2.8 (cun1p): Nr. 8 Staatssekretär Fischer an das Reichsfinanzministerium und die Reichskanzlei. Paris, 29. November 1922, Ankunft 14.25 Uhr

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Nr. 8
Staatssekretär Fischer an das Reichsfinanzministerium und die Reichskanzlei. Paris, 29. November 1922, Ankunft 14.25 Uhr

R 43 I/32, Bl. 325 Durchschrift der Telegrammentzifferung

[Betrifft: Reparationsverhandlungen]

Dringend!

Bei heutigen Besprechungen erklärte Bradbury, er könne vor Entrevue zwischen Poincaré und Bonar Law weder über taktische Behandlung noch über[20] die in Betracht kommenden Pläne selbst Zweckdienliches äußern. Auf seinen erneuten Hinweis, wir sollten selbst mit Plan hervortreten, habe ich die aus Bergmanns Brief1 bekannten Argumente geltend gemacht, worauf er nicht weiter insistierte. Bei Delacroix fand Anregung, mit uns vor endgültiger Fixierung und offizieller Mitteilung in Fühlung zu bleiben, günstige Aufnahme. Nach seiner Ansicht ist aber der unserer Note vom 14. November zugrunde liegende Plan nicht mehr durchführbar, weil einerseits von deutscher Seite, wie z. B. von Stinnes, an einem Erfolg gezweifelt und Widerstand in Aussicht gestellt werde2, andererseits auf Mitwirken amerikanischer Finanz nicht mehr zu rechnen sei. D. bedauert deshalb, daß Reichsministerium sich darauf beschränkt habe, Note vom 14. zu übernehmen. Wir hätten deshalb bessere Wirkung erzielt, wenn wir Bereitwilligkeit mit Ideen, die der neuen Sachlage entsprächen, betont hätten. Meinen Einwand, daß wir bisher mit eigenem Vorbringen von Plänen in London ungünstige Erfahrungen gemacht, ließ er unter Hinweis auf Ungeschicklichkeit unserer damaligen Taktik nicht gelten3. D. mitteilte, daß Bradbury an neuem Plan arbeite, den er aber vor Billigung vor Bonar Law nicht mitteilen wolle. B. habe ihm indes angedeutet, daß er mit grundsätzlicher Billigung desselben durch Deutsche Regierung rechne, auch komme früherer Gedanke B.’s, uns nach Ablauf längerer Periode mit gewaltigen theoretischen Kapitalschulden zu belasten, zu Delacroix Befriedigung darin nicht vor4. D. riet wiederholt, wir sollten mit englischer Regierung Fühlung nehmen und im übrigen auf Ergebnis der Entrevue warten, die er möglichst zu beschleunigen bemüht sei und die hoffentlich Ende dieser Woche stattfindet. D. bedauert äußerst neuerliche Bekanntgabe französischer Vorbereitungen zu Zwangsmaßnahmen5. Er erklärt sie ebenso wie B. wesentlich durch[21] Poincarés Bedürfnis, inneren Schwierigkeiten zu begegnen und aus seinem Bemühen, Eindruck auf Alliierte zu machen. Wie Begegnung zwischen Poincaré und Theunis ergeben habe, besitzt Poincaré keinerlei Plan. D. rechnet also damit, daß Poincaré entweder selbst einem für uns erträglichen englischen Plan zustimmt oder dies seinem Nachfolger überlassen müsse.

1

Gemeint ist offenbar Bergmanns Brief an den RFM vom 24.11.22, abgedruckt als Dok. Nr. 5.

2

Akten über den Widerstand Stinnes gegen den deutschen Plan vom 14.11.22 in R 43 I nicht ermittelt.

3

Gemeint ist die Erläuterung des deutschen Planes auf der Londoner Konferenz am 1.3.21 durch den damaligen RAM Simons.

