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Martin Stief sitzt an einem Schreibtisch vor zwei Monitoren und blickt in die Kamera.

Martin Stief an seinem Arbeitsplatz, Quelle: Bundesarchiv

Drei Fragen an Martin Stief

Dr. Martin Stief ist Projektleiter in der Abteilung VF (Vermittlung und Forschung). Der Historiker ist zuständig für die Edition „Die DDR im Blick der Stasi“. Diese dokumentiert und kommentiert jahresweise die geheimen Berichte der „Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe“ (ZAIG) der Stasi an die DDR-Partei- und Staatsführung.

Was ist das Besondere an der Forschung im Stasi-Unterlagen-Archiv?

Das Besondere sind die Geschichte der ehemaligen Behörde des Bundesbeauftragten und die spezifischen Unterlagen in unserem Archiv. Das zeigt sich unter anderem daran, dass für die Stasi-Unterlagen ein eigenes Gesetz verabschiedet wurde: das Stasi-Unterlagen-Gesetz. Auf Paragraf 2, Absatz 2, Nummer 5 und 6 dieses Gesetzes basiert auch die Forschung im Stasi-Unterlagen-Archiv.

Als die Stasi-Unterlagen Anfang der 1990er Jahre geöffnet wurden, wusste man überhaupt nichts darüber, wie eine Geheimpolizei, ein Geheimdienst wie die Stasi funktionierte. Es war weltweit das erste Mal, dass ein solch großer Bestand an Unterlagen einer Geheimpolizei zugänglich war. Dafür brauchte es Expertise, eine eigene Forschungsabteilung mit ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die überhaupt erstmal rekonstruieren konnten: Wie war dieser Apparat aufgebaut? Wer hat dort gearbeitet? Was haben die gemacht? Aufgrund der Brisanz der Unterlagen und der vielen Informationen, die Persönlichkeitsrechte betreffen, war das zunächst nur intern möglich.

Heute ist unsere Abteilung fester Bestandteil des Archivs. Wir analysieren Strukturen, Arbeitsweisen und Wirkungen der Stasi und unterstützen mit unserer Forschung auch externe Projekte und Vorhaben.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus und was sind die aktuellen Projekte?

Mein Job als Projektleiter ist es, sicherzustellen, dass im Editionsprojekt alles funktioniert: Zeitpläne, Unterstützung der für die jeweiligen Jahrgänge zuständigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei Recherchen, Einholen der Einwilligungen und vieles mehr. Ich kümmere mich auch um die Verwaltung und bearbeite nebenher auch noch selbst einen Jahrgangsband. Also: viel Management, viele Fragen beantworten.

In meinem Projektbereich liegt der Fokus aktuell auf der Fertigstellung der Edition „Die DDR im Blick der Stasi“, die insgesamt 37 Bände umfassen wird – von 1953 bis 1989. Zurzeit bearbeiten wir sechs Bände parallel, 20 Bände haben wir bereits fertiggestellt. Bis 2029 sollen die übrigen folgen. Darüber hinaus gibt es in der Forschungsabteilung noch weitere ganz unterschiedliche Projekte: unter anderem die Audio-Edition „Töne der Repression“ zu Geheimprozessen, die die Stasi federführend verantwortete, sowie Forschungsprojekte zur Hauptverwaltung Aufklärung, der Geheimen Ablage, operativen Personenkontrollen oder „Offizieren im besonderen Einsatz“.

Was antworten Sie Menschen, die sagen, die DDR-Geschichte sei bereits auserzählt und die Forschung sei gar nicht mehr notwendig?

Wenn man sich unsere Edition „Die DDR im Blick“ anschaut, sieht man: Wir decken den Zeitraum von 1953 – dem Volksaufstand – bis zur Friedlichen Revolution ab. Das ist eine riesige Spannbreite.

In den Berichten steckt unheimlich viel Alltagsgeschichte. Auch Sozial- und Wirtschaftsgeschichte wird darin abgebildet. Das zeigt, dass mit Stasi-Unterlagen nicht nur die SED-Diktatur und die Stasi erforscht werden können, sondern die Bedeutung der Stasi-Unterlagen darüber hinaus reicht. Da gibt es noch ganz viel, was wir zukünftig noch wissen wollen.

Unsere Expertise fließt auch in aktuelle Debatten ein – wir hatten vor zwei Jahren eine Tagung zu Geheimdiensten, Politik und Krisen im Kalten Krieg und haben dazu gerade den Sammelband auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Geheimdienste spielen spätestens seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im öffentlichen und gerade auch im deutschen und europäischen Diskurs wieder eine stärkere Rolle.

Bei unserer Buchpräsentation etwa wurde uns bestätigt, dass die Fragen, die wir als Historikerinnen und Historiker an die Geheimdienste stellen, die Fragen sind, die auch den heutigen Blick auf Geheimdienste durch Politikwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler prägen. Das zeigt die Aktualität unserer Forschung und dass wir damit eine wichtige Grundlage liefern.