1.170 (bru2p): Nr. 422 Deutsche Industrielle an den Reichskanzler. 30. Juli 1931

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[1470] Nr. 422
Deutsche Industrielle an den Reichskanzler. 30. Juli 1931

R 43 I/1139, Bl. 305–322

[Stellungnahme zur Finanz- und Wirtschaftspolitik]

Hochverehrter Herr Reichskanzler!

Die Vorsehung hat Sie in einer schicksalsschwangeren Zeit, in der es sich um Sein und Nichtsein des deutschen Volkes handelt, an die Spitze der Reichsregierung gestellt und Ihnen dadurch eine drückende Bürde von Arbeit und Sorge auferlegt. Sie haben diese Bürde mit vorbildlichem sittlichen Ernst auf sich genommen, vorbildlich besonders deshalb, weil Sie sich grundsätzlich jeder Rücksichtnahme auf Popularität versagt haben und entschlossen sind, sich auf weite Sicht nur von sachlichen Gründen leiten zu lassen.

Kein Stand in Deutschland kann die Größe Ihrer Aufgabe und die Schwere Ihrer Sorgen besser würdigen, als die deutschen Unternehmer. Sind doch ihre eigenen Sorgen ganz ähnlicher Art, da sie, nur auf sich gestellt, seit Jahren in einem aufreibenden Kampf um ihre Existenz stehen. Haben die Reparationsgläubiger bisher keine Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit Deutschlands genommen, so haben die deutschen Unternehmer im eigenen Lande keine bessere Behandlung erfahren. Jahrelang ist der ganze Druck der Reparationslast, verstärkt durch die verschwenderische Geschäftsgebarung der öffentlichen Hand, auf die Unternehmer gelegt worden, und erst nach völliger Erschöpfung ihrer Kräfte hat er sich den anderen Volkskreisen bemerkbar gemacht. Alle hat der Versorgungsstaat, wie er sich in der Nachkriegszeit entwickelt hat, mit Errungenschaften und wohlerworbenen Rechten bedacht; den Unternehmern, großen und kleinen, hat er als wohlerworbene Rechte nur das Recht, Steuern und für andere soziale Abgaben zu zahlen, sowie das Recht, sich zu verschulden und die Substanz zu verlieren, zugestanden. Der Satz, daß jede Leistung ihres Lohnes wert ist, scheint für sie nicht gelten zu sollen. Man mutet ihnen zu, ihre Existenz aufs Spiel zu setzen und die Verlustchance zu tragen, mißgönnt und verbaut ihnen aber in jeder Weise die Möglichkeit, Gewinne zu erzielen, die doch den natürlichen Ausgleich der Wagnisse gewährt und von jeher die mächtigste Triebfeder wirtschaftlicher Entwicklung gewesen ist. Gewinn gilt heute schon fast als Makel, und das Wort Verdienen ist nahezu verpönt; umgekehrt aber nimmt man die ungeheueren Verluste, die das deutsche Unternehmertum erlitten hat und täglich erleidet, gleichgültig als eine Selbstverständlichkeit hin und beunruhigt sich erst dann, wenn andere Berufsgruppen darunter leiden. Allen anderen Ständen, die über Massenorganisationen verfügen, bestätigt man bereitwillig die Opfer, die ihnen zugemutet werden; wer aber spricht in Deutschland jemals von den riesigen Opfern, die die gewerblichen Unternehmer bringen müssen, und wer findet bei uns einmal ein ermutigendes Wort der Anerkennung für die gewaltigen Leistungen, die unsere Wirtschaft in der Nachkriegszeit unter unerhört schwierigen Verhältnissen vollbracht[1471] hat und die im Auslande Bewunderung – wohlwollende sowohl als mißgünstige – gefunden haben?

