Hinspiel des SV Werder Bremen gegen den FC Vorwärts Frankfurt (Oder) am 15. September 1982, Stadion der Freundschaft, Frankfurt (Oder),
Quelle:
Mausolf, Winfried
Vom Klassenkampf: „Meister gegen Meister, Ost gegen West“
Thomas Wolter über seinen Weg zum Fußball und wie er 1988 die Spiele des SV Werder Bremen gegen den BFC-Dynamo und die Überwachung der Stasi erlebte.
Das Interview mit Thomas Wolter führte Dr. Konstanze Soch, Herausgeberin der Dokumentation „Die Stasi und Bremen“.
Herr Wolter, wie sind Sie zum Fußball gekommen?
Ich bin praktisch hineingewachsen. Mein Vater hat selbst gespielt, ich war schon als kleines Kind immer dabei. Mit sechs, sieben habe ich dann selbst angefangen – auf der Straße. Fußball war meine absolute Leidenschaft. Dass ich das später zum Beruf machen konnte, war eher Glück als Plan.
Sie sind gebürtiger Hamburger, Sie haben in der Jugend in Ottensen und Eimsbüttel gespielt, aber 1984 haben Sie ausgerechnet in Bremen angeheuert. Warum gerade der SV Werder Bremen?
Das war eine Bauchentscheidung. Ich hätte auch zum HSV oder Schalke gehen können. Aber ich habe mich an Spielern orientiert, die aus Hamburg nach Bremen gegangen sind und hier Erfolg hatten. Und letztlich bin ich geblieben, wegen meiner Familie, die ich hier gegründet habe, aber auch, weil mir der Verein sowohl als Spieler, als auch als Trainer immer die Möglichkeit gab mich weiterzuentwickeln und den Verein mitzugestalten.
Mit Bremen trafen Sie 1988 im Europapokal auf den BFC Dynamo. Das Hinspiel fand in Ost-Berlin statt. Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Ich hatte schon vorher Berührungspunkte mit der DDR und kannte das System, zumindest ansatzweise. Deshalb wusste ich: Das wird kein normales Spiel. Das wurde ja dann auch als „Klassenkampf“ inszeniert – Meister gegen Meister, Ost gegen West.
Wie haben Sie die Fans in Ost-Berlin vor dem Hinspiel erlebt?
Widersprüchlich. Einerseits sehr offen – und gleichzeitig sehr vorsichtig. Einige haben uns sogar zugerufen, wir sollten den BFC „fertigmachen“. Vor dem Hotel standen viele Fans, die uns sehen wollten. Man hat gemerkt: Viele waren auf unserer Seite. Gleichzeitig wussten wir, dass das für sie nicht ohne Risiko war.
Wie haben Sie das bemerkt?
Zum Beispiel daran, dass Leute, nachdem sie uns nach Autogrammen gefragt hatten, zur Seite gezogen wurden. Die mussten ihre Personalien angeben. Das war kein Einzelfall.
Wie sind Sie damit umgegangen?
Für uns war das schwierig. Wir standen da als Spieler des SV Werder Bremen, geben ein Autogramm – und sehen im nächsten Moment, wie die Probleme bekommen. Wir haben versucht, sensibel zu sein. Es gab Situationen, in denen man gemerkt hat: Der würde gerne auf dich zukommen, traut sich aber nicht. Dann ist man selbst auch nicht aktiv geworden, weil man wusste, dass man ihn damit in Schwierigkeiten bringen könnte. Dass war eine völlig andere Art von Begegnung, als man sie sonst im Fußball kennt.
Man ist in der Situation ziemlich hilflos. Aber wir haben trotzdem versucht, die Wünsche zu erfüllen, weil wir wussten, wie viel den DDR-Fans das bedeutet.
Hatten Sie das Gefühl, in Ost-Berlin selbst überwacht zu werden?
Ja, ganz klar. Das wurde einem sehr deutlich vor Augen geführt. Wir wurden bei einem Spaziergang durch die Stadt beobachtet – sehr offensichtlich. Drei Männer, wie aus einem Film, sind uns die ganze Zeit gefolgt. Immer mit Abstand, aber immer präsent. Wir haben das in dem Moment ein Stück weit ins Lächerliche gezogen und versucht, sie abzuschütteln. Aber es hat nicht funktioniert. Im Nachhinein war das natürlich schon beklemmend.
