2.5.6 (k1956k): F. Besuch Blüchers in Indien

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Palais SchaumburgBandrücken der EditionÜberreichung des ersten Bandes an Bundeskanzler Helmut SchmidtDas Bundesarchiv, KoblenzKabinettssitzung 1956

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[F. Besuch Blüchers in Indien]

Der Vizekanzler spricht sodann über seinen Besuch in Indien. 46

46

Blücher hatte sich in der Zeit vom 10. bis 21. Jan. 1956 zu einem Staatsbesuch in Indien aufgehalten. Unterlagen in B 146/816 und in Nachlaß Blücher N 1080/294. - Die folgenden Ausführungen Blüchers basieren auf der „Aufzeichnung über Indien" vom 4. Jan. 1956 in B 146/816. - Siehe auch die Pressekonferenzen Blüchers am 6. und 24. Jan. 1956 (B 145 I/57) sowie Bildteil.

Die gegenwärtig bestehende Einheit Indiens beruhe auf der Tatsache der Erlangung der Unabhängigkeit im Jahre 1946, auf dem damals gegebenen und noch fortwirkenden Einfluß Gandhis 47, auf dem sehr großen Ansehen und der überragenden Persönlichkeit Nehrus 48, der von Gandhi als Nachfolger bestimmt worden sei und schließlich, wenn man das mit einem gewissen Sarkasmus vermerken wolle, auf der den gebildeten Indern gemeinsamen Kenntnis der englischen Sprache. Im übrigen müsse man sich aber darüber klar sein, daß Indien topographisch, hinsichtlich seiner Flora, bezügl. seiner Völkerstämme und wegen seiner vier verschiedenen Hauptsprachen keine Einheit sei. Indien habe 82% Analphabeten. Unter diesen Umständen sei es ein kühner Versuch, eine parlamentarische Demokratie aufzubauen. Man müsse befürchten, daß in Wahrheit ein oligarchischer Zustand komme. Die Armut der breitesten Bevölkerungsschichten sei unvorstellbar. Hunderttausende seien ständig auf den Straßen in Bewegung. Dabei müsse man die allgemeine Schicksalsergebenheit bedenken. Dies alles könne man auch bei Betrachtung der gewaltigen indischen Kunstwerke nicht vergessen. Das Kunstverständnis reiche bis zu den einfachsten Menschen in Indien. Imponierend sei allein die gewaltige Arbeitsleistung, die in manchen Monumenten stecke. Sie übertreffe wohl noch die Leistung beim Bau der ägyptischen Pyramiden. Eine Tatsache sei auch, daß die Bevölkerung infolge schlechter Ernährung vielfach krank sei. Nehru versuche, das Verständnis der Dorfbewohner für ein Gemeinschaftswerk zu wecken und den Glauben an den Wert von Arbeit und persönlicher Freiheit zu beleben. Jeder Fortschritt werde aber angesichts des hohen Geburtenüberschusses von 2 Millionen jährlich problematisch. Man versuche, diesem Problem mit Gesetzen beizukommen. Die hervorstechendste Bedeutung hätten die indischen Wasserbauten. Die Bewässerung des Landes sei das Problem Nr. 1. Erfolge würden hier wohl in den nächsten Jahren sichtbar werden. Der Abbau der Kohle müsse ebenfalls gefördert werden. Es gäbe Kohlevorkommen mit zum Teil sehr mächtigen und hochgelegenen Flözen. In der Qualität liege die Kohle zwischen Braunkohle und schlechter Steinkohle. Indien fördere heute mit seinen 380 Millionen Einwohnern 37 Millionen t Kohle, während die Ziffer für die Ruhr 132 Millionen t laute. Bei dem Versuch, die Kohlenproduktion zu steigern, sei eine deutsche Hilfsmöglichkeit gegeben. Die westlichen Staaten hätten es versäumt, rechtzeitig bei Ölbohrungen in Indien behilflich zu sein. Jetzt habe sich die Sowjetunion erboten, Fachleute zu schicken. Der bescheidene Wirtschaftsaufschwung, den Indien seit 1946 genommen habe, werfe bereits Probleme auf. Es werde nicht genügend schwerpunktmäßig gearbeitet. Andererseits sei Indien z.B. heute kein Juteausfuhrland mehr, weil die Jute für den eigenen Bedarf gebraucht werde. Von hohem Wert seien die handwerklichen indischen Erzeugnisse in Seide, Baumwolle und Wolle, die Stickereien und die Lederarbeiten. Wenn Deutschland hiervon etwas abnehmen könne, könnte das für das deutsch-indische Verhältnis ausgezeichnet wirken. In diesem Zusammenhange habe er, der Vizekanzler, dem indischen Regierungschef den Rat gegeben, eine Kooperative nur für den Verkauf und die Finanzierung zu schaffen, nicht aber für die Produktion. Der Vizekanzler betont sodann, daß der Grundsatz der Toleranz in Indien in hohem Ansehen stehe. In der Regierung seien Hindus, Mohammedaner, röm. Katholiken und Angehörige der Englischen Hochkirche vertreten. Jeder, auch der einfache Inder, wisse, daß es nicht allein