2.36.2 (k1956k): 1. Bericht des Herrn Bundeskanzlers über seine Amerika-Reise

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Palais SchaumburgBandrücken der EditionÜberreichung des ersten Bandes an Bundeskanzler Helmut SchmidtDas Bundesarchiv, KoblenzKabinettssitzung 1956

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1. Bericht des Herrn Bundeskanzlers über seine Amerika-Reise

Der Bundeskanzler gibt eine kurze Darstellung seiner Eindrücke von seiner Reise nach den USA 7. Es sei für ihn bewegend gewesen, zu sehen, daß die Universitäten in den USA im öffentlichen Leben eine viel bedeutendere Rolle spielten als in Deutschland. Dabei sei es bemerkenswert, daß die Universitäten von Stiftungen getragen würden. Der Amerikaner zeige eine große Bereitschaft, für gute Zwecke finanzielle Hilfe zu gewähren. Wenn man an die Überfüllung der deutschen Universitäten denke, so sei es sehr eindrucksvoll, daß z.B. an der Universität Yale ein Dozent sieben Studenten und auf der Harvard-Universität ein Dozent zehn Studenten betreue. Das Verhältnis zum Dozenten sei daher in den USA ein viel besseres als in Deutschland. Hier müsse in Deutschland etwas geschehen, denn die Volkswirtschaft brauche dringend die Wissenschaft.

7

Adenauer hatte sich vom 8. bis 15. Juni 1956 in den USA aufgehalten. Anlaß des Besuchs war die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universitäten Yale und Marquette (siehe hierzu AA B 32 Bd. 21 und AA Abt. 2, Ref. 200 Bd. 4). - Zu den Besprechungen Adenauers mit Eisenhower, Dulles und dem möglichen demokratischen Präsidentschaftskandidaten Harriman vgl. Adenauer, Erinnerungen, Bd. 3, S. 159-176. - Siehe auch Bulletin vom 12., 13. und 15. Juni 1956, S. 1025-1027, 1043 und 1061 f., die Ausführungen des Bundeskanzlers in der Pressekonferenz am 18. Juni 1956 (B 145 I/60) sowie FRUS 1955-1957, Bd. XXVI, S. 107-126.

Politisch habe er ein gewisses Schwanken in den USA festgestellt. Das sei insbesondere darauf zurückzuführen, daß die USA erhebliche Lasten zu tragen hätten und daß der Eindruck bestünde, die Europäer wollten sich nicht einigen und die Deutschen wünschten keine Aufrüstung. Er glaube jedoch, die Bedenken bereinigt zu haben. Er habe sowohl mit Vertretern der Republikaner wie der Demokraten gesprochen. Dabei habe er den Eindruck gewonnen, daß die Grundeinstellung der Demokraten zur Außenpolitik mindestens so gut sei wie die der Republikaner. Es bestehe die allgemeine Überzeugung, daß Eisenhower wiedergewählt werde, wenn er sich zur Wahl stelle 8. Andernfalls müsse mit der Wahl eines Demokraten gerechnet werden. Das werde jedoch nicht Stevenson 9 sein, weil er die Wähler nicht genügend anspreche. Aussichtsreiche Kandidaten seien Harriman 10 oder Truman.

8

Zur Wahl Eisenhowers am 6. Nov. 1956 vgl. Sondersitzung am 9. Nov. 1956 TOP A (Wortprotokoll).

9

Adlai E. Stevenson (1900-1965). Rechtsanwalt, seit 1933 im Rahmen des New-Deal-Program Sonderberater der Agricultural Adjustment Administration, 1941-1944 im Marine-, 1945 im Außenministerium tätig (Assistent von Außenminister Stettinius), 1946-1948 bei der UNO, 1948-1952 Gouverneur des US-Bundesstaates Illinois, 1952 und 1956 Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei, 1960-1965 Vertreter der USA bei der UNO.

10

William Averell Harriman (1891-1986). 1941 Sonderbotschafter Präsident Roosevelts in London und Moskau, 1942-1946 Botschafter der USA in Moskau, 1943-1945 Berater Roosevelts bei den Konferenzen von Teheran, Jalta und Potsdam, 1946 Botschafter in London, 1946 Handelsminister, 1947 Leiter des Ausschusses für die Europa-Hilfe, 1948-1950 Sonderbeauftragter für den Marshall-Plan, 1950-1953 Berater Präsident Trumans, 1951-1953 Direktor des Amtes für gegenseitige Sicherheit, 1955-1959 Gouverneur des Staates New York, 1961 Sonderbotschafter Präsident Kennedys für Europa und Afrika, 1961-1963 Unterstaatssekretär für Fernostfragen, 1963-1965 für politische Fragen im amerikanischen Außenministerium, 1965-1969 Berater Präsident Johnsons, 1968-1969 Leiter der US-Delegation bei den vorbereitenden Friedensgesprächen mit Nordvietnam in Paris.

Seine Aufnahme in Chicago sei besonders herzlich gewesen. Zu seinen Ehren sei eine Parade der drei Wehrmachtsteile veranstaltet worden. Es habe ihn sehr beeindruckt, daß für die Parade die Hauptverkehrsstraße 1 bis 1 ½ Stunden gesperrt wurde und die deutsche Nationalhymne auf der Hauptstraße Chicagos erklang. In Chicago habe er bei einem großen Lunch eine Rede vor über 2600 Personen gehalten. Er habe seinen Zuhörern erklärt, daß die Wiedervereinigung und die Freiheit nicht nur ein nationales deutsches Anliegen sei, sondern auch von entscheidender Bedeutung für die Amerikaner selbst. Wenn Gott den Amerikanern die Macht anvertraut habe, dann seien sie auch Gott gegenüber verpflichtet, sich für die Regelung dieser Fragen einzusetzen. Seine Rede habe eine sehr gute Resonanz gefunden.

Insgesamt gesehen habe er die Überzeugung gewonnen, daß wir uns auf die USA verlassen könnten, wenn wir unsere Pflicht täten.

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