Gab es noch weitere Situationen?
Ja, auch im Hotel am Alexanderplatz. Unser Trainer Otto Rehhagel sagte vor der Besprechung zu uns: „So Jungs, ich werde heute ganz normal mit euch sprechen, aber ich gehe davon aus, dass wir abgehört werden.“ Wir wussten einfach: Man wird beobachtet, man wird kontrolliert – und man kann nichts dagegen tun.
Wie haben Sie die Atmosphäre im Stadion erlebt?
Ganz anders als draußen. Vor dem Spiel hatten wir viel Zuspruch gespürt. Im Stadion wurden wir dann ausgepfiffen. Man hatte das Gefühl, dass das Publikum ausgewählt war. Gleichzeitig war die politische Führung wie beispielsweise Honecker und Stasi-Chef Mielke auf der Ehrentribüne. Darum wurde nochmal deutlich, dass dieses Spiel mehr war als nur Sport.
Und sportlich lief es auch nicht für Sie und den SV Werder …
… Ja. Wir haben 0:3 verloren – das war ein harter Schlag. Die Rückfahrt war dementsprechend sehr ruhig. Jeder war enttäuscht, viele haben das Spiel für sich verarbeitet. Aber wir wussten: Es gibt noch ein Rückspiel. Entscheidend war, dass zwischen Hin- und Rückspiel fünf Wochen lagen.
Bekanntermaßen hat Ihnen diese ungewöhnlich lange Pause mehr genutzt als dem BFC Dynamo.
Ja. Wir konnten uns neu aufbauen. Beim Gegner hatte man eher das Gefühl, dass der Druck gewachsen ist. Schon beim Warmmachen hatte ich den Eindruck, dass sie angespannt waren. Und im Spiel selbst hat man relativ früh gemerkt: Heute geht etwas. Wir hatten von Beginn an viele Chancen. Nach dem zweiten Tor kippte die Partie komplett. Es war eines dieser Spiele, in denen man als Mannschaft spürt, dass sich alles in die eigene Richtung entwickelt.
Hatten Sie beim Rückspiel in Bremen das Gefühl, dass die Stasi Sie oder Ihr Umfeld überwacht hat?
Nein, dieses Gefühl hatten wir in Bremen nicht. Im Gegenteil: Wir hatten eher den Eindruck, dass sich die Verantwortlichen aus der DDR vor allem um ihre eigene Mannschaft kümmern sollten, da lag der Fokus. Für uns war die Situation dagegen vergleichsweise normal – wir konnten uns frei bewegen und hatten unsere gewohnte Umgebung beim SV Werder Bremen.
Hatte der 5:0 Sieg des SV Werder Bremen, das „Wunder von der Weser“, für Sie eine Bedeutung über das Sportliche hinaus?
Für uns war es in erster Linie ein sportlicher Erfolg. Für die Spieler des BFC hatte das aber andere Konsequenzen. Sie mussten sich nach ihrer Rückkehr rechtfertigen und wurden stark unter Druck gesetzt. Sportlich war es ein normales Europapokalduell – wir wollten weiterkommen. Aber die Umstände waren außergewöhnlich: die politische Dimension, die Begegnungen mit den Menschen, die Atmosphäre vor Ort. Das macht diese Spiele bis heute besonders.
Publikation „Die Stasi und Bremen“
Bremen ist seit jeher durch die Seefahrt geprägt. Eine Stadt, die vom Handel lebt, vom Austausch, vom Blick über den Horizont. Und damit war Bremen über Jahrzehnte hinweg auch ein Ort, auf den ein anderer Blick gerichtet war – ein misstrauischer Blick aus dem Osten. Die Akten des Ministeriums für Staatssicherheit erzählen davon. Sie führen uns ins Weserstadion, in den Hafen und auf den Marktplatz, aber auch an die Forschungsstelle Osteuropa und in zunächst unscheinbare Straßenzüge.