2.15 (vpa1p): Nr. 15 Der Beigeordnete Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich Hülse an Reichsbankpräsident Luther. Basel, 7. Juni 1932

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Nr. 15
Der Beigeordnete Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich Hülse an Reichsbankpräsident Luther. Basel, 7. Juni 1932

R 43 I/338, Bl. 31–32 Abschrift1

1

Vom RbkPräs. am 8. 6. an den RK „zur gefälligen Kenntnisnahme“ übersandt.

[Aussichten der Konferenz von Lausanne; internationales Schuldenproblem]

Hochverehrter Herr Präsident!

Da nur noch wenige Tage bis zum Beginn der Lausanner Konferenz2 zur Verfügung stehen, beehre ich mich, über die Eindrücke, die ich in den letzten Tagen bezüglich der Aussichten gewonnen habe, kurz Folgendes zu berichten:

2

Vgl. Dok. Nr. 4, dort bes. Anm. 1.

Niemand rechnet mit einem günstigen Ausgang der Lausanner Konferenz. Infolge der gegensätzlichen Auffassungen in den einzelnen Ländern beabsichtigt man, gewisse Kommissionen einzusetzen, die sowohl die politischen als auch die ökonomischen Probleme weiter studieren sollen. Die Kommission, die sich mit den ökonomischen Fragen befassen wird, soll gleichzeitig das Problem für die Londoner Konferenz entwerfen und die ganze Konferenz vorbereiten.[40] Wie ich sowohl aus Genf als auch aus London hörte, rechnet man in London mit einem Zusammentritt der Londoner Konferenz nicht vor Oktober3, da man diese Konferenz erst nach Ottawa4 beginnen lassen will.

3

Gemeint ist anscheinend die seit längerem in Aussicht genommene Londoner Weltwirtschaftskonferenz, die allerdings erst im Juni 1933 zusammentrat. Vgl. diese Edition: Die Regierung Hitler 1933/34, Dok. Nr. 105; 119, P. 6; 125, P. 5; 142, P. 1; 166, P. 1a.

4

Britische Empirekonferenz von Ottawa (21. 7.–20.8.32), die – vor allem durch beträchtliche gegenseitige Zollvergünstigungen – zur Neuregelung und Festigung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Großbritannien und seinen Dominions führte. Vgl. dazu Egelhaaf 1932, S. 214 ff.

Die unnachgiebigste Haltung in der Frage der Reparationszahlungen nimmt neuerdings Belgien ein. Belgien will sich auf keinen Fall auf eine völlige Streichung der deutschen Zahlungen5 einlassen, wohl aus dem Grunde, weil es starke Etatschwierigkeiten hat, die nur durch französische finanzielle Hilfe bis jetzt überbrückt wurden.

5

Vgl. Anm. 2 zu Dok. Nr. 4.

In Frankreich hat sich eine einheitliche Willensbildung bis jetzt nicht herausgestellt. In gewissen einflußreichen Kreisen der neuen Regierung ist man neuerdings weitgehenden Abänderungen des Youngplans nicht ganz abgeneigt. Es bestehen gewisse Pläne, die inneren und äußeren Staatsschulden der europäischen Länder zu poolen, d. h. also, die Staatsschulden der einzelnen europäischen Länder zusammenzurechnen, wovon dann das einzelne Land eine gewisse Quote, entsprechend der wirtschaftlichen Kapazität, zu übernehmen hat. Über die Prozentsätze, die die einzelnen Länder eventuell zu übernehmen haben würden, hörte ich Folgendes:

England

30%.

Deutschland

25%

Frankreich

20%.

(Meines Erachtens ist dieser Vorschlag vom deutschen Standpunkt aus völlig unakzeptabel, da Deutschland dann eine Schuldenlast von vielleicht 40–50 Millionen RM in ausländischer Valuta zu verzinsen hätte).

Hand in Hand mit solcher Schuldenpoolung soll versucht werden, aus den europäischen Ländern ein einheitliches Wirtschaftsgebiet auf dem Wege der Zollvereinbarungen zu machen. Die Franzosen glauben, daß nach dem Scheitern der Konferenz von Ottawa, mit der selbst die Engländer rechnen sollen, England für eine europäische Autarkie gegenüber Amerika und den anderen Weltteilen zugänglich sein wird. Um die Konkurrenzfähigkeit der europäischen Länder zu stärken und auch um eine Herabsetzung der inneren und äußeren Verschuldung zu erreichen, wird ferner daran gedacht, den Goldwert der europäischen Währungen um einen gewissen Prozentsatz (vielleicht 30%) herabzusetzen.

Inwieweit diese Ideen gewisser französischer Kreise in Lausanne, in den Kommissionen oder in London zur Sprache gebracht werden, läßt sich schwer sagen, doch meinte Quesnay, daß die erwähnten Fragen von der französischen Bürokratie zur Zeit durchdacht und bearbeitet werden.

Was die Stellung Englands in Lausanne betrifft, so wird es nach dem Sturze Brünings, der dort einen besonders guten Namen hatte, sich stark zurückhalten.[41] Man rechnet nunmehr in England mit einer Lösung des Reparationsproblems und der interalliierten Schulden nicht vor dem Frühjahr nächsten Jahres, insbesondere, da auch in Amerika neuerdings die Ansicht wieder mehr an Boden gewonnen hat, Europa sich selbst zu überlassen und auf den Schuldscheinen zu bestehen. Ob die immer mehr zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Vereinigten Staaten in absehbarer Zeit für eine internationale Kooperation geneigter machen werden, läßt sich schwer beurteilen.

Allein Italien wird in Lausanne Deutschland unterstützen, insbesondere, da die wirtschaftliche Lage in diesem Lande in den letzten Wochen auch eine recht erhebliche Verschlechterung erfahren hat.

[…]

Mit verbindlichsten Empfehlungen bin ich,

Herr Präsident,

Ihr sehr ergebener

gez. Hülse

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