Schlimmer noch ist es, daß man sich daran gewöhnt hat, die Wirtschaft zum Sündenbock für die Fehler anderer zu machen. Selbstverständlich unterliegen auch die Unternehmer der menschlichen Schwäche des Irrens, und sicherlich sind auch in der Wirtschaft Fehler vorgekommen. Aber wenn gelegentlich falsche Bahnen eingeschlagen worden sind, so ist dies überwiegend unter einem unwiderstehlichen Druck geschehen, dessen sich die Wirtschaft ohne Erfolg zu erwehren versucht hat. Man wirft heute der Industrie vor, daß sie durch die Rationalisierung Kapital fehlgeleitet und Hunderttausende von Arbeitswilligen aus dem Produktionsprozeß ausgeschaltet habe. Aber diese Rationalisierung ist nach Tempo und Ausmaß der Industrie von außen vorgeschrieben worden. Mit Recht hat das M.d.R. Thomas Esser am 30. November v. J. auf der Tagung des Katholisch-Kaufmännischen Vereins in Essen nach dem Bericht der Kölnischen Volkszeitung als den verhängnisvollsten Fehler bezeichnet, daß es dem deutschen Volke verboten sei, länger als acht Stunden zu arbeiten; dadurch sei das Unglück der deutschen Wirtschaft ins Rollen gekommen; durch Rationalisierung und Mechanisierung bis zum äußersten habe sich daraufhin die Wirtschaft wettbewerbsfähig zu erhalten gesucht.

Hier darf aber auch der lohnpolitische Irrgarten nicht vergessen werden, in dem wir nach einem treffenden Wort des Herrn Reichsarbeitsministers Dr. Stegerwald seit Jahren gewandelt sind1. Die fortgesetzten Lohnsteigerungen, die unter staatlicher Mitwirkung ohne Rücksicht auf die Wettbewerbslage erfolgten, haben die Produktionskosten dauernd in die Höhe getrieben, den Preis für die menschliche Arbeitskraft überteuert und so immer neue Rationalisierungsmaßnahmen erzwungen. Wir müssen hier daran erinnern, daß seinerzeit die Gewerkschaften es sich geradezu als ein Verdienst angerechnet haben, durch Lohnbewegung die Rationalisierung zu beschleunigen. Was damals ein Verdienst der Gewerkschaften sein sollte, ist mittlerweile in ein Verbrechen der Industrie umgemünzt worden. Aber auch seit dem Konjunkturumschwung sind der Anpassung der Löhne an die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft alle erdenklichen Hemmnisse in den Weg gelegt worden. Die Folgen liegen klar zu Tage. „Die Starrheit oder geringe Elastizität der Lohnsätze“, so heißt es im letzten Vierteljahresheft 1930 des Instituts für Konjunkturforschung, „scheint dazu zu zwingen, die Lohnkosten in erster Linie durch Kurzarbeit und Arbeiterentlassungen zu verringern. Dies dürfte mit ein Grund für die außerordentliche Arbeitslosigkeit der gegenwärtigen Depression sein“2. Nicht der Industrie, sondern anderen Faktoren liegt es also ob, hier das „mea culpa“ zu sprechen.

1

Stegerwald hatte in einem Interview des WTB Ende September 1930 die Formulierung geprägt, das dt. Volk sei in den Jahren 1924–1928 in einem Irrgarten gewandelt. Ein Volk, das während des Krieges von seiner Vermögenssubstanz gezehrt, den Krieg verloren, eine Inflation erlebt und schließlich von ausländischen Krediten gelebt habe, könne sich nicht nach Amerika und England den höchsten Lebensstandard leisten (H. J. Schorr: Adam Stegerwald, S. 186–187).

2

Vgl. Vierteljahrshefte zur Konjunkturforschung, 5. Jahrgang H. 3, Teil A, Berlin 1930, S. 40.

[1472] Sie haben sich, hochverehrter Herr Reichskanzler, wiederholt scharf gegen die Illusion gewandt, die immer im Staat den letzten Retter sieht, und Sie haben sich für die Entwicklung des Selbsthilfegedankens eingesetzt, in der richtigen Erkenntnis, daß ohne diese Selbsthilfe der letzte Rest von Selbstvertrauen im deutschen Volke ausgerottet wird. Und in demselben Sinne haben Sie am 8. Februar auf der Handwerker-Tagung in Münster den Gedanken ausgesprochen, daß wir nach der Zeit der Inflation und der Illusionen mehr als je vieler Menschen bedürfen, die entschlossen sind, überall zu einer selbständigen und freien Verantwortung in Wirtschaft und Politik die Bahn freizumachen3. Das ist uns Unternehmern aus der Seele gesprochen; denn die freie Verantwortung ist das Lebenselement, in dem allein der rechte Unternehmergeist sich entfalten kann, ohne den das Wirtschaftsleben verkümmern muß. Sie haben auf der gleichen Tagung freimütig erklärt: „Der Staat darf keine Planwirtschaft betreiben. Je mehr das geschieht, umso größere Schwierigkeiten werden ein Volk und eine Regierung haben.“

3

Vgl. Schultheß 1931, S. 36 f.

