Ahnungslosigkeit und Handlungsunfähigkeit
Im November 1953 fielen der DDR-Staatssicherheit Dokumente des bundesdeutschen Nachrichtendienstes "Organisation Gehlen" aus der Zeit unmittelbar nach den Juni-Ereignissen in die Hände. Sie offenbarten ein solches Ausmaß an Ahnungslosigkeit und Handlungsunfähigkeit, dass die These einer westlichen Steuerung der Ereignisse schon damit hätte erledigt sein müssen. Während die Stasi beweisen wollte, dass es sich bei dem Volksaufstand um einen aus dem Westen gesteuerten Putsch gehandelt habe, glaubten die westlichen Geheimdienste an das Gegenteil. In einem der Dokumente vom 20. Juni 1953 werden die "Vorgänge in Ost-Berlin und der Zone" als "von östlicher Seite inszenierte Aktionen" bezeichnet. Sie hätten als Ziel gehabt, die Wiedervereinigung "ins Rollen zu bringen".



![Propagandabroschüre Das Ministerium des Innern gibt bekannt.... Am 1. November 1953 wurde folgende Meldung des Ministeriums des Innern veröffentlicht: "Durch die Wachsamkeit von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik war es in Verbindung mit der Tätigkeit der Organe für Staatssicherheit im Ministerium des Innern möglich, umfangreiche Gruppen der feindlichen Organisation des amerikanischen und westdeutschen Geheimdienstes aufzudecken. In diesem Zusammenhang wurde in den letzten Tagen eine Reihe Spionage-, Sabotage- und Terrorgruppen zerschlagen, und zwar ein Netz von Agenten des im Dienste der Amerikaner stehenden westdeutschen Spionageapparates unter der Leitung des ehemaligen Hitlergenerals von Gehlen sowie Agentengruppen vom amerikanischen CIC (Counter Intelligente Corps). Bei den Verhaftungen, die in Berlin, Halle, Cottbus, Potsdam und einigen anderen Orten vorgenommen wurden, sind Geheimsender amerikanischer Herkunft, Waffen, zahlreiches Spionagematerial sowie geheime Instruktionen und Pläne zur Durchführung von gemeinen Anschlägen gegen die Bevölkerung der Deutschen Demokratischen Republik beschlagnahmt worden. Es wurde festgestellt, daß die Zentralen der Agenten sich in Westberlin oder in Westdeutschland befinden. Die Hintermänner sind die gleichen Organisatoren, die den faschistischen Putsch am 17. Juni vorbereiteten und durchführten. Die Untersuchung wird fortgesetzt." Diese Erklärung wurde von allen ehrlichen und friedliebenden Menschen mit großer Zustimmung und Genugtuung aufgenommen. Unsere Staatsorgane bewiesen erneut, daß sie umsichtig und stark genug sind, um jeden Bürger, der ehrlich seiner Arbeit nachgeht, vor den Anschlägen der Sabotage-, Spionage- und Terrorgruppen zu schützen. [Bild: Eine Aufnahme von einer Deschriffrierungstafel.] Zur Nachrichtenübermittlung aus der DDR an Spionageorganisationen in Westdeutschland bedienten sich die Agenten eines Codebuches. Unser Bild zeigt die Originalaufnahme einer Seite des Codebuches. [Bild: Eine Aufnahme von den beschlagnahmten Spionagematerial.] Bei Verhaftungen von Mitgliedern feindlicher Geheimagenturen konnte umfangreiches Spionagematerial beschlagnahmt werden. Ein kompletter Geheimsender, der im Besitz eines in der DDR festgenommenen Agenten war.](/assets/stasi-mediathek/c/1/csm_MfS_ZAIG_Nr-18533_Bl-114_Seite-002_cf7896aa51.png)
![Propagandabroschüre Wer sind die Feinde unseres Volkes? Schon im Jahre 1945, gleich nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus, begannen die amerikanischen Geheimdienste mit dem Aufbau eines westdeutschen Spionage- und Sabotageapparates. Eine der berüchtigtsten Spionagezentralen wird von dem ehemaligen Hitlergeneral von Gehlen geleitet. Gehlen arbeitete bereits vor 1945 im Spionagedienst Hitlers als Leiter der Abteilung "Fremde Heere Ost". Mit den wichtigsten seiner Agentenlisten rettete er sich zu den Amerikanern und warf sich ihnen an den Hals. Die ganze Spitze des Gehlenschen Spionageapparates besteht aus ehemaligen SS-Offizieren, die früher unter Hitler hervorragende Funktionen im Spionageapparat der Wehrmacht und auch in der Himmlerschen Gestapo ausübten. Ihre Zentrale, die sich "Hauptverwaltung" nennt, befindet sich in München. Diese Spionage-Organisation besitzt außerdem sogenannte Generalvertretungen in Frankfurt/M., Karlsruhe und Stuttgart. In den Städten Frankfurt/M., Hamburg, Stuttgart, München, Regensburg, Nürnberg und in einer Reihe anderer Städte