1.212.1 (mu22p): Rücktritt des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht.

Zum Text. Zur Fußnote (erste von 6). Zu den Funktionen. Zum Navigationsmenü. Zum Navigationsbaum

 

Bandbilder:

Kabinett Müller II. Band 2 Hermann Müller Bild 102-11412„Blutmai“ 1929 Bild 102-07709Montage  von Gegnern des Young-Planes Bild 102-07184Zweite Reparationskonferenz in Den Haag Bild 102-08968

Extras:

 

Text

RTF

Rücktritt des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht1.

1

Die Niederschrift ist auszugsweise abgedruckt bei H. Luther, „Vor dem Abgrund“, S. 74 ff.

Der Reichskanzler bemerkte zum Rücktritt des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht, daß von verschiedenen Seiten versucht worden sei, Schacht von seinem Vorhaben abzubringen, mindestens aber ihn zu veranlassen, seinen Schritt bis nach Annahme der Young-Gesetze hinauszuschieben. Er habe wiederholt mit Bankiers über die Folgen eines Rücktritts des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht gesprochen. Die Bankiers hätten sich sehr besorgt darüber geäußert und hätten darauf hingewiesen, daß ein Rücktritt Schachts unsere Währung ungünstig beeinflussen könne. Aus all diesen Erwägungen heraus sei von verschiedenen Seiten darauf hingearbeitet worden, den Rücktritt des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht hinauszuschieben. Auch habe eine Besprechung zwischen dem Reichspräsidenten und dem Reichsbankpräsidenten stattgefunden, in der sich der Reichsbankpräsident Dr. Schacht eine Überlegungsfrist von drei Wochen vorbehalten habe. Noch gestern habe er, der Reichskanzler, mit zwei Bankiers gesprochen. Beide hätten ihm in der Unterhaltung versichert, daß kein Schritt des Reichsbankpräsidenten zu erwarten sei. In der heutigen Versammlung des Zentralausschusses habe nun der Reichsbankpräsident seinen Schritt bekanntgegeben. Er habe ihn mit Bemerkungen auf die Währung begründet und dargelegt, daß die Währung durch den Young-Plan gefährdet werde. Um diese Begründung nicht in die Öffentlichkeit kommen zu lassen, habe man das Kommuniqué entsprechend abgefaßt. Da aber ein großer Teilnehmerkreis in der Versammlung zugegen gewesen sei, sei es nicht ausgeschlossen, daß doch von den Bemerkungen des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht über die Währung etwas in die Öffentlichkeit komme, obwohl das Dementi darüber nichts enthalte. Präsident Dr. Franz von Mendelssohn sei sofort nach dieser Erklärung des Reichsbankpräsidenten bei ihm gewesen, habe sich sehr besorgt geäußert und habe sich dahin ausgesprochen, daß sofort eine Entscheidung in der Angelegenheit getroffen werden müsse. Im Interesse der Währung sei es nach[1551] Auffassung des Präsidenten von Mendelssohn unbedingt erforderlich, daß ein Ersatz für Reichsbankpräsident Dr. Schacht sofort erfolge. Er, der Reichskanzler, habe dem Präsidenten Dr. von Mendelssohn keine bestimmte Antwort gegeben und habe vor allen Dingen erklärt, daß er zunächst das Kabinett in der Angelegenheit befragen müsse, er habe heute abend hierzu Gelegenheit. Nach seinen Feststellungen sei der Rücktrittsbrief des Präsidenten Schacht noch nicht in die Hände des Generalrats gelangt. Aus diesen Gründen wisse er, der Reichskanzler, auch nicht, wie Dr. Schacht seinen Rücktritt begründen werde2. Zur Zeit seien die Herren Urbig, Warburg, Wassermann beim Präsidenten von Mendelssohn versammelt, um noch heute Abend zu erfahren, welche Meinung die Reichsregierung hinsichtlich der Person des Nachfolgers habe. Ob Louis Hagen auch zugegen sei, wisse er nicht. Von Mendelssohn habe ihm als Nachfolger Dr. Schachts den Reichskanzler a. D. Luther vorgeschlagen. Er, der Reichskanzler, habe sich auf die Person Luthers nicht festgelegt. Herr Präsident von Mendelssohn habe sich bei Nennung des Namens Luther noch dahin geäußert, daß an Stelle Dr. Schachts eine starke Persönlichkeit treten müsse, die auch in der Öffentlichkeit ein gewisses Ansehen habe und die die Kraft besitze, Dr. Schacht entgegenzutreten, falls er sich irgendwie zur Währungsfrage äußere. Neben Luther sei an zweiter Stelle der Preußische Finanzminister Höpker-Aschoff genannt worden. Er, der Reichskanzler, habe gegen die Kandidatur Höpker-Aschoffs an und für sich keine Bedenken, wenn es sich um Normalzeiten handeln würde. Ob aber in den gegenwärtigen Verhältnissen Höpker-Aschoff der richtige Nachfolger wäre, erscheine ihm fraglich, zumal Höpke-Aschoff weder Englisch noch Französisch könne. Auch der Name des Vizepräsidenten Dreyse sei gefallen. Aber auch er käme wohl nicht in Frage. In den Wandelhallen des Reichstags habe man als Nachfolger Dr. Schachts den Staatssekretär Popitz genannt. Er, der Reichskanzler, glaube aber, daß es zur Zeit im Hinblick auf die Dezember-Vorgänge nicht möglich sei, auf Popitz zurückzugreifen. Außerdem sei ihm der Staatssekretär Bergmann als Nachfolger genannt worden. Er glaube aber, daß dieser zu weich sei, um die schwierigen Aufgaben eines Reichsbankpräsidenten erfüllen zu können. Ferner seien Frisch (Dresdner Bank) und Jeidels als Kandidaten genannt worden. Jeidels werde wohl in der Öffentlichkeit Angriffe hervorrufen. Im Anschluß hieran bemerkte der Reichskanzler, daß die Reichsregierung bereit sein müsse, schnell zu handeln. Nach seiner Meinung müsse die Generalrats-Sitzung so schnell wie möglich einberufen werden, sobald der Rücktrittsbrief Schachts eingehe. Im gegenwärtigen Augenblick wisse er nicht, ob Luther bereit sein werde, den Posten anzunehmen. Vielleicht werde auch die morgige Wirkung auf die Börse sofort zum Handeln zwingen, um die Währung zu verteidigen.