Die Wirtschaftspolitik, unter der unsere Wirtschaft jetzt zusammenzubrechen droht, ist aber in gewisser Beziehung noch verderblicher als eine Planwirtschaft. Sie hat unbekümmert die Ausgabenseite der Unternehmungen durch Steuern, soziale Abgaben und Zwangslöhne immer mehr belastet, ohne sich um die Einnahmeseite die geringste Sorge zu machen; diese hat sie großzügig der freien Verantwortung der Unternehmer überlassen. Man kann da wohl von einer planlosen Zwangswirtschaft sprechen. Ihren Höhepunkt findet sie bei der Steinkohle, wo zwei verschiedene Instanzen ohne gegenseitigen Zusammenhang und mit divergierenden Interessen die Einnahmen (Preise) und Ausgaben (Löhne) bestimmen4. Die unausbleibliche Folge einer solchen Wirtschaftspolitik sind die Erstarrungserscheinungen, die Sie in Ihrer Rede auf dem Deutschen Industrie- und Handelstag am 25. März mit Recht als unvereinbar mit einer freien Wirtschaft bezeichnet haben5. Wir haben eben keine freie Wirtschaft mehr, aber nicht durch die Schuld der Unternehmer. Sobald man ihnen die Fesseln abnimmt, werden auch die Erstarrungserscheinungen wieder zurückgehen, und es werden nicht die Unternehmer allein sein, die daraus Vorteil ziehen.

4

Gemäß § 61 der Ausführungsbestimmungen zum Kohlenwirtschaftsgesetz vom 21.8.19 (RGBl., S. 1460 ) bestimmte der Reichskohlenverband die Kohleverkaufspreise; die Löhne wurden durch Tarifverträge zwischen den Zechenverbänden und den Gewerkschaften vereinbart.

5

In seiner Rede vor der 51. Vollversammlung des DIHT am 25.3.31 hatte der RK laut stenographischer Niederschrift die Notwendigkeit betont, „sich von Erstarrungserscheinungen freizumachen, die mit dem Wesen der freien Weltwirtschaft und einer gesunden Preisbildung nicht vereinbar sind“ R 43 I/1170, Bl. 53–67; Zitat Bl. 65). Nach dem von WTB Nr. 641 am 25.3.31 veröffentlichten Text hatte Brüning nicht von „Weltwirtschaft“, sondern von „Marktwirtschaft“ gesprochen (R 43 I/1170, Bl. 69–71; Zitat Bl. 71).

Die von uns angeführten und manche andere von Ihnen gesprochenen Worte geben uns die Gewähr, daß Sie die Bedeutung eines verantwortungsbewußten Unternehmertums für Volk und Staat zu würdigen wissen und auch für seine Nöte und Sorgen ein offenes Auge haben. Wir glauben deshalb, auch auf Ihr volles Verständnis rechnen zu dürfen, wenn wir versichern, daß wir uns[1473] bei unseren Bestrebungen um eine Besserung unserer Existenzbedingungen durch eine Umstellung der Wirtschaftspolitik bewußt sind, dadurch am besten zur Rettung unseres Vaterlandes vor dem Versinken in einen Abgrund beizutragen.