auf den zivilisatorischen Fortschritt ankomme, sondern auch auf das geistige Verständnis des Lebens. In diesem Punkte seien uns die Inder zweifellos überlegen. Die Reise sei insofern nicht sehr angenehm gewesen, als die deutschen Delegierten nichts zu bieten gehabt hätten. Das indische Steckenpferd seien die Stahlprojekte. Krupp und DEMAG hätten ein Stahlwerk mit einer Kapazität von 500 000 t jährlich gebaut, das mit Bewunderung aufgenommen worden sei. Es habe sich aber bald herausgestellt, daß das Werk zu klein sei. Eine Erweiterung auf eine Kapazität von 1 Million t jährlich stoße bei den deutschen Firmen auf gewisse Schwierigkeiten. Es sei aber ganz entscheidend, daß die Bundesrepublik dieses Vorhaben durchführe. Es müsse überhaupt überlegt werden, ob man nicht die Exportfinanzierung auf eine völlig neue Grundlage stellen müsse. Nehru sei kein marxistischer Sozialist, er sei mit Sicherheit auch ein Antikommunist. Er habe aber Sorge wegen der ungeheueren sozialen Unterschiede in Indien. Dabei sei er mancherlei politischen Angriffen ausgesetzt. In seiner schriftstellerischen Tätigkeit habe er vor Jahren einmal geschrieben, er wisse nicht, ob er mehr Westeuropäer oder Inder sei. Dieser Ausspruch aus seinen, im übrigen in vorzüglichem Englisch geschriebenen zahlreichen Werken werde ihm heute gelegentlich vorgeworfen. Nehru sei zudem total überarbeitet und habe eine zarte nervöse Konstitution. Bemerkenswert sei auch sein Drang zu absoluter Ehrlichkeit im Gespräch. Er habe u.a. folgende Themen angesprochen: Systematik des deutschen Lastenausgleichs, die ihn wohl im Hinblick auf die Flüchtlinge aus Pakistan interessiere. Warum hat Deutschland das staatliche Schlichtungswesen aufgegeben? Wie ist das Verhältnis der Notenbank zur Regierung? Ist nicht das indische System besser, daß der Justizminister der Zentralregierung gleichzeitig höchstrichterliche Funktionen ausübt? In der Außenpolitik habe Nehru nicht einen Satz über die Wünschbarkeit der deutschen Neutralität gesprochen. Diese Gedanken würden nur von einer kleinen Gruppe in den zwei indischen Zeitungen „Times of India" und „Hindustan Times" vertreten. Zur Regierung in Pankow habe er, der Vizekanzler, erklärt, daß bei einer etwaigen Anerkennung Nehru seinen Grundsatz verleugnen würde, wonach jedes Volk das Recht auf Einheit und Selbstbestimmung habe. Besonders beeindruckt sei Nehru aber wohl von dem Argument gewesen, daß er dadurch die Spannungen in der Welt verstärken würde. Er, der Vizekanzler, habe nicht auf einer klaren Antwort von Nehru bestanden, da ein solches Drängen im gegenwärtigen Zeitpunkt wohl falsch gewesen wäre. Er hoffe aber, daß Nehru bis zu seinem versprochenen Besuch in Bonn 49 die Regierung in Pankow nicht anerkennen werde. Wesentlich sei wohl auch der von deutscher Seite bei Nehru gemachte Vorschlag, er möge möglichst bald zwei oder drei Männer seines Vertrauens zu Verhandlungen über Wirtschaftsfragen nach Deutschland schicken. Die deutsche Delegation sei eine gute Visitenkarte in Indien gewesen. Er, der Vizekanzler, habe sich immer wieder bemüht, die Gleichheit des deutschen und des indischen Partners zu betonen und hervorzuheben, daß Deutschland von Indien lernen könne. Es wäre sehr erwünscht, wenn eine Anzahl befähigter junger Deutscher nach Indien ginge. In diesem Zusammenhange werden die Fragen der Aufenthaltsdauer und der Doppelbesteuerung erwähnt.

47

Mohandas Karamchand (gen. Mahatma) Gandhi (1869-1948). Studium in Großbritannien, 1893-1914 in Südafrika und politischer Führer der dortigen indischen Bevölkerung, seit 1915 Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung und Verfechter des zivilen Ungehorsams und gewaltlosen politischen Widerstands, 1948 ermordet.

48

Jawaharlal (Pandit) Nehru (1889-1964). Studium in Großbritannien, 1912 Anwalt, seit 1919 im Indischen Nationalkongreß (1923-1925 und 1927-1929 Generalsekretär, 1929-1936 Präsident), 1946 im Auftrag der britischen Kolonialmacht Chef einer Interimsregierung, nach der Unabhängigkeit Indiens 1947-1964 Ministerpräsident.

49

Fortgang hierzu 143. Sitzung am 11. Juli 1956 TOP 1 a (Politische Lage).

Der Bundeskanzler dankt dem Vizekanzler für die auf der Reise geleistete Arbeit und für seinen Bericht, auf den man später noch einmal ausführlicher zurückkommen wolle.

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