2

Siehe H. Schacht, „Das Ende der Reparationen“, S. 118 ff.

Der Reichsminister des Auswärtigen führte aus, daß der Rücktritt Schachts wohl als endgültig anzusehen sei. Es sei wohl überflüssig, einen Versuch zu machen, Schacht von seinem Vorhaben abzubringen. Im Vordergrund stehe jetzt die Frage: wie kann die Währung geschützt werden? Welche Persönlichkeit ist[1552] geeignet, die schwierigen Aufgaben des Reichsbankpräsidenten zu erfüllen? Auch der Reichsminister des Auswärtigen hielt den Reichskanzler a. D. Dr. Luther als den geeignetsten Kandidaten. Nach seiner Meinung könnten Bedenken insoweit bestehen, als auch Luther eine politische Ader habe. Bei den Aufgaben, die dem Reichsbankpräsidenten auf dem Gebiet der Anleihepolitik obliegen, sei es aber unmöglich, jede politische Einwirkung auszuschalten. Der Fehler des Reichsbankpräsidenten Schacht sei gewesen, daß er ein großes Machtgefühl gehabt habe. Nach dieser Richtung hin sei Luther etwas anders eingestellt. Luther werde sich stärkere Reserven auferlegen. Im übrigen sei der Reichskanzler Luther der geeignetste Mann, die Währung zu schützen, zumal er in seiner früheren Eigenschaft als Reichsminister der Finanzen rechtzeitig für die Stützung der Währung eingetreten sei3. Daneben besitze Reichskanzler Luther auf dem Gebiet der Reparationsfrage bessere Kenntnisse als alle anderen genannten Kandidaten. Zu berücksichtigen sei auch, daß der Name Luther im Ausland eine gewisse Geltung habe und daß Luther im ausländischen Verkehr versiert sei. Im übrigen habe die Reichsregierung nach den gegenwärtigen Bestimmungen kein Vorschlagsrecht. Die Entscheidung liege beim Generalrat. Die Reichsregierung könnte höchstens den Reichspräsidenten veranlassen, Luther nicht zu bestätigen. Im übrigen halte er es für richtig, die Mitglieder des Generalrats gewähren zu lassen, wen sie in ihrem Kreise als Nachfolger Schachts nennen werden.

