Jedes Jahr kommen zahlreiche Besuchergruppen nach Rastatt, um sich über die Revolutionsgeschichte der Stadt an der Murg informieren zu lassen. Selbst vier Bundespräsidenten waren in Rastatt, um dem über drei Meter hohen Syenit im heutigen Patientengarten des Klinikums die Ehre zu erweisen, der an die zwischen dem 7. August und 20. Oktober erschossenen Freiheitskämpfer der Revolution von 1849 erinnert.
Diese staatsoberhauptliche Ehrung erhielt ein Monument in Renchen zwischen Achern und Offenburg bisher nicht. Das ursprünglich für Rastatt vorgesehene Standrechtsopferdenkmal wurde durch den Einspruch der Militärverwaltung der damaligen Reichsfestung an der Aufstellung gehindert. Es „wanderte“ durch besondere Umstände an die Rench.
Darüber informierten sich am 4. Mai 2019 bei einer Exkursion des Förderverein Erinnerungsstätte e. V. unter der Leitung von Dr. Clemens Rehm und Dr. Irmgard Stamm historisch Interessierte. Die Teilnehmenden erfuhren vom stellvertretenden Renchener Bürgermeister Heinz Schäfer vor Ort erhellende Informationen dazu, wie es zu dem spektakulären Denkmaltransfer kam.
Die 19 in Rastatt exekutierten Revolutionäre waren zunächst ohne Sarg auf dem alten Rastatter Friedhof bestattet worden. Nach der Generalamnestie für die an der Revolution Beteiligten 1862 formierte sich 1873 eine Rastatter Initiative, um ein Grabmonument für die standrechtlich Erschossenen zu errichten. Der Bildhauer Franz Bräunig wurde beauftragt, ein Heldendenkmal aus badischem Buntsandstein zu schaffen.
Von der Errichtung des fertiggestellten Zeugnisses Rastatter Steinmetzkunst war der damalige Festungsgouverneur Gayling jedoch wenig angetan, da es einem Heldendenkmal nachempfunden worden war. Gayling versagte den „zu Tode beförderten Individuen“ die gebührende Ehre. Selbst Reichkanzler Otto von Bismarck wurde in die Kontroverse um den Obelisken eingeschaltet.
An dieser Stelle kam der Renchener Sozialdemokrat Amand Goegg ins Spiel. Der vormalige Finanzminister der Badischen Revolution erwarb das Rastatter Denkmal für eine stattliche Summe. Es wurde nun dem 1676 verstorbenen Autor und Schultheiß Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen umgewidmet. Die heute immer noch greifbaren, gemeißelten Widmungen aus dem Standardwerk der deutschen Literatur „Simplicissimus“ gehen in eine eindeutige Richtung: Amand Goegg hatte diese so geschickt ausgewählt, dass sie auch auf den Wunsch nach einem einigen und demokratischen Deutschland angewendet werden konnten.
In Rastatt kam es erst 1899 zur Errichtung eines Standrechtopferdenkmals und erst 1924, in der Weimarer Republik, durfte auf dem Monument die Inschrift hinzugefügt werden: „Den Opfern des Unverstandes und der Willkür“.
Autor dieses Textes: Rainer Wollenschneider