Am 18. März 1990 wurde in der DDR die neue Volkskammer gewählt. Der mit großer Leidenschaft und unter intensiver Beteiligung der westdeutschen Parteien geführte Wahlkampf war für die Menschen in der DDR eine ganz neue Erfahrung und eine organisatorische Herausforderung für die vielfach erst kurz zuvor gegründeten ostdeutschen Parteien.
Neues Forum, Demokratie Jetzt und die Initiative Frieden und Menschenrechte schlossen sich zum Bündnis 90 zusammen, das eine stufenweise Annäherung der beiden deutschen Staaten befürwortete. Die Allianz für Deutschland aus CDU, Deutscher Sozialer Union (DSU) und Demokratischem Aufbruch plädierte für einen raschen Beitritt, ebenso der Bund Freier Demokraten. Demgegenüber wollte die SPD die Vereinigung in drei Stufen erreichen, an deren Ende eine neue Verfassung stehen sollte. Die SED nahm als PDS an der Wahl teil. Die ehemalige Staatspartei hatte inzwischen die Hälfte ihrer Mitglieder eingebüßt, die alte Führung war aus der Partei ausgeschlossen worden. Der Ausgang der Wahlen erschien ungewiss. In Bonn wurde mit einem schwachen Ergebnis für die der CDU nahestehenden Kräfte gerechnet, während die SPD auf ein sehr gutes Wahlergebnis hoffte.
Doch das Votum der Wählerinnen und Wähler fiel anders als erwartet aus: Die Allianz für Deutschland erreichte 48,1 Prozent der Stimmen. Sie hatte den strategischen Vorteil der politischen Nähe zu den Regierungsparteien im Westen für sich genutzt, denn vielen galt Bundeskanzler Helmut Kohl als Garant für Wohlstand auch im Osten Deutschlands. Nur 21,8 Prozent stimmten für die SPD, 5,2 Prozent für die Liberalen. Das Bündnis 90 – der Zusammenschluss verschiedener Gruppen der Bürgerbewegung – erhielt nur 2,9 Prozent, die PDS behauptete sich mit 16,4 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 93,1 Prozent.
Das Wahlergebnis war ein klares Votum für eine rasche Vereinigung, eine Mehrheit für die Regierungsbildung brachte es aber nicht. Als stärkste Fraktion hatte die Demokratische Allianz das Recht, einen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten vorzuschlagen.