In dem Schritt des Präsidenten Hoover sehen wir die verheißungsvolle Einleitung einer gründlichen Revision der Reparationsfrage, die nur mit ihrem vollständigen Verschwinden enden kann. Er hat uns zwar eine einjährige Atempause verschafft, aber seitdem hat sich unsere Lage durch den massenhaften Abzug der kurzfristigen Auslandsgelder noch bedenklich verschärft. In den Ereignissen der letzten Wochen hat sich gezeigt, wie sehr wir durch unsere Verschuldung in die finanzielle Abhängigkeit des Auslandes geraten sind, und wie gefährlich diese Abhängigkeit für unsere außenpolitische Bewegungsfreiheit ist. Hier hat sich die kapital- und unternehmerfeindliche Politik bestraft, die in Deutschland jahrelang getrieben worden ist, seine wirtschaftliche Kraft ausgehöhlt und die innere Kapitalbildung gehemmt hat. Was wir jetzt erleben, spricht eine eindringliche und eindeutige Sprache, und wir haben zu Ihnen, Herr Reichskanzler, das Vertrauen, daß Sie sich entgegen den Verschleierungsversuchen von anderer Seite für die Erkenntnis der vollen Wahrheit einsetzen werden. Das deutsche Volk muß es endlich begreifen, daß es die vordringlichlichste Aufgabe der Innenpolitik ist, die durch die falsche Wirtschaftspolitik zerrüttete Wirtschaft wieder gesund und lebenskräftig zu machen, ihr die Rentabilität, die Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt und vor allem die Möglichkeit der Kapitalbildung wiederzugeben. Diesem Gesichtspunkt müssen alle anderen Ziele untergeordnet werden, denn mit der Wirtschaft steht und fällt die materielle Existenz, das kulturelle Leben, der politische Organismus und die Unabhängigkeit des deutschen Volkes.

Unbedingt notwendig ist es, daß alsbald eine umfassende Reform der Verwaltung von Reich, Ländern und Gemeinden nach einem organischen Plan in Angriff genommen wird. Mit Befriedigung ersehen wir aus Äußerungen von Mitgliedern der Reichsregierung, daß wir mit dieser Forderung auf volles Verständnis rechnen dürfen. Das verarmte deutsche Volk ist ja einfach nicht mehr imstande, den ungeheueren Verwaltungsapparat zu tragen und den Leerlauf zu bezahlen, der auch nach amtlichen Zeugnissen damit verbunden ist. Höchstmögliche Vereinfachung und eiserne Sparsamkeit müssen die Leitpunkte bei dieser Reform sein. Wirtschaftserfahrene und sachkundige Persönlichkeiten werden systematisch prüfen müssen, welche der heutigen Aufgabengebiete von Reich, Ländern und Gemeinden überhaupt oder doch wenigstens für die Notzeit ausfallen können. Dieser Aufgabenabbau muß rücksichtslos unter Überwindung der Hemmungen des Ressortpartikularismus durchgesetzt werden. Auch müssen Sicherungen gegen die verhängnisvolle Ausgabefreudigkeit der parlamentarischen Körperschaften errichtet werden, wie sie in anderen Ländern längst bestehen. Es muß vor allem wieder allgemein Grundsatz werden, daß diejenigen, die die Lasten beschließen, sie auch mit zu tragen haben. Schließlich wird auch ein unmittelbar wirksamer Einfluß des Reiches auf die Finanzgebarung aller Selbstverwaltungskörper sicherzustellen sein.

[1474] In der Verminderung des Besoldungsaufwandes ist das Reich mit gutem Beispiel vorangegangen, aber es sind noch viele Sünden gutzumachen, die die Gemeinden durch Höherstufung und Stellenzulagen begangen haben. Der Hauptteil der Beamten ist beim Reich in die früheren Gehaltsstufen 4–6, dagegen bei den Kommunen in die alten Besoldungsstufen 7–9 eingestuft; in den höchsten Gehaltsstufen ist die Zahl der Gemeindebeamten unverhältnismäßig größer als die der Beamten im Reich und in Preußen. Durch eine der tatsächlichen Leistung entsprechende Rückstufung lassen sich Hunderte von Millionen ersparen. Einer Revision bedarf auch das Urlaubswesen bei allen Behörden. Die Urlaubszeit ist gegenüber der Vorkriegszeit durchweg erheblich verlängert, was einen erhöhten Personalaufwand bedingt; ein bezahlter Urlaub bis zu 42 Tagen ist heute finanziell nicht tragbar. Erhebliche Ersparnismöglichkeiten dürften auch in der Beseitigung und Fernhaltung von politischen Außenseitern aus der Beamtenlaufbahn liegen, die nur in seltenen Ausnahmefällen eine vollwertige Arbeitskraft darstellen und überdies dem fachlich vorgebildeten Beamten die Aufstiegsmöglichkeiten verbauen und die Arbeitsfreude schmälern. Wünschenswert ist endlich noch eine bewußte Pflege des Gedankens der ehrenamtlichen Tätigkeit, der seit dem Umsturz geflissentlich zurückgedrängt worden ist.

