2.31.4 (k1956k): 7. Bericht des Herrn Bundesministers für Atomfragen über seine Amerika-Reise, BMAt

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Palais SchaumburgBandrücken der EditionÜberreichung des ersten Bandes an Bundeskanzler Helmut SchmidtDas Bundesarchiv, KoblenzKabinettssitzung 1956

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7. Bericht des Herrn Bundesministers für Atomfragen über seine Amerika-Reise, BMAt

Der Bundesminister für Atomfragen spricht etwa 25 Minuten über Anlaß, Zweck und Ergebnis seiner Reise nach Amerika 22. Er nennt die Persönlichkeiten, Orte und Dienststellen, die er besucht hat, und weist darauf hin, daß es sich kaum abschätzen lasse, wieviele Wissenschaftler europäischer Herkunft in Amerika auf dem Atomgebiet tätig seien, die eine törichte Politik aus Europa vertrieben habe. Der Minister warnt vor den falschen Vorstellungen, die über die europäische Einigung und die Schaffung von Euratom in Amerika verbreitet seien 23. Der Minister legt seine Schlußfolgerungen in acht Punkten dar:

22

Strauß hatte sich vom 12.-28. Mai 1956 in den USA aufgehalten. Siehe dazu seinen Bericht in der Sitzung der Deutschen Atomkommission am 5. Juni 1956 (B 138/3297) und das „Memorandum für die Besprechungen in den Vereinigten Staaten (des Bundeskanzlers)" vom 8. Juni 1956 (B 138/723 und B 136/6113). Unterlagen in B 138/680. Vgl. auch den Bericht über die Ausführungen von Strauß in der Pressekonferenz am 1. Juni (FAZ vom 2. Juni 1956).

23

Seebohm notierte dazu u.a.: „State Department: Euratom sei einzige Möglichkeit, gescheiterte EVG zu kompensieren." (Nachlaß Seebohm N 1178/8e). Siehe dazu die Berichte über die Verhandlung von Strauß mit Vertretern der amerikanischen Regierung in FRUS 1955-1957, Bd. IV, S. 435-441. - Vgl. auch Eckert, Kernenergie.

1)

Die Bundesrepublik könne den Rückstand innerhalb von fünf bis zehn Jahren einholen, in den sie gegenüber den USA auf dem Gebiete der atomaren Forschung und Entwicklung geraten sei. Dazu bedürfe es allerdings der Hilfe der Vereinigten Staaten, die selbst auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Ausnutzung der Atomkraft noch nicht sehr weit gekommen seien 24.

2)

Auf dem Gebiete der atomaren Entwicklung habe die Bundesrepublik zwar Zeit verloren, aber Geld gewonnen. Der größte Teil dessen, was die USA mit einem Aufwand von 15 Milliarden $ erforscht und entwickelt hätten, komme jetzt auch uns zugute. (Der Bundeskanzler wirft ein, daß nach Meinung von Prof. Heisenberg 25 auch bei uns die Forschung und Entwicklung von den ersten Anfängen an aufgebaut werden müßte. Der Minister erwidert hierauf, daß Heisenberg mit seinen Vorstellungen wohl nicht durchdringen werde.)

3)

Die Vereinigten Staaten seien jetzt erst dabei, in die Phase der wirtschaftlichen Ausnutzung der Atomenergie einzutreten.

4)

In der Bundesrepublik könne nur ein Atomzentrum mit allen dazu gehörigen Laboratorien und Instituten errichtet werden, für das er, der Minister, dem Kabinett demnächst Karlsruhe vorschlagen werde 26.

5)

Die wissenschaftliche Freiheit in der Forschung müsse gewährleistet und die private Initiative gefördert werden.

6)

Das Hauptgewicht liege in den nächsten Jahren auf der Ausbildung von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern sowie auf der Forschungs- und Entwicklungsarbeit, noch nicht auf der wirtschaftlichen Nutzung.

7)

Die Zusammenarbeit der deutschen und amerikanischen Industrie sei von großer Wichtigkeit. Man müsse erreichen, daß diese Zusammenarbeit möglichst bald beginne und nicht wegen der falschen amerikanischen Vorstellungen über die baldige Errichtung von Euratom aufgehalten werde.

8)

Man müsse die Behandlung der Atomfrage von dem ideologischen, auch dem wirtschaftsideologischen, Hintergrund lösen. Es gelte, die Atomkraft als Energiequelle, die der Kohle und dem Öl an die Seite gestellt werden könnte, zu erforschen und nutzbar zu machen.

24

Siehe dazu die ungezeichnete und undatierte Aufzeichnung in B 138/680.

25

Prof. Dr. phil. Werner Heisenberg (1901-1976). 1924-1927 Privatdozent für Physik in Göttingen und Kopenhagen, 1927-1941 Professor und Leiter des Theoretisch-Physikalischen Instituts an der Universität Leipzig, 1933 Nobelpreis für Physik (für das Jahr 1932), 1941-1945 Direktor am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin und Professor an der Universität, führende Persönlichkeit des deutschen Kernenergieprojekts; 1945-1946 Internierung in Großbritannien, 1946-1970 Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik in Göttingen, seit 1958 in München, gleichzeitig jeweils Professor an den Universitäten Göttingen und München, 1955 Mitglied der Deutschen Atomkommission.

26

Unterlagen zur Gründung des Kernforschungszentrums Karlsruhe in B 138/5640.

Der Bundeskanzler dankt dem Vortragenden für seine Arbeit und für den Vortrag.

Außerhalb der Tagesordnung

[Es folgen TOP B bis D dieser Sitzung.]

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