2.16.1 (feh1p): [Deutsche Haltung gegenüber der Alliierten Forderung nach einem 100 000-Mann-Heer]

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[Deutsche Haltung gegenüber der Alliierten Forderung nach einem 100 000-Mann-Heer]

Minister Simons legt das Endergebnis der gestrigen Sitzung der Konferenz dar2:

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Amtliche Protokolle über die Sitzungen der Konferenz von Spa sind nicht angefertigt worden. Dagegen bestehen sowohl von brit. wie von dt. Seite Niederschriften über die Sitzungen der Konferenz. Die Niederschriften von brit. Seite finden sich in DBFP, 1st Series, Vol. VIII, die Niederschriften von dt. Seite in R 43 I/402, Bl. 120 f.

Die Alliierten bestehen auf der Verminderung der Reichswehr auf 100 000 Mann und der Ablieferung des Heeresmaterials gemäß dem Friedensvertrag. Die von deutscher Seite geltend gemachten Gegengründe sind nicht als stichhaltig anerkannt worden. Die deutsche Delegation hat sich in der heutigen Sitzung zu erklären, ob sie einen Plan für die Reduzierung der Reichswehr und die Ablieferung des Kriegsmaterials gemäß den Forderungen der Entente vorlegen[42] will3. Gegenstand der Besprechung ist also die Frage, ob und in welcher Weise diesem Verlangen entsprochen werden soll. Zur Vorbereitung dieser grundlegenden Entscheidung ist im Reichswehrministerium ein Abrüstungsplan ausgearbeitet worden. General v. Seeckt wird gebeten, diesen Plan zunächst vorzutragen. Der Plan läuft darauf hinaus, daß die Verminderung der Reichswehr auf 100 000 Mann bis zum 10. Oktober 1921 erfolgen soll. Er beruht auf dem Grundgedanken, daß die Verminderung der Heeresstärke abhängig gemacht werden soll von dem Herausholen der Waffen und des Kriegsmaterials aus der Bevölkerung. Gelingt die Entwaffnung in diesem Sinne, so soll nach Maßgabe dieser Entwaffnung auch die Verminderung der Heeresstärke in bestimmten Zeitabschnitten bis zum 10. Oktober erfolgen4.

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Die Konferenz von Spa hatte am 5.7.1920 begonnen; der erste Gegenstand der Verhandlungen war die Entwaffnung gewesen. Auf der Sitzung der Konferenz vom 6.7.1920 hatte RWeM Geßler erklärt, daß mit Rücksicht auf die gefährlichen innenpolitischen Verhältnisse in Dtld. ein 200 000-Mann-Heer unbedingt erforderlich sei. Lloyd George hatte demgegenüber auf einer strikten Ausführung des Friedensvertrages bestanden und hatte im Auftrage der Alliierten von der dt. Delegation definitive Pläne mit festen Terminen für die Heeresverminderung und die Zerstörung des Kriegsmaterials verlangt. Diese Pläne sollten den Alliierten auf der Nachmittagssitzung des 7.7.1920 übergeben werden (DBFP, 1st Series, Vol. VIII, p. 430 f.; R 43 I/402, Bl. 124–127; Geßler, Reichswehrpolitik in der Weimarer Zeit, S. 160).

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Dieser im RWeMin. ausgearbeitete Plan ist identisch mit dem Abrüstungsplan, der am Nachmittag des 7.7.1920 den Alliierten übergeben wurde. Der Plan sah eine Verringerung der Reichswehr zum 10.10.1920 auf 190 000 Mann, zum 10.1.1921 auf 180 000 Mann, zum 10.4.1921 auf 160 000 Mann und zum 1.7.1920 auf 130 000 Mann vor (RT-Drucks. Nr. 187, Bd. 363 , Anlage 6). Am 10.10.1921 sollte die Stärke der Reichswehr dann 100 000 Mann betragen.

Gegen den Plan als solchen werden wesentliche Einwendungen nicht erhoben. Der Vorschlag, die Frist für die Verminderung der Heeresstärke auf zwei Jahre festzusetzen, wird nach eingehender Debatte abgelehnt.

Dagegen gehen die Meinungen darüber, ob Deutschland einen solchen Plan der Verminderung der Reichswehr innerhalb eines Jahres auf 100 000 Mann vorlegen könne oder ob nicht vielmehr unter allen Umständen auf einer Heeresstärke von 200 000 Mann bestanden werden müsse, erheblich auseinander. Der Reichswehrminister legt nochmals seinen im Kabinett vertretenen Standpunkt dar5 und behält sich vor, falls er überstimmt werde, sich über seinen Rücktritt schlüssig zu machen. Minister Scholz hält das Votum des Wehrministers für maßgebend und weist auf die Unmöglichkeit hin, daß die Deutsche Volkspartei von diesem Standpunkt abweicht. Die Argumente sind im wesentlichen die in den früheren Kabinettssitzungen geltend gemachten.

