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg, Sign. 913). Keppler bemühte sich, auch Hitler zu einer Stellungnahme gegen die agrarischen Forderungen zu veranlassen, um sie sofort weiterzugeben: „Mit Hi. bin ich darüber einig, daß sich eine einseitige Agrarpolitik mit der Struktur unserer Wirtschaft nicht verträgt; er äußerte mir gegenüber, daß wir 20 000 000 Deutsche zuviel hätten und die Hälfte unserer Industrie zerschlagen müßten, falls es uns nicht gelingen sollte, einen bedeutenden Teil der Welt als Absatzgebiet zu erringen.“ (Keppler an Kurt v. Schroeder, 9.10.1932; NS 20/76, Bl. 13).

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