1.98 (vpa2p): Nr. 227 Staatssekretär Meissner an Adolf Hitler. 24. November 1932

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Nr. 227
Staatssekretär Meissner an Adolf Hitler. 24. November 19321

1

Abgedr. u. a. auch in: Horkenbach 1932, S. 391 f.; Schultheß 1932, S. 212 f.; Huber, Dokumente, Bd. 3, Dok. Nr. 490; Ursachen und Folgen, Bd. VIII, Dok. Nr. 1913 d; Hubatsch, Hindenburg und der Staat, Dok. Nr. 99.

R 43 I/1309, S. 523–525 Abschrift2

2

Eine Abschrift dieses Schreibens übersandte Meissner am 24. 11. auch an den RWeM (NL Schleicher  31, Bl. 56–58). Aus den dort befindlichen Beiakten geht hervor, daß die Abfassung des Schreibens mit Schleicher besprochen worden ist (ebd., Bl. 55).

[Hindenburg lehnt Berufung Hitlers zum Kanzler eines Präsidialkabinetts ab]

Sehr verehrter Herr Hitler!

Auf Ihr gestriges Schreiben3 beehre ich mich, Ihnen im Auftrage des Herrn Reichspräsidenten folgendes zu erwidern:

3

Dok. Nr. 226.

1. Der Herr Reichspräsident nimmt Ihre Antwort zur Kenntnis, daß Sie den Versuch der Bildung einer parlamentarischen Mehrheitsregierung nicht für aussichtsreich halten und deshalb den Ihnen erteilten Auftrag zurückgeben. Zu der von Ihnen für diese Ablehnung gegebenen Begründung läßt der Herr Reichspräsident bemerken, daß er gerade nach den Ausführungen der Führer des[999] Zentrums und der Bayerischen Volkspartei4, aber auch nach Ihren eigenen Ausführungen in der Besprechung vom 19. November5 im Gegenteil annehmen mußte, daß eine Mehrheitsbildung im Reichstag möglich war. Einen „inneren Widerspruch“ in seinem Auftrag vermag der Herr Reichspräsident um so weniger anzuerkennen, als in meinem erläuternden Schreiben vom 22. November6 ausdrücklich auf die Möglichkeit einer weiteren Rücksprache hingewiesen war, falls eine der von dem Herrn Reichspräsidenten erwähnten Voraussetzungen sich als ein entscheidendes Hindernis bei Ihren Verhandlungen erweisen sollte.

4

Vgl. die Besprechungen Hindenburgs mit Kaas (Zentrum) und Schäffer (BVP) vom 18. bezw. 19. 11. (Dok. Nr. 218 und 223).

5

Dok. Nr. 222.

6

Dok. Nr. 225.

2. Der Herr Reichspräsident dankt Ihnen, sehr verehrter Herr Hitler, für Ihre Bereitwilligkeit, die Führung eines „Präsidialkabinetts“ zu übernehmen. Er glaubt aber, es vor dem deutschen Volke nicht vertreten zu können, dem Führer einer Partei seine präsidialen Vollmachten zu geben, die immer erneut ihre Ausschließlichkeit betont hat, und die gegen ihn persönlich wie auch gegenüber den von ihm für notwendig erachteten politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen überwiegend verneinend eingestellt war. Der Herr Reichspräsident muß unter diesen Umständen befürchten, daß ein von Ihnen geführtes Präsidialkabinett sich zwangsläufig zu einer Parteidiktatur mit allen ihren Folgen für eine außerordentliche Verschärfung der Gegensätze im deutschen Volke entwickeln würde, die herbeigeführt zu haben er vor seinem Eid und seinem Gewissen nicht verantworten könnte.

3. Nachdem Sie zum lebhaften Bedauern des Herrn Reichspräsidenten sowohl in den bisherigen Besprechungen mit ihm als auch in Ihrer gestrigen, mit seinem Wissen geführten Unterhaltung mit dem Herrn Reichswehrminister General von Schleicher7 jede andere Art der Mitarbeit innerhalb oder außerhalb einer neu zu bildenden Regierung – gleichgültig, unter welcher Führung diese Regierung auch stehen möge – mit aller Entschiedenheit abgelehnt haben, verspricht sich der Herr Reichspräsident von weiteren schriftlichen oder mündlichen Erörterungen über diese Frage keinen Erfolg.

