2.56.9 (k1953k): C. Verhinderung der Aufführung des Films „Bis fünf nach zwölf"

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Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung Band 6. 1953Die Außenminister der drei Westmächte in WashingtonAus der Sowjetunion heimgekehrte KriegsgefangeneDer Bundesminister der Finanzen an den BundeskanzlerVereidigung der Mitglieder des zweiten Kabinetts Adenauer

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[C. Verhinderung der Aufführung des Films „Bis fünf nach zwölf"]

Er behandelt sodann die Frage, wie die Aufführung des Films „Fünf Minuten nach zwölf" verhindert werden könne 19. Dieser Film in seiner Mischung aus Bildern über die Stärke und Geschlossenheit des Nationalsozialismus und die Menschlichkeit Hitlers, aus grausigen Szenen in Berlin und zweifelnden Fragen zu Jalta 20 und Nürnberg 21 sei eine versteckte Propaganda für den Nationalsozialismus und gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft. Wenn er ins Ausland komme, werde die mühevolle Arbeit von vier Jahren Außenpolitik aufs ernsteste gefährdet. Es sei ein Gesetz nötig, durch das man sowohl Filme verbieten könne, die das Naziregime verherrlichen, wie auch solche, die zu dieser Verherrlichung geeignet seien.

19

Der Dokumentarfilm „Bis fünf nach zwölf", zusammengestellt aus deutschen und ausländischen Wochenschau-Aufnahmen und aus bisher unveröffentlichten Aufnahmen über das Privatleben von Adolf Hitler und Eva Braun, stellte das Leben Hitlers und die Geschichte des Nationalsozialismus dar. (Bundesarchiv Eingangs-Nummer 12628). - Der von der Firma Rapid-Film unter der Regie von Richard von Schenk produzierte Film sollte ursprünglich ab Ende Oktober in deutschen Kinos anlaufen. Wegen der Bedenken der Regierungsvertreter war der Film von der FSK mehrfach beanstandet worden. - In- und ausländische Pressevertreter, denen der Film gezeigt worden war, hatten sich positiv geäußert. Am 14. Nov. 1953 hatten Adenauer, Lehr und Hallstein und ein Stab von Beamten den Film gesehen. (Unterlagen dazu in B 136/5900 und B 106/381).

20

Auf der Konferenz in Jalta vom 4. bis 11. Febr. 1945 einigten sich Churchill, Stalin und Roosevelt auf die Grundzüge über die Politik nach der Kapitulation Deutschlands - u. a. über die Entmilitarisierung, die Aufteilung in Besatzungszonen, die Grenzen Polens und über die Einsetzung einer Reparationskommission. - Vgl. dazu Foreign Relations of the United States, The Conferences of Malta and Yalta 1945, Washington D.C. 1955 S. 549-987.

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Siehe dazu insbesondere die Akteneditionen „Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgericht Nürnberg, 14. Nov. 1945-1. Okt. 1946", 42 Bände, Nürnberg 1947-1949 und zu nachfolgenden 12 Prozessen vor amerikanischen Gerichten „Trials of War Criminals before the Nuernberg Military Tribunals under Control Council Law No. 10, October 1946-April 1949", 15 Bände, Washington 1950-1953.

Der Bundesinnenminister sieht in dem Film keine pro-nationalsozialistische Tendenz. Die ausländische Presse empfinde ihn sogar als Anti-NS-Film. Er selbst hält ihn für ein aus geschäftlichem Interesse entstandenes Werk linksintellektueller Kreise und - wie vor allem die Vereidigungsszene zeige - für wehrzersetzend. In diesem Sinne werde er auch von der Öffentlichkeit und den Gerichten verstanden werden. Die im Grundgesetz gewährte Meinungsfreiheit mache ein Einschreiten sehr schwierig und erlaube es wohl nur dann, wenn der Film geeignet sei, unsere auswärtigen Beziehungen zu stören. Es sei zu erwägen, ob im Bundestag ein Initiativgesetz eingebracht werden soll, um hierfür eine Grundlage zu schaffen. Die Ministerpräsidenten und Innenminister der Länder sollten schnellstens nach Bonn gebeten werden, um mit ihnen die Lage zu erörtern.

Der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen und Bundesminister Strauß empfehlen, gegen diejenigen vorzugehen, die mit solchen Filmen Geschäfte machen wollen; vor allem auch gegen die Banken, die dafür Kredite geben.

Der Bundespressechef berichtet, daß es in letzter Stunde gelungen sei, die Erteilung von Rechten zur Aufführung des Films im Ausland zu verhindern. Es sei aber äußerst zweifelhaft, ob die Aufführung im Inland (die Uraufführung soll am Freitag in Köln stattfinden) unterbunden werden könne. Würde ein Verbot ausgesprochen, so müsse das allerdings zu einer Krise der Filmselbstkontrolle 22 und zu finanziellen Schwierigkeiten bei den Herstellern führen.

22

Zur Zusammensetzung der Freiwilligen Selbstkontrolle für die Filmwirtschaft (FSK) vgl. 142. Sitzung am 18. April 1951 TOP 14.

Es werden dann die Möglichkeiten eines verfassungsändernden Gesetzes erwogen.

Der Bundeskanzler fordert mit Nachdruck, so schnell wie möglich alles zu tun, um die Aufführung zu verhindern. Zu diesem Zweck wird der Bundesinnenminister sofort mit Innenminister Dr. Meyers 23 (Nordrhein-Westfalen) wegen eines Verbotes verhandeln und die Angelegenheit am Freitag mit den Innenministern der Länder erörtern 24.

23

Franz Meyers (geb. 1908). 1950-1970 MdL (CDU); 1952-1956 Innenminister, 1958-1966 Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.

24

Fortgang 9. Sitzung am 24. Nov. 1953 TOP I.

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