Keinen Aufschub duldet die Reform unseres Sozialsystems. Sein Um- und Ausbau nach dem Kriege hat keine Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft genommen. Die Einnahmen der Sozialversicherung betrugen

im Jahre 1930

6.487,8 Mill. RM

gegenüber

1.554,7 Mill. RM im Jahre 19136,

6

In der Summe für das Jahr 1930 sind die Einnahmen der ALV enthalten; ohne die ALV betrugen die Einnahmen der Sozialversicherung im Jahre 1930 4838,3 Mio RM (Stat. Jb. für das Dt. Reich 50 (1931), S. 397).

also mehr als das Vierfache! Das ist eine Summe, die das verarmte und kapitalschwache Deutschland unmöglich weiter aufbringen kann. Trotz der für Arbeitgeber und Arbeitnehmer drückenden Höhe der Beiträge ist die Sozialversicherung finanziell unterhöhlt, weil die gesetzlich aus der Versicherung gewährten Leistungen bei weitem nicht durch die Einnahmen getragen werden. Von sachkundiger Seite wird schon jetzt das versicherungstechnische Defizit der gesamten Sozialversicherung auf viele Milliarden berechnet, die im schnellen Tempo wachsen. Wenn die unentbehrlichen Grundlagen der sozialen Versicherung gerettet werden sollen, müssen wir dem Zusammenbruch zuvorkommen und dürfen auch vor tieferen Eingriffen nicht zurückscheuen. Wir machen uns hier das treffliche Wort zu eigen, das Sie, Herr Reichskanzler, am 7. August v. J. in Köln gesprochen haben: „Antisozial ist eine Politik, die die Augen vor den drohenden Gefahren zumacht“7.

7

Am 8.8.30 hatte Brüning vor der rheinischen Zentrumspartei in Köln über die Sanierung der dt. Wirtschaft gesprochen; die Rede ist abgedruckt in: Vernekohl/Morsey (Hg.): H. Brüning, Reden und Aufsätze eines deutschen Staatsmannes, S. 52–66; zum angezogenen Zitat s. S. 58.

Vor allem sind wir überzeugt, daß sich der Umbau der Erwerbslosenversicherung mit ihrem chronischen Defizit in eine auf den Bedürftigkeitsfall beschränkte[1475] Fürsorge nicht vermeiden läßt. Dabei müßten Krisenfürsorge und Wohlfahrtspflege zusammengelegt und eine bessere Ausnutzung des kommunalen Verwaltungsapparates und der kommunalen Prüfungsmöglichkeiten erzielt werden. Es würde damit annähernd der Zustand wiederhergestellt, der bis 1927 bestanden hat8. Eine ähnliche Rückbildung ist für die Ruhrknappschaft erforderlich. Das Reichsknappschaftsgesetz von 19269 hat die Leistungen der Knappschaft weit überspannt, ohne sich um die finanziellen Wirkungen zu kümmern. Dazu kommt die dauernde Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage des Kohlenbergbaues, der zu einer bedeutenden Verringerung der Belegschaft und damit der Einnahmen der Knappschaft geführt hat. Wie unhaltbar ihre Lage ist, ergibt sich aus der Tatsache, daß heute bei ihr auf einen Pensionsempfänger nur noch 1,9 zahlende Mitglieder entfallen! Dabei machen im Ruhrbergbau die sozialen Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer bereits 30% der Lohnsumme aus! Aus diesen Tatsachen müssen endlich die Konsequenzen gezogen werden, um zu retten, was zu retten ist. Nur mit dem früheren Charakter als zusätzliche Versicherung für die Bergleute läßt sich die Knappschaft aufrechterhalten. Hier wie überall in der Sozialversicherung müssen wieder nüchternes ökonomisches Denken und eiserne Sparsamkeit zu ihrem Recht kommen. Unter anderem werden auch die Besoldungsverhältnisse der Sozialbeamten einer Überprüfung zu unterziehen sein.

8

Das Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung vom 16.7.27 (RGBl. I, S. 187 ) hatte das Fürsorgeprinzip durch das Versicherungsprinzip ersetzt.