3

Luther war von 1923–25 RFM gewesen. Über seine damalige Tätigkeit berichtet er in seinen Memoiren „Politiker ohne Partei“.

Der Reichskanzler betonte, daß die vom Reichsminister des Auswärtigen skizzierte Rechtslage richtig sei. Aber der Präsident von Mendelssohn habe den größten Wert darauf gelegt, in dieser so wichtigen Angelegenheit engstes Einvernehmen mit der Reichsregierung zu halten. Er schlage vor, keine Bedenken geltend zu machen, wenn man sich im Generalrat auf Luther einigen werde.

Der Reichsminister der Finanzen hob hervor, daß er auch heute mit Warburg über die Angelegenheit gesprochen habe. Auch er, der Reichsminister der Finanzen, halte den Reichskanzler a. D. Luther für den geeignetsten Mann, zumal dieser jeden Schlag gegen die Währung auffangen könne4. In seiner heutigen Rede im Reichstag habe er, der Reichsfinanzminister, ausdrücklich erklärt, daß auf Dr. Schacht kein politischer Druck zum Rücktritt ausgeübt worden sei. Schacht habe sich unbefugterweise in die Politik eingemischt und ziehe nun als ehrlicher Mann die Konsequenzen zu gehen5.

4

Zu dieser Unterredung war es auf Drängen Schäffers gekommen, der vorgeschlagen hatte, einem plötzlichen Rücktritt Schachts durch rechtzeitige Aufstellung eines Nachfolgers die Wirkung zu nehmen. Das Treffen zwischen dem RFM und Warburg fand jedoch erst am Tag des Rücktritts von Schacht statt. „Warburg schlug Luther vor, Luther galt als der Mann, der 1923/24 die Währung gerettet habe. Wenn ein Mann wie Luther den Posten des RbkPräs. annehme, werde die Besorgnis im Volk zurücktreten, als ob die Währung wirklich gefährdet sei. Gewiß sei Luther kein Bankmann. Aber für die Rbk lägen die Dinge doch viel einfacher als für eine Großbank. Er verfüge über einen sehr guten Stab geschulter Beamter, so daß man Luther durchaus die Aufgabe übertragen könne“ (BA: Nachlaß Moldenhauer  3 Teil II, S. 16 ff.).

5

Siehe RT-Bd. 427, S. 4207  f.

[1553] Der Reichskanzler stellte noch fest, daß der Reichsbankpräsident Dr. Schacht bisher sich an ihn nicht gewandt habe.

Der Reichsminister für die besetzten Gebiete bemerkte, daß er keine Bedenken gegen Luther haben würde, wenn die Währung gesichert werden müsse. Es sei aber loyal, neben Luther auch auf Carl Melchior aufmerksam zu machen, der der Reichsregierung wiederholt, und zuletzt im Haag, große Dienste geleistet habe. Man solle den Präsidenten von Mendelssohn auch auf Carl Melchior aufmerksam machen. Er könne sich nicht vorstellen, daß die Währung den Abgang Schachts nicht ertragen könne, da es nach seiner Meinung um die Währung traurig bestellt sei, wenn sie durch den Rücktritt Schachts erschüttert werde. Jedenfalls lege er Wert darauf, daß neben Luther auch Melchior genannt werde.