7

Die Unterredung Hitlers mit Schleicher hatte am 23. 11. stattgefunden. Vgl. dazu Goebbels, Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, S. 209, sowie die Mitteilungen Schleichers in der Ministerbesprechung am 25. 11. (Dok. Nr. 232, P. 1).

Unabhängig hiervon wiederholt der Herr Reichspräsident aber seine Ihnen in der letzten Besprechung am Montag8 abgegebene Erklärung, daß seine Tür jederzeit für Sie offen stehe, und wird immer bereit sein, Ihre Auffassung zu den schwebenden Fragen anzuhören; denn er will die Hoffnung nicht aufgeben, daß es auf diesem Wege mit der Zeit doch noch gelingen werde, Sie und Ihre Bewegung zur Zusammenarbeit mit allen anderen aufbauwilligen Kräften der Nation zu gewinnen9.

8

Zu dieser Besprechung (21. 11.) s. Dok. Nr. 224.

9

Hitler erwiderte hierauf noch am 24. 11. u. a.: Er habe in seinem Schreiben an Meissner vom 23. 11. (Dok. Nr. 226) „nicht die Führung eines Präsidialkabinetts verlangt, sondern einen mit diesem Begriff in keinem Zusammenhang stehenden Vorschlag zur Lösung der deutschen Regierungskrise unterbreitet“; er habe (Ziff. 5:) darin ferner „nicht nur keine Parteidiktatur verlangt, sondern war im August dieses Jahres so auch jetzt bereit, mit all den anderen dafür infrage kommenden Parteien Verhandlungen zu führen, um eine Basis für eine Regierung zu schaffen. Diese Verhandlungen mußten erfolglos bleiben, weil an sich die Absicht bestand, das Kabinett Papen unter allen Umständen als Präsidialkabinett zu halten. Es ist daher auch nicht nötig, mich zur Zusammenarbeit mit anderen aufbauwilligen Kräften der Nation gewinnen zu wollen, da ich dazu trotz schwerster Anfeindungen schon in diesem Sommer alles nur irgend Mögliche getan habe. Ich lehne es aber ab, in diesem Präsidialkabinett eine aufbaufähige Kraft zu sehen. Und ich habe ja auch in der Beurteilung der Tätigkeit und des Mißerfolges der Tätigkeit dieses Kabinetts bisher recht behalten.“ (Abschrift in NL Schleicher  31, Bl. 59–60; zum vollen Text s. Huber, Dokumente, Dok. Nr. 491). – In einem durch „VB“ am 26. 11. veröffentlichten Aufruf an seine Bewegung warf Hitler der Papenregierung erneut „politischen und wirtschaftlichen Dilettantismus“ vor und erklärte weiter: „Man hat mich nach Berlin gerufen, um an der Behebung einer Regierungskrise mitzuwirken, und wollte doch nichts anderes, als Papens Kabinett retten und mir einen zweiten 13. August bereiten. So hätten wir Nationalsozialisten auf einmal wieder die hohe Ehre bekommen, zur Aufputzung des etwas schwach gewordenen Glanzes dieser Regierung durch einen oder zwei nationalsozialistische Minister beitragen zu dürfen. Ich habe darauf die Haltung eingenommen, die ich als Führer unserer Bewegung einnehmen mußte. Deutschland wollen wir retten, die Regierung v. Papen aber nicht. Da ich diesmal Vorsorge trug, daß der 13. August sich nicht wiederholen konnte, erhielt ich den Auftrag, eine Lösung parlamentarischer Art herbeizuführen, die vorsorglich durch die daran geknüpften Bedingungen von vornherein unmöglich gemacht wurde. Dennoch habe ich mich angesichts der großen Not unseres Volkes entschlossen, ein Angebot zu machen, das zugleich für die inneren Absichten aller klärend sein konnte. Das Angebot wurde abgelehnt und damit erscheint, glaube ich, der Wille der Ratgeber des Herrn Reichspräsidenten enthüllt. Was ich am Abend des Wahltages schon erklärte, wiederhole ich daher heute: Dieses System muß in Deutschland niedergebrochen werden, wenn nicht die deutsche Nation an ihm zerbrechen soll.“

[1000] Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochachtung verbleibe ich, sehr verehrter Herr Hitler,

Ihr sehr ergebener

gez. Dr. Meissner

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