9

S. das Gesetz über Abänderung des Reichsknappschaftsgesetzes vom 25.6.26 (RGBl. I, S. 291 ) sowie die Bekanntmachung der neuen Fassung des Reichsknappschaftsgesetzes vom 1.7.26 (RGBl. I, S. 369 ).

Alle Reformen und Rettungsversuche werden aber zur Erfolgslosigkeit verurteilt bleiben, wenn nicht endlich die überwuchernde kollektivistische Zwangswirtschaft zielbewußt aufgelockert und abgebaut wird. Man kann die zerstörende Wirkung der bisherigen Wirtschaftspolitik und die drohende Gefahr nicht besser kennzeichnen, als wie Sie, Herr Reichskanzler, es in der Kölner Rede vom 7. August v. J. mit den Worten taten:

„Wir sehen es am Mittelstande, bei der Industrie und bei der Landwirtschaft, was es bedeutet, wenn man zwar eine absolut sichere und stabilisierte Währung hat, aber eine nicht richtige Finanz- und Wirtschaftspolitik gemacht wird. Es ist ein langsames Abdrosseln, ein langsames Absterben von immer neuen selbständigen Existenzen, es ist ein Zustand, der dem Sozialismus ähnelt, der aber weder Sozialismus noch Kapitalismus ist und der zum Ruin der ganzen Wirtschaft führen muß10.

10

Vgl. Vernekohl/Morsey (Anm. 6), S. 57 f.

Wohnungszwangswirtschaft und Baupolitik haben völlig bankrott gemacht. Es handelt sich da, wie der frühere Stadtkämmerer von Berlin, Dr. Karding, kürzlich mit Recht auf der Bankiertagung ausführte, nicht um eine bloße Fehlleitung von Kapital, sondern ganz einfach um eine Kapitalzerstörung größten Ausmaßes. Der städtische Hausbesitz, dessen Wert vor dem Kriege rd. 100[1476] Milliarden betrug, hat nur noch einen Verkehrs- und Ertragswert von weniger als 40 Milliarden11.

11

Karding war auf der Tagung des Centralverbandes für das Dt. Bank- und Bankiergewerbe am 27.6.31 in Berlin für eine gerechtere Beurteilung der Aufwendungen der Städte eingetreten. Die Kehrseite sei allerdings das maßlose Anwachsen der kommunalen Verschuldung. Zu den Überinvestierungen der vergangenen Jahre zähle der kommunale und der private Wohnungsbau. An die Stelle des Problems des Wohnungsbaus sei inzwischen das Problem der Althäuser getreten, bei dem es sich um eine Kapitalzerstörung größten Ausmaßes handle. Der städtische Hausbesitz habe nur noch einen Verkehrs- und Ertragswert von kaum der Hälfte der Vorkriegszeit. Die Hauptschuld hieran trage neben der Zwangswirtschaft und der übersteigerten Grundsteuer die Hauszinssteuer (WTB Nr. 1345 vom 27.6.31 in R 43 I/646, Bl. 115).

Nicht minder verhängnisvoll hat sich die Zwangsbewirtschaftung der Arbeitszeit und der Löhne, auf die wir bereits hingewiesen haben, durch Lahmlegung der Wirtschaft, Vermehrung der Arbeitslosigkeit und eine gewaltige Zerstörung von Werten ausgewirkt. Das staatliche Schlichtungssystem und die Unabdingbarkeit der Tarifverträge haben den Lohn, der nun einmal der bedeutendste Unkostenfaktor der Produktion ist, starr und unelastisch gemacht. Andererseits ist der Unternehmer, der schon über und über mit Steuern, sozialen Abgaben und Zinsen belastet ist, mit seinen Einnahmen ganz und gar von der schwankenden Preisbindung auf dem freien Markt abhängig. Der Erkenntnis, daß sich starre Ausgaben nicht mit schwankenden Einnahmen vereinbaren lassen, daß sich vielmehr die Ausgaben den Einnahmen unter allen Umständen zwangsläufig anpassen müssen, dürften die fortgesetzten Finanznöte der öffentlichen Hand nunmehr die Wege gebahnt haben; wir möchten deshalb hoffen, daß man jetzt diese Wahrheit auch den Unternehmern gegenüber gelten lassen und ihnen nicht weiter Unmögliches zumuten wird.

