Im Bundesarchiv werden Akten und Karteien verwahrt, mit denen eine Haft in der DDR nachvollzogen werden kann. Das Referat DDR 2 der Abteilung DDR (einschl. SAPMO) im Bundesarchiv erhält eine große Anzahl von Anfragen nach Inhaftierungen, u.a. von Betroffenen oder von Gerichten im Rahmen von Rehabilitierungsverfahren. Auch Nachweise für die Deutsche Rentenversicherung (DRV) können mithilfe einer Haftkarteikarte erbracht werden.
Vor allem die Zentrale Gefangenenkartei des Ministeriums des Innern (MdI) der DDR bildet die Grundlage für Auskünfte zu Inhaftierungen in der DDR. Diese Kartei enthält neben Angaben zur Person, dem Strafgrund und Strafmaß auch Informationen zu den Strafvollzugsanstalten, in denen die Haftzeit verbüßt wurde.
Meist reicht diese Karteikarte aus, um Inhaftierungen nachzuweisen. Zusätzlich liegen im Bundesarchiv auch Gefangenenakten derjenigen Inhaftierten, die von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft wurden oder freigekauft werden sollten. Außerdem können im Bundesarchiv Gerichts- und Strafvollzugsakten sowie Arbeits- und Gesundheitsunterlagen der Verurteilten der Waldheimer Prozesse sowie Gefangenenakten der Verurteilten der Sowjetischen Militärtribunale (SMT) sowie weitere haftbezogene Karteien recherchiert werden.
Im Folgenden werden die verschiedenen Unterlagen aufgeführt, die im Referat DDR 2 für eine Recherche zu Inhaftierungen in der DDR zur Verfügung stehen. Dabei ist zu beachten, dass Gefangenenakten in der Regel Anklageschrift, Urteile, Gnadengesuche, Unfälle, Todesursache und evtl. auch Briefe der Angehörigen enthalten können. Die Angaben zur einzelnen Person sind also viel umfangreicher als in den Karteien. Auf den Karteikarten hingegen wurden meist nur rudimentäre Angaben zur Person gemacht. Je nach Kartei können aber zusätzliche Angaben zur Familie, zur Verurteilung und dem der Verurteilung zugrunde liegenden Sachverhalt, zum Strafmaß etc. vermerkt sein.
Karteien
- Zentrale Gefangenenkartei des MdI: Im MdI zentral geführte Kartei zu Strafverbüßungen in Strafvollzugsanstalten des MdI in den Jahren ca. 1950-1990. In der Regel sind Nachweise zu ausschließlichen Verwahrungen in UntersuchungshaftUntersuchungshaftFreiheitsentziehende Zwangsmaßnahme zur Sicherung des Strafverfahrens. Die Untersuchungshaft begann... nur vereinzelt zu finden. Es handelt sich hier um 835.291 Karteikarten (Vgl. hierzu Kerstin Risse. Die Bearbeitung von Anfragen zu Haftzeiten in der DDR mit Hilfe der Anwendung „Perseus“. Ein Erfahrungsbericht. In: Mitteilungen aus dem Bundesarchiv, 1/2012).
Ferner verfügt das Bundesarchiv über vielfältige Karteien, die einen Bezug zu Haft haben und für entsprechende Recherchen nach Inhaftierten genutzt werden können.
Dazu gehören aus dem Bestand Ministerium des Innern (DO 1):
- SMT/Waldheim – Kartei: Die vorgenannte Kartei gibt in der Regel Auskunft über Personen, die sich in sowjetischen Internierungslagern befanden bzw. von einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt und 1950 an die deutschen Behörden zum weiteren Vollzug der Untersuchungshaft/ Haftstrafen übergeben wurden. In dieser Kartei befinden sich 13.811 Karteikarten zu SMT-Verurteilten und ca. 6.906 Karteikarten zu Waldheim-Verurteilten.
