Am diesjährigen Holocaust-Gedenktag hat die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman das Bundesarchiv besucht. In Berlin traf die 87-jährige US-Amerikanerin am 27. Januar mit Bundesarchiv-Präsident Michael Hollmann zusammen. Dabei tauschten sie sich 81 Jahre nach der Auschwitz-Befreiung über die Erinnerung an die Schoa, die Wichtigkeit von originalen Dokumenten und moderne Wege der Wissensvermittlung aus. Tova Friedman ist aus Anlass ihrer Rede im Deutschen Bundestag zum Holocaust-Gedenktag am Mittwoch, 28. Januar, in Deutschland. Begleitet wird sie von ihrer Tochter und ihrem Enkel Aron Goodman, mit dem sie einen TikTok-Kanal betreibt, um die Erinnerung an die Schoa vor allem bei Jugendlichen wachzuhalten.
Friedman: „Diese Archiv-Dokumente dienen auch als Warnung: Sie zeigen, wie Hass zur Politik und Bürokratie zur Waffe wird.“
Tova Friedman erklärte: „Die von den Nazis hinterlassenen Dokumente sind nicht nur historische Aufzeichnungen – sie sind Beweise. Sie zeigen die Absicht, die Vorgehensweise und die Verantwortung. Die originalen Dokumente widerlegen die Leugnung des Holocaust und stellen sicher, dass die Wahrheit nicht nur auf den Erinnerungen der Überlebenden beruht, die mit der Zeit unweigerlich verblassen werden. Die Nazis haben ihre Verbrechen selbst dokumentiert, und der Erhalt dieser Aufzeichnungen schützt die Fakten vor Verfälschung. Diese Archiv-Dokumente dienen auch als Warnung: Sie zeigen, wie Hass zur Politik und Bürokratie zur Waffe wird. Das Bewahren der Dokumente ehrt die Opfer und trägt dazu bei, dass künftige Generationen nicht sagen können, sie hätten nichts gewusst.“
Hollmann: „Die vielen Aktenkilometer aus dem dunkelsten Kapitel unserer deutschen Geschichte sind uns Mahnung und Auftrag zugleich.“
Bundesarchiv-Präsident Michael Hollmann sagte: „Es ist uns eine besondere Ehre, der Holocaust-Überlebenden Tova Friedman unser Archiv und seine Arbeit zeigen zu dürfen. Die vielen Aktenkilometer aus dem dunkelsten Kapitel unserer deutschen Geschichte sind uns Mahnung und Auftrag zugleich.“
Tova Friedman konnte sich in einem Aktenmagazin und im Lesesaal Dokumente, Karten und Bilder zu Auschwitz ansehen, welche die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten belegen. Dazu gehörten Papiere über Sonderzüge der Reichsbahn aus ganz Europa nach Auschwitz, Personalkarteien von Tätern sowie Schreiben zur Räumung des Lagers kurz vor der Befreiung 1945. Friedman schaute sich einen Ausschnitt aus dem im Bundesarchiv verwahrten sowjetischen Film „Auschwitz (Oświęcim)“ an, der nach der Befreiung durch die Rote Armee gedreht worden war: In dem Film ist Tova Friedman als sechsjähriges Mädchen zu sehen, wie sie ihren Arm mit der eintätowierten Häftlingsnummer in die Kamera hält.
Archivpräsident Michael Hollmann und Anette Meiburg, Leiterin der Abteilung Deutsches Reich, diskutierten mit der Holocaust-Überlebenden über den immer wichtiger werdenden Online-Zugang zu Zeugnissen der NS-Diktatur und die Bedeutung von Wiedergutmachung und Erinnerungskultur. Mit ihrem Enkel Aron Goodman gab es einen Austausch zu Fragen der jungen Generation an die NS-Zeit und den Umgang mit der Vergangenheit.
Zur Person: Tova Friedman
Tova Friedman ist 1938 im polnischen Gdynia nahe Danzig geboren. Die Jüdin überlebte als Kind gemeinsam mit ihrer Mutter das deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Ihr Vater wurde von Auschwitz in das KZ Dachau verschleppt und überlebte ebenfalls. In Berlin waren alle drei nach dem Krieg in einem Übergangslager wiedervereint, bevor die Familie später in die USA auswanderte. Tova Friedman ist eine der wenigen noch lebenden Zeit- und Augenzeugen des Holocaust.
Sie gilt als stete Mahnerin wider das Vergessen. Mit Vorträgen, Interviews und ihren Büchern setzt sie sich für die Aufklärung über die nationalsozialistischen Verbrechen und die Erinnerung an die Opfer des Holocaust ein und warnt vor den noch immer präsenten Gefahren durch Antisemitismus. Tova Friedman richtet sich dabei insbesondere an junge Menschen: Dem Tiktok-Account „TovaTok“, den sie gemeinsam mit ihrem Enkel Aron Goodman betreibt, folgen mehr als 500.000 Menschen, viele Hunderttausende schauen sich regelmäßig ihre Videos an. 2023 erschienen ihre Memoiren „Ich war das Mädchen aus Auschwitz“ in deutscher Sprache, zuletzt erschien im Januar 2025 die Autobiographie „Wir Kinder von Auschwitz – Wie ich das Todeslager überlebte“.
Das Bundesarchiv:
Mit seinen rund 2.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bewahrt das Bundesarchiv an seinen 23 Standorten mehr als 540 Aktenkilometer auf. Es hat den gesetzlichen Auftrag, das Archivgut des Bundes auf Dauer zu sichern und nutzbar zu machen. Zu diesen Quellen gewährleistet das Bundesarchiv einen offenen und zunehmend digitalen Zugang. Die Bestände umfassen Schriftgut aus der Zeit des Heiligen Römischen Reiches 1495 bis zur Bundesrepublik Deutschland heute. Neben Schriftgut verwahrt das Archiv unter anderem rund 16 Millionen Bilder, mehr als 250.000 Filme, 70.000 Tonträger und derzeit mehr als 100 Petabyte in digitaler Form. Zuletzt gingen jährlich etwa 75.000 Anfragen zu Personen in der NS-Zeit ein.
Der Standort Berlin-Lichterfelde wird seit 1994 vom Bundesarchiv genutzt. Gegründet wurde der Standort 1878 als königlich-preußische Hauptkadettenanstalt. Von 1933 bis 1945 war er die Kaserne der SS-Leibstandarte Adolf Hitlers, ab 1945 der Standort der Berlin-Brigade der US-Armee als Andrews Barracks. Etwa 100 Aktenkilometer werden hier aufbewahrt, darunter solche zum Deutschen Reich (z. B. NSDAP-Mitgliederkartei), zur DDR (mit Ausnahme der Stasi-Unterlagen), und Teile des Film-, Bild- und Tonarchivs.
Dokumente und Themenschwerpunkt „Das Konzentrationslager Auschwitz“