Westdeutschlands sind sogenannte Untervertretungen eingerichtet. In Westberlin befinden sich Spionagedienststellen dieser verbrecherischen Gehlen-Organisation, die mit der harmlosen Bezeichnung "Filialen" getarnt sind. Die Zentrale besitzt außerdem eine Reihe von Schulen in Westdeutschland, wo die Agenten für ihre verbreche- [Bild: Eine Fotoaufnahme der sichergestellten Pakete.] Skrupellos werden Menschenleben gefährdet. Vor wenigen Wochen fand die Volkspolizei in der Nähe der Sektorengrenze zwei schwere Pakete mit Hetzflugblättern gegen die DDR. Sie enthielten auch eine mit Zeitzünder gekoppelte Sprengladung. Nach Ablauf des Zeitzünderwerks wären die Raketen aus den Paketen in die Luft geflogen. Kinder und Erwachsene, die sich in diesem Augenblick in der Nähe der Pakete befunden hätten, wären tödlich verletzt worden. Und wer steckt dahinter? Die von Jakob Kaiser geförderte "Vereinigung politischer Ostflüchtlinge e.V." und das von ihm ausgehaltene "Hilfswerk". Wir danken für solche "Hilfe"! [Bild: Es handelt sich hierbei um eine Nahaufnahme von einem der sichergestellten Pakete sowie des Empfängers.]](/assets/stasi-mediathek/a/a/csm_MfS_ZAIG_Nr-18533_Bl-114_Seite-003_9259aa07de.png)
![Propagandabroschüre [Bild: Eine Fotokopie des Interzonenpasses.] Interzonenpaß von Polster. Der im voraus aufgedrückte Ankunftsstempel der USA-Vertretung in Bayern beweist die Sorge der USA für ihre Spione und Saboteure. Immer mehr Beweise! Auftraggeber USA Der Erklärung Hans-Joachim Geyers können eine Reihe weiterer Tatsachen hinzugefügt werden, die alle letzten Endes beweisen, daß die USA Auftraggeber und Hintermänner der auf dem Gebiet unserer Deutschen Demokratischen Republik betriebenen Spionage und Sabotage sind. Beispielsweise gewähren sie ihren Spionageorganisationen jegliche Unterstützung. So erhält das Führungspersonal der Spionageorganisation Gehlen jeweils monatlich Interzonenpässe, die auf Decknamen ausgestellt und mit dem Ankunftsstempel der Militärregierung in Berlin versehen sind. Die Überflüge des Führungspersonals von Berlin nach Westdeutschland und von Westdeutschland nach Westberlin erfolgen mit amerikanischen Kurierflugzeugen. Außerdem ist jeder Angehörige des Führungspersonals mit einer Sicherheitsnotnummer versehen, die er im Falle eines Eingreifens der Westberliner Stumm-Polizei bei sogenanntem Postaustausch oder bei Zusammenkünften in Lokalitäten vorzeigen soll. Er verlangt dann einen Offizier des CIC, nennt ihm seine Notnummer, und dieser Offizier veranlaßt dann auf Grund eines in seinem Besitz befindlichen Verzeichnisses, daß die Untersuchung des Falles sofort eingestellt wird. Auch der Leiter der Filiale X/9592, Paulberg alias Polster, war im Besitz eines Interzonenpasses, der fürsorglich schon im voraus mit dem Kontrollstempel der USA-Vertretung in Bayern abgestempelt war. Dieser Interzonenpaß ist in den Besitz der Staatssicherheitsorgane unserer Republik gelangt. Polster selbst mußte im Auftrage seiner Vorgesetzten Hals über Kopf nach Westdeutschland reisen, wohl um sich vor seinen Auftraggebern für das Auffliegen seiner Filiale zu verantworten. Weiteres konkretes Beweismaterial lieferte Oberst Borrmann vom Staatssekretariat für Staatssicherheit. Oberst Borrmann berichtete auf der Pressekonferenz, daß sich in der Clay-Allee 80 in Westberlin eine Spionagezentrale befinde, die von einem amerikanischen Bürger, einem Mister Dean, geleitet wird. Dieser Mister hat einen Stellvertreter, gleichfalls amerikanischer Bürgerschaft, Mr. Quinz. Der Verbindungsmann dieser beiden zu ihren deutschen Agenten ist ein Mr. Adler, der auch die einzelnen Beträge auszahlt, die für die angeworbenen Agenten ausgeworfen werden. Der inzwischen verhaftete Erich Mütze, Kamenz, Heinestr. 