Demgegenüber betonte der Reichskanzler daß er mit zwei großen Bankdirektoren wiederholt in den letzten Tagen Unterredungen geführt habe. Beide hätten ihm immer wieder versichert, daß bei Rücktritt Schachts auf den Schutz der Währung Rücksicht genommen werden müsse. Was die Person Melchiors angehe, so sei er nicht gegen Melchior eingestellt; er bezweifle aber, ob Melchior bereit sein werde, den Posten anzunehmen.

Der Reichsminister des Innern führte aus, daß er für Carl Melchior wäre, wenn er als Kandidat genannt werde. Nach seiner Meinung müsse aber bei Berücksichtigung der gegenwärtigen Verhältnisse der Nachfolger Schachts weder Jude noch Sozialdemokrat sein. Im übrigen glaube er, daß Melchior eine ablehnende Antwort geben werde. Luther sei zwar ein eigenwilliger Mann, er habe aber eine gewisse Linie, so daß nicht zu befürchten sei, daß er solche Sprünge machen werde, wie Schacht sie getan habe. Nach reiflicher Überlegung komme er zu der Überzeugung, daß Luther der beste von allen genannten Kandidaten sei.

Der Reichsminister der Finanzen führte aus, daß er Carl Melchior sehr hoch schätze, daß er aber glaube, daß Luther in gegenwärtiger Stunde geeigneter sei als Melchior, insbesondere da er große Kenntnisse von den Gemeindefinanzen habe, die im gegenwärtigen Augenblick saniert werden müßten. Ein Ausweg könne vielleicht darin gefunden werden, daß als Vertreter der Industrie in der Internationalen Bank Carl Melchior genannt werde.

Der Reichswehrminister wies ebenfalls auf die Kandidatur Melchiors hin. Melchior habe einen guten Charakter, man könne sich auf ihn felsenfest verlassen. Melchior werde sicherlich keine Seitenwege gehen; er sei offen, gerade und ehrlich. Im übrigen habe er, der Reichswehrminister, auch gegen Luther nichts einzuwenden.

Der Reichspostminister sprach sich in erster Linie für Luther, in zweiter Linie für Melchior aus. Der Name „Luther“ werde eine günstige Wirkung auf das Volk ausüben.

Der Reichsverkehrsminister betonte, daß von den genannten Kandidaten Luther der geeignetste sei. Melchior habe ohne Zweifel sehr gute Eigenschaften, vor allem einen ausgezeichneten Charakter. Aber die Gründe, die der Reichsminister des Innern gegen die Person Melchiors vorgebracht habe, seien doch zutreffend.

[1554] Auf Grund der Aussprache bestand Einverständnis darüber:

1. Der Präsident von Mendelssohn soll verständigt werden, daß die Reichsregierung keine Bedenken hege, falls der Generalrat sich auf Reichskanzler a. D. Dr. Luther einigen sollte;

2. Der Präsident von Mendelssohn soll darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Reichsregierung Wert darauf lege, auch Carl Melchior als einen geeigneten Kandidaten den deutschen Generalratsmitgliedern gegenüber zu nennen.

3. Die Angelegenheit soll vertraulich behandelt werden, da der Reichsregierung von dem offiziellen Schritt des Reichsbankpräsidenten Schacht in Gestalt eines Abschiedsgesuches an den Generalrat noch nichts bekannt sei6.

6

Am 8. 3. bat Schacht um Rücksprache mit dem RK wegen der Wahl seines Nachfolgers am 10. 3. (Vermerk Plancks; R 43 I/962, Bl. 198, hier: Bl. 198). Luther wurde vom Generalrat der Rbk am 11. 3. zum Präsidenten gewählt (Schacht an den RK, 11.3.30; R 43 I/962, Bl. 202, hier: Bl. 202).

Extras (Fußzeile):