4

Über diesen Plan Bradburys hatte Bergmann am 21.11.22 an den RFM und RK berichtet: „Bradbury meinte dann, er denke für die endgültige Regelung auch an 20 bis 25 Mrd. Mark, allerdings wären dafür die Franzosen immer noch nicht reif, und deshalb empfehle es sich, außerdem noch eine sehr viel größere Kapitalschuld festzusetzen, die aber erst in 30 Jahren fällig werde. Deutschland müsse jederzeit das Recht haben, diese Kapitalschuld mit sehr guten Diskontbedingungen zu tilgen. Es ist dies ein Steckenpferd von Bradbury, auf dem er seit 2 Jahren herumreitet. Er möchte neben einer festverzinslichen Schuld uns noch eine weitere Kapitalschuld von 100 Mrd. aufladen, die in 30 Jahren fällig, vorher aber jederzeit mit 7% diskontierbar ist, so daß der Jetztwert dieser Schuld verhältnismäßig gering ist.“ (R 43 I/32, Bl. 284-287, hier: Bl. 285 f.).

5

Die frz. Reg. ließ am 27.11.22 offiziös erklären, sie habe nach einer Beratung im Elysée folgende Maßnahmen zur Sicherung der frz. Entschädigungsansprüche in Betracht gezogen: „1. Eine vollständigere Beschlagnahme der Rheinlande, die Frankreich jetzt besetzt hält, eine Beschlagnahme, die namentlich in der Ersetzung von deutschen durch französische Beamte zum Ausdruck kommen könnte. 2. Besetzung von zwei Dritteln des Ruhrgebiets einschließlich Essens und Bochums, so daß die Frankreich von Deutschland auf Entschädigungskonto zu liefernden Kohlen und der für die französische Industrie erforderliche Hüttenkoks gesichert würden.“ (Schultheß 1922, S. 222). An der Besprechung nahmen unter Vorsitz des frz. StPräs. neben den wichtigsten Ministern Marschall Foch, Generalstabschef Buat, der Vors. der Repko, Barthou, Oberkommissar Tirard und der Generalinspekteur der Bergwerke, Coste, teil.

Ich halte Gedanken von D., daß Reichsregierung zu der veränderten Sachlage positive Stellung nehmen sollte, für richtig6 und empfehle das Ergebnis auch hier, aber inoffiziell, schleunigst und möglichst vor erwähnter Entrevue bei Engländern und Belgiern zur Geltung zu bringen. Hinweise auf besonderes Telegramm K. Nr. 4715/1237 über Kohlenfrage7.

6

Handschriftliche Randbemerkung Kempners: „aber wie?“ Am 1. 12. telegrafiert der RFM an die Deutsche Kriegslastenkommission in Paris: „RReg. beabsichtigt vorläufig nicht, mit neuen Vorschlägen an Gegner hervorzutreten. Unser Standpunkt, daß wir Note mit konkretem Vorschlag abgegeben haben und zunächst Antwort abwarten wollen, ist auch durch die Drohungen Frankreichs nicht überholt. Selbstverständlich sind wir zu jeder Diskussion über diesen Vorschlag und über Gegenvorschläge bereit. Ob und wie bei neuen Sachlagen unser Vorschlag geändert oder neue Vorschläge gemacht werden können, wird hier zur Zeit geprüft.“ (R 43 I/33, Bl. 110).

7

In diesem Telegramm vom 28. 11. heißt es u. a.: „Aufnahme unserer Note vom 14. und ihrer Bestätigung durch RReg. in hiesiger Öffentlichkeit besonders dadurch ungünstig beeinflußt, daß hier nicht erkannt wird, inwieweit und unter welchen finanziellen Bedingungen Deutschland zu weiteren Kohlenlieferungen bereit ist. Nach Besprechung mit Wallmichrath halte ich es für dringlich, daß diese Frage geklärt wird, und es kommt, wie in Chefbesprechung vor Eintreffen der Repko in Berlin erwogen war, darauf an, mit Franzosen, Belgiern und Italienern darüber zu verhandeln, wie die für sie wirtschaftlich unentbehrlichen Bezüge von Koks und teilweise Kohle gegen angemessene Bezahlung sichergestellt werden können.“ (R 2/3124, Bl. 155 und R 38/180, neu in R 3301/2180, Bl. 222 f.). Zu den daraufhin ergangenen Verhandlungsfühlern dt. Industrieller vgl. Anm. 3, Abs. 2 zu Dok. Nr. 42.

Fischer

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