11, sagte aus, daß er von diesem Mr. Adler zum Ankauf eines Motorrades einmal allein 2750,- Mark ausgezahlt erhielt und sonst regelmäßig 120,- Westmark im Monat zur Durchführung seiner alltäglichen Spionagearbeit empfing. Neben dieser Zentrale des Mr. Dean besteht eine weitere Zentrale des CIC, die von einem Mr. Tischer geleitet wird. Tischer hat ebenfalls seinen Sitz in Berlin-Zehlendorf in der Clay-Allee und finanziert von dort aus die von ihm angeworbenen Agenten. In der gleichen Allee, die im übrigen sehr häufig im Zusammenhang mit den amerikanischen Spionagestellen erscheint, befindet sich auch der Sitz des Mr. Seeman. Er hat seine Büros in der Clay-Allee 80. Diese Liste könnte beliebig verlängert werden, um den Mr. Bauer, der in Berlin-Tempelhof am Columbiadamm seinen Sitz hat, oder den Mr. Schubert im gleichen Hause, oder den Mr. Föls, der sich ebenfalls in diesem Hause aufhält, aber seine Beträge nicht dort, sondern in der Podbielski-Allee in Berlin-Dahlem auszahlt. Aus dem Beweismaterial unserer staatlichen Sicherheitsorgane geht weiter hervor, daß z.B. der Leiter einer besonderen Stelle des CIC, Johnson, in Berlin-Dahlem, Thielallee 77, seinen Sitz hat und der Leiter einer anderen Stelle des CIC, Reinhard, in Berlin-Dahlem, Fabeckstr. 6, untergebracht ist. Alle die hier Genannten haben sich damit beschäftigt, Deutsche als Agenten anzuwerben. Meist wandten sie sich an unerfahrene Personen, aber selbstverständlich wurden mit Vorliebe auch ausgesprochene Gegner der Deutschen Demokratischen Republik und der von uns geschaffenen Gesellschaftsordnung als Agenten geworben. Es ist bekannt, daß sich diese "Misters" ihren Agenten unter allen möglichen Namen vorstellen. Doch auch die "Klarnamen" — so sagen die "Leute vom Fach" in Westberlin — aller dieser Mitarbeiter und Agenten des CIC und anderer Spionageorganisationen sind unseren staatlichen Organen bekannt. Eines Tages werden diese Herren auch mit ihren "Klarnamen" vor dem Tribunal des friedliebenden deutschen Volkes angesprochen werden.](/assets/stasi-mediathek/5/c/csm_MfS_ZAIG_Nr-18533_Bl-114_Seite-010_0a9370834d.png)
![Propagandabroschüre In den bei mir beschlagnahmten Unterlagen befindet sich die Durchschrift eines Berichtes, der Anfang Februar 1953 an die Generalvertretung in Karlsruhe geschickt wurde. In diesem Bericht wird eine Anweisung obengenannter Generalvertretung unter der Nummer 7045 vom 18. Dezember 1952 genannt. Nach dieser Anweisung sollte die Aufklärungsarbeit gegen die französischen Vertreter in Berlin durchgeführt werden, und zwar speziell gegen den Vertreter der "Agence France Presse" in Berlin, Ravoux, und dessen Verbindungen. Die Ergebnisse meiner Aufklärungsarbeit hinsichtlich Ravoux und dessen Verbindungen laut der obengenannten Anweisung wurden in meinem Bericht vom Februar 1953 an die Generalvertretung niedergelegt. Durch meine langjährige Tätigkeit ist mir auch bekannt, daß die nachrichtendienstliche Tätigkeit der "Organisation Gehlen" gegen die Deutsche Demokratische Republik, die Volksdemokratien und die Sowjetunion und somit auch gegen Frankreich von den Amerikanern kontrolliert und gelenkt wird. Diese Aussagen sind von mir persönlich niedergeschrieben worden und werden durch meine Unterschrift bestätigt." Auch aus diesen Aussagen geht eindeutig hervor, wie eng das Treiben der amerikanischen Kriegsbrandstifter und ihre Bemühungen um die Verwirklichung der Kriegsverträge von Bonn und Paris mit der verbrecherischen Organisation von Spionage, Sabotage und Terror in Verbindung stehen. Schlechte Zeiten für Agenten Die erhöhte Wachsamkeit unserer Bevölkerung war eine wirksame Hilfe für die Aushebung zahlreicher Agenten- und Sabotagenester. Auch die Zentrale der von Gehlen geleiteten Spionage-Organisation kann es nicht länger verheimlichen: Der von unseren staatlichen Sicherheitsorganen geführte Schlag hat sehr empfindlich getroffen. Bereits einen Tag nach der bedeutsamen Pressekonferenz, am 10. November 1953, muß die Zentrale des Nazigenerals Gehlen eine "streng vertrauliche" Dienstanweisung an die Chefs der einzelnen Spionagefilialen herausgeben. Die aufsehenerregenden Enthüllungen auf der Pressekonferenz haben große Unruhe, ja Panikstimmung unter den noch verbleibenden Agenten ausgelöst. Man fürchtet — und das mit Recht — ebenfalls früher oder später entlarvt und verhaftet zu werden. Darum versucht man zu retten, was noch zu retten ist, man beschönigt, beschwichtigt und lügt, um alle Bedenken der Agenten zu zerstreuen. Man will ihr stark erschüttertes Vertrauen wiederherstellen und ihnen das Gefühl geben, "in wirklich guten Händen zu sein". Lesen wir einmal diese "streng vertrauliche" Dienstanweisung: [Bild: Ausschnitte aus einer Dienstanweisung.]](/assets/stasi-mediathek/f/0/csm_MfS_ZAIG_Nr-18533_Bl-114_Seite-027_b83a773ba8.png)