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Vgl. Dok. Nr. 8.

Demgegenüber führt Minister Simons, dem im Laufe der Debatte der Reichskanzler und General v. Seeckt mit längeren Darlegungen beitreten, im wesentlichen folgendes aus:

Dem Beschluß des Kabinetts entsprechend ist die Delegation in der gestrigen Sitzung für das 200 000-Mann-Heer eingetreten6. Die Delegation ist damit nicht durchgedrungen. Dadurch ist eine neue Situation geschaffen. Wird von der deutschen Delegation der von den Alliierten verlangte Plan nicht vorgelegt, so[43] besteht kein Zweifel, daß die Konferenz abgebrochen wird7 und daß die Alliierten zu Zwangsmitteln greifen, wobei dahingestellt bleiben kann, welcher Art diese Zwangsmittel sein werden. Zu dieser Gefahr von außen tritt die innerpolitische Gefahr. Läßt die deutsche Delegation die Konferenz an dieser Frage scheitern, so muß angesichts der Haltung der Unabhängigen und weiter Kreise der Sozialdemokraten auf der einen Seite und der rechtsstehenden Parteien auf der anderen Seite mit dem Bürgerkrieg gerechnet werden. Die Regierung selbst würde auseinanderfallen, wenn das Votum Minister Geßlers von der Demokratischen und der Standpunkt des Ministers Scholz von der Deutschen Volkspartei geteilt würde. Das 200 000-Mann-Heer aber würde doch nicht gerettet werden können, da es unter dem außenpolitischen Druck und der Propaganda von links im Innern zermürbt werden würde. Formal sei die Entente im Recht; denn wir hätten uns durch den Friedensvertrag, wenn auch gezwungen, auf die 100 000 Mann festgelegt. Unter diesen Umständen bliebe nichts übrig, als den Versuch zu machen, auf dem von General v. Seeckt vorgeschlagenen Wege die eigentliche Entwaffnung des Volkes und damit die Verminderung der Heeresstärke in Etappen durchzuführen. Eine Regierung, die hiermit energisch vorgehe, indem sie die eigentliche Entwaffnung der Bevölkerung systematisch und mit allen Machtmitteln durchführe und damit die Voraussetzung auch für die Wirksamkeit einer kleinen Heeresmacht schaffe, würde sich gegenüber der Bevölkerung durchsetzen und auch das Vertrauen der jetzt gegen die Verminderung protestierenden gewerblichen Kreise, insbesondere der Kreise der Industrie gewinnen. Der Ernst der Situation und die ungeheure Verantwortung, die ein solcher Entschluß bedeute, werde in keiner Weise verkannt.

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Vgl. Dok. Nr. 8.

7

Lloyd George hatte als Sprecher der Alliierten in der Sitzung der Konferenz vom 6. 7. keinen Zweifel daran gelassen, daß die Alliierten die Konferenz verlassen würden, wenn nicht von dt. Seite klare und eindeutige Vorschläge gemacht werden sollten. Lloyd George hatte u. a. erklärt: „[…] He felt bound frankly to say that if this was the way in which the German representatives proposed to meet the just demands of the Allies for definite information, he did not really feel justified in remaining any longer at Spa. They had held two meetings, and they had discussed the excuses of the German Government, the very vague promises which had been made by them, but they hat not come down to business. Unless the Germans could give the Allied representatives some clear and definite proposals, there was no use for the Allied representatives remaining at Spa. They could not remain if their discussions were to prove futile. […]“ (DBFP, 1st Series, Vol. VIII, p. 440-441).

Auf Grund dieser Darlegungen wurde einstimmig beschlossen, in der heutigen Sitzung der Konferenz den von General v. Seeckt aufgestellten Plan vorzulegen8. Minister Geßler erklärt, daß er im vaterländischen Interesse den Gedanken des Rücktritts trotz der ungeheuren Verantwortung, die er als parlamentarisch verantwortlicher Minister übernehme, zurückstelle. Auch Minister Scholz stimmt dem beabsichtigten Vorgehen zu9.

8

Zu dem Plan s. RT-Drucks. Nr. 187, Bd. 363 , Anlage 6. Die Vorschläge umfaßten eine Aufstellung über die Verminderung der gesamten Reichswehr, eine Aufstellung über die Verminderung der Stäbe und eine Reihe von besonderen Anträgen der RReg. zur Heeresverminderung.

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Siehe dazu weiter Dok. Nr. 17.

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