Dankbar erkennen wir die Schritte an, die Sie, Herr Reichskanzler, mit der Reichsregierung zu einer Umleitung der Wirtschaftspolitik in gesundere Bahnen getan haben. Wir wissen auch die Stärke der Hindernisse zu werten, die Ihnen dabei Mangel an Einsicht, Vorurteil und gelegentlich auch böser Wille in den Weg gelegt haben. Es bedeutet deshalb keine Verkleinerung Ihrer Verdienste, sondern soll nur ein Appell an die Einsicht der breiten Öffentlichkeit sein, wenn wir feststellen, daß sich die Umstellung bisher nur unter dem Zwange der Not und in dem Maße der fortschreitenden Entkräftung der Wirtschaft hat durchsetzen lassen. Es muß aber gelingen, das Tempo der Umstellung so zu beschleunigen, daß sie der weiteren Entkräftung der Wirtschaft zuvorkommt und ihr so die Möglichkeit zur Gesundung und zum Aufstieg gewährt. Das ist auch der allein wirksame Weg zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Man muß der Wirtschaft die Fesseln abnehmen und ihr das Wirtschaften nach den ewig gültigen ökonomischen Gesetzen wieder freigeben, damit sie ihre Kräfte entfalten kann. Dann wird sie ganz von selbst immer größere Massen von brachliegenden Arbeitskräften aufsaugen.

Die schweren Fehler unserer Wirtschaftspolitik und die starken Hemmungen, auf die die Sanierung stößt, haben zum guten Teil ihre Ursache in dem erschreckenden Mangel an elementarem wirtschaftlichen Verständnis, der in weitesten Kreisen, auch gebildeten, verbreitet ist. Hier hat unser Bildungswesen[1477] völlig versagt. Uns scheinen geeignete Maßnahmen, die diesem Mangel abhelfen, dringend erforderlich. Hand in Hand damit muß eine planmäßige Erziehung unseres Volkes, und zwar aller Stände, zur Selbstbescheidung und sparsamen Lebensführung gehen. Die Erkenntnis, daß wir ein verarmtes Volk sind und nur durch Arbeit und Entsagung wieder hochkommen können, muß praktische Früchte tragen.

Die Londoner Konferenz hat uns deutlich genug auf den Weg der Selbsthilfe verwiesen12. Im übrigen ist ihr Ergebnis für die Gegenwart ja nur sehr mager, und wir glauben, Ihr optimistisches Urteil richtig zu deuten, wenn wir es auf die Möglichkeiten zukünftiger Entwicklung beziehen. Es ist ein harter Weg, den wir gehen müssen; er ist der einzige, der wieder nach oben und ins Freie führt. Aber wenn wir alle – jeder an seiner Stelle und in seiner Weise – in dem Geiste der Schlichtheit und treuen Pflichterfüllung, den das deutsche Volk an Ihnen, hochverehrter Herr Reichskanzler, schätzengelernt hat, uns an die Arbeit machen, dann brauchen wir um den Erfolg nicht bange zu sein. Die Geschichte des deutschen Volkes gibt uns die Kraft des Glaubens an die Zukunft. Und auch ein beschwerlicher Weg wird leichter, wenn ihn die Sonne der Hoffnung bestrahlt.

12

Vgl. Dok. Nr. 408, P. 2.

Mit vorzüglicher Hochachtung

[folgen eigenhändige Unterschriften]

Unterzeichner des Schreibens sind:

Krupp v. Bohlen und Halbach, auf dem Hügel,

Peter Klöckner,

Duisburg,

Paul Silverberg,

Köln,

Albert Vögler,

Dortmund,

Fritz Springorum,

Dortmund,

Carl Friedrich v. Siemens,

Berlin,

Hermann Bücher,

Berlin,

Ernst v. Borsig,

Berlin-Tegel,

Paul Reusch,

Oberhausen-Rheinland.

Es wird gebeten, eine allenfallsige Antwort13 zu richten an

13

RegR Krebs entwarf am 17.8.31 ein Antwortschreiben an Reusch, das allerdings nicht abgesandt wurde (R 43 I/1139, Bl. 323).

Paul Reusch

in

Oberhausen Rheinland.

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