- K 5 – Kartei: Die vorgenannte Kartei der ehemaligen Abt. K 5 der Deutschen Verwaltung des Innern (DVdI) gibt. u. a. Auskunft über die in der Sowjetischen Besatzungszone stattgefundenen Entnazifizierungsverfahren. Diese Kartei beinhaltet 247.000 Karteikarten, ist aber nicht vollständig. Wir empfehlen daher immer, sich an die Archive in den zuständigen Ländern zu wenden, da dort die Entnazifizierungen stattgefunden haben.
- Kartei Sterbefälle in der UdSSR beurkundet und ohne Urkunde: Zeitraum nach 1945, ca. 2.700 Karteikarten
- Kartei Heimkehrer und Kriegsgefangenschafts-Rückkehrer aus der UdSSR (mit Wohnanschrift in Berlin): Die Kartei ist nicht vollständig. Sie enthält Wehrmachtsangehörige, ca. 6.800 Karteikarten
- Kartei Rauschgiftdelikte: 1947-1949, Verfahren mit Rauschgiftbezug, u.a. Rauschgiftkonsumenten
Im Bestand Ministerium der Justiz (DP 1) weisen die folgenden Karteien einen Haftbezug auf:
- SMT/DRK – Suchanfragen – Kartei: Zeitraum 1948 bis 1966, ca. 9.170 Karteikarten
- Kartei Beurkundung von Sterbefällen in der UdSSR- Russische Internierte und SMT-Verurteilte: (nach 1945), ca. 750 Karteikarten
Aus dem Bestand des Generalstaatsanwalts der DDR (DP 3) verweisen die folgenden Karteien auf Inhaftierung:
- Vorgangskartei, personenbezogene Einzelvorgänge des GStA, ca. 81.000 Karteikarten
- Anfragen- und Vorgangskartei (betrifft NS – Rechtshilfekartei), ca. 13.000 Karteikarten
- Kartei Transitverstöße (z. B. Menschenhandel), ca. 1.150 Karteikarten
- Ausländerkartei: Straftaten von Ausländern in der DDR und Straftaten von DDR –Bürgern im Ausland, ca. 35.200 Karteikarten
- SBZ/DDR – Kartei der von ordentlichen Gerichten der SBZ/DDR wegen NS- und Kriegsverbrechen Verurteilten (ohne Waldheimer Prozesse), ca. 11.500 Karteikarten, angelegt 1968, Laufzeit der erfassten Urteile von 1946/47-1990
Relevant ist außerdem die unvollständige Urteilsammlung im Bestand DP 1 Ministeriums der Justiz. Diese enthält Urteile berichtspflichtiger Strafsachen von Gerichten der SBZ/DDR zu ca. 36.400 Personen über den Zeitraum 1945 - ca. 1963, vereinzelt bis 1990.
Überliefert sind für den Zeitraum 1950 – 1990 auch Urteile und Verfahrensakten der Straf- und Zivilsenate des Oberstes Gerichts der DDR im Bestand DP 2 Oberstes Gericht.
In einigen Fällen werden jedoch weitere Informationen zur Haft gesucht, die v.a. in der Gefangenenpersonalakte der betroffenen Person zu finden sind. Diese Akten wurden in den Strafvollzugsanstalten verwahrt und bei einer erneuten Inhaftierung dort fortgeführt. Daher befinden sich die Gefangenenpersonalakten in der Regel in der Strafvollzugsanstalt der letzten Inhaftierung.
Um die Anfragenden bei der Suche nach den für sie relevanten Unterlagen zu unterstützen, entstand eine Übersicht zum Verbleib von Gefangenenpersonalakten der jeweiligen Strafvollzugsanstalten. Sie enthält auch Hinweise auf die im heutigen Stasi-Unterlagen-Archiv im Bundesarchiv einschließlich deren regionalen Standorte vorliegenden Gefangenenakten der ehemaligen Untersuchungshaftanstalten und der Haftanstalten der Bezirksverwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit.