2.45.11 (k1968k): E. Tod eines 16-jährigen Jungen an der Demarkationslinie

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[E.] Tod eines 16-jährigen Jungen an der Demarkationslinie

Bundesminister Wehner berichtet von dem gestrigen Zwischenfall an der D-Linie bei Sonneberg, dem ein junger Mann von etwa 16 Jahren zum Opfer gefallen ist. 25 Um 16.50 Uhr begannen dessen Hilferufe, nachdem er offensichtlich auf eine Mine getreten und schwer verwundet worden war. Um 17.05 Uhr sagten Soldaten der NVA ihre Hilfe zu, um 17.40 Uhr erschien auch ein Sanitätswagen, ohne daß aber dem Verwundeten geholfen wurde. Um 19.00 Uhr verstummten die Hilferufe. Um 20.00 Uhr wurden Minen in der Nähe des Verwundeten gesprengt, der dann erst um 20.30 Uhr weggetragen wurde. Der Betroffene lag eindeutig im Gebiet jenseits der Demarkationslinie. Ferner wird aus dem Ablauf der Ereignisse geschlossen, daß der junge Mann in einem Minenfeld gelegen hat, dessen Pläne der eingesetzten Wacheinheit der NVA nicht bekannt gewesen sein dürften. Damit sind die Hilfsmöglichkeiten begrenzt. Das gilt für die Soldaten der NVA und die Beamten der Bundesrepublik. Für diese wird die Gefahr zusätzlich noch durch die Schießbefehle der „DDR" erhöht. 26 Sicherlich ist zu begrüßen, wenn im Bundesfamilienministerium erwogen werde, wegen dieses neuen Ereignisses die Menschenrechtskommission der UN anzurufen. Die brennendere Frage ist aber, welche praktische Hilfe in ähnlichen Fällen gewährt werden kann.

Der Bundeskanzler regt an zu prüfen, ob bei solchen Ereignissen nicht die Möglichkeit besteht, mit Hubschraubern humanitäre Hilfe zu leisten; er hält dieses Thema für besonders geeignet, nicht nur innerhalb der Bundesrepublik, sondern auch mit der anderen Seite erörtert zu werden. 27

Fußnoten

25

Der in einem Erziehungsheim lebende Lehrling Günther Oppermann hatte sich nach eigenen Angaben in der Absicht, nicht mehr ins Heim zurückzukehren, von seiner Arbeitsstelle in Coburg entfernt und war auf dem Weg zu seiner Familie nach Seesen/Harz in die Sicherungsanlagen der DDR-Grenze geraten. Von Grenzsoldaten der Nationalen Volksarmee war er aufgefordert worden, den Grenzzaun an einer vermeintlich minenfreien Stelle zu übersteigen und sich in deren Gewahrsam zu begeben. Dabei waren Minen detoniert und hatten Oppermann schwer verletzt. Nach seiner Bergung wurde er im Sonneberger Krankenhaus behandelt. In der Presse der Bundesrepublik war zunächst von seinem Tod berichtet worden. Unterlagen in B 106/83948 und 373811, B 136/6642 und B 197/8413, dazu Grafe, Grenze, S. 174-177.

26

Die Bestimmungen über den Schußwaffengebrauch für das Kommando Grenze der Nationalen Volksarmee waren im Befehl Nr. 76/61 des Ministers für Nationale Verteidigung vom 6. Okt. 1961 geregelt (Befehl in DVW 1/5905). Daneben gab es weitere Dienstvorschriften wie die DV 10/4 vom 1. Mai 1963 (DVW 1-Druck/3621) und DV 30/10 vom 1. Mai 1964 über den Schusswaffengebrauch für die Wachen, Posten und Streifen der Nationalen Volksarmee (DVW 1-Druck/3692). Auszüge aus der DV 10/4 und Unterlagen zur strafrechtlichen Beurteilung des „Schießbefehls" in B 106/115645 und B 141/82760, weitere Unterlagen in B 137/6712, 16507 sowie BW 1/207652, dazu Rosenau, Tödliche Schüsse, S. 48-53.

27

Das BMI hatte bereits in den Jahren 1965/66 Möglichkeiten humanitärer Hilfeleistungen bei Zwischenfällen an der innerdeutschen Grenze und damit zusammenhängende Rechtsfragen geprüft. Danach konnten Hubschrauber lediglich den Abtransport von einem nahe der Grenzlinie gelegenen Landeplatz zum nächsten Krankenhaus übernehmen, während ihr Einsatz bei der Bergung Verletzter aus Minensperren für alle Beteiligten zu gefährlich sei. Vgl. den Vermerk des BMI vom 3. Dez. 1968 in B 106/83948, weitere Unterlagen in B 137/16623. Text der Pressekonferenz am 27. Nov. 1968 in B 136/6642. - Fortgang 151. Sitzung am 18. Dez. 1968 TOP D.

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